"Amerika ist tief gespalten": Politikwissenschaftler Wolf Schünemann zur US-Wahl

Wednesday, 04. November 2020 um 12:35 Uhr

Im US-Wahlkampf spielen die sozialen Medien eine große Rolle für die Mobilisation der Massen.

Große Gesten gehören zur Show

Als es an diesem Dienstag Nacht wird in Amerika, ist noch nichts entschieden. Knapp wird es im US-Wahlkampf, wieder einmal. Soviel steht fest. Der republikanische Amtsinhaber Donald Trump und sein demokratischer Gegenspieler Joe Biden zeigen sich beide zuversichtlich, den Sieg davon zu tragen. Große Worte werden gewählt, das gehört zur Show. Einer wählt größere Worte als der andere: „We are up BIG, but they are trying to STEAL the Election”, lässt Trump Anhänger und Weltöffentlichkeit über seinen Lieblings-Kanal wissen. Twitter kennzeichnet den Tweet als „misleading information”, irreleitende Information. 

Der Hildesheimer Politikwissenschaftler Prof. Dr. Wolf Schünemann sitzt am frühen (deutschen) Mittwochmorgen schon vor dem Computer und verfolgt den emotionalen Krimi mit dem nüchternen Blick der Wissenschaft. Ihn interessiert in diesem Wahlkampf neben dessen Ausgang vor allem auch der Umgang der Präsidentschaftskandidaten mit den sozialen Medien. Denn die spielen eine große Rolle für die Mobilisierung der Massen.

„Das Land ist tief gespalten“, sagt Schünemann, „es gibt eine große Divergenz zwischen den urban geprägten Küstenstaaten und den ländlichen Regionen in der Mitte des Landes.“ Ein Problem, dem die Meinungsforschung im Vorfeld der Wahlen bisher nach seiner Einschätzung nicht ausreichend Rechnung trägt. „Er erreicht eine Gruppe, die klassischen Medien nicht mehr vertraut, sich aber von polarisierenden, teils extremen Haltungen angesprochen fühlt.“

Trump beherrsche die Klaviatur der sozialen Medien besonders gut, urteilt Schünemann, und konstatiert im Medienverhalten des noch amtierenden US-Präsidenten eine Mischung aus impulsivem Herausposaunen und gezielter Wahlkampfstrategie. Das, so vermutet der Hildesheimer Wissenschaftler, wüssten wohl auch seine Berater zu schätzen: „Denn die Währung, die Trump in großem Umfang bietet, ist seine Popularität.“

20.000 falsche oder irreführende Aussagen des US-Präsidenten will die Washington Post allein bis Juli diesen Jahres gezählt haben – Schünemann äußert sich da zurückhaltender. „Für Hassrede und Hetze gibt es klare Marker, um diese zu definieren. Bei sogenannten ‚Fake News‘ aber sind die Grenzen unschärfer." So unerträglich manches sei, das Trump äußert, müsse man aus wissenschaftlicher Sicht eben doch differenzieren: Was ist Rhetorik, was sind Halbwahrheiten, was Fakten – das legen Politiker aller Couleur gern großzügig aus. War es beispielsweise wirklich Trumps Politik, die die Arbeitslosigkeit in Amerika in den vergangenen Jahren massiv sinken ließ? Und wie ist die Aussage beider Kandidaten „Wir werden die Wahl gewinnen“ zu sehen – zu einem Zeitpunkt, wo das tatsächliche Ergebnis noch völlig offen ist?

Schünemann hat den Desinformations-Diskurs schon im vergangenen US-Wahlkampf und beispielsweise auch in den Brexit-Verhandlungen verfolgt. „Er wird oft herangezogen, um aus unserer Sicht irritierende Entscheidungen zu erklären, die wir so nicht verstehen.“

Ausgerechnet Barack Obama war es wohl, bei dem sich Republikaner zum Thema Massenmobilisation einiges abschauen konnten. „Die Mechanismen zur Mobilisierung von Wählern über soziale Medien, die die Demokraten entwickelt haben, machen sich die Republikaner nun wiederholt zunutze“, sagt Schünemann. Über seine ständige Präsenz in den sozialen Medien erreicht Trump eine breite Basis und heizt die Polarisierung und Fragmentierung der Gesellschaft weiter an. Zugleich entmachtet die direkte Kommunikation via Twitter die traditionellen Gatekeeperfunktionen der professionell arbeitenden Medienexperten.

Ob all das am Ende dazu beitragen wird, das Trump die Wahl zum zweiten Mal gewinnt, ist an diesem Mittwochmorgen noch offen. Er selbst ist davon, wenig überraschend, völlig überzeugt.

Text und Foto: Sara Reinke