Bin im Stress

Thursday, 19. December 2013 um 17:12 Uhr

Manchen bereiten Festtage wie Weihnachten Stress. Mit Psychologieprofessor Johannes Michalak sprach Isa Lange über Stress an Feiertagen und am Arbeitsplatz – und wie man ihn vermeidet. Der Professor für Klinische Psychologie fordert von Arbeitnehmern und -gebern „mehr Anstrengungen im Bereich Prävention und Behandlung von Erschöpfung und Überforderung".

Hektik in Geschäftsstraßen, übertriebener Konsum, Streit – manchen Menschen bereitet die Weihnachtszeit Stress. Warum lösen Feiertage Stress aus?

Johannes Michalak: Stress entsteht immer dann, wenn ich das Gefühl habe, dass mich eine Situation überfordert. Dass sie meine Verarbeitungskapazitäten übersteigt. Das wird begünstigt durch einen Hang zum Perfektionismus – und gerade an Feiertagen wie Weihnachten und an Geburtstagen haben wir dann häufig den inneren Anspruch, dass alles perfekt laufen soll.

Wie kann man denn mit solchen Erwartungen umgehen?

Indem man den Perfektionismus ein Stück weit in Frage stellt. Häufig ist das ja eine Frage der Schwerpunktsetzung. Geht es wirklich darum, dass das Essen, die Geschenke, die Atmosphäre oder das Weihnachtszimmer
perfekt sind? Aber geht es bei Weihnachten nicht um ganz andere Dinge? Außerdem ist es gut, ganz bewusst Gelegenenheiten für Besinnung und Ruhe
zu schaffen: etwas lesen, was einen auf Weihnachten vorbereitet, ein Konzert besuchen, in die Kirche gehen oder auch nur am Abend eine Pause machen, die einen zu sich kommen lässt und in der die Agenda des Tages keine Rolle spielt.

Viele fühlen sich am Arbeitsplatz gestresst. Psychische Erkrankungen sind ein häufiger Grund für Frührente. Was raten Sie Arbeitnehmern und -gebern?

Mehr Anstrengungen im Bereich Prävention und Behandlung von Erschöpfung und Überforderung sind notwendig. Betriebe sollten an den Arbeitsbedingungen ansetzen, zum Beispiel indem man zu hohe Arbeitsverdichtung vermindert, wertschätzend im Arbeitsteam miteinander umgeht und Gesundheit durch Angebote fördert. Den Zustrom von Informationen zu reduzieren, kann eine sinnvolle Maßnahem sein – etwa E-Mails nur während der Arbeitszeit abzurufen. Bei Betroffenen, die merken, dass ihre Batterien erschöpft sind und sich auch nicht mehr so ohne weiteres wieder aufladen, können Therapieverfahren wie die Kognitive Verhaltenstherapie oder die Achtsamkeitsbasierte Therapie zum Einsatz kommen. Daran forschen wir in Hildesheim.

Vielen Dank für das Gespräch.

Lesen Sie das Interview im aktuellen Uni-Journal, Ausgabe Dezember 2013

Klinische Psychologie in Hildesheim

Prof. Dr. Johannes Michalak ist seit 2011 Professor für Klinische Psychologie an der Universität Hildesheim. Das AMEOS Klinikum und das Klinikum Hildesheim fördern die Stiftungsprofessur. Gemeinsam entsteht das „Zentrum für Gesundheit", um die medizinischen Einrichtungen in Hildesheim, Patientenversorgung und die Universität stärker zu vernetzen. Menschen und Unternehmen in der Region sollen so auf die Ursachen und Symptome von Krankheiten wie Depression aufmerksam gemacht werden – um besser
vorbeugen zu können. Johannes Michalak befasst sich in der Forschung mit der Prävention von Burnout und Depression und mit persönlichen Zielen von Psychotherapiepatienten. Psychologiestudierende erhalten praxisnahe Einblicke in den Klinikalltag. Der Hildesheimer Masterabschluss berechtigt, nach einer Ausbildung den Berufsweg als Kinder-, Jugend- oder Psychologischer Psychotherapeut einzuschlagen.