Gehen Jugendliche in die Natur?

Friday, 12. June 2015 um 18:55 Uhr

Geographiedidaktiker der Universität Hildesheim haben in einer Vollerhebung alle Fünft- und Neuntklässler an Hildesheimer Haupt-, Real- und Gesamtschulen befragt, ob sie in die Natur gehen. Erdkundeunterricht findet meist im Klassenraum statt, so ein Ergebnis. Man befasst sich mit der Umwelt, aber ist kaum in der Natur.

Die Doktorandin Ann-Christin Schock und Professor Martin Sauerwein haben 1200 Jugendliche aus Hildesheim befragt, was diese unter Umwelt und Natur verstehen und ob sie in die Natur gehen. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Was würdest du für Naturschutz und gegen Umweltprobleme tun, wenn du könntest? „Jeden Öltanker mit Klebeband abkleben, damit nie wieder ein Öltanker ausläuft.“  Die Idee stammt von einer Siebtklässlerin, Was verstehen Jugendliche unter „Natur“ und „Umwelt“? Etwa 70 % der Schülerinnen und Schüler können nicht beschreiben, was „Umwelt“ ist. Viele Jugendliche verbinden mit dem Begriff Umweltverschmutzung, meist begründen sie diese Zerstörung der Umwelt mit Verkehr, Müll und Atomkraft. Jugendliche sammeln nur wenige Naturerfahrungen in der Schule, Erdkundeunterricht findet meist im Klassenraum statt. Man befasst sich mit der Umwelt, aber ist kaum in der Natur.

Das ist ein Ergebnis einer Studie von Geographiedidaktikern der Universität Hildesheim. Ann-Christin Schock hat untersucht, wie Lehrerinnen und Lehrer Geomedien und außerschulische Lernorte – etwa Schulbiologiezentren – in den Unterricht einbeziehen können. „Wie können Jugendliche sensibilisiert werden, um die Welt für nachfolgende Generationen zu erhalten? Schulen können über Medien Interesse für die Natur wecken“, sagt Schock. Dazu hat sie in einer Vollerhebung 1200 Fünft- und Neuntklässler aus allen Hildesheimer Haupt-, Real- und Gesamtschulen befragt. Der Schülerfragebogen bezog sich auf die Bereiche Freizeitgestaltung, Umweltbewusstsein, Naturerfahrung und Mediennutzung in Freizeit und Unterricht. Außerdem wurden 53 Geographielehrkräfte befragt. „Ich wollte wissen, was machen die Schüler eigentlich in ihrer Freizeit, gehen sie raus ins Grüne?“ 11- und 12-Jährige seien noch sehr offen für die Natur, möchten raus in den Wald, ob Mädchen oder Jungen. Ältere, die stark medienaffin sind, haben hingegen kaum Lust auf Naturerfahrungen in der Schule und mit der Familie. Die Mädchen seien im höheren Alter aber eher naturaffin, gehen reiten oder mit dem Hund Gassi. Ein Junge sagte, Natur sei die Fußgängerzone.

„Nur Klicken in das Internet reicht nicht aus, um Natur zu erleben. Ich muss einen Regenwurm auch anfassen“, sagt Geographieprofessor Martin Sauerwein, der in der Lehrerfortbildung ansetzt. Ann-Christin Schock hat ihre Promotion im Graduiertenkolleg „Gender und Bildung“ abgeschlossen und zuvor an der Hildesheimer Uni Lehramt mit den Fächern Geographie und Englisch studiert. Da die Mediennutzung bei Jugendlichen in starker Konkurrenz zur Naturerfahrung steht, sollte im Unterricht das mediale Interesse genutzt werden, um den zum Teil verlorengegangenen Naturzugang wiederherzustellen, etwa durch Geocaching. „Dabei ist bedeutsam, die Lebenswelt, Interessen sowie die Diversität im Klassenzimmer zu berücksichtigen.“

Hildesheimer Geographische Studien

Wer mehr über Naturerfahrungen von Jugendlichen und den Einsatz von Medien im Erdkundeunterricht erfahren möchte, findet Informationen in Band 3 der „Hildesheimer Geographischen Studien“. Die Darstellung und Analyse der Befragung von Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe I zu Naturerfahrungen und Geomedien von Ann-Christin Schock umfasst 250 Seiten.

Medienkontakt: Pressestelle der Uni Hildesheim (Isa Lange, presse@uni-hildesheim.de, 05121.883-90100)