Sie müssen nur recht schön leise sein

Tuesday, 18. November 2014 um 12:05 Uhr

Beim ersten Wissenschaftswettstreit der Universität Hildesheim gaben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Einblicke in Denkweisen ihrer Fächer. Ein Rückblick in Worten. Wer nicht vor Ort war, hat etwas verpasst. Eine Wiederauflage gilt als sicher.

An diesem Abend begegnet man in der Universität Hildesheim der „Anglistin mit der goldenen Stimme", dem „Psychologen ohne Unterbewusstsein", dem „Knigge der Musikwissenschaft" und dem „Mathematiker, der Rechnen für überbewertet hält", kündigt die Sprachwissenschaftlerin Kristin Kersten vier „Science Slammer" mit respektvollem Humor an. Mit ihren souveränen Anmoderationen nimmt die Professorin und Moderatorin des Abends das Publikum – über 600 Personen – mit auf eine Reise durch vier Fachdisziplinen: englische Literatur, Entwicklungspsychologie, Kulturwissenschaften und Zahlentheorie.

Die erste Kandidatin des Abends „setzt sich nicht nur als Geschlechterforscherin für Gender-Fragen ein, sie ist wohl deutschlandweit die einzige anglistische Literaturwissenschaftlerin mit einer Ausbildung als Opernsängerin", so die Moderatorin. Stefani Brusberg-Kiermeier taucht in Kostümierung auf der Bühne auf, mit Feder, Hut und Tinte, singt und nimmt die Zuhörer mit auf eine Reise in das 16. Jahrhundert. Die Professorin gibt Einblicke in ein laufendes Forschungsprojekt, in dem sie die Lebenslagen und Werke von englischen Dichterinnen untersucht, deren Gedichte in der Frühen Neuzeit im neuen Druck-Medium erschienen sind. Sie schlüpft in die Rolle der Schriftstellerin Isabella Whitney, die ihre Gedichte 1567 und 1573 als erste Frau hat drucken lassen, und trägt aus einem poetischen Testament vor: ...I whole in body, and in minde, but very weake in purse. Die Dichterin ist dem Publikum vermutlich völlig unbekannt und die Englischprofessorin gibt an diesem Abend einen Einblick in geisteswissenschaftliche Genderforschung.

Zehn Minuten, dann folgt der nächste Kandidat. Im wissenschaftlichen Diskurs übernehme er „die Rolle des Gegenargumentierers, rein aus Freude an der Diskussion", so die Moderatorin. „Und der Vollständigkeit halber, denn es könnte einem ja eine Erkenntnis entgehen, wenn man nicht jede Position bis zum Ende durchgedacht hat."

Werner Greve sitzt an einem Tisch und liest aus seinem Tagebuch, Notizen, die seit dem Sommer entstanden sind. Ein Tagebuch mache die Entwicklung nachvollziehbar. Der Psychologieprofessor überlegt, wie Psychologen Entwicklung beschreiben können, obwohl sie doch so bunt ist. Die menschliche Entwicklung vollzieht sich über die gesamte Lebensspanne. Was ist eigentlich der Sinn von Individualität? Warum sind wir so verschieden? „Wieso entwickeln sich Menschen so wie sie das tun, man könnte sich auch anders entwickeln. Zebras zum Beispiel können schon eine Stunde nach ihrer Geburt schnell laufen und ich kann das heute noch nicht. Dass wir uns überhaupt entwickeln hat sich entwickelt. Bakterien tun das nicht, und die gibt es viel länger und mehr als Säugetiere. Wozu soll Entwicklung überhaupt gut sein?" Eine Antwort: Das macht uns flexibler. Wir können uns ändern und anpassen, wenn sich die Umstände verändern, so Greve.

„Kommen Sie, wir machen ein Gruppenfoto zu diesem Ereignis" und „Sie müssen nur recht schön leise sein", sagt Johannes Ismaiel-Wendt in Richtung Publikum. Er dreht seinen Laptop um. Ob alle auf dem Bild sind, die Bildqualität? Das sei egal. Kleine Irritationen baut er in den „zeremoniellen Akt des Gruppenfotos" ein und bricht übliche Rituale auf. So bittet er das Publikum um Ruhe und sagt nicht: „Bitte recht schön lächeln".

Kulturwissenschaft sei Ritualforschung, sagt er. Klick. Ein Foto des Publikums. Klick, ein Selfie des Redners erscheint auf dem Bildschirm. „Haben Sie das gehört, diesen Sound, der unmittelbar nach dem Auslösen kommt? Es ist ein sehr kurzer Soundfile, den mein Compuer abspielt, den viele digitale Kameras abspielen, wenn sie ein Foto errechnen. Es ist das digital simulierte Geräusch, das eigentlich entsteht, wenn bei der Spiegelreflexkamera der Spiegel hochschnellt."

In dem Beitrag „Was zum guten Ton in der Kulturwissenschaft gehört“ zeigt Professor Johannes Ismaiel-Wendt, warum wir diesen Sound auch bei digitalen Kameras benutzen. Der Musiksoziologe arbeitet sich an diesem „Klick" der Kamera kulturwissenschaftlich ab und verrät Universalkommentare, die man immer, in Bezug auf jede kulturwissenschaftliche Fragestellung und jeden Gegenstand platzieren kann. Auch, und das ist wichtig, wenn Sie keine Ahnung vom Gesamten haben, sagt er. Er nennt das „Inkompetenzkompensationskompetenz". Zehn Minuten sind nicht viel Zeit  – „Inhalte geht nicht, wir haben keine Zeit viel zu lesen". Daher fordert er seine Zuhörer auf, die an die Wand projizierten Universalkommentare mit dem Smartphone abzufotografieren, um sie – Stichwort Nachhaltigkeit eines Science Slams – in den nächsten Tagen einüben zu können.

Zurück zum Kameraklicksound, dem guten Ton, der akkustisch symbolisiere, dass in dem Augenblick ein qualitativ hochwertiges Foto entstehe. Ismaiel-Wendt spielt youtube-Bilder ab: William mit Baby George, Charles mit Baby William und das Klicken der Boulevardpresse, welches die Worte der Väter übertönt. Am youtube-Bildschirmrand sieht man mahnend schon die Aufnahmen des Autounfalls von Diana, das ist was bei dem ganzen klick, klick, klick rauskommen kann, sagt der Professor. Dann taucht er ein in das Internet und wie user in Foren sich darüber austauschen, wie man die klick-Geräusche an Smartphones abstellen könne. Er stößt auf Dialoge und Typen ohne Satz und Komma, etwa quoki77, der dazu auffordere, den „ganzen kulturwissenschaftlichen Werkzeugkasten aufzufächern". Da heißt es: „wollte fragen wie stelle ich beim s3 ein wenn ich fotos machen will das ich Klick sage und aufnahme das er auf sprache hört". Johannes Ismaiel-Wendt arbeitet sich an dem Kommentar ab: Sprechakttheorie (s3 Telefon soll auf Sprache hören); human-non-human-Diskurse; das Ich, also das menschliche Subjekt, will jetzt selber klick sagen; und warum sage ich eigentlich er zu quoki (Genderdiskurs)?

Schnitt. Der nächste Kandidat. „Als Hardcore-Mathematiker befasst er sich mit unglaublich spannenden Themen, die für den Laien immer mal wieder eine lebensbereichernde Diskussion wert sind, zum Beispiel ob sich Asymptoten in der Unendlichkeit schneiden oder nicht. Ich muss sagen, als religiös orientierter Mensch bin ich dankbar, einen Kollegen gefunden zu haben, der mir aus wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen heraus meine brennenden Fragen nach der Unendlichkeit beantworten kann", beginnt die Moderatorin und holt Professor Jürgen Sander auf die Bühne. Der Zahlentheoretiker taucht in Sonnenbrille, Jeans und Kapuzenpulli auf und lädt zur „happy hour“ ein. Er macht sich Gedanken, wie man aus einer Alltagssituation heraus zu einer Problemstellung und dann auf unterschiedlichen Wegen zu Lösungen und Erkenntnissen gelangen kann. Wer diesen Beitrag verfolgt, weiß, wo der Schwerpunkt eines Cocktailglases liegt und wie es kippsicher steht. 

Was Mathematiker machen, wenn man ihnen eine Frage aus dem Alltag stellt? Sie ändern die Spielregeln solange, bis sie irgendetwas rechnen können, so Sander. In diesem Fall: aus dem Glas wird ein Glaszylinder mit beiden Enden offen, der Schwerpunkt liegt also auf dem halben Niveau. Wenn man nun oben „Luft durch Flüssigkeit ersetzt", also etwas abtrinkt, dann ändere sich der Schwerpunkt. Jürgen Sander kommt nach wenigen Minuten bei der Funktion an, zunächst müsse man „einige Sonderfälle betrachten, ob die Funktion auch tut, was wir wollen". Etwa die Probe: Glas ohne Masse. Das werde schon etwas esoterisch, aber ist doch plausibel: ein Cocktailbecher aus Plastik wiegt nichts, also hängt der Schwerpunkt vom Schwerpunkt der Flüssigkeit ab. Vermutung, Formelherleitung, Probe – kann man das auch ohne Rechnen herausfinden? Ja. Keine Erfurcht vor Integralen, lautet Sanders überzeugende Botschaft an diesem Abend.

Fortsetzung folgt: Science Slam soll 2015 weitergehen

Die Erlebnisse sind außerhalb des Tagebuchs, hat Werner Greve zu Beginn seines Beitrags gesagt. Aber im Tagebuch könne man von Ereignissen zusammenhängend berichten. Was er wohl über diesen Abend im Audimax vor 600 Leuten notiert haben mag? Der Entwicklungspsychologe hat den Science Slam nach knapper Publikumsentscheidung gewonnen, 101 Dezibel zeigt am Ende das Messgerät an. Greve sagt: „Ich habe mich schwer getan damit, dass es einen Sieger geben musste – irgendwie fühlte es sich unrichtig an, gerade angesichts dieser so verschiedenen und allesamt so heiter bewegenden Beiträge. Andererseits: so war das Publikum auch ein aktiver Teil des Abends." 

Mathematik sei ein schwieriges Fach, er wolle nicht dazu beitragen, dass Mathematik lächerlich gemacht wird und dass man das Gefühl habe, Mathematik sei banal oder unverständlich. „Ich wollte etwas über Denkweisen des Faches vermitteln", sagt Jürgen Sander. Der Science Slam war für alle Beteiligten eine Herausforderung. „Wir sind zwar schon immer darauf bedacht, unsere Lehre so anschaulich wie möglich zu gestalten – Anschauungsmaterial und auch Humor sind natürlich wichtige Teile davon –, aber ein Format, in dem es vor allem um diese Dinge geht, das ist uns fremd. Darin sind wir wenig geübt. Im Vorfeld haben wir ernsthaft darüber diskutiert, ob und wie das unserem Selbstverständnis angemessen ist. Der Unterhaltungsaspekt auf der einen Seite und die Ernsthaftigkeit im Umgang mit unseren Disziplinen auf der anderen – das war schon ein ziemlicher Spagat", sagt die Sprachwissenschafterin Kristin Kersten. „Ich bin unglaublich beeindruckt, wie die Kollegen das gelöst haben, jede und jeder auf ihre und seine eigene Weise. Das war 'großes Tennis'".

Und nun – wie geht es weiter? „Nach diesem fulminanten Auftakt sollte dies eine jährliche Veranstaltung werden. Es war wirklich sehr anstrengend, aber in jeder Hinsicht lohnend. Ich denke, die Belastung war für uns als Versuchskaninchen besonders groß", sagt Stefani Brusberg-Kiermeier. Auch Johannes Ismaiel-Wendt würde „die jährliche Wiederholung empfehlen". Dass sich der Science Slam auf die Lehre auswirken könnte, dazu sagt der Kulturwissenschaftler: „Das wäre fatal. Unsere Lehrveranstaltungen müssen immer hochschuldidaktisch vorbereitet und reflektiert sein. Sie müssen aber doch über reines Edutainment hinausgehen. Da bin ich tatsächlich recht konservativ und glaube an so etwas wie Studieren, lesen, probieren, Aspekte und Fragen, die ich an anderer Stelle kennengelernt habe miteinander in Verbindung bringen, auch nicht durch Lacher abgelenkt sein."

Science Slam: Erster Wissenschaftswettstreit an der Universität

Mit Hilfsmitteln, Requisiten oder auch Live-Experimenten geben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beim Science Slam einen kleinen Einblick in die Denkweisen ihrer Fachdisziplinen. Über den Sieger entscheidet das Publikum. Der Eintritt ist kostenlos. Die Begrüßung zum ersten Science Slam erfolgte am 11. November 2014 durch Martin Schreiner, Vizepräsident für Stiftungsentwicklung an der Universität Hildesheim. Der Abend wurde musikalisch begleitet vom Saxophonisten Lars Stoermer. Eine Fortsetzung ist geplant, am 11. November 2015. Interessierte Studierende und Lehrende können sich an Markus Langer und das studentische Team von der Stipendienberatung wenden (markus.langer@uni-hildesheim.de).

Hildesheimer Allgemeine Zeitung, „Das Unterbewusstsein trägt den Sieg davon", 13.11.2014

Hildesheimer Allgemeine Zeitung, „Slam-Schlacht mit vier Verbal-Athleten", 08.11.2014

Hildesheimer Allgemeine Zeitung, Filmbeitrag


Über 600 Studierende, Lehrende und Hildesheimer Bürger verfolgten den ersten Wissenschaftswettstreit an der Hildesheimer Universität. Im Uhrzeigersinn traten an: die Professoren Stefani Brusberg-Kiermeier, Werner Greve, Jürgen Sander und Johannes Ismaiel-Wendt. Fotos: Julia Moras