IT-Speed-Dating mit Partnerunternehmen

Friday, 25. January 2013 um 15:40 Uhr

IT-Studierende sammeln im Studium Praxiserfahrungen in Unternehmen. Um „sich zu finden“ setzt die Universität Hildesheim erstmals auf ein „IT-Speed-Dating“, sagt Dr. Felix Hahne.

Eine Glocke ertönt – los geht’s. 5 Minuten hat Mohammad Hmayun Zeit, um „ins Unternehmen zu schnuppern“. Sein Gegenüber, Michael Walter von der Volksbank Hildesheimer Börde, blickt auf den Kurzlebenslauf und startet: „Wir brauchen Unterstützung im IT-Bereich. Wir wollen eine App entwickeln und das Rechenzentrum stellt auf Cloud Computing um.“ Dann folgt ein kurzer Überblick über das Unternehmen, und bei der Verabschiedung heißt es: „Wenn Sie Interesse haben, notieren Sie sich meinen Namen.“ Weiter zum nächsten Tisch. „Vor allem wollte ich von den Unternehmen wissen, ob sie sich im IT Bereich auch mit Softwaredesign (Softwaremodellierung) beschäftigen. Ich suche einen Praktikumsplatz, wo ich die nötige ‚praktische Erfahrung‘ sammeln kann“, sagt Hmayun. „Ein direktes Gespräch ist besser, als über die Website zu scrollen und dann die Bewerbung abzuschicken. Heute kann ich Mitarbeiter von großen und kleinen Unternehmen in kurzer Zeit kennen lernen“, sagt der 20-jährige Hannoveraner.

Er will „während des Studiums früh Praxiserfahrungen sammeln, um abzuwägen, ob der Berufsweg eher in Richtung Programmieren und Softwareentwicklung oder Datenbankmanagement geht“. Mohammad Hmayun studiert im 3. Semester „Wirtschaftsinformatik“. Die frühe Verbindung von Theorie und Praxis in diesem und dem Nachbarstudiengang „Informationsmanagement und Informationstechnologie“ (IMIT) gehört an der Universität Hildesheim zum Studienalltag. Mehr als 350 Studierende haben in den letzten Jahren ihr Praktikum bei den fast 40 regionalen Partnerunternehmen absolviert. Dabei entstanden engagierte Projekt- und Abschlussarbeiten, und, begleitend zum Studium, flexible Arbeitsverhältnisse.

Und wie kommen Studierende und Unternehmen zusammen? Um „sich zu finden“ setzt die Universität erstmals auf ein „IT-Speed-Dating“, sagt Dr. Felix Hahne vom Institut für Betriebswirtschaft und Wirtschaftsinformatik. 25 Verantwortliche aus Personalabteilungen und Fachabteilungen von 15 Unternehmen und doppelt so viele Studentinnen und Studenten nehmen teil. „Sie nehmen sich Zeit“, freut sich Lea  Gerling, IMIT-Studentin. „Es ist praktisch, direkt mit vielen Unternehmen ins Gespräch zu kommen, statt sich zu Hause Profile auf Internetseiten durchzulesen.“

Aaron Klinges Ziel: ein Praktikum im Bereich Softwareentwicklung

Wie beim Speed-Dating üblich, läuft die Zeit und wechseln die Gesprächspartner. Besprechungstische, zwei Räume, drei Stunden, die Uhr tickt. Reihum, die standardisierte Kurzbewerbung im Gepäck. „Auf eine Seite muss das Leben passen“, sagt Aaron Klinge. „Der Rest muss im Gespräch rüberkommen, ob man sich sympathisch ist, ob die Anforderungen zueinander passen, was man drauf hat.“ Selbstsicher sagt er: „Ich klemme mich hinter Probleme und will sie lösen, das sind meine Stärken.“ Neun Betriebe hat der 22-jährige angehende Wirtschaftsinformatiker schon kennen gelernt und ein Ziel vor Augen: „Ich will heute Unternehmen herausfiltern, bei denen es Sinn macht, dass ich mich bewerbe. Idealerweise würde ich gerne das Praktikum im Bereich Softwareentwicklung mit der Bachelor-Arbeit kombinieren.“

„Wir machen heute keine Vertragsabschlüsse"

„Wir machen heute keine Vertragsabschlüsse", sagt Dr. Uwe Gerstmann. Er arbeitet seit Jahren im IT-Managementbereich von Bosch Car Multimedia in Hildesheim. Und er kennt die Bewerbungen von jungen Fachkräften, die wöchentlich im Unternehmen eintrudeln. „Das IT-Speed-Dating heute Abend ist eine Chance – für uns und für die Studenten, die sich erstmal ein Bild von den Unternehmen in der Region machen können um dann die richtige Wahl zu treffen. Ich kann den Studenten nicht abnehmen, welchen beruflichen Weg sie einschlagen wollen. Aber ich kann dabei helfen, sie zu informieren, welche Tätigkeitsfelder es gibt und wie die Anforderungen sind", verdeutlicht Gerstmann und freut sich über das Angebot der Universität. „Diese kurzen Begegnungen heute Abend sind sinnvoll. Ich erlebe immer wieder, dass Bewerber von weit her zum Vorstellungsgespräch anreisen und  die Erwartungshaltungen auseinanderklaffen. Das erste Kennenlernen heute ist auch dazu da, vergebliche Bewerbungen zu vermeiden", sagt er.

Es ist Halbzeit. An diesem Abend saßen etwa 20 Studierende auf dem Holzstuhl vor Uwe Gerstmann - mit sehr unterschiedlichen Erwartungen und Auftreten. Thomas Müller hat sein Ziel vor Augen, grüßt freundlich. „Guten Abend." Setzt sich, streckt den Arm mit einem Kurzlebenslauf aus. „Ich geb Ihnen gleich mal meine Daten rüber." Anders stellen sich Jan-Niklas Munich und Zeynap Bindal, die Informationsmanagement und Informationstechnologie studiert, vor. Sie sind eher zurückhaltend, so dass Gerstmann erst einmal erzählt, „was Sie bei uns erleben können". „Theorie und Praxis ist immer eine Kluft. Deshalb sollen Sie in ihrem Praktikum bei uns im Tagesgeschäft mitarbeiten." Dann berichtet er, wie sein Team bei Bosch neue Unternehmenssoftware an Standorten weltweit einführt. „Der Betrieb muss weiter funktionieren, einen Ausfall in der Produktion können wir uns nicht erlauben. Deshalb läuft jede Softwareerneuerung als Projekt, wird detailliert getestet, bevor die Umschaltung erfolgt."

Und sein Fazit des Abends, was wird er morgen im Unternehmen erzählen? „Das IT-Speed-Dating sollte weitergeführt werden. Es bietet die Gelegenheit in sehr kurzer Zeit das Angebot des Unternehmens klar zu machen. Den Studenten wird damit eine Entscheidungsbasis geboten und sie können Bewerbungen besser auf den Punkt bringen.", sagt Gerstmann.

„Ich habe so schnell wie noch nie zuvor viele interessante Menschen kennen gelernt und bin jetzt motiviert, mehr als einen Praktikanten/in aufzunehmen", berichtet Eberhard Issendorf von der Issendorf KG in Rethen.

Kurzinfo: Wachstum im IT-Bereich 2000 – 2012

Der IT-Bereich der Universität Hildesheim ist seit Einführung des Studiengangs „Informationsmanagement und Informationstechnologie“ im Jahr 2000 stark gewachsen. 2007 wurde ein zweiter IT-Studiengang, „Wirtschaftsinformatik“, eingerichtet. Die Zahl der IT-Studierenden wuchs um 60 Prozent; von 230 im Jahr 2000 auf fast 400 im Jahr 2012. Zum Wintersemester 2012/13 starteten 100 neue IT-Bachelorstudierende.

„Die positive Entwicklung wäre ohne die Unterstützung der Partnerunterunternehmen nicht möglich gewesen“, sagt Prof. Dr. Klaus Ambrosi, Direktor des Instituts für Betriebswirtschaft und Wirtschaftsinformatik und Studiengangsbeauftragter. Die Partnerunternehmen bieten für das zehnwöchige Wirtschaftspraktikum Plätze an. Im „Arbeitskreis Informationstechnologie“, einer gemeinsamen Einrichtung der IHK (Geschäftsstelle Hildesheim) und der Universität Hildesheim, tauschen sie sich mit Wissenschaftlern und Studierenden aus. Die Zahl der Partnerunternehmen ist von 16 im Jahr 2000 auf 36 im Jahr 2012 angestiegen. „Für das Wachstum im IT-Bereich waren die IT-Stiftungsprofessur der Stadtsparkasse, der Kreissparkasse und der Volksbank Hildesheim im Jahr 2003 und die Professur Wirtschaftsinformatik, die der Hildesheimer Unternehmer Arwed Löseke im Jahr 2005 stiftete, maßgeblich“, unterstreicht Ambrosi.