Hildesheim Discussion Papers on Social Science

Tuesday, 11. September 2007 um 08:23 Uhr

Das Institut für Sozialwissenschaften stellt neue Publikationsserie vor

Prof. Dr. Claudia Derichs, Leiterin des Instituts für Sozialwissenschaften, lädt zur Lektüre aktueller Beiträge der Sozialwissenschaften ein. "In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen wir Beiträge der bei uns engagierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler", so Derichs. Die Politikwissenschaftlerin wünscht sich eine rege Diskussion in und mit den Hildesheimer Sozialwissenschaften. Die Reihe ist im August online gestartet und beinhaltet bereits dreiFachbeiträge zu aktuellen Themen. Hildesheim Discussion Papers on Social Science

HDP 1, August 2007: Frank Sommer, Militär und Demokratie in Südeuropa

HDP 2, August 2007: Peter Rieker, Soziale Dimensionen des Ethnischen in interethnischen Beziehungen

HDP3, September 2007:Rainer Strobl, Der Kampf um Aufmerksamkeit

 

HDP 3, September 2007

Rainer Strobl: Der Kampf um Aufmerksamkeit. Auffallen als Grundlage für Anerkennung und soziale Wertschätzung
(Vortrag im Rahmen des Habilitationsverfahrens)

Meine sehr geehrten Damen und Herren, sehr geehrte Mitglieder Habilitationskommission,
"Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen. Ihr Bezug sticht jedes andere Einkommen aus. Darum steht der Ruhm über der Macht, darum verblasst der Reichtum neben der Prominenz".1 Dieses Zitat aus Georg Francks "ökonomie der Auf-merksamkeit möchte ich zum Anlass nehmen, Ihnen für die Aufmerksamkeit zu danken, die Sie mir im Verlauf meines Habilitationsverfahrens geschenkt haben und auch am heutigen Tage schenken. Besonders schön weist die englische Wendung "to pay attention" darauf hin, dass Aufmerksamkeit nichts ist, was in beliebiger Menge zur Verfügung steht. Man kann Aufmerksamkeit zwar schenken, aber auch schulden oder verweigern. Diejenigen, denen kei-ne Aufmerksamkeit zuteil wird und die im Schatten stehen, können schließlich versucht sein, Aufmerksamkeit zu erzwingen.
Doch bevor ich auf den hier bereits angedeuteten Kampf um Aufmerksamkeit eingehe, möch-te ich Ihnen zunächst einige überlegungen zur theoretischen Verortung des Aufmerksamkeitskonzeptes in der Soziologie vorstellen. Dann möchte ich zeigen, dass Aufmerksamkeit in der modernen Gesellschaft eine knappe Ressource ist.
Daran anknüpfend möchte ich Ihnen einige überlegungen zum Verhältnis von Aufmerksamkeit und Anerkennung vorstellen.
Anschließend möchte ich auf die Frage der Gewährung und der Erzwingung von Aufmerksamkeit eingehen.
Damit zusammenhängend möchte ich kurz darauf eingehen, ob uns die Aufmerksamkeit, die uns in Interaktionsbeziehungen entgegengebracht wird, eigentlich noch genügt.
Abschließend möchte ich auf die Frage eingehen ob das Anerkennungskonzept seinen Stellenwert für die von Honneth angestrebte normativ gehaltvolle Gesellschaftstheorie behalten kann, wenn man den Kampf um Aufmerksamkeit als den grundlegenden Kampf ansieht.

=> Zum Beitrag


1 Franck, Georg (1998): ökonomie der Aufmerksamkeit. München; Wien: Hanser, S. 10.

HDP 2, August 2007

Peter Rieker: Soziale Dimensionen des Ethnischen in interethnischen Beziehungen

In modernen Gesellschaften werden Identität und soziale Beziehungen entscheidend über ethnische Zugehörigkeit definiert. Um die Bedeutung ethnischer Zugehörigkeit angemessen zu erfassen, sollte man sich nicht darauf beschränken, ethnische Zugehörigkeit als zugeschriebenes Distinktionsmerkmal zu fassen, sondern die Selbstverortungen und Selbstbeschreibungen der Betroffenen einbeziehen. Dabei zeigen sich vielseitige Bezüge und es werden auch alter-native Formen sozialer Zugehörigkeit und Integration erkennbar. Vergemeinschaftungen, die sich nicht an der Zugehörigkeit zu tradierten National-, Volks- oder Kulturgruppe orientieren, lassen sich in solchen Bereichen der Migrationsforschung beobachten, die bisher nur wenig Aufmerksamkeit gefunden haben: Bei Migranten in Ostdeutschland und bei jungen Flüchtlingen. Unter Berücksichtigung dieser Migrantengruppen lassen sich soziale Bedingungen erkennen, die für interethnische Formen des Zusammenlebens und der Integration förderlich sind. Dafür ist es notwendig, das Konzept ethnischer Zugehörigkeit nicht auf die fixierte Zugehörigkeit zu National-, Volks- oder Kulturgruppen zu beschränken. Stattdessen ist hinsichtlich der Herkunft von Migranten eine Differenzierung sinnvoll, außerdem sollten der Aufnahmekontext und die Integrationsprozesse einbezogen werden.

=> Zum Beitrag


HDP 1, August 2007

Frank Sommer: Militär und Demokratie in Südeuropa

Am 26. Oktober 2005 begannen die offiziellen EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. Noch muss das Land am Bosporus einen steinigen Weg zurücklegen, bis es evtl. seinen lang gehegten Wunsch nach einer Mitgliedschaft in der Europäischen Gemeinschaft bzw. Union erfüllt sieht. Die Kopenhagener Kriterien von 1993, ursprünglich für die im Jahre 2004 erfolgte Osterweiterung konzipiert, bilden eine nicht zu unterschätzende Hürde für die wohl umstrittenste Vergrößerung des "Vereinten Europa".1 Das Land am Bosporus hat in den vergangenen Jahren beachtliche politische Reformen unternommen, die Zweifler in Staunen versetzten. Dies umso mehr, weil sich die anfangs sehr misstrauisch beäugte Regierung Erdogan als progressiver erwies als viele ihrer Vorgängerinnen.2 Andererseits ist die Demokratie in der Türkei nach wie vor schwach verankert, der Konflikt zwischen Tradition und Moderne spaltet das Land in zwei unversöhnliche Lager.3
Bei den Auseinandersetzungen innerhalb der Türkei fällt das Militär als Institution auf, die seit Jahrzehnten das politische Geschehen maßgeblich mitbestimmt. Die Armee versteht sich als Hort des kemalistischen Erbes und unterband bisher jeden ernsthaften Versuch, den von Atatürk vorgegebenen Weg zu verlassen. Dies hat bis heute zweischneidige Folgen: Einmal blieb die in den 1920er-Jahren endgültig erfolgte Ausrichtung der Türkei gen Westen erhalten. Langfristig ist daher eine Demokratisierung nicht auszuschließen. Andererseits sind gerade die häufigen Eingriffe der Armee in das politische Leben mit demokratischen Grundsätzen unvereinbar. Von den Anforderungen der Europäischen Union war die Türkei deshalb jahrzehntelang meilenweit entfernt; selbst heute noch darf das Militär in seiner Bedeutung nicht unterschätzt werden.
Das schwierige Verhältnis der Türkei zur Demokratie ist kein Einzelfall, ein Blick in andere europäische Mittelmeeranrainerstaaten4 verrät, dass auch dort bürgerliche Teilhaberechte und Partizipationsmöglichkeiten erst im Laufe der letzten Jahrzehnte durchgesetzt wurden. Portugal, Griechenland und Spanien blieben bis 1974 bzw. 1975 autoritär bestimmt.5 (...)

=> Zum Beitrag


1 Dabei sind deren Bedingungen plausibel und dürfen in ihren Ansprüchen kaum als unfair oder überhöht gelten. Von Forderungen nach mehr Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, der Einhaltung von Menschenrechten sowie der Gewährung von Minderheitenschutz kann die Bevölkerung Kleinasiens nur profitieren. Wirtschaftliche Kriterien betreffen den Kernbestand der europäischen Integration und sind daher unverzichtbar; die übernahme des acquis communautaire sollte ein reibungsloses Funktionieren der türkischen Verwaltung innerhalb der europäischen Administration garantieren. Dass erstmalig die Integrationskraft der EU ein Kriterium darstellt, darf angesichts der hohen Bevölkerungsanzahl in der Türkei und des sehr niedrigen BIP/Kopf nicht überraschen.
2 Zur Doppeldeutigkeit der Politik unter AKP-Chef Erdogan vgl. Gottschlich: Wohin steuert die AKP? Eine Partei zwischen Aufbruch und roll back, in: Haustein / Sartorius / Bertrams (Hrsg.): Modell Türkei? Ein Land im Spannungsfeld zwischen Religion, Militär und Demokratie, S. 51-56
3 Dies wurde erst bei dem jüngsten Streit (Mai 2007) um das Amt des türkischen Staatspräsidenten deutlich: Während die grundsätzlich religiös-traditionalistisch ausgerichtete Regierungspartei AKP ihren Kandidaten Gül durchsetzen wollte, demonstrierten mehrere hunderttausend westlich orientierte Bürgerinnen und Bürger dage-gen, weil sie eine zunehmende Islamisierung ihres Landes befürchteten.
4 Ob es sich bei der Türkei um ein europäisches Land handelt, ist sehr umstritten. Allerdings ist sie Mitglied des Europarates und wird als Beitrittskandidat für die Europäische Union diskutiert.
5 Im Zusammenhang mit der überwindung der dortigen Diktaturen sprach Samuel Huntington von der "dritten Demokratisierungswelle" (Huntington: The third wave. Democratization in the late Twentieth Century, 1991).
HDP 1/2007, S. 2