Kulturpolitik: Das Leben zwischen den Häusern gestalten

Tuesday, 19. May 2015 um 16:58 Uhr

Wir leben in Häusern, aber was passiert eigentlich dazwischen, im öffentlichen Raum? Ein Team um Kulturpolitikprofessor Wolfgang Schneider analysiert die Kulturangebote in der Stadt Hildesheim und lädt zur öffentlichen Debatte ein. Ein Blick auf lokale Entwicklungen. Parallel sind die Forscher weltweit unterwegs, derzeit entsteht etwa der erste arabische Masterstudiengang für Kulturpolitik und Kulturmanagement. Und Studierende brechen in den nächsten Wochen nach Istanbul, Casablanca und Marseille auf.

Wolfgang Schneider plädiert dafür, das „Leben zwischen den Häusern" stärker in Augenschein zu nehmen. Es gebe ein existentielles Interesse, Stadt als „öffentlichen Raum“ zu manifestieren. „Mainz lebt auf seinen Plätzen, Frankfurt am Main in seinen Parks und München in seinen Biergärten. Es braucht Orte des Zusammenkommens, auch im Alltag, das dialogische Prinzip beim Einkauf, das individuelle Erleben beim Fahrradfahren, die kollektive Rezeption im Kino, beim Konzert oder im Theater", so Schneider. Der Professor der Universität Hildesheim – deutschlandweit der erste und bisher einzige Universitätsprofessor für Kulturpolitik – hat die Kultur in der Stadt im Blick.

Der Blick des Forschers reicht auch in die Ferne: Was sagen etwa Graffitis an Häuserwänden in den Straßen Kairos aus über Entwicklungen in der Stadt? Wer äußert sich, warum? Am Institut für Kulturpolitik setzen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, gemeinsam mit Partnern vor Ort, mit der Rolle von Künstlern in politischen Umbrüchen auseinander. Sie kommen mit Kulturschaffenden aus Algerien, Ägypten, Jordanien, Libanon, Palästina, Marokko, Syrien und Tunesien zusammen, um sich über die Rolle von Graffitis, Performances und Theater in Protestzeiten auszutauschen. Derzeit entsteht, gemeinsam mit Kulturschaffenden von der „Arab Cultural Policy Group“ und dem ägyptischen Kulturforschungsinstitut Al Mawred, der erste arabische Masterstudiengang für Kulturpolitik und Kulturmanagement. Im Mai ist ein Hildesheimer Forscherteam zu Gesprächen in Tunesien. Im Winter sollen die ersten 20 Studierenden an der Partneruniversität im marokkanischen Casablanca starten. Und Hildesheimer Studierende packen bereits ihre Koffer, um im neuen Bachelor-Plus-Studiengang „Kulturpolitik im internationalen Vergleich" ein Jahr nach Istanbul, Marseille und Casablanca aufzubrechen. Und ein Jahr später brechen Studierende auch nach Pretoria auf.

Aber die Wissenschaftler können auch lokal. So hat das Kulturpolitikinstitut untersucht, was kulturell im ländlichen Raum in Niedersachsen passiert – vom Schützenverein, über Theater bis zu Posaunenchören. In der Studie „Weißbuch Breitenkultur" zeigen sie, unter welchen Bedingungen Amateurtheater in Niedersachsen arbeiten und dass Theater in Pflegeeinrichtungen, in Hochschulen, in Kirchen, in freiwilligen Feuerwehren, in Sportvereinen oder in Volkshochschulen gespielt wird.

Und nun geht es noch etwas lokaler zu, im Jubiläumsjahr: Die Forscherinnen und forscher richten den Fokus auf die Stadt Hildesheim. Gemeinsam mit Kulturwissenschaftsstudierenden und „Experten des Alltags" lädt das Institut für Kulturpolitik von Mai bis Juli 2015 zu öffentlichen Diskussionen an verschienden Orten der Stadt ein. Mal sind sie beim Stadtrat im Alten Rathaus, dann verbringen sie Zeit im Theater für Niedersachsen, um anschließend im Trillke-Gut, einem Ort für Lesungen, Konzerte und Theateraufführungen zu diskutieren. Das seien „Orte, die sich der Kultur verpflichtet fühlen", so Schneider.

Birgit Mandel, Professorin für Kulturmanagement und Kulturvermittlung, diskutiert etwa mit Vertretern vom Hildesheimer Stadtmarketing über „Kultur als Imagefaktor". Ihre Studierenden haben Stadtführungen entwickelt. Ein Team lädt ein zur Stadtführung „In 80 Minuten um die Welt", ein „Rundgang vorbei am höchsten Gebäude der Erde, den legendären schwimmenden Inseln und anderen Wahrzeichen der Stadt". Die Führung startet am Kehrwiederturm/Ecke Kesslerstraße, zum Beispiel am Mittwoch, 20. Mai 2015 um 16:00 Uhr. „Wir setzen die graue Brille ab, die Sonnenbrille auf und stellen uns vor, was wäre, wenn... Der inszenierte Stadtrundgang zeigt Hildesheim als Weltstadt, die es nicht ist, voller Sehenswürdigkeiten, die man nicht sieht. Es sei denn, man schaut ganz genau hin."

Man kann die Welt per Klicks entdecken, aber bewegter reist man zu Fuß. „Wie wird etwas wirklich relevant und berührend, welche anderen Bezugspunkte gibt es als die üblichen standardisierten Fakten, wie durchbricht man Erwartungen von Menschen an eine Stadtführung und erfüllt sie zugleich auf eine andere Weise?", sagt Professorin Mandel, die an der Universität Kulturvermittler ausbildet und über Kultur im Massentourismus forscht. Ihre Studierenden stellen zunächst die klassischen Formate in Frage, irritieren und erproben neue Routen für touristische Besucher und für Einheimische während des Stadtjubiläums im offiziellen Jubiläumsprogramm von „1200 Jahre Hildesheim“. Einige Studentinnen haben zum Beispiel den musikalischen Stadtführer „Hisounds – follow the beat" entwickelt, gemeinsam mit regionalen Bands und ausgestattet mit Mobiltelefonen führen sie an Orte wie den Marktplatz, Radio Tonkuhle, den Dom und zum Litteranova (Kontakt zu den Studentinnen via Email: follow-the.beat[at]gmx.de).

Selbst in mittleren Großstädten wirken „Innenbereiche inzwischen oft austauschbar und konturlos", sagt Wolfgang Schneider. „Damit gerät jene lokale Identität in Gefahr, die bisher den wesentlichen Ortsbezug für Firmen, Medien, Touristen wie Einheimische bildete. Jene spezifische Erfahrung und Vorstellung nämlich, in einem Braunschweig eben anders zu leben als in Berlin, in einem Kiel als in Konstanz, weil sich Geschichte, Architektur, Landschaft, Mentalität und Lebensart jeweils unterscheiden. Deshalb wird vom Stadtmarketing heute auch so intensiv darüber nachgedacht, was Städte letztlich unverwechselbar macht, was ihren besonderen Stil, ihre spezifische Farbe, ihre Alleinstellungsmerkmale ausmacht." Sich auf die Suche nach einem urbanen „Wir“ zu begeben bedeutet, sich mit „lebensweltlichen Aspekt des Urbanen zu befassen".

Hildesheim hat einen Marktplatz, der sei belebt und beliebt. Mehr davon, ruft Wolfgang Schneider auf, „zum Beispiel im Museum, am Theater, an der Uni!". „Und es darf auch andere 'Inszenierungen' geben als 'Weinfest', 'Weihnachtsmarkt' und 'Imbissbudenzauber'. 'Bühne frei', die Stadtbespielung von Musikstudierenden, ist ein Format, das es verdient hat, nicht nur am Ende des Semesters präsentiert zu werden", so der Professor.

Diskussionsreihe: Kultur in der Stadt

Stadt hat Kultur, denn Stadt wird von Menschen gemacht. „Stadtkultur und Kulturstadt. Die Kunst, Gesellschaft zu gestalten" ist eine Diskussionsreihe des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim mit kurzen Impulsvorträgen, Experten des Alltags und Studierenden der Kulturwissenschaften (Programm im Überblick). Sie debattieren mit der Baupolitik der Stadt über Stadtplanung, mit der Wirtschaft über den Wert der Kultur, mit dem Stadtmarketing über Imagefaktoren und Kulturtourismus. Und sie stellen Fragen: Welches Theater brauchen die Bürger, wie global ist die lokale Kultur? Vom Hildesheimer Oberbürgermeister Ingo Meyer möchten sie erfahren, wie kommunale Kulturpolitik das Recht auf Teilhabe ermöglicht. Das sind Themen, denen sich die Stadt stellen sollte, um die kreativen Potentiale zu nutzen und um soziale Gemeinschaften zu generieren. Es geht um eine kommunale Kulturpolitik, die den Bürger ermutigt, mitzudenken und mit zu handeln. Die Stadtkultur-Reihe ist Teil des Jubiläumsjahres „1200 Jahre Hildesheim" und findet jeden Mittwochabend statt.

nach Pretoria werden dann im nächsten Winter 2016


Hildesheim, eine Stadt voller Kultur? Professor Wolfgang Schneider befasst sich an der Universität mit kommunaler Kulturpolitik. Wie man Kultur vermitteln kann, dazu forscht Professorin Birgit Mandel. Neue Pfade betreten Studierende der Kulturvermittlung, sie geben Antworten auf die Frage, was das Sehenswürdige einer Stadt ausmacht. Machu Picchu, Paris, Las Vegas und Loch Ness: Student Marcel Kurzidim während der Stadtführung „In 80 Minuten um die Welt". Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim

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