Wotkshop: Anke Graneß und Rolf Elberfeld on "Philosophieren in einer globalisierten Welt"

Montag, 21. November 2022 um 09:00 Uhr

21. November 2022, Pädagogisches Innovationszentrum (PIZ), Berlin

Programm als PDF

Philosophieren in einer globalisierten Welt
Fachtag für Ethik- und Philosophielehrer/innen

Die Begegnung von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen ist im Zuge der Globalisierung zu einem beinahe alltäglichen Phänomen geworden und bleibt dennoch eine der prägenden Erfahrungen unserer heutigen Zeit. Der Vielfalt der sich dadurch bietenden Möglichkeiten des interkulturellen Austausches gerecht zu werden, bleibt dabei eine Herausforderung für das politische und gesellschaftliche Zusammenleben der Menschen weltweit.
Mithilfe einer globalen Perspektive bietet sich auch der Philosophie die Chance eurozentrisch einseitige Vorstellungen vom Philosophieren zu prüfen und an deren Stelle die Pluralität philosophischer Denkansätze und Ideen zu betonen, die aus der Begegnung mit unterschiedlichen Sprachen und Kulturen gewonnen werden kann.
Der Fachtag möchte Ethik- und Philosophielehrkräften die Gelegenheit geben, anhand eines Einführungsvortrages einen Einblick in zwei verschiedene Kulturkreise mit jeweils eigener philosophischer Tradition zu gewinnen und in zahlrei-chen Arbeitskreisen Best-Practice-Module für den Unterricht kennenzulernen.

 

Unser Projekt ist mit folgenden Programmpunkte vertreten:

Philosophische Verflechtungs- und Verstrickungsgeschichten – früher und heute
Prof. Dr. Rolf Elberfeld, PD Dr. Anke Graneß | Universität Hildesheim


Schon seit alters hat sich die Praxis des Philosophierens in verschiedenen Sprachen und verschiedenen Gegenden der Welt entwickelt. Der Studientag führt in die Vielfalt und die Möglichkeiten ein, in der Gegenwart ein interkulturell orientiertes Philosophieren zu entwickeln. Dabei werden die alten und neuen philosophischen Verflechtungs- und Verstrickungsgeschichten thematisiert, die historisch weit zurückreichen und zudem die Gegenwart des Philosophierens in globaler Perspektive prägen.

Die Verflechtungsgeschichten des Denkens gehen bis in die Ursprünge der europäischen Philosophie zurück. Die Verbindungen von Ägypten, Persien und Indien mit Griechenland sind ebenso wichtig wie die Verflechtungen der arabischen Philosophie mit den lateinischen Strömungen im Mittelalter. Zudem spielte die chinesische Philosophie in der Frühaufklärung und die indische Philosophie zu Beginn des 19. Jahrhundert eine zentrale Rolle in verschiedenen philosophischen Ansätzen. Die Verflechtungen der verschiedenen philosophischen Wirkungsgeschichten haben sich im 20. und 21. Jahrhundert weiter beschleunigt.
Neben den Verflechtungsgeschichten kann heute auch von Verstrickungsgeschichten gesprochen werden, die anhand des afrikanischen und amerikanischen Kontinents illustriert werden. Die europäische Expansion ging einher mit Legitimierungsdiskursen, die sowohl die Rechtfertigung für die Versklavung als auch die Inbesitznahme von Land durch die Eroberer und Kolonisatoren rechtfertigen sollten. Solche Konzepte wurden auch von führenden europäischen Philosophen ihrer Zeit entworfen und haben das Bild von Afrika ebenso wie philosophische Diskurse bis heute geprägt, die nicht zuletzt in solchen Fragen wie „Gibt es Phi-losophie in Afrika?“ deutlich werden. Der Vortrag schildert damit auch die Genese heutiger Forderungen nach einer Dekolonisierung der Philosophie.


Arbeitskreise

Aneignung der europäischen Philosophie in Japan im 20. Jahrhundert
Prof. Dr. Rolf Elberfeld | Universität Hildesheim
Anhand eines in die deutsche Sprache übersetzten Textes von Kitaro Nishida (1870-1945), dem Begründer der modernen japanischen Philosophie, soll die Re-zeption europäischer Philosophie und deren Folgen in Japan behandelt werden. Die moderne japanische Philosophie zeichnet sich durch eine große Hybridität aus, da nicht nur in sehr umfassender Weise die europäisch-philosophische Wir-kungsgeschichte rezipiert wurde, sondern auch Philosophien aus anderen asiati-schen Gegenden wie Indien, China und Korea in verschiedenen philosophischen Entwürfen eine wichtige Rolle spielten. In dem Workshop werden auf der Grund-lage des Textes auch die problematischen Seiten des Verhältnisses von europäi-scher Philosophie zu den „außereuropäischen“ Entwicklungen in der Philosophie thematisiert.


Philosophie in Afrika: „Kolonisierte Körper und Köpfe“
PD Dr. Anke Graneß | Universität Hildesheim
Anhand eines (in deutscher Übersetzung vorliegenden) Kapitels aus dem preisge-krönten Buch Invention of Women. Making an African Sense of Western Gender Discourse (1997) der nigerianischen Theoretikerin Oyèrónké Oyèwùmí wird das Fortwirken kolonialer Stereotype und deren gesellschaftlicher Einfluss bis heute nachgezeichnet und diskutiert. Im Mittelpunkt stehen hier die Veränderung von Geschlechterverhältnissen durch den Kolonialismus, die Einführung der Katego-rie „Frau“ in die Gesellschaft der Yoruba und deren Auswirkungen, sowie die retrospektive Veränderung historischer Erzählungen durch die koloniale Linse, die zu einer Unsichtbarkeit von Frauengestalten in der Geschichte der Yoruba ge-führt hat. Anhand dieses Textes werden philosophische Grundbegriffe wie Iden-tität, Entfremdung oder auch Geschichte diskutiert sowie die Problematik eines Philosophierens in ehemals kolonisierten Kontexte.