Bücher, die verbinden – oder trennen / Integration und Vielfalt in Schulbüchern

lundi, 22. septembre 2014 um 19:50 Uhr

Fachleute aus mehreren Ländern analysieren, wie Verschiedenheit (Diversity) in Schulbüchern dargestellt wird. Es gibt Zwischentöne, Schattierungen, Abstufungen – doch leider auch viele Klischees und Vorurteile.

Sie sollen Klarheit, Orientierung und Objektivität vermitteln. Schulbücher erklären die Welt und den Alltag: Wie Menschen auf dem Land leben, wie Konflikte und Kriege entstehen und was sie auslösen und was Menschenrechte sind. Sie zeigen die Welt in Karten, erklären, wie aus Wind Energie gewonnen wird, wie die Erde aus dem Weltraum aussieht und warum Menschen Müll wiederverwerten. Doch Schulbücher können auch trennend wirken und zu Diskriminierungserfahrungen beitragen. Etwa wenn permanent zwischen Migranten und „Einheimischen" unterschieden wird. Damit werden diese immer wieder als „die Anderen" bezeichnet und Zugehörigkeit unmöglich gemacht, sagt Viola B. Georgi, Professorin für Diversity Education an der Universität Hildesheim. „Es ist notwendig, die Bildungsmedien an Schulen durch die Diversity-Brille zu betrachten und Stereotype und Klischees bezogen auf unterschiedliche Differenzmerkmale aufzudecken“, richtet sich Georgi an Verlage, Politik und Lehrkräfte. Nicht erst seit der öffentlichen Debatte um die Frage, ob der Kinderbuchautor Ottfried Preußler in seinem Buch „Die kleine Hexe“ rassistische Klischees über Menschen anderer Herkunft bediente, ist die Frage nach nicht-stereotypisierender Darstellung unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen in Bildungsmedien hoch bedeutsam, so die Professorin.

Mit der Darstellung der Kolonialzeit und von Migration in Schulbüchern beschäftigt sich die jüngere Schulbuchforschung. Wie werden Gender, Behinderung und ethnische Herkunft in Schulbüchern verschiedener Fachrichtungen sichtbar gemacht und in welcher Absicht? Welche gesellschaftlichen Normen und Grenzen werden formuliert? Welche Themen tauchen nicht auf? Damit befassen sich etwa 20 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Südafrika, Israel, Kanada, Österreich und Deutschland. Der internationale Workshop wird im Herbst 2014 (Programm) vom Zentrum für Bildungsintegration der Universität Hildesheim und dem Georg Eckert Leibnitz Institut für Internationale Schulbuchforschung in Braunschweig organisiert.

Viola Georgi befasst sich mit der Frage, welche Rolle Diversity in der Schulbuchforschung spielt. Dabei wird deutlich, wie wichtig ein diversitätssensibler Blick auf Bildungsmaterialien ist. Elina Marmer zeigt, wie in deutschen Schulbüchern Afrika dargestellt wird. So wird der Themenkomplex Afrika in manchen Geographiebüchern unter Querschnittsthemen wie „Kriege, Krisen, Krankheiten, Katastrophen, Kriminalität" behandelt. Abwertende Inhalte, Bilder und Begrifflichkeiten werden Afrika zugeordnet und Menschen afrikanischer Herkunft werden wiederholt als hilflos und passiv und als Feld- oder Plantagenarbeiter gezeigt. Die vorkoloniale Geschichte, Kulturen und Philosophien der afrikanischen Gesellschaften sind kaum erwähnt. Wie in südafrikanischen Schulbüchern die Geschichte Afrikas dargestellt wird, analysiert anschließend Mashall T. Maposa (University of KwaZulu-Natal, Südafrika).

Nicholas Stone vom Promotionskolleg Bildungsintegration an der Universität Hildesheim zeigt, wie Bildungsmaterialien und Lehrbücher, die in Integrationskursen zum Einsatz kommen, gesellschaftliche Vielfalt in Deutschland darstellen.

Auch online tut sich Einiges: Marcus Otto und Masoumeh Bayat vom Georg-Eckert-Instituts weisen auf Lernmaterialien hin, sie befassen sich mit Migration und Integration in deutschen Schulbüchern. Im Internet können auf der Online-Plattform „Zwischentöne“ Lehrerinnen und Lehrer auf Lehrmaterial „für das globalisierte Klassenzimmer“ etwa für die Fächer Geschichte, Politik und Religion zurückgreifen, die auf die vielfältigen Biographien der Schülerinnen und Schüler eingehen und zum Nachdenken über den Umgang mit gesellschaftlichen Unterschieden anregen. In den Materialien geht es zum Beispiel um Identität (Wer ist „wir“?), um Geschlechterrollen in der Migration (mit Hörfunkbeiträgen über Lebensgeschichten von Frauen, die aus Irak und Polen nach Deutschland kamen) und Diskriminierung im Alltag (mit einem Video, wie junge Erwachsene auf dem Weg ins Berufsleben Benachteiligung erfahren). Daneben können Lehrkräfte an Fortbildungen teilnehmen.

Einblicke in schulische Bildungsmedien in anderen Ländern geben Forscher aus Österreich, Südafrika, Israel und Canada: Heidemarie Weinhäupl von der Universität Wien gibt einen Überblick, wie Migration und Mehrsprachigkeit in australischen Schulbüchern und im Klassenzimmer thematisiert werden. Suriamurthee M. Maistry, Jugathambal Ramdhani und Johan Wassermann (University of KwaZulu-Natal) analysieren, wie Armut in südafrikanischen Schulbüchern dargestellt und in welchen Rollen Frauen in aktuellen südafrikanischen und malawischen Geschichtsbüchern gezeigt werden. Wie Muslime in israelischen Schulbüchern dargestellt werden, analysiert Ayman Agbaria (University of Haifa). Sivane Hirsch (University of Quebec) befasst sich mit kanadischen Schulbüchern und wie in der Provinz Quebec das „einander kennen lernen“ von Geschichte, Kultur und Religion auch an Grenzen stößt. Eckhardt Fuchs vom Georg-Eckert-Institut befasst sich damit, wie Fachleute bei der Produktion von Lehrmaterialien Kultur, Religion und Geschlecht ohne Vorurteile thematisieren können. Die Veranstaltung ist nicht öffentlich.

Weitere Information: Forschung am Zentrum für Bildungsintegration

Das Forscherteam vom Zentrum für Bildungsintegration untersucht, wie Migration und Integration in Schulbüchern und Bildungsmedien verhandelt werden. Dabei bindet Professorin Viola Georgi Studierende der Universität Hildesheim ein, so fand im Sommer eine mehrtägige Exkursion zum Georg-Eckert-Institut statt. Die dortige Forschungsbibliothek umfasst mit 175.000 Schulbüchern aus 160 Ländern eine weltweit einzigartige Sammlung der Fächer Geschichte, Sozialkunde, Geographie und Religion. Im Seminar gingen die Studierenden empirisch der Frage nach, welche Bilder von Verschiedenheit in einzelnen Büchern erzeugt werden. Die Studierenden sind dabei mit kleinen Teilprojekten in ein größeres Forschungsprojekt zum Themenkomplex „Diversity in Bildungsmedien und Schulbüchern“ eingebunden.

Im Projekt „Diversity in Israel und Deutschland" (aktueller Artikel: „Wie wir zusammenleben: Vielfalt in Bildungseinrichtungen in Israel und Deutschland"), das von der Stiftung Deutsch-Israelisches Zukunftsforum gefördert wird, begleiten sich junge Wissenschaftler aus beiden Ländern gegenseitig in ihr Forschungsfeld und tauschen sich über Forschungsmethoden aus. Dabei untersucht einer der Wissenschaftler das Islambild in israelischen Schulbüchern.

Die Untersuchung von Schulbüchern ist ein Arbeitsschwerpunkt des „Zentrums für Bildungsintegration – Diversity und Demokratie in Migrationsgesellschaften". Migration nicht länger nur aus einer Problem- und Defizitperspektive betrachten, sondern die Ressourcen in den Blick nehmen – das ist ein Ziel der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Hildesheimer Universität. Dabei setzen sie auch in der Lehrerausbildung an, Studierende begleiten etwa Jugendliche mit unterschiedlichen Herkunftssprachen über ein Jahr in einer Kleingruppe und besuchen die Familien. 2600 Lehramtsstudierende und 1000 angehende Sozialpädagogen und Erziehungswissenschaftler – also jene, die künftig in Stadtteilen, in Jugendzentren, Kitas und Musikschulen mit Jugendlichen arbeiten – profitieren von den Lehrangeboten. Professuren wie Interkulturelle Kommunikation, Deutsch als Zweitsprache, Frühpädagogik, Zweitspracherwerb und Diversity Education – die erste in der Bundesrepublik – wurden eingerichtet und Fächer wie Sport und Musik in die Planung einbezogen. Derzeit wird eine Professur mit dem Schwerpunkt „Politik und Migration“ besetzt. Mit 2,85 Millionen Euro unterstützt das Niedersächsische Wissenschaftsministerium das Forschungsgebiet.

Medienkontakt: Pressestelle, Isa Lange, presse[at]uni-hildesheim.de, 05121.883-90100 und 0177.8605905


Wissenschaftler aus fünf Ländern tauschen sich im September 2014 über Vielfalt in Schulbüchern aus. Jan Simon Fischer studiert an der Universität Hildesheim Lehramt mit den Fächern Deutsch und Geschichte, in Seminaren hat der 26-Jährige Schulbücher analysiert (oben). Foto (Buch): Isa Lange/Uni Hildesheim

Wissenschaftler aus fünf Ländern tauschen sich im September 2014 über Vielfalt in Schulbüchern aus. Jan Simon Fischer studiert an der Universität Hildesheim Lehramt mit den Fächern Deutsch und Geschichte, in Seminaren hat der 26-Jährige Schulbücher analys Wissenschaftler aus fünf Ländern tauschen sich im September 2014 über Vielfalt in Schulbüchern aus. Jan Simon Fischer studiert an der Universität Hildesheim Lehramt mit den Fächern Deutsch und Geschichte, in Seminaren hat der 26-Jährige Schulbücher analysiert (oben). Foto (Buch): Isa Lange/Uni Hildesheim

Wissenschaftler aus fünf Ländern tauschen sich über Vielfalt in Schulbüchern aus. Jan Simon Fischer studiert an der Universität Hildesheim Lehramt mit den Fächern Deutsch und Geschichte, in Seminaren hat der 26-Jährige Schulbücher analysiert (oben). Foto (Buch): Isa Lange/Uni Hildesheim