Zur Person

Julia Rüegger studierte Kreatives Schreiben, Theater und Philosophie an der Universität Hildesheim und am Schweizerischen Literaturinstitut (B.A. 2017), gefolgt vom Masterstudiengang «Philosophie Künste interkulturell», ebenfalls an der Universität Hildesheim sowie an der Universidad Complutense de Madrid (M.A. 2020). Sie arbeitet als freischaffende Autorin, Lyrikerin und Literaturvermittlerin und forscht an der Schnittstelle von Theorie und künstlerischer Praxis. Seit April 2025 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Graduiertenkolleg 2477 „Ästhetische Praxis" am Institut für Philosophie der Universität Hildesheim.

Promotionsprojekt

Flanieren als kritische ästhetische Praxis 

Unter dem Begriff ‚Flanieren‘ wird klassischerweise jene Praktik des ziellosen Umherschweifens verstanden, die Mitte des 19. Jahrhunderts in westlichen Metropolen aufkam und den Akt des Gehens im urbanen Raum als einen Zustand der intensivierten Wahrnehmung und Immersion denkt. Diese Praktik hat sich immer auch künstlerisch niedergeschlagen, z.B. in Walter Benjamins Passagenwerk oder Franz Hessels Ein Flaneur in Berlin, wobei die künstlerische Reflexion wiederum auf die Praxis zurückwirkte. Während der so geprägte Prototyp des Flaneurs in den meisten Fällen ein bürgerlicher, weißer, nichtbehinderter Mann ist, dessen Flaniertätigkeit auch seine Privilegien widerspiegelt – eine Konstellation, die sich bis in die «Psychogeografie» der 60er-Jahre hinein fortsetzt –, werden seit einiger Zeit entgrenzte Formen des Flanierens erprobt, für die das ‚Flanieren‘ vielleicht gar kein akkurater Ausdruck mehr ist. Diese richten den Fokus sowohl auf andere Weisen des Umherstreifens wie auch auf Akteur:innen, die traditionell vom Flanieren ausgeklammert blieben. Dabei stehen oftmals Flaneur:innen im Fokus, die aus unterschiedlichen Gründen marginalisiert werden und für die sich die Erscheinung und Bewegung im öffentlichen Raum als herausfordernd oder existenziell bedrohlich darstellt.

In meinem Dissertationsprojekt schließe ich an diese kritische Neukonfiguration an und betrachte das Flanieren als dezidiert gegenhegemoniale Praxis, die sich an der Schnittstelle ästhetischer und gesellschaftspolitischer Prozesse abspielt, dort, wo neue Verbindungen geknüpft, Alltagsgewohnheiten ausgesetzt und Handlungsräume ausgelotet werden, die sich der herrschenden ‚Aufteilung des Sinnlichen‘ (Rancière) widersetzen. 

Der Aktualisierung des Flanierens kommt aber auch aufgrund des Wandels von Städten und der zunehmenden Privatisierung von öffentlichem Raum, welche die demokratische Alltagskultur und das ‚Recht auf Stadt für alle‘ (Lefebvre) in Bedrängnis bringt, neue Dringlichkeit zu. Zudem verändern Google Maps und die digitale Vernetzung die Bedingungen des Flanierens, das immer auch die Möglichkeit des Sich-Verlierens umfasste. All diese veränderten Parameter machen es erforderlich, gegenwärtiges Flanieren unter neuen Vorzeichen zu erforschen. Dabei richte ich den Fokus insbesondere auf jenes Flanieren, das nicht länger ein Luxusgut der wenigen ist, sondern eine demokratisierende, gemeinwohlorientierte Praxis.

Kurzvita

Ausbildung

2020

M.A.-Abschluss im Studiengang Philosophie-Künste interkulturell (PKi) mit Nebenfach Literatur an der Universität Hildesheim
2017 - 2018 Austauschsemester an der Universidad Complutense, Madrid
2017 B.A.-Abschluss im Studiengang Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus mit den Nebenfächern Theater und Philosophie an der Universität Hildesheim
2015 - 2016 Austauschsemester am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel, Hochschule der Künste Bern

Weitere Tätigkeiten

Seit 2024 Leiterin von literarischen Schreibworkshops mit Jugendlichen (u.a. an Gymnasien und dem Literaturhaus Freiburg i. Br.)
Seit 2023 Regelmäßige Moderation von Lesungen und Podien sowie Konzeption und Moderation der Reihe «Generationengespräche» am Literaturhaus Basel
Seit 2022 Kulturjournalistische Tätigkeit für verschiedene Medien (u.a. Surprise-Straßenmagazin, ProZ
Seit 2021

Lektoratstätigkeit und Schreibberatung für den Verein lektorat.literatur (Basel)

2020 - 2025

Gründungsmitglied, Veranstalterin und Kuratorin des künstlerischen Offspaces WABE (Basel)

Künstlerische Förderungen

2025 Writer-in-Residence in Graz 
2024

Werkbeitrag des Kantons Basel-Stadt für die Arbeit am zweiten Gedichtband,

Writer-in-Residence am Literarischen Colloquium Berlin 

Publikationen

Theoretische Publikationen

“F wie Flanieren. Vom ziellosen Gehen als widerständige Praxis”, auf dem Blog von Art of Intervention,
Link zum Beitrag 

„Flanieren als demokratische Praxis für ein umfassendes Recht auf Stadt“ in: Vom Fluss des Wassers zum Fluss des Geldes. Eine widerständige Kartografie der Pharmaindustrie, hrsg. von Multiwatch und der Unofficial Hiking Society AG, Zürich: edition 8 (2025).

„Männlichkeiten als Lebensweise in Geschichte und Gegenwart“, Tagungszusammenfassung auf H-Soz-Kult,
Link zum Beitrag

„Utopische Institutionen. Milo Raus künstlerische Entwürfe für eine demokratischere Zukunft“, in: Frankfurter Hefte, Ausgabe 07/08, Berlin/Bonn 2022.
Link zum Beitrag

Literarische Publikationen (nur Monografien)  

Und überlaut die Zikaden, mit Valerie K. Meyer, edition mosaik, Salzburg 2025

einsamkeit ist eine ortsbezeichnung, Schiler & Mücke, Berlin/Tübingen 2023

Konferenzen & Vorträge

2025: „Between Hyper-Visibility and Invisibility. Approaching the Gaze of the Female Flâneur“, Vortrag an der Tagung „Spectacle and Spectatorship: Interrogating the Female Gaze" im Rahmen der Fifth Annual International Women in the Arts Conference, University of Arkansas Rome Center

2025: „Spaziergangswissenschaft trifft Literatur. Lucius und Annemarie Burchkhardt mit Robert Walser im Gespräch“, Podiumsdiskussion in der Buchhandlung Labyrinth in Basel, organisiert vom Lokal für Raumbegehung

2024: „Wohnen heißt Zusammenwohnen. Kohabitation als demokratische Praxis“, Vortrag im Panel Demokratie als Lebensform an der XI. Tagung für Praktische Philosophie, Universität Passau

2021: „Präsentische Demokratie vs. Démocratie à venir“, Zoom-Vortrag an der ersten Jahrestagung des German Pragmatism Network zum Thema Living Democracy? – Die Zukunft der Demokratie

Sprecher
Prof. Dr. Jens Roselt

Koordination
Lisa Kalkowski

Postanschrift
Universität Hildesheim
DFG-Graduiertenkolleg 2477 „Ästhetische Praxis“
Universitätsplatz 1
31141 Hildesheim

Standort
Kulturcampus Domäne Marienburg
Domänenstraße, Haus 3
31141 Hildesheim

Kulturcampus Gebäudeplan
Anfahrtsbeschreibungen zum Kulturcampus