Nie das Ende, immer nur der neue Anfang

Nachruf auf Bernhard Waldenfels

Bernhard Waldenfels—Nachruf—Fremdheit—Andersheit—Responsivität—Erfahrung—Vielsprachigkeit—Phänomenologie—Globalität—Maurice Merleau-Ponty—Jacques Derrida—Emmanuel Levinas—Paul Ricœur—Martin Heidegger

article #4, February 26, 2026
https://doi.org/10.25528/295 (PDF, coming soon)

Am 23. Januar 2026 starb Bernhard Waldenfels im Alter von beinahe 92 Jahren in München. Es lag mir auf der Zunge und einige sprachen es aus: Da ist ein Großer von uns gegangen – ein großer Denker, Philosoph und Phänomenologe. Bernhard Waldenfels war nach Martin Heidegger, Edith Stein und Max Scheler sicherlich einer der bedeutendsten Phänomenolog*innen im deutschsprachigen Raum – aber nicht nur hier, denn seine Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt, überall auf der Welt hatte er Freunde und Bekannte, wie sein wohl dickstes Buch, sein Reisetagebuch, eindrücklich dokumentiert. Er war einiger Sprachen mächtig und als Philologe sensibel für das, was sie in unserem Denken grundlegen.

Im Anschluss an Deutsch-Französische Gedankengänge (1995) – er kannte Derrida, Levinas, Ricœur u. a. noch persönlich – entwickelte er seinen ganz eigenen Zugang zur Philosophie, der im Begriff der „Responsivität“ ihren Ausdruck fand. Die „Antwortlichkeit“ des Menschen als homo respondens lenkt den Blick weg vom autonomen Subjekt hin zu dem Anspruch, der an dieses immer schon ergeht und an dessen Grundfesten empfindlich rüttelt. Den Versuch eines antwortenden Denkens, ohne es in etwas zu verwandeln, das sich je völlig beantworten ließe, hat er nah an der Erfahrung unterschiedlicher Spielarten des Antwortens tiefsinnig und breit ausgefächert als Antwortregister (1994) entfaltet.

Bernhard Waldenfels beeindruckte und bewegte ganz besonders hier: als unbeirrbarer Fürsprecher für Anderes und Fremdes. Gegen Heidegger und für Levinas und Merleau-Ponty tat er alles dafür, was ihm als Phänomenologe mit seinen Mitteln möglich war, um im Zwischenreich des Dialogs (1971), wie seine Habilitationsschrift titelt, gerade die Stimmen hörbar zu machen, die allzu schnell eingemeindet, exkludiert oder gar ausgelöscht werden. Dabei entstand eine eigensinnige Philosophie, die radikal von der Erfahrung des Fremden gebrochen wird und gerade in diesem Bruch lebt. Er wehrte sich gegen die „Abschnürung“ des theoretischen Arbeitens von der lebensweltlichen Praxis und trat ein für die Vielstimmigkeit der Rede (1999), die es erlaubt, Eigenes in der fremden Sprache und Fremdes in der eigenen zu sagen, ohne das eine durch das andere zu entkräften oder in einem Dritten aufzuheben. Er beließ es nicht dabei, Handbücher zu schreiben, auch „Fußbücher“ seien wichtig, denn das Denken müsse Hand und Fuß haben. Er nahm die Sinnlichkeit der Wahrnehmung ernst und fand Worte, um zu zeigen, wie bedeutsam sie für unser Verständnis der Welt und von uns selbst ist.

Ein Problem vieler Philosoph*innen sei, so bemerkte er in seiner unnachahmlichen Weise einmal, dass sie die Dinge nicht einfach kommenlassen können – was auch und insbesondere für Fremdes im Selbst gilt. Es kommt nicht von ungefähr, dass er 2017 den „Sigmund-Freud-Kulturpreis“ verliehen bekam, der ihm besonders viel bedeutete. Denn die psychisch-leibliche Erfahrung, die zur Sprache drängt (2019), will ebenso wenig missachtet oder verdrängt werden, wie fremde Ansprüche, die uns aus unserer Mitwelt ereilen. Das Cogito sei nichts ohne sein Anderes, von dem es sich in seiner Intentionalität abhängig mache, betont er und weiter: „Das Ich wird kleinlaut, es ist ein Ich im Werden.“ (ebd., 10) Die Freiheit, ungeschützt offen zu sein, zeigt sich in seinen zahlreichen „Fußbüchern“ – Bücher, die einladen, mitzugehen, ohne auf ein GPS zu vertrauen. Denn das führe nur dazu, sich befördern zu lassen, wie ein Reisekoffer, sich blindlings durch die Stadt zu bewegen, wie er in seinem letzten Buch Globalität, Lokalität, Digitalität (2022) schreibt.

Bernhard Waldenfels war ein nahbarer und großzügiger Lehrer, der die Schule Merleau-Ponty’scher Aufmerksamkeit mit großer Leidenschaft und Akribie fortschrieb, ohne je eine Schule zu etablieren. Schüler*innen von ihm kommen aus zahlreichen Disziplinen und führen seine Gedanken in so viele Richtungen weiter, die zwar alle seine Spuren tragen und sich dennoch durch die Freihit auszeichnen, die er uns gab – die Dinge kommenzulassen und unsere eigenen Worte dafür zu finden. Seine Gedanken leben weiter – mit mir schon in der zweiten, mit meinen Studierenden in der dritten Generation. In der Offenheit des Dialogs und im Mut, dem nachzuspüren, was wir nicht im Griff haben, was uns irritiert und Chaos in unsere wohlgehütete Ordnung bringt, kann man mit Waldenfels keinen Schlusspunkt setzen.

Berwang, 18.2.2026

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