Nachbericht zur Tagung „EASIT Multiplier Event 3 – Mehr Verständlichkeit für alle“

Thursday, 19. March 2020 um 11:14 Uhr

Am 13. Februar 2020 fand die Tagung „Mehr Verständlichkeit für alle“/ “Towards a better Understanding“ am Bühler Campus der Universität Hildesheim statt. Das Event wurde im Rahmen des von Erasmus+ geförderten EASIT-Projekts organisiert. Es diente der Vorstellung aktueller Projektergebnisse und dem Austausch zwischen internationalen ExpertInnen im Bereich der barrierefreien Kommunikation. Insgesamt nahmen über 80 Interessierte aus 11 Ländern an dem Event teil.

Ein Teil der Forschungsgruppe "Einfach komplex - Leichte Sprache" von der Johannes Gutenberg Universität Mainz

Eröffnet wurde die Tagung durch die Vize-Präsidentin der Stiftung Universität Hildesheim Professorin Irene Pieper, die betonte, dass Leichte Sprache (Easy Language) die Mehrsprachlichkeit in besonderer Weise beträfe. Mittlerweile seien es bis zu neun Sprachen, die eine verständlichkeitsoptimierte Variante ihrer Landessprachen vorhalten, damit inklusive Kommunikation möglich wird. Leichte Sprache ist in der Gesellschaft angekommen: Der Bedarf wird artikuliert und es wird immer mehr geforscht. Jedoch sei ein Unterschied wahrnehmbar zwischen der akademischen Auffassung von Leichter Sprache und der Anwendung durch die PraktikerInnen. Gerade deswegen sei der Dialog wichtig, denn das Ziel ist bei allen Akteuren dasselbe: Barrierefreie Kommunikation als Teil von Sprachenvielfalt und Partizipationsmöglichkeit fest in der gesellschaftlichen Kommunikation zu verankern.

Auf die Eröffnungsrede folgten eine Vorstellung des EASIT Projektes und die Ergebnisdarstellung der dritten und vierten Projektphase: In der dritten Projektphase (IO3) ging es darum, erforderliche Kompetenzen von ExpertInnen für leicht verständliche audiovisuelle Inhalte zu definieren. In der sich anschließenden vierten Projektphase (IO4) standen die Erstellung eines Lehrplans und eines Ausbildungsentwurfes im Fokus.

Die dritte Projektphase (IO3) wurde von Dr. Pablo Romero Fresco, einem Experten für Synchronisation, (Live-)Untertitelung und barrierefreier Filmgestaltung von der Universität in Barcelona, und seinem Kollegen, Jesús Meiriño Gómez, geleitet. In einem Vortrag haben diese die Meilensteinergebnisse der 3. Projektphase aufbereitet.  Jesús Meiriño Gómez informierte die TeilnehmerInnen über Anforderungsprofile, notwendige Kompetenzen und darüber, wie diese den Experten in vier Lerneinheiten akademisch vermittelt werden könnten. Dabei orientierte man sich an bereits erzielten Ergebnissen anderer europäischer Projekte, wie z.B. ADLAB Pro.

Die Ergebnisdarstellung der vierten Projektphase (IO4) erfolgte durch Professorin Christiane Maaß und M.A. Sergio Hernández Garrido. Sie sprachen über die notwendigen Lehrpläne zum Erlangen einer Qualifikation als Übersetzer in Leichte Sprache. Ziel des Gesamtprojektes ist es, universelle Ergebnisse für ein europäisches Studium mit praktischen Anteilen zu erarbeiten. Aber es soll –neben der universitären und europäisch anerkannten Qualifizierung – auch um einen niedrigschwelligen Zugang zum Erlernen von Übersetzungspraxis in Leichter Sprache gehen. So berichteten die Hildesheimer Projektbeteiligten von einem siebenwöchigen Online-Kurs, der Interessierten ohne Zugangsbeschränkung die Möglichkeit bieten soll, sich fundiertes Wissen über Leichte Sprache anzueignen. Die Inhalte fänden sich später auch im Studium wieder. So soll der Online-Kurs für ein weiterführendes Studium Interesse wecken und gleichzeitig Kompetenzen für das Übersetzen in Leichter Sprache stärken. Christiane Maaß und Sergio Hernández Garrido kündigten an, dass es hierzu in naher Zukunft weitere Informationen geben wird. Außerdem wurde ein Sammelband angekündigt, der in Kürze veröffentlicht wird und in dem es um die audio-visuellen Möglichkeiten Einfacher und Leichter Sprache geht.


Neben den Präsentationen über das EASIT Projekt und der Vorstellung erster Ergebnisse wurde die Tagung bereichert durch Gastvorträge von weiteren ReferentInnen aus Forschung und Praxis der Leichten Sprache. Die ReferentInnen kamen aus Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Finnland und Ungarn. Im Folgenden sollen die einzelnen Vorträge kurz betrachtet werden.

 

Anwendung Leichter Sprache

Alea Stephan referierte in Leichter Sprache über die Arbeit der Expertengruppe für Leichte Sprache der Lebenshilfe Braunschweig. Sie gab Auskunft darüber, wer TeilnehmerIn einer Prüfgruppe für Leichte Sprache ist und wie sich die PrüferInnen zu Experten für Leichte Sprache qualifizieren. Außerdem erläuterte sie die Arbeitsweisen von Prüf- und Expertengruppe und warum Leichte Sprache so elementar ist für das alltägliche Leben vieler Menschen.

Leealaura Leskelä berichtete über den Einsatz von Leichter Sprache im finnischen Gesundheitssystem. Dort erkannten finnische Krankenhäuser, dass grundlegende Patienteninformationen in Leichter Sprache Zeit sparen im Rahmen der Arzt-Patienten Kommunikation. Die Journalistin und Chefredakteurin der finnischen Zeitung Selkosanomat sagte: „Es ist Zeitverschwendung kompliziert zu sprechen.“ Sie wünsche sich jedoch, dass die Leichte Sprache auch in der finnischen Gesetzgebung ankommen möge, so wie es in Deutschland der Fall ist.

Sehr eindrücklich war auch der Vortrag von Sallai Ilona, die mit Horváth Péter Lászlo an der Universität Szeged in Ungarn SonderpädagogInnen ausbildet. Sallai Ilona referierte über den für die Studierenden verpflichtenden Kurs in Leichter Sprache. Außerdem stellte sie ihre Methoden als Lehrbeauftragte mit kognitiver Beeinträchtigung vor und wie nachhaltig dies für die TeilnehmerInnen ihrer Seminare an der Universität ist. - Ein gelungenes Beispiel für die partizipative Lehre im akademischen Kontext.

Prof. Dr. Xavier Moonen von der Universität Amsterdam berichtete über Taal voor allemal in den Niederlanden. Taal voor allemal ist eine verständlichkeitsoptimierte Variante der niederländischen Standardsprache, die an die heterogene Literalität der niederländischen Bevölkerung anknüpft. Leichte Sprache+ ist hierbei die Textvariante, die von einem großen Teil der niederländischen Bevölkerung akzeptiert wird. Xavier Moonen erläuterte in seinem Vortrag, warum das so ist.

 

Forschung über Leichte Sprache

Neben den Neuigkeiten aus dem europäischen Ausland fand auch die deutsche Forschung zur Leichten Sprache Beachtung: Professorin Silvia Hansen-Schirra gab zusammen mit ihrer Doktorandengruppe Einblick in die Regelerforschung der Leichten Sprache in Deutschland. Mitglieder der Forschungsgruppe und Doktorandinnen der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz stellten ihre Promotionsstudien vor:
Silvana Deilen beispielsweise erforscht mithilfe von Eye-Tracking-Studien, ob die in der Leichten Sprache verwendeten visuellen Wortverbindungen (Bindestrich und Mediopunkt) tatsächlich lese- und verständnisunterstützend sind. Johanna Sommer untersucht die kognitive Verarbeitung von Negierungen in der Leichten Sprache. Ihre Forschung basiert auf der EEG- Technik (Elektroenzephalografie).

Weitere Forschungsergebnisse präsentierte Prof. Dr. Susanne Jekat. Sie forscht und arbeitet an der Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaften.

 

Abschluss der Tagung und Ausblick auf das 4. Event

Angereichert mit vielen neuen Informationen zum aktuellen Wissenstand über Leichte Sprache in Europa und der Verständigung auf die Einführung eines Internationalen Tags der Leichten Sprache („International Easy Language Day“) ging das Multiplier Event 3 an der Universität Hildesheim zu Ende. Wir dürfen gespannt sein auf die nächste Projektphase, in der die Lehrmaterialien für die auszubildenden ExpertInnen präsentiert werden. Merken Sie sich am besten schon jetzt den 17. September 2020 vor. Dann soll das EASIT Multiplier Event 4 in Vigo (Spanien) stattfinden.

 

Über EASIT

Easy Access for Social Inclusion Training (EASIT) heißt das europäische Projekt, das im September 2018 gestartet ist. Für drei Jahre entwickeln fünf Universitäten, zwei Non-Profit-Organisationen und ein Radiosender aus acht europäischen Staaten Anforderungsprofile und Curricula, benennen Kompetenzen und Fähigkeiten, die Experten für Leichte Sprache in audiovisuellen Medien benötigen. Ein einheitlicher europäischer Standard für Fachpersonal soll erarbeitet werden, damit europaweit immer mehr Fachleute für barrierefreie Kommunikation, insbesondere Leichte Sprache, zur Verfügung stehen. Der Wunsch des Projektteams ist es, dass sich die Projektergebnisse verbreiten und so mehr mediale Angebote mit und in Leichter Sprache zur Verfügung stehen.

Weitere Informationen zum EASIT-Projekt finden Sie hier.


Leealaura Leskelä von der Universität Helsinki

Sallai Illona und Horváth Péter Lászlo von der Eötvös-Loránd-Universität Budapest