Dr. Ruben Pfizenmaier

Abstract

Jahrhundertelang war das Speichern und Erinnern von Wissen ein Problem. In der westlichen Welt des 21. Jahrhunderts wird hingegen das Vergessen immer drängender.

Gemeinhin verstehen wir Vergessen negativ – als Abwesenheit einer Information, einer Erfahrung oder eines Vermögens. Dabei ist klar, dass nur dass, vergessen werden kann, was zuvor erinnert wurde und das dort, wo etwas erinnert wird, anderes im Hintergrund des Vergessens verschwindet. Im Rahmen einer Phänomenologie des Vergessens verstehe ich Vergessen hingegen als Schwellenphänomen, das weder anonym noch unschuldig ist: was wir vergessen, ist nicht zu zufällig. Zudem ist das Vergessen oft vielfach von Techniken und Praktiken: Die Mnemotechniken von Antike bis Renaissance diskutieren Möglichkeiten des gewollten Vergessens, auch die Psychoanalyse kann als Verfahren verstanden werden, um vormals Verdrängtes gut vergessen zu lassen. Basierend auf einer (praxistheoretisch informierten) Phänomenologie des Vergessens wendet sich das Projekt ausgewählten Figurationen des Vergessens zu, die unterschiedliche Schwerpunkte des Phänomens hervorheben, um so eine umfassende Darstellung des Phänomens vorlegen zu können:

Verlernen und Vergessen. Ausgehend von einer Formulierung Gayatri Spivaks von 1995 lässt sich eine große Verbreitung der Idee eines „unlearning“ im Kontext insbesondere der Gender und Decolonial Studies beobachten. Wie können die Spuren der Macht in unseren Körpern und in unserem Denken aufgefunden, adressiert und bearbeitet werden? Zur gleichen Zeit kann in der Organisationstheorie eine anhaltende Begeisterung für Formen des Verlernens und Improvisierens ausgemacht werden, mit denen die Hoffnung auf Souveränität verbunden wird in einer Zeit, die als VUCA-Welt beschrieben wird (das Akronym steht dabei für Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity, wurde ursprünglich vom US-Militär zur Beschreibung der globalen Lage nach dem Fall des Eisernen Vorhangs entwickelt und ist seit Jahren in der Management- und Organisationstheorie präsent).

Ästhetiken des Vergessens. Das Nicht-Wissen der Künstler:in ist ein zentraler Topos moderner ästhetischer Praxis. Ein Moment des Vergessens i.S. eines vollzogenen Nicht-Wissens scheint ästhetische Praxis generell auszuzeichnen. Welche Schichten zwischen bewusstem Wissen, tacit knowing und inkorporiertem Wissen, Unbewusstem und nicht-gewusstem Nicht-Wissen lassen sich hier auffächern? Auch hier ist das Vergessen mit unzähligen Praktiken verknüpft.

Vergessen, interkulturell. Weit verbreitet und erschlossen sind Spielarten des Vergessens in asiatischen Traditionen, vor allem im chinesischen Daoismus und im Buddhismus. Die Stellung von Nichtwissen, Nichts und Leerheit ist dabei vielfach erforscht. Eine interkulturell angelegte Untersuchung des Vergessens gibt es jedoch noch nicht.

Digitales Vergessen. Im Dialog Phaidros formuliert Platon den Vorwurf, das Medium der Schrift würde, obgleich doch mit der Verheißung verknüpft, das Gedächtnis zu steigern, „vielmehr Vergessenheit einflöß[en]“ (Phaidr. 274e-275b). Die Veräußerung der Erinnerung, die Übergabe an fremde Zeichen, schwäche letztlich das eigene Erinnerungsvermögen. Wie kann und muss in diesem Licht die nahezu unbegrenzte Speicherbarkeit von Informationen angesichts der umfassender Digitalisierung im 21. Jahrhundert beschrieben? Wie wird sich das menschliche vergessen (und erinnern) verändern angesichts der zunehmenden Entgrenzung von bewusster Archivierung, automatisch-systemgesteurter Speicherung und der oft unbemerkten Sammlung von Nutzer:innendaten?

Das Projekt setzt beim individuellen Vergessen an, verliert dabei aber die kollektive Dimension von Erinnern und Vergessen nicht aus dem Blick und versteht sich insofern auch als ein Beitrag zum Diskurs der Erinnerungskultur.

 

Zur Person

Dr. phil. Ruben Pfizenmaier studierte Philosophie-Künste-Medien mit dem Nebenfach Kreatives Schreiben / Kulturjournalismus in Hildesheim, Philosophie und Literatur am University College Cork (Irland) und Philosophie und Kulturwissenschaft an der Humboldt Universität zu Berlin sowie an der Freien Universität Berlin. Er wurde 2023 an der Justus-Liebig-Universität Gießen mit der Arbeit „Übungsformationen. Das Üben der antiken Rhetorik als Praxis der Subjektivierung“ promoviert. Von 2017 bis 2022 war er dort Stipendiat des International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC).

Er arbeitete zudem in unterschiedlichen Rollen in der Verlagswelt, u.a. als Vertriebsleiter der Büchergilde Gutenberg, als Gründer und operativer Leiter des Fruehwerk Verlags sowie zuletzt als Leiter des Concadora Verlags. Seit Januar 2024 ist er Postdoc am DFG-Graduiertenkolleg „Ästhetische Praxis“.

Publikationen

 

Monographien

Übungsformationen. Das Üben der antiken Rhetorik als Praxis der Subjektivierung, Brill |
Fink, Paderborn 2024. [Im Erscheinen]

 

Herausgeberschaft

Auf dem Markt der Experten. Zwischen Überforderung und Vielfalt, hgg. v. Ruben
Pfizenmaier u.a., Frankfurt am Main: Edition Büchergilde 2016.

Suche Kultur, Biete Spiel. Elf Interviews, hgg. v. Maria Gebhardt u. Ruben Pfizenmaier,
Salzhemmendorf: Blumenkamp 2012.

 

Artikel

„Steigern, scheitern, subjektivieren. Überlegungen zu den disziplinierenden und reflexiven
Wirkungen des Übens, ausgehend von der Antike“, in: Üben üben. Praktiken und Verfahren
des Übens in den Künsten, hgg. v. Jens Roselt u. Ekaterina Trachsel, Brill | Fink, Paderborn
2024.

„From Passage to Maturity to Liminal Critique. Foucault’s Care for the Self as Liminal
Practice“, in: Passages. Moving beyond Liminality in the Study of Literature and Culture,
hgg. v. Elizabeth Kovach, Jens Kugele u. Ansgar Nünning, London: UCL Press 2022, S.
134-154. [Peer Reviewed]

„Understanding as Obstacle: Exercise as a Perspective for Intercultural Reserearch“, in:
Theoretical Studies in Literature and Arts, Vol. 40/2, March 2020, S. 9-24. [Peer Reviewed]

„Interkulturelles Philosophieren als reflexives Üben. Überlegungen zu hermeneutischen
Problemen in asymmetrischen Konstellationen“, in: Kulturen und Methoden. Aspekte
interkulturellen Philosophierens, hgg. v. Pacyna, Tony, Robert Lehmann u. Anna Zschauer,
Heidelberg: Universitätsbibliothek Heidelberg 2020, S. 273-286.

„Practice“, Article in „New Materialism Almanac: How Matter Comes To Matter“ (2018)
(http://newmaterialism.eu/almanac/p/practice.html).

Grippa, Antonella/Ruben Pfizenmaier/Eva Philippi, „‚Vergesst das Glück!‘ Ein Gespräch mit
Wilhelm Schmid über Glücksratgeber, Lebenskunst und den Umgang mit Experten“, in: Auf
dem Markt der Experten, hgg. v. Ruben Pfizenmaier u.a., Frankfurt am Main: Edition
Büchergilde 2016, S. 166-181.

„Über das Geschick der Sophisten: Der Augenblick der Wahrheit im Fluss der Zeit“, in:
PenArt, August 2015, hgg. v. Anneliese Rieger u. Ludwig Hetzel, Wien 2015, S. 3-7.

„Traumbilder des kollektiven Unbewussten. Über Benjamins Passagen- Arbeit“, in: PenArt,
März 2014, hgg. v. Anneliese Rieger u. Ludwig Hetzel, Wien 2014, S. 3-7.

„Philosophieren zwischen Europa und Nicht-Europa. Dekonstruktionen, Umwege und die
Vielfalt der Sprachen“, in: Paideia. International Philosophical Journal, Conference
Proceedings der Studentischen Konferenz „Perspektiven nach der Postmoderne“, Vol. 2
Spring 2014, Heidelberg 2014, S. 138-154.

Mucha, Franziska/Ruben Pfizenmaier, „Diese Verschwendung. Sich selbst verschwenden
und daraus einen Lustgewinn ziehen“. Interview mit Prof. Dr. Nike Bätzner, in: Suche Kultur,
Biete Spiel. Elf Interviews, hgg. v. Maria Gebhardt u. Ruben Pfizenmaier, Salzhemmendorf:
Blumenkamp 2012, S. 33-46.

 

Rezensionen

„Experience of Multiplicity, Multiplicity’s Experience. From a Critical Genealogy of Homo
Economicus to a Contemporary Machine Phenomenology“, review of Scott Lash,
Experience. New Foundations for the Human Sciences, Cambridge, UK: Polity, 2018, in:
KULT!_online, 56 (2018) (https://journals.ub.uni-giessen.de/kult-online/article/view/233;
Stand: April 2018).

„Und alles tänzelt, taumelt, stürzt. Fallen im interdisziplinären Dialog“, review of Gerling,
Winfried/Fabian Goppelsröder, Was der Fall ist … Prekäre Choreographien, Berlin: Kadmos
2017, in: KULT!_online, 55 (2018) (https://journals.ub.uni-giessen.de/kult-online/article/view/
207; Stand: April 2018).

„Unfinished Business, Continuous Growth and Persisting Interests. Making Sense of
Foucault’s Last Years“, review of Stuart Elden, Foucault’s Last Decade, Cambridge, UK:
Polity, 2016, in: KULT!_online, 54 (2018) (https://journals.ub.uni-giessen.de/kult-online/
article/view/190/244; Stand: April 2018).


Übersetzungen aus dem Englischen

Brett W. Davis, „Das Innere zu äußerst: Nishida und die Revolution der Ich-Du-Beziehung“,
in: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, 36.3, Heft 3/2011, hgg. v. Tilman Borsche,
Stuttgart/Bad-Cannstatt: Fromman-Holzboog 2011.

 

Vorträge

„Werden, was man tut? Thesen zu Subjektivieren durch Übung“, Vortrag auf der
Jahrestagung 2021 „Üben üben“ des DFG-Graduiertenkollegs „Ästhetische Praxis“ der
Universität Hildesheim, 04.-06.11.2021.

„Ästhetik im 18. Jahrhundert. Erfindung und Entwicklung – Baumgarten, Kant, Schiller“,
Vortrag im Verlauf der Vorlesung „Propädeutikum II. Theater und Ästhetik: Perspektiven“,
Sommersemester 2020, Institut für Angewandte Theaterwissenschaft, Justus-Liebig-
Universität Gießen, 17.06.2020.

„Wissen üben, Übungswissen. Zum Verhältnis von Üben und Wissen“, 4. Berkeley
Cologne Summer School: Formen des Übens, University of California - Berkeley,
19.-23.08.2019.

„Liminal Practices: Foucault on the Care for the Self“, Vortrag auf der Hermes Summer
School 2019: Passages. Metaphors, Narratives, and Concepts, Justus-Liebig-Universität
Gießen, 19.-24.05.2019.

„Experience, Interruption, Subjectivity: Benjamin’s Materialist Pedagogy from the
Perspective of Exercise“, Vortrag auf der 12. International Critical Theory Conference in
Rome, John Felice Rome Centre der Loyola University Chicago, 9.-11.05.2019.

„Wie spreche ich? Philosophische/Rhetorische Übungen“, Vortrag im Rahmen der
Veranstaltungsreihe WortRaum des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover und des
Dommuseums Hildesheim, 28.11.2018 (https://vimeo.com/304361072).

„Ästhetische Praxis üben? Ästhetische Praxis Üben“, Vortrag auf der 4. Jahrestagung der
Kulturwissenschaftlichen Gesellschaft, Hildesheim, 11.-13.10.2018.

„Understanding as Obstacle. Exercise and Practice as a Perspective in Cross-Cultural
Research“, Vortrag auf der Comparative Cultural Studies Conference, Budapest,
29.-31.08.2018.

„Unterwerfende Disziplinierung vs. Praktiken der Freiheit. Michel Foucaults Ästhetik der
Existenz“, Vortrag während des Kompaktseminars „Ästhetik der Existenz“ von Prof. Dr.
Rolf Elberfeld u. PD Dr. Katrin Wille, Wintersemester 2015/16, Institut für Philosophie,
Universität Hildesheim, 29.-31.01.2016.

„Interkulturelles Philosophieren als reflexives Üben“, Vortrag auf der Nachwuchskonferenz
der Gesellschaft für Interkulturelle Philosophie (GIP), Hildesheim, 2.-3.10.2015.

„Philosophie der Zukunft? Philosophieren zwischen Europa und Nicht-Europa“, Vortrag
auf der Studentischen Konferenz Perspektiven nach der Postmoderne, Freie Universität
Berlin, 15-17.11.2013.

Kommentar zum Vortrag von Burkhard Liebsch („Von der Dialyse des Politischen zur
desaströsen Gewalt. Zur Historizität menschlicher Sterblichkeit“), Vortrag auf der
Konferenz Genocide. Contemporary philosophical and sociological perspectives,
Potsdam, 2.-3.08.2013.

„Negative Erfahrung. Krisis und Konsequenz der Moderne“, Vortrag auf der
Nachwuchstagung „Her mit dem schönen Leben...?! Junge Philosophie“, Darmstadt,
18.-21.08.2011.

 

Lehrveranstaltungen

Gemeinsam mit Dr. Christine Normann: „Stressbewältigung und Selbststeuerung durch
Mindfulness“, Uni Witten/Herdecke, Studium Fundamentale, Sommersemester
2023. [Online-Seminar, basierend auf Zoom] Seite 2 von 3

Seminar „Kritikszenen“, Angewandte Theaterwissenschaft, Justus-Liebig Universität
Gießen, Sommersemester 2020. [Online-Seminar, basierend auf MS Teams]

„Verlernen üben“, Vortrag im Kompaktseminar „Kompetenzentwicklung für
Literaturmanager*innen“ von Kai Splittgerber, Masterstudiengang Angewandte
Literaturwissenschaft, Freie Universität Berlin, Sommersemester 2020. [Online-Seminar,
basierend auf Zoom und Mural]

Seminar „Üben und Improvisieren“, Angewandte Theaterwissenschaft, Justus-Liebig
Universität Gießen, Sommersemester 2018.

Co-Teaching zum Seminar „Negativität“ von Dr. Eva Holling, Angewandte
Theaterwissenschaft, Justus-Liebig Universität Gießen, Wintersemester 2017/2018.
Seminar „Bücher Machen! II“, Masterstudiengang Angewandte Literaturwissenschaft,
Freie Universität Berlin, Sommersemester 2015.

Tutorium zu „Bücher machen! I“, Masterstudiengang Angewandte Literaturwissenschaft,
Freie Universität Berlin, Wintersemester 2014/2015.

 

Workshops

Moderation Workshop „Der Transformationsraum - Nachhaltiges Problemlösen in kreativer
Umgebung“ mit Sabine Heib und Jochen Scheibler, 8. Mindful Leadership Konferenz 2023
„Mindfulness und die Kunst, Zukunft zu gestalten“, Concadora GmbH und Universität
Witten/Herdecke [Online-Workshop].

„Decolonial Philosophising“, 03.02.2023. Masterclass mit Prof. Dr. Rolf Elberfeld am
International Graduate Centre for the Study of Culture der Justus-Liebig-Universität
Gießen.

Gemeinsam mit Laura Borchert und Stella Maria Frei: „Building Bridges. Activists and
Cultural Researches in Conversation“, 09.-12.03.2021, Workshop am International
Graduate Centre for the Study of Culture der Justus-Liebig-Universität Gießen.

„Küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft!?“ Workshop mit Martin Becher und Max
Upravitelev auf der Jahresversammlung von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V.
2015 „Europas Geschichte(n) - Europas Verantwortung“, Potsdam-Babelsberg.

„Eurozentrismuskritik“ Workshop mit Dr. Yoko Arisaka auf der Jahresversammlung von
Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. 2014 „Europa - Ort des (un)gerechten
Friedens“, Potsdam-Babelsberg.