Einfach nur zur Uni

Monday, 25. August 2014 um 09:56 Uhr

Studieren mit einer Krankheit: Henrike Hillmer möchte einmal im Bereich Umwelt- und Naturschutz arbeiten. Manchmal muss sie ihre Krankheit im Uni-Alltag erklären. Oft passiert es aber, dass Kommilitonen ihre Einschränkungen einfach „vergessen" und sie nichts Anderes an ihr wahrnehmen. Isa Lange sprach mit der Studentin über den Studienalltag, Barrieren und Ansprechpartner, die weiterhelfen. So können sich Studierende mit Behinderung oder chronischer Krankheit an Petra Sandhagen von der Uni-Beratungsstelle „Handicampus" wenden.

Der Labrador Nico hilft Henrike Hillmer im Alltag und begleitet sie in die Universität, hebt Gegenstände auf, stabilisiert die Studentin beim Treppensteigen. Nun hilft der Begleithund bei der Ausbildung seines Nachfolgers. Foto: SoVD Landesverband Niedersachsen e.V.

Im Studium an der Universität Hildesheim befassen Sie sich mit Umwelt- und Naturschutz. Wo soll es einmal beruflich für Sie hingehen?

Ich habe in Göttingen den Bachelor of Science in Biologie erworben. Mit diesem Abschluss ist es schwierig erfolgreich in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Vom Masterstudium im Bereich Umweltwissenschaft und Naturschutz in Hildesheim erhoffe ich mir beruflich einmal in Behörden, Ministerien oder einem Planungsbüro einzusteigen. Im Studium geht es zum Beispiel um Umweltplanung, Naturschutzrecht und Renaturierung. Es ist eine Mischung aus biologischen und geographischen Inhalten. Meine Vertiefungsrichtung ist der angewandte Naturschutz.

Sie haben „Arthrogryposis multiplex congenita" (AMC), eine angeborene Versteifung der Gelenke, die relativ selten auftritt bei etwa einem von 3000 Kindern. Ist Krankheit eigentlich im Uni-Alltag unter den vielen jungen Leuten ein Thema, oder wird das  eher verschwiegen? Welchen Umgang wünschen Sie sich?

Je nach persönlichen Naturell meiner Kommilitonen werde ich hin und wieder Dinge gefragt. Ich soll dann meine Krankheit erklären, ich darf etwas erklären, oder es gibt keine besonderen Kommentare. Oft merke ich, dass mein Studium – obwohl wir alle das gleiche machen – als besondere Leistung anerkannt wird. Noch öfter passiert es, dass Kommilitonen meine Einschränkungen einfach „vergessen" und sie nichts Anderes an mir wahrnehmen. Wenn ich um Hilfe bitte, bekomme ich diese. Wenn man sich denn einen „Umgang wünschen" kann, dann diesen.

Wenn Sie mit Studierenden unterwegs sind, welche Barrieren erschweren das Studium?

Auf umweltwissenschaftlichen Exkursionen und im Geländepraktikum ist meine Behinderung natürlich ein größeres Thema. Hier stoße ich immer an die Grenze meiner Leistungsfähigkeit und muss alles geben, um mithalten zu können. Trotzdem muss man oft auf mich im Gelände warten. Hierfür haben meine Kommilitonen meist ein größeres Verständnis als der ein oder andere Dozent. Viel größere Barrieren sind etwa der häufig defekte Aufzug hinauf zur Abteilung Geographie im 3. Obergeschoss sowie ungenaue Absprachen, die dann zum Beispiel ein unnötiges Hin- und Hergelaufe nach sich ziehen, das für mich sehr anstrengend ist. Ich pendel außerdem täglich von Hannover nach Hildesheim – ich habe Anspruch auf „Hilfen zur Teilhabe“, das nennt man Eingliederungshilfe, dazu gehört etwa die Unterstützung bei Fahrtkosten. Das Zugfahren fällt mir schwer, ist mit großen Unsicherheiten in allen Bewegungsabläufen und Kraftaufwand verbunden, was schon beim Hebeldrücken beginnt, um aussteigen zu können. Daher fährt mich mein Freund mit dem Auto – weitaus günstiger ist das als mit dem Behindertentransport, der pro Strecke etwa 60 Euro kosten würde – die Unterstützung der Fahrtkosten bei der Stadt Hannover zu erhalten, war leider mühselig. Mir wurden viele Steine in den Weg gelegt und ich habe mich wie eine Schnorrerin gefühlt. Dabei will ich nur zur Universität und studieren.

Erfahren Sie auch Unterstützung in der Universität?

So ziemlich jeder Dozent hatte bisher Verständnis und war in der Lage sich auf meine Bedürfnisse einzustellen. Die Geographie- und Biologieprofessoren Martin Sauerwein und Horst Kierdorf halfen mir von Anfang an bei dem Behördenwahnsinn und stellten jede noch so seltsame aber vom Amt verlangte Bescheinigung aus.

An der Universität gibt es Ansprechpartner für Studierende mit Behinderung oder chronischer Erkrankung (Handicampus). Nutzen Sie solche Angebote, wie holt man sich Rat?

Von dieser Beratungsstelle zog ich mir ganz zu Beginn meines Studiums die Info, dass es eine Möglichkeit gibt, von den Studiengebühren befreit zu werden. Ich kam darüber in Kontakt zum deutschen Studentenwerk und erhielt den entscheidenden Tipp, was ich beantragen muss um den Transport von Hannover nach Hildesheim gewährleistet zu bekommen. Rat holte ich mir vom Studentenwerk und dem Beratungszentrum des Sozialverbands Deutschland.

Sie haben einen Begleithund, den neunjährigen Labrador Nico. Wie hilft der Hund Ihnen, was macht er zum Beispiel?

Nico ist inzwischen krankheitsbedingt sozusagen in Frührente, er hat Coxarthrose und begleitet mich aus diesem Grund nicht mehr in die Uni. Früher war er in jeder Vorlesung dabei. Zuhause hilft er weiterhin wo er kann, hebt Gegenstände auf – Messer und Münzen oder Papier –, räumt die Waschmaschine aus, stabilisiert mich beim Treppe gehen und sorgt für einen größeren Freiraum in großen Menschenmengen. Weiterhin hilft er momentan bei der Erziehung und Ausbildung seines Nachfolgers. Cooper ist vier Monate alt, ich bilde ihn selbst mithilfe von Fachtrainern aus und Nico passt auf, dass ich alles richtig mache.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Isa Lange.

Mit Behinderung oder chronischer Krankheit studieren: Anlaufstelle „Handicampus“ / Von: Antonia Schreiner, Praktikantin Pressestelle

An der Universität Hildesheim gibt es die Anlaufstelle „Handicampus – Studieren mit Behinderung oder chronische Krankheit“. Dr. Petra Sandhagen vom Institut für Psychologie berät betroffene Studierende und Studieninteressierte. Studierende kommen vorbei oder mailen der Psychologin und auch Lehrende und Mitarbeiter in den Dezernaten sind offen für Fragen, individuelle Lösungen und Informationen. Je Semester erreichen Petra Sandhagen Anfragen von etwa 20 Studierenden, dann folgen längere telefonische oder persönliche Gespräche und E-Mails. „Die häufigste Frage ist die nach einem Nachteilsausgleich. Studierende können beim Prüfungsamt beantragen, dass sie in einer Prüfung eine Zeitverlängerung erhalten oder eine andere Prüfungsform wählen dürfen, um einen durch ihr Handicap entstandenen Nachteil auszugleichen“, sagt Sandhagen. Eine sehbehinderte Studentin könne etwa beantragen, dass sie eine Klausur auf einem Rechner schreiben darf, der die Schrift besonders groß darstellt, oder dass sie eine mündliche Prüfung statt einer schriftlichen ablegen darf. Neben der Beschreibung reichen betroffene Studierende ein fachärztliches Gutachten ein, das die Einschränkungen benennt. „Hier kann ich in der Beratung erläutern, welche Möglichkeiten es gibt und an wen sich die Anträge richten. Ob die Studierenden einen Antrag stellen, liegt in ihrer eigenen Entscheidung.“ Häufig drehen sich die Fragen auch um die Studienorganisation: Wie viele Prüfungen soll ich planen? Ist es schlimm ein Semester länger zu brauchen? Diese Fragen können in der Anlaufstelle nicht beantwortet werden, aber „ich kann Studierende in ihren Überlegungen begleiten, damit sie selbst herausfinden, wie ein guter Studienverlauf für sie aussieht“.

„Die Anlaufstelle ist ein Angebot, das Studierende nutzen können aber nicht müssen. Der Kontakt geht immer von den Studierenden aus. Es gibt sicherlich etliche Studierende an der Universität Hildesheim, die die Anlaufstelle nie nutzen. Das kann bedeuten, dass sie gut klar kommen und keinen Beratungsbedarf haben. Das kann aber auch bedeuten, dass Scheu und Unsicherheit bestehen. Manche Studierende möchten nicht, dass jemand von ihrer Erkrankung weiß“, sagt die Psychologin. Andere hingegen gehen sehr offen damit um, vor allem Studierende mit einem körperlichen Handicap. Sie nehmen frühzeitig Kontakt auf und informieren sich nach Barrierefreiheit. „Wenn noch Fragen zu Beginn des Studiums ungeklärt sind, kontaktieren sie den ‚Handicampus‘ und wenn ich nichts mehr höre, dann weiß ich, dass alles läuft“, so Sandhagen. Auch Mitstudierende und Lehrende können die Anlaufstelle kontaktieren. „Ein Gespräch nimmt Unsicherheiten auf beiden Seiten. In Seminaren erlebe ich es, dass es für Studierende und Dozenten schnell normal wird.“ Petra Sandhagen ist via E-mail erreichbar (petra.sandhagen@uni-hildesheim.de).