Dr. Annika Haas

Kontakt

annika.haas(at)uni-hildesheim.de, Domäne, Haus 3

 

Beyond Repair. Aesthetic Practices in Response to Digital Damage 

Das Forschungsinteresse in diesem Projekt an der Schnittstelle von Medienwissenschaft und Affect Theory gilt ästhetischen Praktiken in der zeitgenössischen Kunst und wie sich diese auf irreparable ökologische Schäden und sozio-ökonomische (Um-)Brüche im digitalen Kapitalismus beziehen.

Die Medienwissenschaften sowie Forschungsprojekte im Bereich der (Sustainable) Human-Computer Interaction nehmen zunehmend die materiellen Bedingungen, ökologischen Kosten und prekären Arbeitsbedingungen rund um digitale, vernetzte Infrastrukturen in den Blick. Gleichzeitig bleiben die Ausbeutung endlicher Ressourcen wie auch von Arbeiter*innen im Technologie-Sektor oder die energieintensive, klimaschädliche Speicherung und Verwertung von Nutzer*innendaten weitgehend unbemerkt und anästhetisch, wenn auf entsprechende Infrastrukturen, Endgeräte, Services und Plattformen zugegriffen wird. Mit diesem Forschungsprojekt wird auf wissenschaftlichen und künstlerischen Positionen zu dieser komplexen Problemlage aufgebaut, aber auch deren situierte, oft westlich geprägte, Perspektive befragt und eine Pluralisierung des Diskurses angestrebt.

Der Forschungsfokus richtet sich in diesem Kontext auf ästhetische Praktiken aus der zeitgenössischen Kunst, die auf Schäden und (Um-)Brüche nicht mit Reparaturen und damit implizit mit der Wiederherstellung und Reproduktion problematischer, ungerechter und dysfunktionaler Strukturen reagieren. Von besonderem Interesse sind künstlerische Positionen, die jenseits des techno-kapitalistischen Solutionismus agieren. Sie befassen sich stattdessen mit den Ausprägungen und Ausmaßen von digital damage und entwickeln aus der Anerkennung von unwiderruflichen Umbrüchen und Schäden Praktiken, die ein Handeln und (Weiter-)Leben beyond repair überhaupt erst vorstellbar machen. Stellen diese Praktiken eine eigene Form der Kritik des Digitalen dar?

Künstlerische Praktiken beyond repair, so die Hypothese, entwickeln nichtsouveräne Bezugnahmen auf digital damage. Sie erweitern damit das Spektrum emanzipatorischer Kritiken des Digitalen durch prekäre und in großen Teilen unbestimmte Infrastrukturen wie auch Denkfiguren, die das Potenzial besitzen, langfristig radikale Veränderungen entstehen zu lassen. Grundlage dieses Ansatzes ist Lauren Berlants Affekt- und Kulturtheorie, deren Infrastrukturbegriff und Denken nichtsouveräner Relationalität jenseits des nordamerikanischen Kontexts sowie in Bezug auf den digitalen Kapitalismus noch zu erproben ist. Berlants Theorie einer nichtsouveränen Relationalität spiegelt sich auch in der Methodologie dieses Forschungsprojekts. Deren Kern ist die Entwicklung vielstimmiger Gesprächsformate, Schreibweisen und Publikationsmethoden, die für die diskursive Einbindung von Perspektiven und Praktiken zeitgenössischer Künstler*innen zum Einsatz kommen sollen.

 

Zur Person

Annika Haas ist Medientheoretikerin und seit Dezember 2023 Postdoktorandin am DFG-Graduiertenkolleg „Ästhetische Praxis“. Sie hat Medienwissenschaft in Potsdam und Istanbul sowie Kunst und Medien an der Universität der Künste Berlin und am California Institute of the Arts studiert. 2022 wurde sie mit der Arbeit Avant-Theorie. Hélène Cixous’ écriture du corps an der Universität der Künste Berlin promoviert. Zahlreiche Kooperationsprojekte sowie experimentelle Lehrformate prägen ihre Theoriepraxis an der Schnittstelle von Medienkulturwissenschaft und Kunst.

Von 2020 bis 2023 war Annika Haas wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte und Theorie der Gestaltung an der Universität der Künste Berlin. Zuvor wirkte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Graduiertenkolleg „Das Wissen der Künste“ mit (2017–2020), war Assoziierte im Doktoratsprogramm „Epistemologien ästhetischer Praktiken" am Collegium Helveticum Zürich (2018–2022) und Gastwissenschaftlerin  am Laboratoire d’études de genre et de sexualité an der Université Paris 8 (2020/21).

 

Ausgewählte Publikationen

Alle Publikationen unter: https://orcid.org/0000-0002-1710-467X

 

Monografie und Herausgeberschaften:

2023: Avant-Theorie. Hélène Cixous’ ‹écriture du corps›. Dissertation, Universität der Künste Berlin

https://doi.org/10.25624/kuenste-2161

2021: How to Relate: Wissen, Künste, Praktiken / Knowledge, Arts, Practices, hg. mit Maximilian Haas, Hanna Magauer, Dennis Pohl, Bielefeld: transcript.

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2018: Widerständige Theorie. Kritisches Lesen und Schreiben, hg. mit Jonas Hock, Anna Leyrer, Johannes Ungelenk, Berlin: neofelis.

Leseprobe

2018: Windtunnel Bulletin no. 7, hg. mit Sarine Waltenspül, Zürich: Forschungsschwerpunkt Transdisziplinarität, Zürcher Hochschule der Künste.

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Ausgewählte Aufsätze

2023: „Die Orange lesen. Poetische Politik 1975/2022“, in: An den Rändern des Wissens. Über künstlerische Epistemologien, Kathrin Busch, Barbara Gronau, Kathrin Peters (Hg.), Bielefeld: transcript 2023, 199–216.

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2023: „Mit und ohne Namen: Warum jedes Schreiben situiert ist“ (mit Noam Gramlich), in: Doing Research. Wissenschaftspraktiken zwischen Positionierung und Suchanfrage, Sandra Hofhues, Konstanze Schütze (Hg.), Bielefeld: transcript 2023, 304–311, DOI: 10.14361/9783839456323-037

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2022: „Donc, une lettre bond." Hélène Cixous’ Akrobatie der Zeit, in: Der Alltag der Dekonstruktion. Über das Anekdotische bei Hélène Cixous und Jacques Derrida, Philippe P. Haensler, Stefanie Heine, Philipp Hubmann, Thomas Traupmann (Hg.), Wien: Passagen Verlag, 221–240.

2021: „Translation: A Relational Practice (mit Emily Apter)“, in: How to Relate: Wissen, Künste, Praktiken / Knowledge, Arts, Practices, Schriftenreihe „Wissen der Künste“, hg. mit Maximilian Haas, Hanna Magauer, Dennis Pohl, Bielefeld: transcript, 144–159.

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2020: „Théo rit: A Mimetic Approach to Writing Difference(s) with Hélène Cixous“, in: Change Through Repetition. Mimesis as a Transformative Principle Between Art and Politics, hg. v. Babylonia Constandinides, Simon Gröger, Elisa Leroy, Doris Rebhan, Berlin: Neofelis, 111–126.

Leseprobe

2020: „In tief verbundener Abwesenheit. Cixous’ telepathische Lektürepraxis“, in: Feministisches Spekulieren. Genealogien, Narrationen, Zeitlichkeiten, hg. v. Marie-Luise Angerer, Naomie Gramlich, Berlin: Kadmos, 80–95

2019: mit Noam Gramlich: „Situiertes Schreiben mit Haraway, Cixous und grauen Quellen", in: Zeitschrift für Medienwissenschaft, Nr. 20 (1/2019), 38–52.

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Lobende Erwähnung – GfM Best Publication Award Gender und Medien 2019

 

Ausgewählte Konferenzen, Vorträge und Workshops

2024: An Alphabet of Data Body-Feelings, Tagung Archives of the Body—The Body in Archiving, HfBK Hamburg, 25.-26.04.2024

2023: „Liquifying Language“, Workshop, Matter of Flux Festival, Art Laboratory Berlin, 17.6.2023

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2023: „Durch den Körper. Hélène Cixous’ Philosophie und Schreiben“, Hessische Theaterakademie Ringvorlesung 2023, konzipiert von Fanti Baum, Frankfurt/M., 25.5.2023

2023: „Auto-Archives“, Vortrag an der Ruskin School of Art, Oxford University, im Rahmen von Dissenting Knowledges, Oxford X UdK Berlin Creative Collaborations, 25.4.2023

2022: „Letters of Joys. Reading, Writing and Corresponding with Hélène Cixous“, Lecture & Workshop am Trinity College, Dublin University. Auf Einladung der Metaphysical Society, 22.-23.2.2022

2021: Medienhaus Lectures: Performance. Peformance? Performance! Zusammen mit Henrike Uthe, Universität der Künste Berlin, 17.-18.11.2021

2021: Excavating the Present. Zusammen mit Christopher Weickenmeier. Workshopreihe in der Klosterruine Berlin, Juli 2021

2021: Hyperrêve. Hélène Cixous lesen. Zusammen mit Esther von der Osten. Lektüreworkshop im Rahmen der Veranstaltungsreihe Der Alltag der Dekonstruktion an der Universität Zürich, organisiert von Philippe P. Haensler, Stefanie Heine, Philipp Hubmann und Thomas Traupmann; 28.5.2021

2018: How to Relate: Aneignen – Vermitteln – Figurieren. Jahrestagung des DFG-Graduiertenkollegs „Das Wissen der Künste". Zusammen mit Maximilian Haas, Hanna Magauer, Dennis Pohl; Universität der Künste Berlin, 5.–7.7.2018