Wenn der Mensch im Mittelpunkt der Geographie steht

Wednesday, 06. May 2015 um 08:08 Uhr

In ländlichen Regionen schließen Banken ihre Filialen. Sabine Panzer-Krause untersucht, wie sich diese Entwicklung auf kleine Unternehmen auswirkt. Sie forscht im Bereich Wirtschaftsgeographie und regionale Entwicklungen an der Universität Hildesheim. Matthias Friedrich sprach mit der Wissenschaftlerin.

„Wir haben Veränderungen im Stadtgebiet Hildesheims untersucht und festgestellt, dass sich der demographische Wandel durch die Verschiebung der Altersstrukturen inzwischen auch in den Städten auswirkt", so Sabine Panzer-Krause über ihre Forschung am Institut für Geographie der Universität Hildesheim. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Können Sie Ihren Forschungsansatz kurz zusammenfassen?

Banken in Deutschland schließen, wie in anderen westlichen Ländern auch, viele ihrer Filialen in ländlichen Regionen, weil sie sich nicht mehr rentieren. Diese Entwicklung zeigt sich schon seit fünfzehn bis zwanzig Jahren. Die Fragestellung, die sich daraus für mich ergibt, lautet: Wie wirkt sich dieses Problem auf kleine und mittelständische Unternehmen aus, die in solchen Räumen angesiedelt sind? Der Akteur, der in der Beziehung zwischen Kreditinstitut und Unternehmer vordergründig eine Rolle spielen, ist vornehmlich der Kundenbetreuer, der die ihm zugeordnete Firma allumfassend betreut, aber keine Entscheidung über die Kreditvergabe treffen kann – das geschieht im Back Office der Bank. Ich wollte wissen, wie ein Unternehmer auch über größere Distanzen ein gutes Verhältnis zu seinem Finanzdienstleister aufbauen kann.

Inwiefern ist die soziale Nähe zwischen Management entscheidend für die Kreditvergabe?

Es ist maßgeblich, wie intensiv das Vertrauensverhältnis zwischen dem kleinen mittelständischen Unternehmen und der Bank ist. Natürlich wird kein Kredit vergeben, bloß weil man sich gut miteinander versteht. Von höchster Bedeutung ist das Rating der jeweiligen Unternehmen, das heißt, sie werden nach bestimmten Kriterien bewertet. Erst danach lassen sich Kreditkonditionen verhandeln, manchmal werden Anträge aber auch abgelehnt. Der Kundenbetreuer fungiert dabei als „Türöffner“ für das Unternehmen zum Kapital. Er wählt die Informationen aus, die weitergeleitet werden sollen, oder entscheidet, ob ein Kreditantrag überhaupt bearbeitet wird. Und das, obwohl er ja nicht die Entscheidung über die Vergabe trifft. Für das Unternehmen ist der Kundenbetreuer also enorm wichtig. Die soziale Nähe kann also räumliche Distanzen überbrücken.

Wählen Sie in Ihrer Forschung also einen interdisziplinären Ansatz, indem Sie Geographie und Sozialwissenschaften miteinander verknüpfen?

Ich beschäftige mich mit relationaler Wirtschaftsgeographie, einem Ansatz, der sehr stark von den Sozialwissenschaften beeinflusst ist. Nicht mehr der Raum steht im Mittelpunkt der Geographie, sondern der Mensch. Die Frage lautet demzufolge, inwiefern sich das, was der Mensch tut, auf den Raum auswirkt.

Beeinflusst die Beziehung zwischen Bank und Unternehmen den Arbeitsmarkt in der jeweiligen ländlichen Region?

Per se können Arbeitsplätze in ländlichen Regionen erhalten bleiben – auch dann, wenn Finanzdienstleister sich zurückziehen. Voraussetzung dafür aber ist die soziale Nähe zwischen Bank und Unternehmen.

Und die soziale Beziehung, von der Sie sprechen, steigert dann auch die Entwicklung der Nachhaltigkeit.

Genau. Seit zehn, fünfzehn Jahren führt die Öffentlichkeit eine Debatte über die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse. Jeder, egal, wo er wohnt, soll gleiche Chancen und Möglichkeiten haben, was Ausbildung, Zugang zu Lebensmitteln, Ärzten und dergleichen anbelangt. Seit einiger Zeit stellt sich die Frage, ob wir das angesichts des demographischen Wandels überhaupt noch gewährleisten können. An diesem Punkt setzt meine Forschung auch an. Mein Argument lautet: Was Bankdienstleistungen betrifft, muss es nicht von Nachteil sein, wenn eben nicht in jedem Dorf eine große Filiale steht. In den letzten Jahren habe ich mich daher immer wieder mit den Auswirkungen des demographischen Wandels beschäftigt. Ich war lange Zeit in der Jenaer Universität beschäftigt, die einen Schwerpunkt auf ebenjene Forschung legt. Denn sowohl in Thüringen als auch in anderen ostdeutschen Bundesländern hat der demographische Wandel sehr viel früher und stärker eingesetzt als im Westen. Deshalb war es möglich, diese Veränderungen frühzeitig zu beobachten. Inzwischen forsche ich am Institut für Geographie über dieses Thema. Wir haben eine Studie zu Veränderungen in einer ländlichen Region von Hannover durchgeführt. Kürzlich haben wir Veränderungen im Stadtgebiet Hildesheims untersucht. Das ist zwar ein städtischer Raum, aber wir haben festgestellt, dass sich der demographische Wandel insbesondere durch die Verschiebung der Altersstrukturen inzwischen auch in den Städten auswirkt. Man muss darüber nachdenken, wie welche Veränderungsprozesse die betreffende Stadt begleiten soll, was Wohnraum und Ähnliches anbelangt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Matthias Friedrich. Er studiert „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ an der Universität Hildesheim und arbeitet in der Uni-Pressestelle.