Staging (In)Justice

In ihrem Dissertationsprojekt untersucht Meriam Bousselmi Darstellungsformen von Rechtsprechung auf der Bühne wie im Drama aus einer transkulturellen Perspektive.
Sowohl Jurist:innen als auch Theaterwissenschaftler:innen haben immer wieder auf Ähnlichkeiten zwischen Gericht und Theater hingewiesen. Vor allem die Theatralität der Rechtsprechung wurde dabei analysiert. Und umgekehrt wurde im Theater um ihre dramatische Energie willen auf Gerichtsfälle zurückgegriffen. Es gibt in der Tat eine Fülle von Theaterproduktionen und Inszenierungen, die Szenen aus dem Gerichtssaal nachstellen, Verfahren im Kunstkontext neu darstellen oder fiktive Gerichtsprozesse spielen. Tragikomische Ungerechtigkeiten sind seit der Antike eine beliebte Quelle der Unterhaltung.

Eine Untersuchung, mit welchen Strategien Gerechtigkeit/ Ungerechtigkeit auf der Bühne inszeniert wird, stellt bislang allerdings eine Forschungslücke dar. Diese Dissertation befragt anhand ausgewählter Beispiele, wie Gerechtigkeit aufgeführt und Vorstellungen von Recht im zeitgenössischen Theater entwickelt werden. Die Gegenwartsdramatik hat nicht nur Gerichtsszenen für die Theaterbühne geschaffen, sie provoziert und stimuliert unser Verständnis für Fragen des Rechts auch außerhalb des Kunstraums. Oft wird Ungerechtigkeit auf die Bühne gebracht, um den Verlust von Werten oder die Korruptheit staatlicher Institutionen zu beklagen – und natürlich ging es dabei immer auch um eine „faire“ Alternative. Theatermacher: innen fokussieren in der Regel auf den Unterschied zwischen dem, was „legal“ ist und dem, was als „fair“ angesehen wird.

Die Dissertation zielt auch darauf ab, zu hinterfragen, wie Anwält:innen und ihre Pendants (Jurist:innen, Aktivist:innen und Artivist:innen)  die Fiktion und das Theater nutzen, um das Konzept der Gerechtigkeit neuzuerfinden.
Indem Meriam Bousselmi sowohl Dramentexte als auch Theaterinszenierungen in Bezug auf die je spezifischen Strategien der Darstellung untersucht, eröffnet sie einen besonderen Fokus auf die performative Dimension der Rechtsprechung und erlaubt diese als ästhetische Praxis zu analysieren. In den Blick kommen Fragen nach dem Zuschauen, dem Bezeugen und anderen Praktiken der Rechtsprechung, welche die gesellschaftliche Bedeutung der Untersuchung auch über einen engen theaterwissenschaftlichen Kontext hinaus zeigen.

 

Zur Person

Meriam Bousselmi geboren 1983 in Tunis, studierte Rechts- und Politikwissenschaft an der Universität Tunis Karthago. Sie ist eine arabisch- und französischsprachige Autorin, Regisseurin, Rechtsanwältin, Dozentin, Forscherin und Brückenbauerin. Sie forscht im Rahmen ihrer Doktorarbeit an der Universität Hildesheim zur Inszenierung von Gerechtigkeit bzw. zum Verhältnis von Justiz und Theater und setzt dieses Thema auch künstlerisch um.

2010 schloss sie eine Masterarbeit ab, die ein gesellschaftliches Tabu brach, weil sie über die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen und Partnerschaften im Internationalen Privatrecht schrieb. Ihre Masterarbeit wurde von Prof. Dr. Hamadi Redissi betreut. 

2010 wurde sie auch als Anwältin bei der Rechtsanwaltskammer in Tunis zugelassen.

2014 verteidigte sie am Ende ihres Praktikums beim Nationalen Anwaltsorden von Tunesien ihre Dissertation über die finanzielle Situation der am Theater arbeitenden Künstler:innen und das veraltete Gesetz zum Schutz von geistigem Eigentum unter dem Titel: „Schutz der finanziellen Rechte von Dramatiker:innen“. Für ihre kritische und innovative Forschungsarbeit, ursprünglich in arabischer Sprache unter der Betreuung des Rechtsanwalts Maître Nafaa Laribi verfasst, erhielt Meriam Bousselmi im tunesischen Gerichtsjahr 2013/2014 den Preis für die beste Konferenz zum Abschluss des Anwaltspraktikums. 

2015 hat sie am Entwurf und dem Verfassen der „Karthago Erklärung für den Schutz von bedrohten Künstlern“ mitgewirkt. Die Co-Autoren waren Prof. Dr. Hamadi Redissi und Prof. Dr. Lassaad Jamoussi.  

Seit 2017 arbeitet sie regelmäßig mit der Hildesheim UNESCO Chair ARTS RIGHTS JUSTICE PROGRAM zusammen, um Workshops zu leiten, Forschungsartikel zu schreiben und Maßnahmen zur Festigung der internationalen Zusammenarbeit im Bereich der kulturellen Vielfalt und der künstlerischen Freiheit zu unterstützen. Seit 2017 ist sie außerdem unabhängige Beraterin und Kuratorin von Safe Havens and Freedom Talks (SH|FT), eine gemeinnützige Organisation, die sich dem Schutz und der Förderung von gefährdeten Künstler:innen und der künstlerischen Freiheit widmet.

Im Juli 2020 wurde sie in dem Internationalen Promotionsprogramm Kulturvermittlung/ Médiation culturelle de l’art aufgenommen. Dadurch erhielt sie 2020/21 ein DFH-Auslandsstipendium, welches ihr einen Rechercheaufenthalt in Frankreich und Tunesien unter dem Motto: „Staging Moot Courts to Reinvent Justice in France and Tunisia“ ermöglichte. 

Seit Ende Juni 2022 ist Meriam Bousselmi wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Graduiertenkolleg „Ästhetische Praxis“ am Institut für Medien, Theater und Populäre Kultur der Universität Hildesheim.

 

Zur künstlerischen Praxis

In ihrer künstlerischen Praxis verbindet Meriam Bousselmi die unterschiedlichsten Formen des Erzählens: literarische Texte, Theaterinszenierungen und performative Installationen. Sie reflektiert anhand verschiedener ästhetischer Formen die gegenwärtigen politischen, sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Indem sie Genregrenzen überschreitet und sich mit Tabuthemen auseinandersetzt, gibt sie ein kritisches Bild unserer Zeit wieder. Ihre Arbeiten werden zu einem künstlerischen Statement gegen politische Manipulationen und die vorherrschenden negativen Narrative unserer Welt. 

Von 2002–2007 war sie als Autorin und Regisseurin am A.R.A.F. Center (Arab-African Center for Theatre Training and Research at El Hamra Theatre) in Tunis tätig.

2018 ist Meriam Bousselmi nach Berlin gezogen und seitdem hat sie einen mehrsprachigen Schreibstil und einen transkulturellen künstlerischen Ansatz entwickelt. Ihre neuen Projekte übersetzen Begriffe wie Dialog, Transfer und Vermischung von Erzählweisen in die Praxis: „Ein Blick auf die Welt“ (2017) ist eine 50-minütige Performance im Dunkeln, in der sich mehrere Geschichten, die davon handeln, was uns gegen die Macht von Dunkelheit und Verzweiflung zusammenhält, zu einer Klangpolyphonie überlagern. „Heimat Wort“ (2019) zeigt anhand einer Lesart der Biographie von Hilde Domin, wie die Sprache und das Übersetzen zu einer neuen Heimat werden können. „Der Titel ist frei übersetzbar“ (2020) fächert die Möglichkeiten auf, innerhalb dessen zu kommunizieren, was sie den „Sprachdschungel“ nennt. Die Worte erzählen nicht nur eine Geschichte, sondern bringen sie überhaupt erst hervor.

 

Publikationen (Auswahl)

Brouillon de vie. Interaktiver Roman.  Sud Editions. Tunis, 2007.

Mémoire en retraite. Theaterstück. Übersetzung: Leila Chammaa und Youssef Hijazi. Hartmann & Stauffacher Verlag. Köln 2012.

Sünde Erfolg. Theaterstück. Übersetzung: Andreas Bürger. Hartmann & Stauffacher Verlag. Köln 2013.

Truth Box. Theaterstück. Übersetzung: Silvio D’Allesandro. Hartmann & Stauffacher Verlag. Köln 2013.

Was der Diktator nicht gesagt hat. Monodrama. Übersetzung: Silvio D’Allesandro. Hartmann & Stauffacher Verlag. Köln 2014.

 

Lehrveranstaltungen

SoSe 2021 -  Staging (in) justice
https://lsf.uni-hildesheim.de/qisserver/rds?state=verpublish&publishContainer=lectureContainer&publishid=90329

WiSe 2018/19 - Staging (in) justice
https://lsf.uni-hildesheim.de/qisserver/rds?state=verpublish&status=init&vmfile=no&moduleCall=webInfo&publishConfFile=webInfo&publishSubDir=veranstaltung&veranstaltung.veranstid=74387&expand=161533

 

 Veröffentlichungen (Auswahl)

“Arts Education. A waste of time and taxpayers’ money?”, in: Wolfgang Schneider, Yvette Hardie, Emily Akuno, Daniel Gad (Hg.): Cultural Policy for Arts Education / African-European Practises and Perspectives, Berlin 2022: Peter Lang Verlag, S. 269-280, Online Access: https://library.oapen.org/bitstream/handle/20.500.12657/53921/9783631866801.pdf?sequence=1

“When the artist claims to be "his own government"- On Artists’ Voices in the Making of Cultural Policies”, in: Daniel Gad, Katharina M. Schröck, Aron Weigl (Hg.):  Forschungsfeld Kulturpolitik - eine Kartierung von Theorie und Praxis. Festschrift für Wolfgang Schneider, Hildesheim 2019, Georg Olms Verlag, S. 207-216, Online Access: https://hildok.bsz-bw.de/files/951/Forschungsfeld-Kulturpolitik.pdf

„Le Tarmac, un théâtre victime de la théâtrocratie ? “, in Nawat, 22 Februar 2018, Online Access: https://nawaat.org/2018/02/22/le-tarmac-un-theatre-victime-de-la-theatrocratie/

„Eineinhalb Frauen? über Sprache und Feministischen Widerstand“, Beitrag zur deutsch arabischen Debattenreihe über Feminismus in Zusammenarbeit zwischen dem FANN Magazin und dem Gunda-Werner-Institut für Feminismus und Geschlechterdemokratie, Berlin 2019, Online Access: https://www.gwi-boell.de/de/2019/04/03/eineinhalb-frauen-ueber-sprache-und-feministischen-widerstand

„Das Unüberschreitbare überschreiten - Künstler in der Auseinandersetzung mit Grenzen“, in: Ilse Fischer, Johannes Hahn (Hg.), Europa neu denken Band 5: Brücken bauen zwischen Nationen und Kulturen in eine neue Welt, Salzburg 2018, Verlag Anton Pustet Salzburg, S. 155-177.

„Theatre When Everything is Theatricalized “, in Goethe-Institut, ART&THOUGHT / FIKRUN WA FANN 103,  München 2015, S.49 – 55.

 

Vorträge / Podien / Workshops (Auswahl)

“Montaigne’s head and Aesop’s tongue”, a Lecture in the frame of the Symposium on Artistic Interventions in educational and social contexts: An event of the Certificate Course “Artistic Interventions in Cultural Education” at the University of Hildesheim, funded by Stiftung Mercator, Friday, 8th July – Saturday, 9th July 2022 at the University of Hildesheim.

Referentin beim UNESCO Chair Workshop Hildesheim: Reflecting and Re:Starting South North Cooperation and Collaboration: Needs and Desires of Sub-Saharan-Arab-European Cultural Policies, UNESCO Chair "Cultural Policy for the Arts in Development", University of Hildesheim, 7 July 2022.

‘The Mergoum Protocol: Typically Tunisian, (A)typically German? On Cross-Cultural Exchange’, Lecture, CAMP Notes on Education, 9 December 2021, Documenta-Fifteen & UNESCO Chair „Cultural Policy for the Arts in Development” | Universität Hildesheim.

Curator and Moderator Safe Havens 2021’s Majlis A Cross-Cultural Digital Majlis-style Debate on Artistic Freedom perceptions and ongoing Challenges, December 2021.

Co-moderator Ettijahat's digital conference - A Moment of Art, on “Creativity between Two Languages”, November 2021.

Referentin im Rahmen des Symposiums Kulturpolitik Inside-Out: Wettstreit der Narrative postkoloniale Debatten und Fragen der Transformation/ Institut für Kulturpolitik Universität Hildesheim, Oktober 2021.

Idea Sparker in the symposium Collective/Collecting Intelligence – Explorations of Artistic Intelligence A/I in the context of Artificial Intelligence (AI) – Digital Dramaturgy Lab, Supported by SSHRC Institutional Grant (SIG), offered by the Centre for Drama, Theatre and Performance Studies at the University of Toronto in collaboration with UNESCO Chair „Cultural Policy for the Arts in Development” | Universität Hildesheim, 27 March 2021.

Beraterin- Prater Konzept Team 2019 – Berlin.

Opening Keynote Safe Havens Conference Cape Town 2019 Chair of Workshop 5 : Legal Defences for Creatives (MENA Case Studies).

“Zusammenkeit!” - On the Aesthetics of Love, Lecture Performance & Discussion, im Jahreskonferenz 2019 'Republik der Liebe' des e.V. 'Dramaturgische Gesellschaft' in Jena.

Lecture-Diskussion Montagstalk 2019 "Frauen und Revolution" im Staatsschauspiel Dresden.

Lecture- performance “Culture, for what it's worth?”, Atrium e.V - Dialog durch Begegnung/ Giessen 2019.

Literaturgespräch mit Ramy Al-Asheq im Literaturhaus Berlin 2018.

„Staging a body-based theory of justice“, a Lecture in the frame of Cairo International Festival for Contemporary and Experimental Theater 2018.

Referentin und Mentorin beim „Arts Rights Justice Forum”, UNESCO Chair „Cultural Policy for the Arts in Development” | Universität Hildesheim, 2018.

Speaker in „11. Deutsche Welle Global Media Forum“ in Bonn 2018.

Speaker in „PEN World Voices Festival “in New York 2018.

Research Atelier „Cultural Policy and Arts Education “, organised by UNESCO Chair in Cultural Policy for the Arts in Development at the Department of Cultural Policy of the University of Hildesheim in cooperation with the Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel and EDUCULT (Vienna, Austria) in Wolfenbüttel 2018.

Leitung der Meisterklasse „Weltwandeln auf Französisch“ mit hundert Jugendlichen aus drei Frankfurter Schulen (Liebigschule, Pulling School und Lycée français) im Rahmen des Deutsch-Französisch-Tages, Institut franco-allemand de sciences Historiques et sociales, Francofort 2017.

Workshopleitung „Dramaturgien des Widerstands“ bei der Jahreskonferenz 2018 der   Dramaturgischen Gesellschaft.

Konzeption und Leitung der "Shakespeare Academy", einem internationalen akademischen Austauschprogramm für 25 Studierende in Zusammenarbeit mit der Universität Tunis, der Universität Hildesheim, der Universität Namur und der Universität Kairo im Rahmen der „Journées Théâtrales de Carthage" 2016.

Leitung der Masterclasse «The Art of Dramatic Writing» an der Danish National School of Performing Arts Copenhagen 2016.

Speaker bei der Konferenz „Culture without Borders?“ der Friedrich- Ebert-Stiftung in Berlin 2016.

„Theatre and the Art of Disturbing the Public Order”, ein Vortrag im Rahmen des zweiten International Academic Forum in Cairo Academy of Arts, 2015.

Workshopleitung „Act Justice“ am Jungen Deutschen Theater Berlin 2015.

Kontakt

  bousselmim[at]uni-hildesheim.de

  +49 5121 883 -20760

   Domäne, Haus 3

   Nach Vereinbarung