Eine andere Art des Lehrens

Monday, 24. August 2020 um 12:43 Uhr

Das Forschungsteam der Chemie gehörte zu den ersten, die in diesem außergewöhnlichen Semester laborpraktische Übungen an der Universität Hildesheim digital anboten. Direkt am ersten Semestertag begann um 8 Uhr die Video-Übertragung des Seminars zur physikalischen Chemie. Dr. Jacqueline Claus, Dr. Jan Hinrichs und Markus Herrmann berichten von ihren Erfahrungen.

Wie haben Sie es geschafft, sich so gut auf den Semesterstart vorzubereiten?

Jacqueline Claus: Die Anschaffungen, die die Abteilung Chemie in vorausgegangenen Semestern im Rahmen der Digitalisierung der Lehre getätigt hat, haben uns eine sehr gute Basis geliefert. Herr Herrmanns technische Affinität und Herr Hinrichs Ideengabe haben dazu geführt, dass der Semesterstart gelungen ist. Somit war es mir möglich, die erste Veranstaltung in diesem Sommersemester optimal abzuhalten.

Jan Hinrichs: Vor allem aufgrund der bereits in den vorangegangen Semestern vorgenommenen Digitalisierung der Lehre und Beschaffung entsprechender Hardware (v. a. mobiler Endgeräte) lagen bereits gute Voraussetzungen für die Umsetzung vollkommen digitaler Lehre vor. Nach Ankündigung des digitalen Semesters haben wir in den wenigen Wochen vor dem Semesterstart – v. a. aufgrund des Engagements und technischen Know-Hows unseres Mitarbeiters Herrn Herrmann - das Zusammenspiel von Hard- und Software optimieren können.

Markus Herrmann: Allen guten Vorbereitungen zum Trotze zeigte sich tatsächlich erst am ersten ‚live‘-Tag, wie gut (oder eher wie nicht ganz optimal) die Technik im Produktiveinsatz funktionierte.

Wie gestalten Sie Ihre digitalen Seminare?

Jacqueline Claus: Die Veranstaltungen des Moduls „Physikalische Chemie I“ haben alle live per Videokonferenz im BigBlueButton stattgefunden. Dabei teile ich mit den Studierenden Powerpoint-Präsentationen und stehe am Smartboard, um wichtige Punkte zu notieren. Die Studierenden können sich über die Chat- und Audiofunktion aktiv an den Veranstaltungen beteiligen. Zusätzlich werden im Learnweb die Vorlesungsfolien und die Mitschriften der jeweiligen Veranstaltung hochgeladen, um eine Benachteiligung von Studierenden mit störungsanfälliger Internetverbindung zu vermeiden.
In der Laborübung „Physikalische Chemie I“ haben die Studierenden Versuche zu den Inhalten der Vorlesung theoretisch vorbereitet. Mit den Studierenden erarbeite ich die theoretischen Grundlagen sowie die Auswertung der Versuche und moderiere die Durchführung der Versuche, welche von Herr Herrmann oder mir – unter Anleitung von den Studierenden – live per Videokonferenz praktisch durchgeführt wurden.
 
Jan Hinrichs:
Im Rahmen meiner Vorlesung „Organische Chemie“ bespreche ich live per Videokonferenz und Bildschirmfreigabe animierte Powerpoint-Folien. Neben den Folien habe ich den Studierenden einige kurze Lehrvideos und Zusammenfassungen zu essentiellen Themen im Learnweb zur Verfügung gestellt, um eine eventuelle Benachteiligung von Studierenden mit schlechter Internetverbindung bei Live-Videokonferenzen zu kompensieren. Im Online-Seminar „Umweltrelevante Aspekte“ der Chemie habe ich die Studierenden in den ersten Terminen soweit vorbereitet, dass sie selbstständig Powerpoint-gestützte Fachvorträge im Videokonferenzsystem BigBlueButton halten und im Anschluss eine Diskussionsrunde mit allen Teilnehmenden führen können.
In der Laborübung „Organische Chemie“ werden begleitend zur Vorlesung verschiedene Versuche von den Studierenden theoretisch vorbereitet und per Videokonferenz live vor Ort unter Anleitung durch die Studierenden von Herrn Herrmann unter Mitwirkung einer studentischen Hilfskraft durchgeführt. Ich bespreche dabei im Vorfeld die theoretischen Hintergründe und agiere als Moderator.

Welche Hilfsmittel kommen im Chemielabor zum Einsatz, um digitale Seminare möglichst anschaulich zu gestalten?

Markus Herrmann: Anfänglich haben wir gerade in den Laborpraktischen Veranstaltungen mit verschiedenen Wegen der Ton- und Bildübertragung gearbeitet. Neben neuen Softskills (Kameraführung, Beleuchtung und Videoschnittsoftware) war jedoch für mich am erstaunlichsten, dass das Smartphone im live-Betrieb die besten Ergebnisse lieferte: Mobilität, Bild- und Tonqualität und Stabilität waren überzeugend.

Sicher muss man im digitalen Raum auch Abstriche machen. Was geht ihrer Meinung nach in digitalen Seminaren verloren?

Jacqueline Claus: Der persönliche Kontakt bleibt dabei auf der Strecke. Vor allem Studierenden, die zum Sommersemester die Universität gewechselt haben, fehlt die Möglichkeit Kommilitonen kennenzulernen und Lerngruppen zu bilden. An vielen Stellen wird deutlich, dass für den direkten Kontakt mit den Studierenden die Mimik und Gestik eine zentrale Rolle in der Kommunikation spielen. Diese geht in der Interaktion zwischen den Studierenden und uns als Dozierenden im digitalen Raum weitestgehend verloren.  

Jan Hinrichs: Der reduzierte persönliche Kontakt der Studierenden untereinander führt u. a. dazu, dass die Bildung kleinerer Lerngruppen ausbleibt und Studierende mit Verständnis- bzw. Lernschwierigkeiten noch mehr auf sich selbst gestellt sind. Daneben ist die Interaktion und zwischen Lernenden und Lehrenden enorm eingeschränkt.

Markus Herrmann: Das Erlernen von praktischen Fertigkeiten, der richtige Umgang mit Laborgeräten und das eigene Durchführen von Schauversuchen lassen sich im digitalen Raum niemals adäquat ersetzen.

Gibt es Dinge, die digital sogar besser funktionieren als in Präsenzseminaren?

Jacqueline Claus: Nein. Ich denke nicht, dass die Studierenden in einer Webvideokonferenz laborpraktische Kompetenzen erwerben können. Für eine optimale laborpraktische Ausbildung und Lernerfolge der Studierenden im Fach Chemie ist der direkte Kontakt unverzichtbar.

Jan Hinrichs: Nein. Ich bin davon überzeugt, dass Seminare und unsere Laborübungen von der Einbindung der Studierenden und von der Interaktion zwischen Lernenden und Lehrenden leben und dies eine Voraussetzung für gute Lernerfolge ist. Diese Interaktion ist bei Web-Videokonferenzen enorm eingeschränkt, zumal die teilweise langsame Internetverbindung einiger Studierender gar keine Videoübertragung zulässt.

Markus Herrmann: Naja, die Anwesenheit der Montags-Veranstaltung um 8:00 Uhr hat sich verbessert!

Glauben Sie, dass Sie in Bezug auf die Gestaltung Ihrer Präsenzseminare etwas aus dieser Zeit mitnehmen werden?  Gibt es beispielsweise digitale Methoden, die Sie neu kennengelernt haben und auch weiterhin nutzen wollen, selbst dann, wenn es nicht mehr notwendig ist?

Jacqueline Claus: Dieses Semester hat viele Herausforderungen an uns alle gestellt. Wir haben diese gemeistert, aber mit deutlichen Abstrichen. Mir fehlt die Möglichkeit die Studierenden anzusehen, da ich im direkten Kontakt schnell erkennen kann, ob Sie die Zusammenhänge verstehen oder ich auf eine Thematik genauer eingehen muss. Natürlich sind digitale Medien nützliche Hilfsmittel, können aber die Präsenz der Studierenden in der Vorlesung und vor allem der Laborübung nicht ersetzen.

Jan Hinrichs: In dieser Zeit ist mir, mehr als jemals zuvor, bewusst geworden, wie wichtig die Präsenz von Studierenden und der direkte Blickkontakt in den Veranstaltungen sind. Bei all den technischen Möglichkeiten lebt die Lehre meines Erachtens von menschlicher Interaktion und dem Einfühlungsvermögen des Lehrenden. Dieser kann z. B. anhand der Blicke der Zuhörerschaft erkennen, ob Sachverhalte verstanden wurden. Im direkten Austausch bzw. persönlichen Gespräch können fachliche Unklarheiten deutlich schneller geklärt werden.

Haben Sie von Studierenden Rückmeldungen zu Ihren Seminaren bekommen?

Jacqueline Claus: Ja. Die Studierenden haben sich gefreut, dass wir in der Lage waren alle Veranstaltungen anzubieten.

Jan Hinrichs: Ja. Die Studierenden waren froh, dass wir uns trotz der kurzen Vorbereitungszeit für sie so „ins Zeug gelegt“ haben, sämtliche Veranstaltungen dieses Semesters angeboten und – so gut es eben ging – digital umgesetzt haben.

Sie gehören zu den „Lotsen“ der Universität, die ihre Erfahrungen bei der Umsetzung labortechnischer Übungen im digitalen Raum an andere Lehrende weitergeben. Wie würden Sie Dozierende ermutigen, die nicht wissen, wie sie ihre Seminare digital gestalten können?

Jacqueline Claus: Es ist eine andere Art des Lehrens, die neue Grenzen und Möglichkeiten liefern kann. Digitale Seminare entwickeln sich im offenen und stetigen Austausch mit erfahrenen Dozierenden, technisch versierten Kollegen und den Studierenden weiter.
 
Jan Hinrichs: Da die Gestaltung bzw. Umsetzung der digitalen Lehre neben Geduld bei der Anwendung sehr viel Kreativität, Kenntnis der technischen Möglichkeiten und Grenzen erfordert, ist der Austausch mit bereits erfahreneren und technisch versierteren Dozierenden enorm hilfreich. So können bereits etablierte Lösungen zur erfolgreichen Umsetzung digitaler Lehrformate adaptiert werden und im gemeinsamen Dialog (auch mit den Studierenden) optimiert werden.

 

Das Interview führte Marie Minkov, studentisches Mitglied im Redaktionsteam der Pressestelle.