Bildungstage: „Der Kulturcampus ist ein schöner und sehr freier Ort“

Sunday, 21. January 2018 um 18:16 Uhr

33 junge Erwachsene vom „Freiwilligen Sozialen Jahr Kultur" sind zu Gast an der Universität Hildesheim: Gemeinsam mit Studierenden der Kulturwissenschaften besuchen sie Seminare, hören Vorträge und lernen so den Uni-Alltag kennen. „Während der Bildungstage geben wir einen Einblick in das Studien- und Berufsziel Kultur", sagt Julia Speckmann vom Fachbereich Kulturwissenschaften und Ästhetische Kommunikation.

Vom 15. bis 17. Januar 2018 sind zum elften Mal Teilnehmerinnen und Teilnehmer des „Freiwilligen Sozialen Jahres Kultur" (FSJ) aus allen Regionen Deutschlands zu Gast auf dem Kulturcampus der Universität Hildesheim. Sie bekommen dort einen Einblick in die kulturvermittelnden Studiengänge Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis, Szenische Künste, Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus sowie Philosophie-Künste-Medien. Auch junge Erwachsene aus dem „Freiwilligen Sozialen Jahr Politik" nehmen teil. Die Teilnehmer kommen aus sechs Bundesländern.

Die Bildungstage an der Universität Hildesheim sind Teil des Seminarangebots der LKJ Niedersachsen e.V. und bieten den Freiwilligen die Chance, eigenen Interessen vertieft nachzugehen, so Julia Speckmann. Im FSJ Kultur und FSJ Politik engagieren sich junge Menschen zwischen 16 bis 27 Jahren für ein Jahr in Museen und Theatern, in Medientreffs und Kunstschulen, in Bibliotheken und Gedenkstätten, in Musikeinrichtungen oder soziokulturellen Zentren. „Wir organisieren die Bildungstage wiederholt, weil sie den Jugendlichen einen intensiven Blick in alles bieten, was zum Studium der kulturwissenschaftlichen Studiengänge dazugehört: Lehre, freie Projektarbeit und das Unileben mit Kommilitoninnen und Kommilitonen drumherum. Drei Tage lang das Domänenleben zu erkunden und mit studentischen Mentorinnen und Mentoren zu sprechen, da kann man sich schon einen umfassenden Überblick verschaffen – sicherlich viel besser, als es an einem einzelnen Infotag möglich ist", sagt Speckmann.

Robin Grau hat die Bildungstage aus vielen Perspektiven erlebt: 2012 war er selber noch Teilnehmer, absolvierte gerade sein FSJ Kultur am Staatstheater in Oldenburg. Seit 2013 studiert er „Szenische Künste“ an der Universität in Hildesheim. Dann war er vier Jahre studentischer Mentor und heute organisiert er die Bildungstage in Hildesheim von Seiten der LKJ Niedersachsen. „Die Bildungstage habe mir persönlich damals den Zugang zu Hildesheim verschafft. Ich finde es sehr wichtig, solche Angebote für Jugendliche zu schaffen“, sagt der 24-Jährige. Die  Studentinnen und Studenten aus den höheren Semestern helfen den Jugendlichen und sind „ein erster Kontakt“.

„Der Kulturcampus ist ein schöner und sehr freier Ort“
Interview mit Jacquelin Lutz und Dennis Ivanisov

Jacquelin Lutz, 18, absolviert derzeit ihr „Freiwilliges Soziales Jahr Kultur" bei der Stadt Hannover im Sachgebiet „Kulturelle Kinder- und Jugendbildung“.

Dennis Ivanisov, 19, aus Moringen bei Northeim, absolviert sein „Freiwilliges Soziales Jahr Kultur" in der KGS Moringen. In der Gesamtschule ist er für die Mediothek zuständig.

Wie läuft das „Freiwillige Soziale Jahr Kultur" ab?

Jacquelin Lutz: Jetzt ist Halbzeit, seit September mache ich das FSJ Kultur, noch bis Herbst 2018. Von Montag bis Freitag bin ich ein Jahr lang in einer Einsatzstelle – wie ein Angestellter. Man lernt dabei den gesamten Berufsalltag kennen. Ich bin in der Kulturverwaltung der Stadt Hannover tätig, die Arbeit ist sehr vielfältig, es gibt viele Schnittstellen in die Stadt hinein. Andere Jugendliche sind im Opernhaus, im Ballett, im Theater, im Museum. Es gibt viele Möglichkeiten, den Berufsalltag kennen zu lernen.

Dennis Ivanisov: Ich bin in der Gesamtschule in Moringen für die Mediothek zuständig. Manchmal fühle ich mich wie ein Bibliothekar, der den Kindern sagt: „Psst, bitte Ruhe!“. Ich sorge dafür, dass der Raum aufgeräumt ist und alle Bücher an ihrem Platz sind. Wir haben Unmengen an Büchern, wenn Kinder etwas in Ruhe lesen möchten, kommen sie in die Mediothek. Manchmal sind es nur zwei Kinder pro Tag. Es gibt außerdem Laptops, um zu recherchieren. Ich helfe Lehrerinnen und Lehrern bei ihren Projekten, neulich haben wir ein Astronomie-Projekt umgesetzt, da habe ich mit Fünftklässlern Aliens gezeichnet.

Warum sind Sie derzeit auf dem Kulturcampus?

Jacquelin Lutz: Zum FSJ Kultur gehören auch drei Bildungstage. Ich schaue mir die Uni an, speziell die Kulturwissenschaften in Hildesheim. In den drei Tagen besuche ich Seminare, schaue mir den Kulturcampus an, ich kann Schwerpunkte setzen, ich interessiere mich für die Bildende Kunst. Andere wählen Theater, Literatur, Musik.

Wie erleben Sie die Austausch mit Studierenden und Lehrenden, Sie erhalten Einblicke in Theater, Medien, Musik, Kulturpolitik, Literatur und Co.

Dennis Ivanisov: Es ist echt ganz cool, es gibt Studierende, die uns begleiten, sie erzählen uns tatsächlich alles, wie das Studentenleben abläuft und wie ein Seminar funktioniert.

Jacquelin Lutz: Wir lernen Hildesheim auch als Studentenstadt kennen. Hildesheim ist eine schöne Studentenstadt, um hier als „Kuwi“ zu leben. Man ist ja nicht nur in der Stadt, weil man hier studiert, sondern weil man hier lebt.

Wie erleben Sie den Ort?

Jacquelin Lutz: Der Kulturcampus in Hildesheim ist ein schöner und sehr freier Ort. Klar, wir sehen gerade noch eine Baustelle nach dem schlimmen Hochwasser. Heute morgen hat es auf dem Campus geschneit und es ist voll regnerisch. Aber ich kann mir vorstellen, dass der Campus im Sommer wunderschön ist, die vielen Wiesen mit Pferden, Schafen. Diese Natur ist eine Atmosphäre, die zur Kultur passt, ich glaube, dass ein so freies ländliches Umfeld sehr schön ist, um Praxis zu entwickeln. Ich kann mir nicht vorstellen in so einem dicken beengten Stadtblock zu sitzen und dort Freiraum zu finden.

Dennis Ivanisov: Unser studentischer Mentor Robin sagt immer zu uns: „Wenn man den manchmal tristen Winter übersteht, erlebt man die Belohnung im Sommer.“

Was haben Sie sich für die Zukunft vorgenommen?

Jacquelin Lutz: Wir haben jetzt noch ein halbes Jahr Zeit, Praxiserfahrungen in der jeweiligen Kultureinrichtung zu sammeln. Ich möchte in die Richtung Kulturwissenschaften gehen, ich arbeite gerne experimentell und kreativ und zugleich reflektierend und analysierend. Deshalb finde ich den Studienort Hildesheim spannend, da Praxis und Theorie hier eng gekoppelt sind, ich habe den Eindruck, das ist sehr ausgewogen. Ich bin hier her gekommen, um zu erfahren, wie es sich anfühlt, im kulturwissenschaftlichen Seminar zu sitzen.

Dennis Ivanisov: Ich bin jetzt nach den Bildungstagen relativ davon überzeugt, mich um einen Studienplatz in Hildesheim zu bewerben und an der Eignungsprüfung teilzunehmen. Die Studierenden aus den höheren Semestern machen Mut und haben mir auch etwas die Angst vor der Eignungsprüfung genommen.

Die Fragen stellte Isa Lange.

 

Mentorenbericht

Lennart Jan Schneider, studentischer Mentor mit dem Schwerpunkt Musik, berichtet über die Bildungstage 2018:

Etwas ist anders an diesem Morgen. Nicht grundlegend anders, aber doch so, dass es auffällt: Im stürmischem Winterwind, zwischen der Bushaltestelle „Scharfe Ecke“ und der Domäne Marienburg aka Kulturcampus, flattert es bunt an jeder zweiten Laterne – Plastikmüll oder ästhetische Praxis, das scheint hier die Frage.

Das farbenfrohe Flatterband, das den Weg säumt, trägt die Aufschrift „FSJ Kultur | Bildungstage“ und soll den Weg zum Fachbereich 2 ebnen: Aus ganz Deutschland (hauptsächlich aber dem Teil nördlich vom Weißwurstäquator) strömen sie für drei Tage nach Hildesheim – interessierte junge Erwachsene, die gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr im Bereich Kultur absolvieren und sich über das Studium in Hildesheim informieren wollen. Vom Staatstheater über das Lokalradio, von der Jugendbildung bis zum Kulturmanagement – die Einsatzstellen der potenziellen Studis sind so vielfältig wie unser Studium.

Erst im Gespräch mit der Kleingruppe fällt mir auf, dass es keine einfache Sache ist, Fragen zu beantworten wie „Was gibt es denn hier für Themen im KuWi-Studiengang?“ oder „Wie sieht so ein Studenten-Alltag eigentlich aus?“. Ich kenne ja selber nur einen Bruchteil der Veranstaltungen, die hier angeboten werden, denke ich: Egal ob „Das groovt wie Sau!“ „Something that runs“ oder schlicht „Medientheorie 1“ – viele Seminare muss man eigentlich selbst besucht haben, um einen aussagekräftigen Eindruck davon zu bekommen, wie und womit wir uns hier so beschäftigen. Deswegen kommen die FSJlerinnen (auch als Freiwillige oder Bufdis bekannt) für drei Tage in diese kleine Großstadt.

Nachdem die grundlegenden Fragen zu Studium, Eignungsprüfung und Altersvorsorge ‚geklärt‘ sind, tauchen die potenziellen KuWis-in-Spe dann tiefer in unseren Elfenbeinblasen-Mikrokosmos ein:

Noch am ersten Abend füttern wir die halb wissbegierige, halb schon müde von so viel Neuem im Schlaf versunkene Gruppe mit Erfahrungen von unseren Uni-Projekten: Prosanova („Man schleppt Dinge, verlegt Teppiche und bekommt nix von Literatur mit – aber es ist mega geil!“), transeuropa, Klangstärke, Kunstraum 53, Kunstverein, Modul 6, das Projektsemester…

Die Begeisterung von uns Mentor_innen scheint sich zunächst gar nicht so leicht auf die Neuen übertragen zu lassen – das ändert sich jedoch am nächsten Tag, denn da wird nicht nur erzählt, sondern ein quasi-authentischer Studi-an-der-Domäne-Tag erlebt: Aufgeteilt nach Fachinteressen besuchen wir gemeinsam Seminare, schauen uns Mensawagen, Hofcafé und die Container an und trotz Hagel und Schneematsch wirken die meisten Mentees angetan von der Domäne.

Wie die Theaterperformance, die wir am Abend gemeinsam im theaterhaus besucht haben, bei ihnen angekommen ist, wird dann im "Wohnzimmer" zu Ende diskutiert, wo der Abend gemütlich ausklingt.

Was sich mit Sicherheit sagen lässt, ist, dass die Freiwilligen einen exemplarischen Einblick in das Fachbereich-2-Studium bekommen haben, der garantiert einiges Anziehendes geliefert hat! Und auch wenn viele sich noch über andere Studienoptionen informieren, bin ich mir sicher, einige von ihnen ab Oktober häufiger hier zu sehen!


Bildungstage auf dem Kulturcampus: Dennis Ivanisov und Jacquelin Lutz - sie absolvieren derzeit ihr FSJ Kultur in der Stadt Hannover und in einer Schule - mit Julia Speckmann und Robin Grau auf dem Kulturcampus der Universität Hildesheim. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim