Familienfotografien sichten, Jugendliche befragen, Alltag im Pflegeheim beobachten

Wednesday, 18. March 2015 um 15:18 Uhr

Sieben Stipendiatinnen schließen derzeit ihre Promotion im Graduiertenkolleg „Gender und Bildung“ ab. Die Bewerbungsphase für die nächste Phase läuft bereits: Die Universität Hildesheim hat acht Promotionsstipendien ausgeschrieben. Noch bis zum 23. März 2015 ist eine Bewerbung möglich.

Von der Chemiedidaktik über erziehungswissenschaftliche Familienforschung bis zu außereuropäischer Ethnologie: Sieben Nachwuchswissenschaftlerinnen forschen seit drei Jahren rund um Geschlechterfragen im interdisziplinären Graduiertenkolleg „Gender und Bildung" – eines der einzigen dieser Art bundesweit. Derzeit schließen sie ihre Promotionen ab und sind in der Endphase. „Sie untersuchen sichtbare und unsichtbare Zusammenhänge zwischen Geschlecht und Bildung“, sagt Professorin Meike Baader von der Universität Hildesheim. Mit welchen Fragen sich die jungen Forscherinnen auseinandersetzen – ein Überblick.

Wie sich Schulbildung auf Familien auswirkt

Andrea Noll untersucht Familiengeschichten, Berufs- und Bildungsbiographien von Frauen, Männern und ihrer Verwandtschaft im westafrikanischen Ghana. Dabei hat sie Familien begleitet und erfasst, wie sich Schulbildung auf die Rollen von Frauen und Männern innerhalb einer Familie auswirkt. In drei Forschungsaufenthalten von jeweils mehreren Monaten hat sie den Alltag von mehreren südghanaischen Fanti-Familien begleitet. Die junge Wissenschaftlerin reist durch die Weltgeschichte, war bei Familientreffen in Amerika. Bereits in ihrer Magisterarbeit hat die Ethnologin in Nordghana geforscht und die Schulkultur in einem Mädcheninternat untersucht. Disziplin und Kreativität schließen einander nicht aus, sagt sie über ihre Schulbeobachtungen.

Das erste Mal verliebt: Jugendbiographien erforschen

Auf Datenmaterial aus dem Projekt „Wege finden – gestärkt erwachsen werden“ greift Anja Schierbaum zurück. Über vier Jahre hat sie gemeinsam mit Professor Michael Corsten weibliche Jugendbiographien untersucht und kann nun individuelle Entwicklungsverläufe und Veränderungen von 14- bis 19-Jährigen beobachten. „Zum Zeitpunkt der empirischen Untersuchung waren die Mädchen das erste Mal verliebt, wollten darüber entscheiden, wann sie nach Hause kommen, suchten ihre Kleidung selbst aus und wünschten sich, Ferien mit ihren Freunden und nicht mit den Eltern zu verbringen“, so Schierbaum. In ihrer Dissertation erfasst sie nun, wie junge Frauen „über ihr Leben und ihre Zukunft nachdenken“.

Das gleiche Geschlecht: Familienfotos kommen ohne Sprache aus

Ich bin Eltern im Plural – unter diesem Arbeitstitel läuft Janine Schallats Forschung. Sie befragt Familien und erfasst, wie sich gleichgeschlechtliche Eltern in Familienbildern zeigen. Schallat hat an der Universität Hildesheim Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt „Diversity Education“ studiert und befasst sich in ihrer Dissertation „Das Geschlecht der Elternschaft“ mit den Geschlechterverhältnissen innerhalb von Familien. Dazu hat sie 53 Familienfotografien erhoben, die Auswahl der nicht-professionelle Fotografien, also Amateuraufnahmen, wurde dabei den Familien überlassen.

„Bilder eröffnen etwas, was im Gespräch nicht möglich ist. Sie kommen ohne Sprache aus, dadurch entsteht nicht die Herausforderung in so klar definierten Rollen wie Mutter, Vater, Kind zu denken", sagt Janine Schallat über ihr Datenmaterial. Sie hat die auf den Fotos abgebildeten Eltern interviewt, um mehr über „die Eigensicht und Selbstdarstellungen der Familien zu erfahren“.

Chemieunterricht – ein Schlüssel, um den passenden Beruf zu finden?

Anna Kotwica untersucht in ihrem Forschungsprojekt die Berufsorientierung von Jugendlichen im Chemieunterricht. In Deutschland habe nur ein geringer Teil der Jugendlichen naturwissenschaftsbezogene Berufserwartungen, wobei die Erwartungen von Mädchen niedriger sind als die von Jungen. Anhand von  Fragebogen-Erhebungen erfasste sie den Einfluss der Schule auf Jugendliche. Sie hat Auszubildende in chemischen Berufen nach ihrer Zufriedenheit und ihrem schulischen Chemieunterricht befragt. Außerdem sollen Interviews mit Chemielehrkräften geführt werden. Anna Kotwica hat Lehramt mit den Fächern Chemie und Biologie in Hildesheim studiert und absolviert derzeit ihr Referendariat.

Geschichte der Hochstapelei in der Literatur: Männer in der Mehrzahl

Mit der „Kulturtechnik des Hochstapelns“ befasst sich Verena Doerfler. Schöner Schein und gute Selbstvermarktung stellten historisch noch einen Normenbruch dar, seien aber mittlerweile „zur Norm geworden“. Die Kulturtechnik – ob man sie beherrscht oder nicht – entscheide wesentlich über eine erfolgreiche und gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft, so ihre Annahme. „Das beginnt beim Bewerbungsgespräch, in dem man sich selbst vermarkten muss und erst später zeigen kann, ob und inwiefern man das, was man versprochen hat, auch wirklich erfüllen kann.“

In ihrer Dissertation arbeitet die Kulturwissenschaftlerin die Geschichte der Hochstapelei auf und blickt auf literarische Figuren seit dem 19. Jahrhundert. „In der Geschichte der Hochstapelei sind männliche Figuren deutlich in der Mehrzahl“, sagt sie. Zu den bekannten Hochstaplern zählen etwa Georges Manolescu, Felix Krull, der „Hauptmann von Köpenick“ und Gerd Postel. Dem Hochstapeln wohne durchaus ein produktives Moment inne, „ein Glaube nämlich an in einem schlummernde Möglichkeiten“, so Verena Doerfler. Der Blick in andere Fachdisziplinen im Graduiertenkolleg sei hilfreich. „Aber irgendwann muss ich am Schreibtisch sitzen, selber schreiben. Das mache ich gerade“, sagt Doerfler.

1200 Jugendliche befragt: Gehen sie in die Natur?

Wie erleben Jugendliche Natur, Wald und Wiese? Ann-Christin Schock, die in Hildesheim Lehramt mit den Fächern Geographie und Englisch studiert hat, untersuchte, wie Lehrkräfte Geomedien und außerschulische Lernorte – etwa Schulbiologiezentren – in den Unterricht einbeziehen können. „Wie können Jugendliche sensibilisiert werden, um die Welt für nachfolgende Generationen zu erhalten? Schulen können über Medien Interesse für die Natur wecken“, so Schock.

Dazu hat sie 1200 Schülerinnen und Schüler aus acht Haupt-, Real- und Gesamtschulen befragt, eine Vollerhebung aller 5. und 9. Klassen in Hildesheim. „Ich wollte wissen, was machen die Schüler eigentlich in ihrer Freizeit, in der Natur, gehen sie raus ins Grüne? Die Schüler sammeln nur wenige Naturerfahrungen in der Schule, Erdkundeunterricht findet meist im Klassenraum statt“, so Schock. Man befasst sich mit der Umwelt, aber ist kaum in der Natur. Elf- und Zwölfjährige seien noch sehr offen für die Natur, möchten raus in den Wald, ob Mädchen oder Jungen. Ältere, die stark medienaffin sind, haben hingegen kaum Lust auf Naturerfahrungen in der Schule und mit der Familie. Die Mädchen seien im höheren Alter aber eher naturaffin, gehen reiten oder mit dem Hund Gassi. „Nur klicken in das Internet reicht nicht aus, um Natur zu erleben. Ich muss einen Regenwurm auch anfassen“, sagt Geographieprofessor Martin Sauerwein. Ann-Christin Schock hat ihre Promotion abgeschlossen und auch ihre Arbeit während der Disputation verteidigt.

Beobachtungen im Pflegeheim: Ein Lächeln der Demenzerkrankten

Anja Kauppert hat ihre Dissertation „Lichte Augenblicke. Zur Leiblichkeit sozialer Relationen“ im Februar eingereicht. Die Soziologin hat sich mit „lichten Augenblicken bei Demenz“ im Pflegeheim befasst. Eine demente Person changiert in solchen Momenten zwischen „gesund“ und „krank“, so Anja Kauppert. Solche Augenblicke können dort auftauchen, wo sich die körperlichen Erwartungen an den Erkrankten schon so weit zurückgebildet haben, dass plötzliche „Normalitäten“ überraschend als „lichter Augenblick“ wahrgenommen werden.

Der methodische Zugang der Forscherin ist ungewöhnlich: Phänomenologie als Forschungsmethode in der Soziologie, also das Beobachten von Sichtbarem, ist kaum üblich. Dazu sagt Anja Kauppert: „Das stille und klare Lächeln einer Bewohnerin des Pflegeheims gehört nicht zu den üblichen Daten, an denen Soziologinnen sich abarbeiten.“

Sie ging „ins Feld“, führte eine ethnographische Studie auf einer Station eines kirchlichen Pflegeheims durch, das sich auf schwere Demenz-Fälle spezialisiert hat. Sie dokumentierte den Alltag in Ton, Film und Beobachtungsprotokollen. Dabei wurde deutlich, dass sich viele Beobachtungen kaum deuten ließen, ohne eine kritische Gender-Perspektive einzubeziehen. Kauppert nennt Beispiele, in denen Geschlecht und Sozialisation eine Rolle spielen: Sie beobachtete etwa den Klaps auf den Po einer weiblichen „Küchenhilfe“ durch einen „älteren Stationsbewohner“ und ihre Reaktion darauf, die veränderte Stimmlage der Pflegerinnen bei Eintritt des Qualitätsmanagement-Beauftragten und das Adressieren des Hausmeisters. In ihrer Dissertation arbeitet Kauppert heraus, welche Rolle eine gendersensible Ausbildung der Pflegekräfte in diesen Situationen spielt und mit welchen wertenden Meinungen Fachkräfte im Alltag handeln.

Professorinnen und Professoren mehrerer Fachrichtungen begleiten die Promovierenden

„Die Vielfalt der Forschungsthemen war und ist immer wieder eine große Herausforderung“, sagt die Koordinatorin des Graduiertenkollegs Kerstin Bueschges. „Promovierende unterschiedlicher Fachrichtungen in einem interdisziplinären Austausch zu bringen, hat seine ganz eigenen ‚Tücken‘, die aber bei erfolgreicher Umsetzung dafür doppelt lohnend sind.“ Als Beispiel dieses fruchtbaren Austauschs nennt Bueschges den Sammelband „Bildung, Selbstbild, Geschlechterbilder“, der derzeit entsteht. Der Sammelband ist das Resultat einer gleichnamigen Vortragsreihe, die über drei Semester lief und an der renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem In- und Ausland teilnahmen.

Das Graduiertenkolleg kann durch eine Förderung des Bundesforschungsministeriums und aus Mitteln des Niedersächsischen Wissenschaftsministeriums Mitte 2015 in eine zweite Runde starten. Derzeit läuft die Bewerbungsphase. Kerstin Bueschges ermutigt alle, die an der Thematik „Gender und Bildung“ interessiert sind und eine Promotion anstreben, sich mit spannenden Projekten zu bewerben. Sie hofft dabei auf eine ebenso „bunte Runde“ wie zuvor. Erstmals ist ab dem Sommer auch der Fachbereich Kulturwissenschaften vertreten. Die Professorinnen und Professoren Kathrin Audehm, Meike Sophia Baader, Stefani Brusberg-Kiermeier, Michael Corsten, Beatrix Kreß, Annemarie Matzke und Toni Tholen werden die Doktorandinnen und Doktoranden begleiten. „Hochschulen müssen sich entscheiden, ob sie sich als Katalysatoren sehen“, sagt Silvia Lange. Die Gleichstellungsbeauftragte der Universität wünscht den aktuell Promovierenden für den Abschluss ihrer Arbeit alles Gute und äußert die Hoffnung, „dass Sie sich in ihren Arbeitszusammenhängen für Gleichstellung einsetzen“.

Worum geht's? 8 Promotionsstipendien zu vergeben

Das Graduiertenkolleg „Gender und Bildung“ startet in eine zweite Runde. Noch bis zum 23. März 2015 können sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um ein Stipendium (monatlich 1250 Euro) bei der Universität Hildesheim bewerben. Insgesamt acht Promotionsstipendien in den Bereichen Erziehungs- und Sozialwissenschaften, den Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften werden vergeben. Bewerberinnen und Bewerber müssen über ein abgeschlossenes Studium (Diplom, Master, Staatsexamen, vergleichbare Abschlüsse) mit überdurchschnittlichen Leistungen verfügen.

Finanziert wird das Graduiertenkolleg aus Mitteln aus dem Professorinnenprogramm II und aus Zuschüssen des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur. Interessierte können sich bei Fragen an die Gleichstellungsbeauftragte Dr. Silvia Lange (langes@uni-hildesheim.de) und die Projektkoordinatorin Dr. Kerstin Bueschges (bueschge@uni-hildesheim.de) wenden.


Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchen an der Universität Hildesheim Zusammenhänge zwischen Geschlecht und Bildung. Unten: Die Doktorandin Janine Schallat (li) erfasst, wie sich gleichgeschlechtliche Eltern in Familienbildern zeigen. Andrea Noll (re) untersucht in Ghana, wie sich Schulbildung auf die Rollen von Frauen und Männern innerhalb einer Familie auswirkt. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim