Neu an der Uni: Von Chemiedidaktik bis zu Sozialphilosophie

jeudi, 09. juin 2016 um 10:09 Uhr

Was machen Sie gerade? Ankommen! Und dann geht es schon los mit der Lehre und Forschung. Isa Lange traf frisch ernannte Professorinnen und Professoren – im Labor, im Büro, auf dem Campus. Ein Rundgang.

Zwischen Essigsäure, Methylorange und Indigo-Lösung taucht Jürgen Menthe auf. Der Professor arbeitet im Bereich Chemiedidaktik und chemische Forschung. An diesem Morgen sind auch die Doktorandin Jasmin Jaeger und der Postdoc Jan Maichrowski im Uni-Labor. Die Hildesheimer Arbeitsgruppe untersucht derzeit das Wasser der Innerste: Der Fluss war stark schwermetallbelastet aufgrund des Bergbaus im Harz. Mittlerweile ist das Blei sedimentiert und im Boden eingelagert. Werden durch bestimmte Stoffe, die in Abwässern enthalten sind, die Giftstoffe wieder freigesetzt und gelangen auf Weiden und in den Nahrungskreislauf? Um für Chemie zu begeistern, setzt Professor Menthe in der Lehrerausbildung an. An der Universität bildet der 44-Jährige Lehrerinnen und Lehrer für Grund-, Haupt- und Realschulen aus. „Interesse für chemische Prozesse zu wecken ist möglich, wenn ich an der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen andocke. Warum schwimmt Eis? Warum rosten Autos heute kaum noch?“ Um eine Idee davon zu entwickeln, was Chemie auszeichnet, „muss man Chemie machen, riechen, mit Stoffen und Geräten umgehen“. Jürgen Menthe und seine Studierenden laden daher Schulen aus der Region zu „Schülerlaboren“ in die Uni ein. „Jugendliche in Bewegung zu bringen geht ganz gut. Die große Kunst des Unterrichtens ist, Ergebnisse und Erkenntnisse auch festzuhalten.“

Janna Teltemann richtet ihr Büro in der 4. Etage am Hauptcampus ein und bereitet sich auf die ersten
Vorlesungen an der Universität Hildesheim vor. Die 35-Jährige ist Juniorprofessorin für Bildungssoziologie. „Als Nachwuchswissenschaftlerin freue ich mich, in Hildesheim die Möglichkeit zum eigenständigen Forschen und Lehren zu bekommen und hoffentlich auch eine Perspektive auf eine dauerhafte Tätigkeit aufbauen zu können“, sagt Teltemann. Die Soziologin arbeitet viel mit Schulleistungsstudien. Internationale Vergleichsstudien wie „PISA“ sind oft nur eine Momentaufnahme. Wie kann man diese Querschnittstudien in eine Langzeitbeobachtung überführen, um zu untersuchen, wie etwa die Gliederung der Schulsysteme mit dem Grad der Chancengleichheit in einem Land zusammenhängt? „Im Hörsaal erwarten mich in der Lehre viele Lehramtsstudierende. Ich möchte siefür soziologisches Denken begeistern und ihnen für ihre künftige Tätigkeit im Klassenzimmer wichtiges Grundlagenwissen über die Entstehung von Ungleichheiten im Schulsystem vermitteln.“ Denn, sagt Teltemann, ein grundlegendes Prinzip unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens sei, dass „alle die gleichen Chancen haben, alle gesellschaftlichen Positionen zu erreichen“. Anstrengung und Fleiß sollten zählen – nicht Herkunft, Geschlecht oder sozialer Status.

Im Büro nebenan arbeitet Professor David Salomon. Der Politikwissenschaftler forscht über den Zustand der Demokratie. „Ich arbeite gerade an der Frage, wie politische Bildung – innerhalb und außerhalb der Schule – auf die Tendenz einer schleichenden Entdemokratisierung reagiert.“ Sein erstes Seminar als Gastprofessor an der Uni in Hildesheim dreht sich um die Art und Weise, wie Kinder politische Weltbilder konstruieren und politische Erfahrungen sammeln. Kinder, sagt Salomon, „sind keine außerpolitischen oder vorgesellschaftlichen Wesen. Auch die Kleinsten haben Interessen und machen sich ein Bild von der Welt. Sie sammeln immer wieder politische Erfahrungen.“

Nächste Station: Radfahrt zum Kulturcampus Domäne Marienburg. Auf der mittelalterlichen Burganlage befassen sich etwa 1100 Studierende praktisch (etwa auf der Bühne im Burgtheater) und theoretisch (im Seminarraum) mit Theater, Medien, Musik, Kunst, Philosophie und Literatur. Hier lehrt Andreas Hetzel. Auch er richtet gerade sein Büro ein, auf der einen Seite des Gebäudes blickt man auf Hühner, eine Weide mit Pferden, das Flüsschen Innerste. Auf der anderen Seite geht es raus auf den Campus.
Der Professor für Sozialphilosophie beschäftigt sich in seiner Forschung mit Vertrauen, Macht, Anerkennung, Liebe und Angst, Hass, dem Scheitern des Sozialen. „Praktische Philosophie hat mit Alltag zu tun und ist auf Handlung bezogen und bedeutet auch kritische Zeitgenossenschaft", sagt der 51-Jährige.

Zurück zum Universitätsplatz, 4. Etage im Neubau: Professorin Carola Iller greift zu einem Stapel Briefe. Handgeschrieben. „Die Briefe dokumentieren, was den Gasthörern bedeutet, dass sie hier in Hildesheim mit 50 oder 80 Jahren studieren können.“ Eine ältere Dame hat etwa ein selbst gebundenes Literaturheft produziert und an die Uni geschickt. Nach der Schule endet Lernen nicht, sagt die 49-jährige Professorin für Weiterbildung. Nach der Kita und Schulzeit stehen noch etwa drei Viertel der Lebenszeit bevor, wenn man von einem Lebensalter von etwa 80 Jahren ausgeht. Am Centrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung befasst sich die Erziehungswissenschaftlerin auch mit dem Schulalltag: Wie können Lehrerinnen und Lehrer, die mitten im Beruf stehen, Weiterbildung in ihren Arbeitsalltag integrieren? „Ein Lehramtsstudium reicht nicht aus, um bis zur Rente eine gute Lehrerin zu sein. Das spüren wir gerade an Schulen, wenn es um den Umgang mit Vielfalt und die Reform zur inklusiven Schule geht“, so Carola Iller.

Lesen Sie die Porträts im aktuellen Uni-Journal auf Seite 1 und 2 (Frühjahr 2016) (PDF)


Ankommen in der Universität. Laptop, Statistik-Software, ein Kinderbuch, ein Hammer auf dem Schreibtisch der Wissenschaftlerin: Janna Teltemann richtet ihr Uni-Büro ein. Die Juniorprofessorin für Bildungssoziologie und junge Mutter startet in die Vorlesungszeit. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Ankommen in der Universität. Laptop, Statistik-Software, ein Kinderbuch, ein Hammer auf dem Schreibtisch der Wissenschaftlerin: Janna Teltemann richtet ihr Uni-Büro ein. Die Juniorprofessorin für Bildungssoziologie und junge Mutter startet in die Vorlesungszeit. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim