Zum Hörer greifen: Angehörige, die Demenzerkrankte pflegen

Monday, 07. January 2013 um 08:45 Uhr

Wie können Angehörige unterstützt werden, die Menschen mit Demenzerkrankung pflegen? Forscherinnen der Universitäten Hildesheim und Jena untersuchen, wie wirksam telefonische psychologische Unterstützung ist. Erste Ergebnisse zeigen: Die Telefongespräche werden stark nachgefragt. Vier von fünf Angehörigen bewerten sie als sehr hilfreich.

„Einen an Demenz erkrankten Menschen zu pflegen, ist eine herausfordernde Aufgabe. Untersuchungen zeigen, dass pflegende Angehörige häufig körperlich und seelisch überfordert sind“, sagt Prof. Dr. Renate Soellner, Institut für Psychologie der Universität Hildesheim. „Sie denken nicht mehr an das eigene Wohlergehen, obwohl dies Voraussetzung ist, um die Rund-um-die-Uhr-Pflege bewältigen zu können. Wir können es uns nicht leisten, pflegende Angehörige allein zu lassen.“ In Deutschland leben 1,4 Millionen Menschen, die an einer Demenz erkrankt sind. Über 70 % von ihnen werden zu Hause von einem Familienmitglied betreut oder gepflegt.

Hilft ein Griff zum Telefonhörer? Ergebnisse aus dem Projekt „Tele.TAnDem“ (2008 – 2010) des Forscherteams zeigen: Angehörige können durch die Hilfe qualifizierter Psychologinnen leichter mit Schwierigkeiten im Pflegealltag umgehen – was sich wiederum positiv auf die Gesundheit auswirkt. Über 100 Angehörige wurden drei Monate lang in insgesamt sieben Telefongesprächen beraten. Sie berichteten danach von einem verbesserten Gesundheitszustand, einer Reduktion depressiver Symptome und einer besseren Lebensqualität. 91 % würden die telefonische Unterstützung anderen weiterempfehlen und vier von fünf Angehörigen bewerteten die Unterstützung als sehr hilfreich.

Dabei erleben die pflegenden Angehörigen gerade die regelmäßigen Telefonate als Hilfe, so Prof. Soellner, die das Projekt gemeinsam mit Prof. Dr. Gabriele Wilz (Universität Jena) leitet. „Ein Telefonat können sie flexibler in ihren Pflegealltag integrieren.“ „Die Telefonate beinhalten aber keine praktischen Pflegeanleitungen und keinen Crashkurs in der Krankenpflege. Die Pflegenden selbst sollen gestärkt werden“, sagen die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen Dr. Monika Ludwig und Anna Machmer.

Nun startet eine zweite Studie: „Tele.TAnDem.Transfer“. Erstmals soll das qualifizierte psychologische Unterstützungsangebot in bestehenden Versorgungsstrukturen erprobt werden. Über ein Jahr werden 120 Studienteilnehmer in drei Vergleichsgruppen begleitet. Zwei Gruppen erhalten über sechs Monate psychotherapeutische Beratung – eine davon via Telefon. Die persönliche Beratung findet in Jena, München und Berlin statt, die telefonische bundesweit. Die Inhalte der Gespräche orientieren sich an den jeweiligen Bedürfnissen der pflegenden Angehörigen wie z.B. dem Umgang mit belastenden Gedanken und Sorgen oder auch mit sozialer Isolation. „Wir vergleichen die Wirkungen der telefonischen Unterstützung mit denen einer persönlichen Begegnung“, so das Forscherteam.

Das Bundesministerium für Gesundheit fördert das Forschungsprojekt von 2012 bis 2015 mit 480.000 Euro. Kooperationspartner sind die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. und die Alzheimer Gesellschaft München e.V.. In Kooperation mit dem Helmholtz Zentrum München erfolgt eine gesundheitsökonomische Bewertung der Studienergebnisse.

Zweite Studie startet: Pflegende Angehörige gesucht

Für die gemeinsame Studie der Universitäten Hildesheim und Jena werden bundesweit Angehörige gesucht, die einen demenzerkrankten Menschen zu Hause pflegen und bisher keine therapeutische Unterstützung erhielten. Interessierte wenden sich an die Kooperationspartner in Jena: Dipl.-Psych. Kathi Albrecht (Tel. 03641.945175; Montag 13:00 – 14:00 und Dienstag 9:00 – 10:00) oder Dipl.-Psych. Franziska Meichsner  (03641.945178; Mittwoch 10:00 – 11:00 und 16:30 – 17:30) sowie nach Vereinbarung. Per E-Mail: teletandem@uni-jena.de.

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