Mathematiker Hurwitz lässt Einstein abblitzen

Thursday, 23. January 2014 um 16:52 Uhr

Während der in Hildesheim geborene Hurwitz in Zürich lehrte – war Einstein sein Student. Dessen Bewerbung um eine Assistentenstelle ignorierte der Professor, da Einstein „mangels an Zeit" kaum in mathematischen Seminaren gesehen wurde. Später, als Professorenkollegen, verband Einstein und Hurwitz das gemeinsame Musizieren. Wie Hurwitz in Hildesheim lebte, hat die Universität Hildesheim aufgearbeitet.

Machen auf Hurwitz aufmerksam, zunächst mit einer Gedenktafel: Schulleiter Hartmut Schulz vom Gymnasium Andreanum und Mathematikprofessor Jürgen Sander.

Neue mathematische Ideen und Erkenntnisse gilt es festzuhalten. Was ist da besser geeignet, als ein Tagebuch. Auf mehr als 30 Exemplare brachte es ein Hildesheimer Mathematiker. In den Aufzeichnungen von 1882 bis 1919 berichtet er vom wissenschaftlichen Austausch und formuliert Fragestellungen für Doktorarbeiten. Die beinahe drei Jahrzehnte Rückschau verraten heute, wie mathematische Forschung entsteht. Da erfährt der Leser, wie durch eine Mischung aus mathematischem Brainstorming, dem zielgerichteten Rückgriff auf vorhandenes Wissen sowie viel harter Arbeit mit der Zeit neue Erkenntnisse gewonnen werden. In vielen Fällen gelang es Hurwitz in den mathematischen Gebieten Funktionentheorie, Zahlentheorie, Algebra und Geometrie, endgültige Aussagen zu formulieren und – was für die Mathematik unabdingbar ist – beweisen zu können.

„Hurwitz war Mathematiker und Forscher auf Weltniveau. Er lieferte in etwa 100 Publikationen grundlegende, bis heute relevante Beiträge", sagt Mathematikprofessor Dr. Jürgen Sander von der Universität Hildesheim. „Umso verwunderlicher ist es, dass der bedeutende Wissenschaftler in seiner Geburtsstadt Hildesheim kaum bekannt ist."

Gemeinsam mit dem Gymnasium Andreanum will Jürgen Sander dies nun ändern, zunächst mit einer Gedenktafel. „In der Schulzeit können sich mathematische Interessen entwickeln“, sagt der Schulleiter Hartmut Schulz während einer Gedenkveranstaltung mit Schülern des 12. Jahrgangs in dieser Woche. Er verweist auf die Biografie des Mathe-Genies. Adolf Hurwitz wurde am 26. März 1859 in Hildesheim geboren und verstarb am 18. November 1919 in Zürich, er stammt aus einer jüdischen Familie. Dass sein mathematisches Interesse erkannt wurde, war keine Selbstverständlichkeit. Damals waren die Gymnasien stark geisteswissenschaftlich geprägt. Altgriechisch und Latein gehörten zum Schulalltag. „Die Naturwissenschaften und lebende Fremdsprachen gewannen erst im 19. Jahrhundert an schulischer Bedeutung und wurden auf sogenannten Oberrealschulen gelehrt. Das heutige Gymnasium Andreanum hatte solch einen ‚Realzweig' mit einer eher naturwissenschaftlichen Ausrichtung. Hurwitz‘ Mathematiklehrer Hermann Schubert erkannte dessen mathematische Begabung und förderte ihn. So forschte Hurwitz schon als 17-Jähriger und veröffentlichte noch während der Schulzeit erste wissenschaftliche Arbeiten", erklärt Jürgen Sander. Die Biografie hat die Mathematikstudentin Annika Rasche aufgearbeitet. Sie schrieb ihre Abschlussarbeit über Hurwitz in Hildesheim, recherchierte im Stadtarchiv, fand Briefwechsel und Einträge in Archiven in Zürich.

Hurwitz studierte Mathematik an der heutigen Technischen Universität München, der Humboldt-Universität zu Berlin und an der Universität Leipzig. Nach der Promotion habilitierte er sich an der Universität Göttingen. Er lehrte als Professor an der ETH Zürich und befasste sich mit Zahlentheorie und Funktionentheorie. „Während seiner Forschungszeit an der ETH Zürich – so der heutige Name – engagierte sich Hurwitz auch für die Fortbildung von Lehrern. Von vielen seiner Hörer und Studierenden wurde er als begnadeter Didaktiker beschrieben, dem es gelang, auch komplizierte Konzepte klar darzustellen", so Sander.

Während Hurwitz als Professor in Zürich lehrte – war Albert Einstein sein Student. Dieser bewarb sich um 1900 sogar auf eine Assistentenstelle bei ihm. Hurwitz ignorierte die Bewerbung, da „der Herr Professor darüber ein wenig verwundert gewesen sei, war doch dieser Student niemals in den mathematischen Seminaren zu sehen gewesen, da er sich mangels an Zeit nicht beteiligen konnte“ (Archiveintrag). Einstein selber rechtfertigte das vorerst damit, „dass es für einen Physiker genüge, die elementaren mathematischen Begriffe zu kennen und anzuwenden, der Rest für ihn aus ‚unfruchtbaren Subtilitäten‘ bestehe“. Später sah Albert Einstein allerdings ein, dass er damit Unrecht hatte und ihm somit die Chance, bei zwei bedeutenden Mathematikern wie Hurwitz und Minkowski zu lernen, entgangen war. Später, als Professorenkollegen in Zürich verband Einstein und Hurwitz ab 1909 die Leidenschaft zur Kammermusik – so existieren Bildaufnahmen vom Geigespielen und gemeinsamen Musizieren.

Der Mathematiker pflegte zeitlebens enge Beziehungen zu seiner Geburtsstadt Hildesheim und besuchte regelmäßig sein Elternhaus, das am Standort des heutigen Van der Valk-Hotels stand. Dabei führte er auch immer wieder auswärtige Kollegen durch die von ihm geliebte Stadt Hildesheim.

Mehr erfahren: Am 14. Februar 2014 tagt die Projektgruppe „Geschichte der Mathematik" an der Universität Hildesheim. Prof. Dr. Jörn Steuding von der Universität Würzburg wird in einem öffentlichen Vortrag über den Mathematiker Hurwitz sprechen.