Von der polyästhetischen Erziehung zur intermedialen Kunstkompetenz

Saturday, 27. March 2004 um 16:36 Uhr

Rückblick auf 25 Jahre Kulturwissenschaften

Am Anfang war eine kreative Idee. Da gab es in den Siebzigern ein paar quer und interdisziplinär denkende Professoren der Wissenschaftlichen Hochschule Hil­desheim, wie z.B. Wolfgang Roscher oder Heinrich Maiworm, die jenseits "der voneinander abgeschiedenen Schulfächer" dem ästhetischen auf die Spur kommen wollten.

"Klänge - Texte - Bilder - Szenen" lieferten das Anschauungs- und Erprobungsfeld ihrer Modelle zur kunstpädagogischen Praxis. "Polyäs­the­tische Erziehung" war das Label und die Zielrichtung ihrer Untersuchung die sie unter gleichem Titel bei DuMont als Buch publizierten. Das war die Keimzelle eines neuen wissenschaftlich-künstlerischen Studiengangs, genannt ‚Kulturpädagogik'. Er war inspiriert von den Bauhauskonzepten, fundiert in der Tradition der musischen Erziehung an Pädagogischen Hochschulen, politisch umgesetzt von einer zu neuen Ufern aufbrechenden Hochschulleitung, die unter den Rektoren Lüttge und Alten die Weichen stellte für eine universitäre Zukunft der Hildesheimer Hochschule, die nicht nur der Lehrerbildung dienstbar sein wollte.

"Klänge - Texte - Bilder - Szenen" lieferten das Anschauungs- und Erprobungsfeld ihrer Modelle zur kunstpädagogischen Praxis. "Polyäs­the­tische Erziehung" war das Label und die Zielrichtung ihrer Untersuchung die sie unter gleichem Titel bei DuMont als Buch publizierten. Das war die Keimzelle eines neuen wissenschaftlich-künstlerischen Studiengangs, genannt ‚Kulturpädagogik'. Er war inspiriert von den Bauhauskonzepten, fundiert in der Tradition der musischen Erziehung an Pädagogischen Hochschulen, politisch umgesetzt von einer zu neuen Ufern aufbrechenden Hochschulleitung, die unter den Rektoren Lüttge und Alten die Weichen stellte für eine universitäre Zukunft der Hildesheimer Hochschule, die nicht nur der Lehrerbildung dienstbar sein wollte.

Die erste neu ausgeschriebene Professur des 1979 gestarteten Modellversuchs war denn auch für Kulturpädagogik, die das Theater als Schnitt- und Integrationsfeld der Künste nutzen sollte. Weitere folgten, nun schon definiert und verantwortet von der nächsten Generation: die Professur für Populäre Kultur, bis heute einmalig im universitären Deutschland, Lehr-, Praxis- und Forschungsgebiete im Bereich der Museumspädagogik, des Films und der Medien, der Szenischen Musik, des Kreativen Schreibens und der Kulturpolitik. Mit dem aufmerksam wachen Blick für die Kultur- und Kunstszene der Gegenwart und ihre Entwicklungen blieb der Studiengang in dauernder Bewegung: aus der Kulturpädagogik wurden die drei kulturwissenschaftlichen Studiengänge "Kulturwis­senschaften und ästhetische Praxis", "Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus" und "Szenische Künste" - alle drei eng miteinander verknüpft und doch jeweils deutlich unterschieden in der Breite oder Spezifik einer Ausbildung, die alte Bildungsideale neu entdeckt und verwandelt hat: das Spannungsverhältnis zwischen Theorie und Praxis, zwischen Wissenschaft und Kunst, zwischen praktisch berufsbezogener Anwendung und freiem Experiment.

Eine entsprechende Studien-, Lehr- und Curriculumstruktur zu entwickeln, war und ist bis heute eine Aufgabe, die das konventionelle akademische Denken heraus- und zuweilen überfordert. Mit dem alle zwei Jahre stattfindenden Projektsemester hat sich seit 1992 eine besondere Lehr- und Forschungsform etabliert, die aus den utopischen Zielen eine lebendige, intensive Studienrealität macht und zudem die inner- und außeruniversitäre öffentlichkeit mit den Präsentationen der Projektergebnisse in Ausstellungen, Konzerten, Lesungen, Film- oder Theatervorstellungen einbezieht.

Aus dem anfangs immer wieder in Frage gestellten Studiengang Kulturpädagogik, dem man unkend seine Markt­tauglichkeit absprach, ist inzwischen ein bundesweit beachtetes Erfolgsmodell geworden. Das liegt vor allem an den Absolventen, die ihre Studienerfahrung und die erworbenen und erprobten Kenntnisse weiter vermittelt, an viele Orte der Bundesrepublik und in die verschiedensten Kulturinstitutionen getragen haben. Kaum ein kultureller Bereich, wo heute nicht in leitenden Positionen auch Hildesheimer Kulturpädagogen am Werke sind: Martin Köttering zum Beispiel, der rührige Präsident der Kunsthochschule Hamburg, oder der gegenwärtige Shooting-Star der Theaterszene, Sebastian Nübling, der in dieser Spielzeit an den Münchner Kammerspielen und in der nächsten Saison bei den Salzburger Festspielen inszeniert, oder Marianne Leky, um eine von vielen erfolgreichen Schriftstellerinnen zu nennen, denen gerade wieder ein Literaturpreis zuerkannt wurde, oder Matthias Krohn, der die Professur für Neue Medien an der Potsdamer Hochschule innehat, Lektorinnen bei Rowohlt oder DuMont, Kulturamts- und Kunstschulleiterinnen von Vaihingen bis Oldenburg, Museumspädagogen an renommierten Kunstmuseen, oder Musikredakteure beim Rundfunk, die Liste ist inzwischen lang und die Zahl der Praktikumsorte für unsere heutigen Studierenden damit noch mehr gewachsen.

Nicht zuletzt haben die kulturwissenschaftlichen Studiengänge in die Stadt Hildesheim ausgestrahlt, auch wenn man sich dort zuweilen schwer tat, so viel kreatives Potential zu verkraften: ‚Radio Tonkuhle' oder das Europäische Theaterfestival ‚transeuropa', das Filmfest ‚Best before', oder die Literaturzeitschrift ‚Bella triste', das Tango-Orchester ‚Faux pas' oder ‚Matti and the Miltons', ‚Via-Art-Genossen' oder das jährliche Holler Theaterspektakel, die Kulturfabrik Löseke oder die Nachtbar des Stadttheaters - sie sind aus Hildesheim nicht nur nicht mehr weg zu denken, sondern sie machen eigentlich erst wahr und lebendig, was das Werbeetikett verkündet: Hildesheim, die heimliche Kulturhauptstadt Niedersachsens.


kurzenberger(at)uni-hildesheim.de