Kita, Schule, Integrationskurs: Deutsch als zweite Sprache erlernen

Monday, 12. January 2015 um 19:20 Uhr

Die Sprachenvielfalt in einer Klasse einbeziehen, im Ausland arbeiten und die deutsche Sprache vermitteln: Die Universität Hildesheim bietet einen Studiengang „Deutsch als Zweitsprache/Deutsch als Fremdsprache“ an. Nun starten die ersten Absolventen in den Beruf. Sie können in der Schulbuchherstellung und an Schulen arbeiten oder Integrationskurse leiten. Professorin Elke Montanari untersucht, wie Integrationskurse sprachlich auf das Leben in Deutschland vorbereiten.

Studieninteressierte wählen einen Schwerpunkt – entweder Deutsch als Fremdsprache. Sie können nach dem Studium an Schulen und Universitäten im Ausland oder in international vernetzten Betrieben als Spezialisten für die Vermittlung der deutschen Sprache und Kultur arbeiten. Ein mehrmonatiger Auslandsaufenthalt sowie Seminare in den Bereichen Sprachstandsdiagnostik, Lehrwerksanalyse, Literatur und Landeskunde interkulturell gehören zum Studium. Die Studierenden lernen, die deutsche Sprache aus einer Fremdperspektive zu betrachten, so Beatrix Kreß.

Oder Studierende wählen den Schwerpunkt Deutsch als Zweitsprache. Hier lernen Lehrerinnen und Lehrer, wie sie die Sprachenvielfalt in einer Klasse einbeziehen können und mit welchem Wortwissen sie bei ihren Schülern rechnen können. Die Universität bildet Fachleute für die Sprachförderung in Schulen und Fachkräfte für den Unterricht von Erwachsenen in Integrationskursen und für die Bildungsplanung etwa in Behörden aus. Zu den Studieninhalten gehören Seminare in den Bereichen Zweitspracherwerb, deutschsprachiger Unterricht in mehrsprachigen Gruppen, Diagnostik und Lehrwerksanalyse. Der Masterstudiengang mache sichtbar, das Mehrsprachigkeit zu unserem Alltag gehört, so das Team um Professorin Hildegard Gornik, Professorin Beatrix Kreß, Professorin Elke Montanari und Professor Stephan Schlickau, das das Studienprogramm entwickelt hat.

Christina Süßmilch, eine der ersten Absolventinnen dieses Studiengangs mit dem Schwerpunkt „Deutsch als Zweitsprache", berichtet, sie habe sich in Sprachkursen zum Beispiel mit den grammatischen Systemen von Sprachen befasst, „um später im Unterricht denjenigen Kindern, die diese Sprache als Muttersprache sprechen, gezielter zu helfen".

Über, auf, zwischen: Im Sportunterricht Sprache und Präpositionen erlernen

„Sensibilisierung ist ein erster Anfang. Man wertschätzt Mehrsprachigkeit als Ressource. Das ist der Einstieg. Aber dann folgt die Frage: Wie zeigt sich das im unterrichtlichen Handeln?", so Professorin Elke Montanari, die an der Hildesheimer Uni Lehrerinnen und Lehrer für Deutsch als Zweitsprache ausbildet und auch Lehrkräfte erreichen möchte, die „mitten im Beruf stehen". Die Hildesheimer Studierenden, darunter Süßmilch, gehen zum Beispiel in Schulen und analysieren anhand von Ton- und Bildaufnahmen, wie Lehrkräfte die Mehrsprachigkeit der Kinder aufgreifen. Sie untersuchen, wie Kinder zum Beispiel Wörter aus Sprachen wie Türkisch, Französisch, Polnisch, Russisch oder Arabisch vergleichen und gemeinsam die Grammatik entdecken. Welche anderen Sprachen mit Fällen kennen sie? Was ist denn ein Fall, warum brauchen wir das?

Oder im Sportunterricht, hier können Schülerinnen und Schüler „wunderbar Präpositionen lernen – über, auf, unter, zwischen", sagt Montanari. Die Hildesheimer Uni ist Teil eines Verbunds von neun niedersächsischen Hochschulen in der Initiative „Umbrüche gestalten“, die vom Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache, vom Niedersächsischen Kultusministerium und Wissenschaftsministerium gefördert wird. Ziel dabei ist, die Sprachenförderung in die Lehrerausbildung aller Fächer – ob Politik, Mathematik, Sport, Sachunterricht oder Religion – aufzunehmen.

Wie viel Sprache steckt im Fach Mathematik?

Dabei bindet das Hildesheimer Team Lehramtsstudierende und Fachdidaktiker, zunächst der Fächer Mathematik und Sport, ein. In der Lehre unterrichten sie zu zweit, fachübergreifend, um Fachdidaktik und Mehrsprachigkeit gemeinsam zu betrachten. Ein Beispiel: Wie viel Sprache steckt im Mathematikunterricht? „Unterricht, ob Deutsch oder Chemie, hat immer mit Sprache zu tun. In der Mathematik gibt es eine Besonderheit: Unsere Gegenstände sind Gegenstände des Denkens. Wir arbeiten mit Fachbegriffen und Formeln", sagt Professorin Barbara Schmidt-Thieme, die in diesem Wintersemester gemeinsam mit der Sprachwissenschaftlerin Christina Kellner das Seminar „Wie viel Sprache steckt im Fach Mathematik" für angehende Lehrerinnen und Lehrer anbietet. Eine Kugel rollt, so Schmidt-Thieme. „Das ist Alltagssprache. Dann geht man Schritt für Schritt in die Fachsprache hinein. Eine Kugel hat überall den gleichen Durchmesser. Eine Kugel 'ist die Menge aller Punkte des dreidimensionalen Raumes, die von einem Punkt M (Mittelpunkt) den gleichen Abstand hat'. Diesen Übergang zu gestalten, ist Aufgabe der Lehrkräfte, dazu benötigen sie Sprache."

Zu dem Masterstudiengang gehört auch ein Praxisteil. Christina Süßmilch hat ihr Praktikum am Niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung absolviert, dabei hat sie Einblicke in die Lehrerfortbildung erhalten und erfahren, wie Lehrkräfte im Umgang mit Mehrsprachigkeit qualifiziert und die Behörde mit Schulen mit mehrsprachigen Schülerinnen und Schülern umgeht. Sie könne sich gut vorstellen, einmal in diesem Bereich zu arbeiten und bei der Entwicklung von Lehrerfortbildungen für Deutsch als Zweitsprache mitzuwirken. Aber die beruflichen Perspektiven sind weit gefächert, sagt sie. „Mit dem Studiengang gibt es noch sehr viel mehr Möglichkeiten, wir können auch in Schulbuchverlagen oder in der Schulbuchherstellung arbeiten oder in einer Volkshochschule Integrationskurse leiten."

Wie Integrationskurse sprachlich auf das Leben in Deutschland vorbereiten

Damit befasst sich Elke Montanari in der Forschung. Sie untersucht, wie Integrationskurse sprachlich auf das Leben in Deutschland vorbereiten. In dem Beitrag „Sprachliche Handlungsbedarfe von Lernenden in Integrationskursen", der 2015 in der internationalen Zeitschrift „Zielsprache Deutsch“ erscheint, stellt die Professorin für Deutsch als Zweitsprache von der Universität Hildesheim Ergebnisse aus einer Untersuchung zu Integrationskursen und Sprache vor. „Bei einer Befragung von Teilnehmenden und Lehrenden in Integrationskursen zeigte sich, dass sich die KursteilnehmerInnen die alltäglichen sprachlichen Mittel in weiten Teilen eigeninitiativ aneignen können. Besonderer Handlungsbedarf besteht im Umgang mit Kindern, gerade mit der Perspektive auf Bildungseinrichtungen, im Kontakt mit Behörden und öffentlicher Verwaltung und im Beruf. Die Sprachenvielfalt der Kursteilnehmenden könnte als Ressource aufgegriffen werden. Die verschiedenen Sprachkenntnisse finden in den vorhandenen Lehrmaterialien zu wenig Beachtung“, schreibt Montanari. Sie gibt Einblicke in eine Studie, die im Auftrag des Bundesinnenministeriums unter Federführung des Goethe-Instituts München an der LMU München durchgeführt wurde.

In Integrationskursen, die mit einem Deutschtest auf dem Sprachniveau B1 enden, sollen Migranten die deutsche Sprache und Geschichte, Politik und Kultur kennen lernen. Vor zehn Jahren wurden die Kurse im Zuge des Zuwanderungsgesetztes eingeführt.

Inwieweit bereiten die Kurse die Lernenden sprachlich auf das Leben in Deutschland vor? Sprachliche Anforderungen liegen vor allem bei der Unterstützung der Kinder, zum Beispiel im schulischen und medizinischen Bereich, und bei der beruflichen Integration – am Arbeitsplatz, bei der Arbeitssuche, in der Ausbildung –, so Montanari. Der Ausbau des Wortschatzes sollte in diesen komplexen Handlungsfeldern – zur öffentlichen Verwaltung gehört ein besonderer Sprachstil und die formelle Kommunikation – intensiv bearbeitet werden. Alltägliche Handlungsfelder, etwa Bereiche wie der tägliche Einkauf – ein Standardthema in Lehrwerken – und Wohnen sollten als Kursinhalte darauf überprüft werden, ob sie wirklich notwendig im Kurs zu erlernen sind, oder ob die Lernenden hier nicht bereits selbst ihre Umgebung sprachlich weitgehend erschließen, so die Professorin.

Außerdem geht es um die Anwendung des Gelernten. „Man sollte noch einmal gezielter darüber nachdenken, wie eine Brücke in den Alltag gemacht werden könnte. Es gibt dazu verschiedene Ideen. Zum Beispiel sollte ein Praktikum zum Integrationskurs gehören, in dem die Lernenden auch in authentischen Situationen die Sprache am Nachmittag anwenden“, sagt Montanari.

Jetzt bewerben: Deutsch als Zweitsprache/Deutsch als Fremdsprache

Studieninteressierte können sich für ein Studium im Masterstudiengang „Deutsch als Zweitsprache/Deutsch als Fremdsprache (DaZ–DaF)" bewerben. 

Mehr zum Thema:

„10 Jahre Integrationskurse in Deutschland. Wie gut bereiten die Kurse auf das Berufsleben vor?", Elke Montanari im Gespräch, Deutschlandfunk, Sendung „Campus und Karriere", 08.01.2014, Hörfunk-Beitrag von Katja Hanke (5 Min.)