Corona – und dann? Interview mit Erziehungswissenschaftlerin Dr. Marlene Kowalski

jeudi, 01. juillet 2021 um 08:07 Uhr

Die Erziehungswissenschaftlerin Dr. Marlene Kowalski untersucht, wie Schüler*innen in der Grundschule die COVID-19-Pandemie erlebt und welche Erfahrungen sie mit dem Lernen zuhause gemacht haben. Wie haben Kinder mit unterschiedlichen Ausgangslagen und Ressourcen die Zeit des Distanzlernens wahrgenommen? Die Zeit des „Homeschooling“ habe gezeigt, welche Bedeutung der Institution Schule in der Biographie von Kindern zukomme, aber auch welche Relevanz sie für Familien und die Gesellschaft als Ganzes habe, sagt Kowalski. Das Interview ist Teil der crossmedialen Serie „Corona – und dann? Wie es perspektivisch weitergehen kann“.

Dr. Marlene Kowalski forscht und lehrt am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Hildesheim. Foto: Daniel George

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„Corona – und dann? Wie es perspektivisch weitergehen kann“
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Frau Dr. Kowalski, Sie arbeiten als Post-Doc an der Universität Hildesheim im Bereich der empirischen Schul- und Bildungsforschung. Worin liegt Ihr Erkenntnisinteresse vor dem Hintergrund der COVID-19-Pandemie?

Die COVID-19-Pandemie ist nicht nur aus gesellschaftlicher und medizinischer, sondern auch aus bildungswissenschaftlicher Sicht eine Zäsur. Im März 2020 kam es im Zuge der ersten Welle zu flächendeckenden Schulschließungen, die mit der Einführung des sogenannten Distanzlernens oder „Homeschooling“ einhergingen. Dieses Lernen zuhause wurde dann über einen langen Zeitraum, teilweise mit kurzen Unterbrechungen oder im Wechselunterricht, über ein Jahr lang beibehalten. In dieser Zeit mussten die Schüler*innen ihr Lernen weitgehend selbst organisieren und strukturieren.

Gerade für jüngere Schüler*innen im Grundschulalter ist dies ein enorm langer Zeitraum, in der nicht nur die verlässliche schulische Struktur, sondern auch die direkten Kontakte zu Mitschüler*innen oder Lehrkräften weggebrochen sind. Mich interessiert, wie Schüler*innen in der Grundschule diese Zeit erlebt haben, welche Erfahrungen sie mit dem Lernen zuhause gemacht haben und auch wie ihre Lehrkräfte und die Schulleitungen die Exklusionsrisiken durch das Lernen zuhause einschätzen.

„Die COVID-19-Pandemie ist aus bildungswissenschaftlicher Sicht eine Zäsur“

Wie blicken Sie als Wissenschaftlerin in der empirischen Bildungs- und Ungleichheitsforschung auf die COVID-19-Pandemie?

Durch das Lernen zuhause waren alle Schüler*innen viel stärker auf ihren familiären Kontext zurückgeworfen als vorher. Um zuhause gut lernen zu können, sind jedoch materielle, ökonomische und auch soziale Ressourcen erforderlich, wie etwa die Verfügbarkeit eines mobilen Endgeräts, wie Laptop oder Tablet, ein eigener Arbeitsplatz, aber auch – gerade bei jüngeren Schüler*innen – Unterstützung und Begleitung durch elterliche Bezugspersonen. Die Verfügbarkeit dieser Ressourcen ist sehr ungleich verteilt und gekoppelt an Einkommen, Bildungshintergrund und Sprachkompetenz der Eltern. Bei einigen Schüler*innen kommt es auch zu einer Verknüpfung von Benachteiligungsfaktoren: So wissen wir etwa, dass überdurchschnittlich viele Kinder mit diagnostiziertem sonderpädagogischen Förderbedarf zugleich auch aus sozioökonomisch benachteiligten Elternhäusern kommen. Für diese Kinder ist es auf vielfältige Weise schwierig, während des Distanzlernens den Anschluss nicht zu verlieren und sie benötigen in dieser Zeit besondere Unterstützung durch ihre Lehrkräfte. Diese möglichen Benachteiligungen durch bestimmte Differenzmerkmale werden in der Bildungsforschung auch machtanalytisch aus der Perspektive der Intersektionalität untersucht.

Insofern kann man sagen, dass das Distanzlernen die individuellen und familiären Ausgangsvoraussetzungen jeder einzelnen Schülerin bzw. jedes einzelnen Schülers noch einmal sichtbarer gemacht hat und wir hier genauer herausfinden müssen, welche Hindernisse Schüler*innen mit sehr unterschiedlichen Ausgangslagen erlebt haben und wie diese sich langfristig auf ihre Bildungsbiographie auswirken.

Was lernen wir aus der Corona-Pandemie aus der Perspektive der Bildungsforschung?

Die Zeit des „Homeschooling“ hat gezeigt, welche Bedeutung der Institution Schule in der Biographie der einzelnen Schüler*innen zukommt, aber auch welche Relevanz sie für Familien und die Gesellschaft als Ganzes hat: In der Schule erfahren Kinder Lernunterstützung, individuelle Förderung, Begleitung und auch Anerkennung, zugleich sind sie im sozialen Austausch mit Gleichaltrigen und Lehrkräften, können ihren Interessen in Arbeitsgemeinschaften nachgehen oder ihre sprachlichen Kompetenzen ausbauen. Die Schule hat also eine hohe Integrationsfunktion für Schüler*innen. Zugleich bietet sie einen ‚Gegenpol‘ zum Elternhaus und zum Familiengefüge. Der Besuch der Schule ermöglicht also Kindern auch, aus ihrem möglicherweise problematischen Umfeld herauszukommen. Wir wissen, dass die häusliche Gewalt während der Lockdowns zugenommen hat und Kinder und Jugendliche stärker von sexualisierten Übergriffen betroffen waren, weil die Schutz- bzw. Kompensationsfunktion der Schule weggefallen ist.

Aber es gab auch einzelne Kinder und Jugendliche, die zuhause, ohne die Klassengemeinschaft, besser lernen konnten und sich an digitalen Lernangeboten mehr beteiligt haben als zuvor im analogen Unterricht. Diese Zusammenhänge umfassender zu erschließen, ist nun eine Aufgabe der Bildungsforschung.

Sie starten ein neues Forschungsprojekt zu Exklusionsrisiken durch das Distanzlernen an inklusiven Grundschulen. Wie lange ist die Laufzeit und was werden Sie untersuchen? Wie gehen Sie dabei methodisch vor?

Im Projekt „Exklusionsrisiken und Inklusionspotenziale für Schüler*innen an inklusiven Grundschulen im Kontext des Distanzlernens“, das von der Max-Traeger-Stiftung gefördert wird, werden wir über 1,5 Jahre untersuchen, wie Grundschüler*innen mit ganz unterschiedlichen Ausgangslagen und Ressourcen die Zeit des Distanzlernens wahrgenommen haben. Dabei interessiert uns, welche Herausforderungen sie dabei erlebt haben und was ihnen geholfen hat, in dieser Zeit zurecht zu kommen. Daneben untersuchen wir, wie Lehrkräfte und Schulleitungen dieser Schulen versucht haben, Benachteiligungen und Exklusionsrisiken des Lernens zuhause zu verringern und Teilhabe zu ermöglichen.

Wir wollen also aus verschiedenen Perspektiven untersuchen, welche Ausschlussmechanismen im Kontext des „Homeschooling“ wirksam geworden sind. Für diese mehrebenenanalytische Untersuchung arbeiten wir mit inklusiven Grundschulen aus ganz Deutschland zusammen, um ggf. auch regionale Unterschiede herausarbeiten zu können. Wir erheben dazu Interviews mit den verschiedenen Akteur*innen, die wir qualitativ auswerten, um die individuellen Perspektiven besser herausarbeiten zu können.

„Wir wissen noch fast gar nichts über die langfristigen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die schulische Biographie von Kindern und Jugendlichen“

Was gilt es zu beachten für die Zeit nach Corona, welche Überlegungen möchten Sie diesbezüglich mitteilen?

Nach der Pandemie wird es von großer Bedeutung sein, dass die Schüler*innen wieder zurück in den schulischen Alltag finden. Es sollten also große Anstrengungen darauf verwendet werden, dass die Schüler*innen möglichst viel von dem nachholen, was sie während der Zeit zuhause nicht erlebt haben. Dazu gehört nicht nur die lern- und leistungsbezogene Ebene des Erwerbs von Fachwissen, sondern auch das Erleben der Klassengemeinschaft, des direkten Feedbacks der Lehrkraft oder die Bewegung in den Schulhofpausen, also dass Kinder und Jugendliche die Möglichkeit haben, die Schule als Anerkennungs- und Sozialisationsort wieder zu erleben.

Wo sehen Sie dringenden Forschungsbedarf, was sind zum Beispiel ungeklärte Fragen vor dem Hintergrund der COVID-19-Pandemie?

Wir wissen noch fast gar nichts über die langfristigen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die schulische Biographie von Kindern und Jugendlichen. Hier können längsschnittliche Studien Einblick geben in die Dynamiken und Folgen des „Homeschooling“. Daneben gibt es bislang erst sehr wenige Studien, die das individuelle Erleben von Kindern und Jugendlichen, aber auch von Lehrkräften, Schulleitungen und Eltern während dieser Zeit in den Blick nehmen, also ihren Fokus auf die qualitative Perspektive legen. Die bisherigen groß angelegten Befragungen und Systematisierungen sind durchweg quantitativ angelegt, um mithilfe von großen Stichproben zentrale Tendenzen zu erfassen. Nun muss es ergänzend dazu auch darum gehen, die sehr divergierenden, individuellen Erlebnisse der verschiedenen Akteur*innen im Bildungsbereich zu untersuchen. Dazu will unsere Studie einen Beitrag leisten.

Frau Dr. Kowalski, vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Isa Lange.

Zur Person

Dr. Marlene Kowalski ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Post-Doc) im Bereich Schul- und Professionsforschung in der Abteilung für Angewandte Erziehungswissenschaft der Universität Hildesheim. Zuvor hat sie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg als Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes promoviert und an den Universitäten Leipzig, Kassel, Cambridge (UK) und an der University of Texas at Austin (USA) geforscht. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Differenz und Diversität, Inklusion im Kontext des Distanzlernens, Professions- und Professionalisierungsforschung sowie Qualitativ-rekonstruktive Methoden der Bildungsforschung.


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