Ästhetische Praktiken des Unsinns

Wird ein expressiver Akt oder eine Tätigkeit des Unsinns bezichtigt, so kommt dies einer Verurteilung gleich: Das Geschehen genügt nicht einer Forderung oder Begierde nach Sinn, die urteilend an es herangetragen wird. Aus einer bestimmten Perspektive ist Unsinn hier als mangelhafter oder abwesender Sinn charakterisiert. In der performativen Wirkung des Ausrufs „Unsinn!“ zeigt sich jedoch sogleich eine dynamische, unentscheidbar destruktive und produktive Wendung: Er soll ein Aufmerken bezwecken, das jenes, was aus des Betroffenen Perspektive als sinnhaft erschien, diesem Schein entkleidet und statt seiner eine neue Sinnartikulation eröffnet. In diesem Unsinnsmoment sind Unsinn und Sinn nicht mehr als bloße Gegensätze gegenübergestellt, sondern treten in ein dynamisch-kippendes Verschränkungsverhältnis, das Möglichkeit von Zerstörung wie von Freiheit, vom Lachen wie vom Unheimlichen bedeutet. Gezielt und gekonnt solche Unsinnsmomente zu zeitigen ist wiederum weit schwerer, als etwas des Unsinns zu bezichtigen: fast alles ist unter irgendeiner Hinsicht sinnvoll, und bloß Sinnloses kein Unsinn, da es in kein dynamisches Verhältnis zum Sinn tritt.

In meiner Dissertation möchte ich das ambivalent zerstörerisch-befreiende Potential des Unsinns sowie seine Erzeugungsbedingungen erforschen, indem ich ästhetische Praktiken des Unsinns untersuche: offene gestalterische, performative, leiblich-sinnliche Praktiken, die gezielt Unsinnsmomente zeitigen und einsetzen. Dabei möchte ich in drei Schritten vorgehen:

 1. Eine theoretische Ausarbeitung der Begriffe „Unsinn“ und „Unsinnspraxis“ unter besonderer Betonung ihrer Perspektivität und Körperlichkeit; 2. Die Behandlung der philosophisch-spirituellen Unsinns-Lebenspraktiken der Kyniker, Daoisten und Zen-Buddhisten. Besonderes Augenmerk soll dabei auf die zen-buddhistische Koan- sowie Shikantaza-Praxis gelegt werden, die außerordentlich reiche und verfeinerte Formen der Unsinnspraxis als Befreiungspraxis darstellen; 3. Die Betrachtung ausgewählter zeitgenössischer ästhetischer Unsinnspraktiken: in Betracht kommen etwa die experimentelle Lyrik Christoph Tarkos’, das Theater Herbert Fritschs, das mythopoetische, sinnverdrehende Gesamtkunstwerk des Jazz-Musikers Sun Ra oder auch Beispiele aus der Meme-Kultur.

Zur Person

Studium der Mathematik (B.Sc.), FU Berlin 2011-2014 // Studium der Philosophie (M.A.) FU Berlin und ENS Paris 2016-2020 // Einjähriger Aufenthalt im deutsch-französischen Sōtō-Zen-Kloster Ryumonji bei Straßburg, Elsass 2020-2021, dort und seitdem Tätigkeit als Dolmetscher Französisch-Deutsch, Französisch-Englisch und Deutsch-Englisch // Seit April 2022 Wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Graduiertenkolleg 2477 „Ästhetische Praxis“.

Kontakt

  drosch[at]uni-hildesheim.de

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   Domäne, Haus 3

   Nach Vereinbarung