Die Stunde der Wahrheit: Prüfungszeit

Monday, 30. March 2015 um 19:31 Uhr

Studieren spielt sich in diesen Wochen auch auf den Fluren zwischen den Hörsälen ab. An Arbeitstischen sitzen Studierende über Mitschriften und lernen. Wie das Prüfungsamt der Universität Hildesheim jährlich etwa 40.000 Prüfungen bearbeitet – ein Einblick. Prüfungszeit – ein Rundgang über den Hauptcampus in der vorlesungsfreien Zeit von Isa Lange. Sozialpsychologen haben außerdem untersucht, wie Gruppen ein Wir-Gefühl entwickeln und so besser Stress bewältigen können.

Pro Semester verarbeitet ein Team um Markus Flohr etwa 20.000 Prüfungen an der Universität Hildesheim. Im Idealfall „verbuchen“ die Lehrenden oder die Sekretariate in den Instituten die Prüfungsergebnisse im System selbst. Teilweise trägt auch das Prüfungsamt die Ergebnisse ein. „Im Prüfungsamt laufen alle Fäden zusammen. Wenn alle für den erfolgreichen Studienabschluss erforderlichen Studien- und Prüfungsleistungen erbracht worden sind, erstellen wir die Abschlussdokumente. Dazu gehören ein Zeugnis, eine Urkunde, das Transcript of Records und Diploma Supplement. Der zuständige Prüfungsausschussvorsitzende und Dekan unterschreiben die Dokumente, bevor sie an die Absolventinnen und Absolventen ausgegeben werden können“, skizziert Markus Flohr den Vorgang. Er ist an der Universität seit zehn Jahren als Sachgebietsleiter für Immatrikulations- und Prüfungsangelegenheiten tätig.

Mit dem Umzug aus der Innenstadt in den Neubau (Forum) am Universitätsplatz ist der „Servicepoint des Dezernats für Studienangelegenheiten“ nun besser erreichbar. In der ersten Etage über dem Hörsaal, auf der Höhe des viergeschossigen Atriums können Studierende innerhalb der täglichen Öffnungszeiten Abschlussarbeiten abgeben oder Bescheinigungen und Anträge abholen. Acht studentische Hilfskräfte geben Auskunft. Eine von ihnen ist Lisa Nottmeier. Zwei Stapel mit Master- und Bachelorarbeiten in roten und schwarzen Einbänden liegen neben ihr. „Ich habe immer montags Schicht“, sagt die Studentin der Sozial- und Organisationspädagogik, schon kommt der nächste Student an ihren Tresen: Benedikt hat eine Kopie des Bachelorzeugnisses in der Hand und möchte diese abgeben, sichtlich erfreut und erleichtert. Dennoch eine Nachfrage, zur Sicherheit: Die Unterlagen sind jetzt vollständig?

40.000 Prüfungen: Markus Flohr, Stefan Schmidt, Mareike Reis, Johannes Wolbring, Lisa Nottmeier. Foto: Lange/UHi

„Das Angebot wird sehr gut angenommen, mehr als bisher. Die Studierenden kommen bei uns vorbei, bevor sie in die Bibliothek oder Mensa gehen“, freut sich Markus Flohr. Kann ich das noch abgeben? – an einem Freitag Ende März, kurz vor Ende des Semesters, stehen zwei Studenten in seinem Büro. „Jetzt ballt sich alles, bis zum 31. März wollen viele alles erledigen, um nicht in das nächste Semester zu rücken. Sie wollen sicherstellen, dass alle Unterlagen beisammen sind.“ Gelassen mal eben einen Leistungsnachweis oder eine Hausarbeit abgeben? Markus Flohr spürt eine gewisse Hektik und Unsicherheit, gerade zum Ende des Semesters. „Wir beruhigen und blicken auf die Sachlage, wir finden eigentlich immer eine Lösung.“

Die studentischen Hilfskräfte am Servicepoint sind dabei die ersten Ansprechpartner, sie sind jedoch nicht befugt, Dokumente zu unterschreiben. Dafür müssen sich Studierende an die zuständigen Sachbearbeiter wenden. Jedem Sachbearbeiter sind bestimmte Studiengänge zugeordnet. Sigrid Ilgenstein bearbeitet zum Beispiel die Prüfungen in den Studiengängen „Deutsch als Zweitsprache/Fremdsprache“, und die Buchstaben A bis Q aus den Studiengängen „Internationales Informationsmanagement“ und „Internationale Kommunikation und Übersetzen“; Rosemarie Bierwirth übernimmt die Namen R bis Z. Im Bereich des Lehramtes – im Zwei-Fächer-Bachelor und Zwei-Fach-Master sind derzeit mit rund 2700 Studierenden die meisten Studierenden eingeschrieben – teilt sich das Prüfungsamt die Sachbearbeitung alphabetisch von A bis E, von F bis N und von O bis Z ein. Mit dieser Struktur behalten die insgesamt 8 Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter und Markus Flohr bei 40.000 Prüfungen jährlich und 7200 Studierenden den Überblick.

„Man muss wissen, was der Körper leisten kann“

Quartier vor dem Hörsaal, dann geht es weiter in die Bibliothek: Yvonne Harms. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Einmal quer über den Universitätsplatz, unweit des Neubaus, sitzt Yvonne Harms vertieft über ihren Unterlagen. Sie studiert „Sport, Gesundheit, Leistung“ an der Universität Hildesheim und bereitet sich auf eine Biologie-Klausur vor. Vor ihr liegen Mitschriften und Arbeitsblätter rund um Cythologie und Botanik, über pflanzliche und tierische Zellen, über die Teilung, Bestandteile und Funktionen von Zellen. Sie wartet vor Hörsaal 3 auf ein Tutorium, wo sie die Themen mit weiteren Studierenden gemeinsam bearbeiten und Fragen klären kann. „Ich kann besser in der Uni lernen als zu Hause, ich gehe danach in die Bib“, sagt die Studentin.

Biologie und Sport ist ihre Kombination. „Gesundheit und Leistung passen gut zusammen, ich gehe in den außerschulischen Bereich. Man muss wissen, was der Körper leisten kann, wie er funktioniert, was unsere biologischen Grundlagen sind. Ich habe auch Botanik-Vorlesungen, das ist dann nicht direkt mein Berufsfeld, aber es gehört zu meinem Studium dazu“, sagt Harms, die kurz vor dem Bachelorabschluss steht und einen Masterstudiengang anschließen möchte. „Erst Bio, im März drei weitere Klausuren. Das kriegt man organisiert. Hätte ich zum Ausgleich nicht den Sport… Man muss den Ausgleich fest mit einplanen in den Tagesablauf.“ Laufen, Fußball in einer Mannschaft – das gehört bei ihr zum Alltag.

Erstes Semester, erste Klausur: „Erfahrungen in der Schule lassen mich durchhalten“

„Ich weiß, warum ich lerne. Ich will in die Schule“, sagt Rohani Mavigök. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Zehn Meter weiter steht Rohani Mavigök in einer Dreiergruppe, alles Erstsemester. Gerade hat sie eine Pädagogik-Klausur geschrieben und kommt aus dem Hörsaal. „Es waren sehr viele Themen, es lief gut. Ich befasse mich gerade mit der Frage, wie man Unterricht plant“, sagt die Lehramtsstudentin. Die 19-Jährige studiert seit einem halben Jahr die Fächer Mathematik und Politik.

Es sind die ersten Klausuren an der Universität, auch der 19-jährige Soner Topcu blickt zurück auf sein erstes Semester. „Von Klausuren lasse ich mich nicht stressen. Der Umgang mit Kindern und die Unterrichtsbesuche bestätigen meinen Berufswunsch, ich will auf jeden Fall in die Schule. Ich erfahre Zuneigung und Bestätigung, dass ich mich in der Klasse wirklich aufhalten möchte. Durch die Praxis lerne ich auch die theoretischen Inhalte, befasse mich mit der Frage, was gute Lehrer sind“, sagt Soner Topcu, der in Hildesheim Lehramt mit den Fächern Biologie und Chemie studiert. Jeden Freitag beobachtet er im ersten Studienjahr Unterricht in einer dritten Klasse an der Grundschule „Auf der Höhe“, „an der Schillstraße hinter der Aral-Tankstelle“, fünf Minuten Fußweg von der Uni entfernt. Im Sommersemester steht bereits die erste Unterrichtsstunde bevor. Erst stehen aber noch zwei Klausuren in Biologie und Chemie an. Fachdidaktik und Fachwissenschaft plus Schulpraxis, aus dieser Kombination ist das Lehramtsstudium gestrickt. „Der Umgang mit den Kindern macht sehr viel Freude. Die Drittklässler sind offen, reden mit mir“, ergänzt Berat Krasniqi. Der 18-Jährige mit der Fächerkombination Mathematik und Technik möchte ebenfalls Lehrer werden.

Diese Erfahrungen lassen mich durchhalten in der Klausurenphase, sagt die Studentin Rohani Mavigök. „Ich weiß, warum ich lerne. Ich will in die Schule.“ Unsicher ist sie sich mit ihrem Fach. Vielleicht werde sie wechseln zum Fach Englisch. In solchen Fällen hilft die Studienberatung weiter. „Es ist gut, dass ich das jetzt früh bemerke und nicht erst sechs Semester studiere und dann abbreche.“ Jeden Freitag beobachtet sie seit Oktober Unterricht an der Renata-Realschule in Hildesheim. Zunächst einige Monate in einer zehnten Klasse, in der sie Einblicke in die Abschlüsse und den Übergang in Ausbildung und Beruf erhielt. Nun in einer siebten. „Wir sitzen in einer kleinen Gruppe im Klassenzimmer, mal hinten, dann verteilt zwischen den Schülerinnen und Schülern, und beobachten Unterricht, den Lehrer, einen einzelnen Schüler.“ Wofür sie all die Informationen aus den Vorlesungsskripten benötige, werde in der Schule deutlich. Im Sommersemester wird sie eine Mathestunde unterrichten. Ihre erste.

Gelb, grün, pink: Der Textmarker hebt Formeln hervor

Sport und Aufräumen als Ausgleich: Kristina Haase, Marie Schulte, Adrian Bothe. Foto: I.Lange/Uni Hildesheim

Eine Etage über der Pädagogik-Gruppe neben einem Hörsaal hat eine Gruppe aus der Mathematik ihre Unterlagen auf drei aneinandergestellten Tischen ausgebreitet. Gelb, grün, pink – der Textmarker hebt Gleichungen hervor. Mitschriften, Aufgaben, Taschenrechner, Karopapier. Kristina Haase blättert durch ihre Notizen – diskrete Verteilungen, komplexe Formeln, Verteilungsmodelle, Approximation. Die 22-Jährige studiert Lehramt mit den Fächern Mathematik und Sport und möchte einmal in der Realschule unterrichten. Oft fragt sie sich, wie sie diese Inhalte im Schulunterricht vermitteln könne. „Wir haben am Beispiel von Romeo und Julia berechnet, wie wahrscheinlich es ist, dass sich das Liebespaar nicht umbringt. Wenn einer eine Viertelstunde zu spät kommt, dann überleben beide nicht. Auch Würfelbeispiele helfen, um die Wahrscheinlichkeitsrechnung verständlich zu erklären, das sind die Anfänge“, sagt Haase.

An diesem Nachmittag lernt sie gemeinsam mit Marie Schulte und Adrian Bothe. Angst vor Prüfungen nehme das zwar nicht, „aber wir haben gemeinsam Bammel, besser als alleine“. „Wir erklären uns gegenseitig, wie wir Stochastik verstehen“, sagt Marie Schulte. „Ich habe einiges aufzuholen, ich schreibe zwei Klausuren und dann im Sommer zwei weitere in Mathematik“, sagt der 23-jährige Lehramtsstudent Adrian Bothe.

Wie man solche Phasen durchsteht? „Mein Fach Sport motiviert mich, ich lerne mit vielen Leuten in der Gruppe, die Seminare, in denen wir auch körperlich aktiv sind, schaffen Zusammenhalt. Gerade ging es um Tischtennis“, so Bothe. „Wir beobachten und simulieren Sportstunden, ich habe gerade eine Stunde zu Ringtennis geplant“, ergänzt Kristina Haase über ein Seminar „Kleine Spiele und Spielvermittlung“. Sie lernt die Breite des Sports kennen, nicht allein Trendsportarten und Fußball. Im Sport lernen Kinder, Regeln einzuhalten, das sei wichtig für Heranwachsende. Im Sportstudium befassen sie sich mit der Vielfalt, planen Sportstunden für Kinder, die wenig aufmerksam oder adipös sind. Dabei sei es wichtig, auf unterschiedliche körperliche Voraussetzungen einzugehen, ohne zu diskriminieren, sagt Adrian Bothe. Diese Praxiserfahrungen geben Kraft, auch schwierige Prüfungsphasen zu überstehen, meint er. „Durch die Klausuren muss ich jetzt durch“, so Kristina Haase. In der Prüfungszeit sei Sport ihr Ausgleich, zum Auspowern. Adrian schmunzelt und ergänzt: „Und erstmal das Zimmer putzen, das lenkt ab vom Lernen.“

Auch Marie Schulte zehrt von den Praxiserfahrungen in dieser Prüfungszeit und hat ihr Ziel, Grundschullehrerin zu werden, vor Augen. In einer ersten Klasse der Grundschule Sarstedt hat sie Religion unterrichtet. In der Klasse saßen Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Glaubensrichtungen. „Die Kinder gehen ganz offen an das Thema heran, wir haben Geschichten im Theaterspiel nachgespielt. In der Klasse sind auch Kinder muslimischen Glaubens und die Kinder haben einander vorgestellt, wie sie beten, haben sich gegenseitig erzählt, was für sie Religion ist. Ich habe gerade ein Seminar über Islam. Schüler sollten in der Grundschule lernen, mit Akzeptanz anderen zu begegnen und nicht mit Vorurteilen, die leicht entstehen“, so Schulte, die neben Mathematik Katholische Religion studiert. Als Lehrerin müsse sie wissen, wie sie mit dieser religiösen Vielfalt umgehen könne. Auf dem Schulhof etwa finden Sprüche über Islam statt, gerade in diesen Wochen. „Kinder sollen Einblicke in verschiedene Weltanschauungen und Religionen erhalten und verstehen: Es gibt viele verschiedene Einstellungen.“

Bibliothek als Lernort: Gemeinsame Pausen einlegen

Noch zwanzig Seiten, dann eine Kaffepause: Tiana Hauf und Barbara Harms. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Gemeinsames Lernen kann in der Prüfungsphase weiterhelfen, sind sich die Psychologiestudentinnen Tiana Hauf und Barbara Harms sicher. Die beiden treffen sich regelmäßig in der Bibliothek. Die Ecke im Erdgeschoss neben den Zeitschriften hinter grellblauen Bücherwänden ist ihr Stammplatz. „Wir sind ein eingespieltes Team, wir motivieren uns gegenseitig und machen gemeinsam Kaffeepausen, das ist unser tägliches Ritual“, so die 22-jährige Tiana Hauf, die für eine Klausur im Bereich Motivations- und Emotionspsychologie lernt. „Das schaffen wir, kriegen wir hin“, ermuntern sie einander.

Erfahren sie Konkurrenz oder sehen sie den anderen als Bedrohung im Sinne von „Der macht das besser“? „Nein, auf keinen Fall, wir freuen uns füreinander“, sagt Barbara Harms. Die 25-Jährige schreibt eine Hausarbeit im Masterstudium über evolutionäre Psychologie.

Szenische Künste – es geht darum, gute Filme im Team zu drehen, nicht um eine Note

Die Gruppe gibt Sicherheit, sagt Hannah Zita Quell (re.), mit Ida Sassenberg. Foto: I. Lange/Uni Hildesheim

Ida Marie Sassenberg und Hannah Zita Quell sind „mit den Klausuren durch“. In diesem Jahr sind es zwei Einführungen: in die Psychologie und in die Populäre Kultur. Nun stehen Hausarbeiten und Essays an. Zum Beispiel untersucht Ida Sassenberg, wie Moderation und Moderatoren in Filmen dargestellt werden, oftmals negativ. Sie studiert „Szenische Künste“ mit den Fächern Medien, Theater und Literatur. In Seminaren und Vorlesungen schreibt sie „mit Hand mit“, markiert farblich. „Ich bin nicht so der Typ Gruppenlerner, sondern eher ein kleiner Einzelkämpfer. Damit komme ich gut durch. Mein Ausgleich ist, dass ich im Studium viele Projekte mache. Ich drehe gerade einen Film, dazu habe ich eine mündliche Prüfung und das zählt als Prüfungsleistung. Es ist letzten Endes aber mit viel Spaß verbunden und wir helfen uns gegenseitig bei den Drehs. Ich habe meinen ersten eigenen Kurzfilm auf 16 Millimeter gedreht, darauf eine Note bekommen, aber letzten Endes geht es uns nicht um die Note. Sondern um das Drehen. Das ist so nah am Berufsalltag. Die Praxis ist permanenter Teil des Studiums, das fängt im ersten Semester an.“ Im Seminar von Professor Uwe Schrader hat sie sich mit Filmen im Film befasst und dreht nun. „Bei mir geht es um vier Filmstudenten, die sich, während sie über Filme diskutieren, in bekannte Filmfiguren aus ‚Avatar‘ und 'Fluch der Karibik' verwandeln.“

Medien, Musik und Theater, das ist Hannah Zita Quells Fächerkombination und gerade befasst sie sich mit dem, was die Massen anzieht: populäre Musik, Hollywood-Streifen. „Ich schreibe mir Stichpunkte auf, was ich lernen muss. Dann setze ich mich mit einer Gruppe zusammen. Das ist eine Absicherung, ob ich alles drauf habe, wir fragen uns gegenseitig ab, diskutieren. Ich brauche trotzdem auch die Zeit alleine, aber die Gruppe gibt eine Sicherheit.“ Konkurrenzdenken, der andere ist besser als ich – nein. „Ich kenne die Noten der anderen nicht. Es ist eher so ein Gefühl: Wir schaffen das gemeinsam. Wir haben das erste Mal gemeinsam gelernt.“ Gerade hat sie ihre Hausarbeit über Helden der Kindheit fertiggestellt. „Ich habe über meine Heldin der Kindheit, Hermine Granger aus Harry Potter geschrieben. Nun folgt eine weitere über das Vibrato beim Singen.“

Ihr Tipp an jene, die Prüfungen schreiben: „Man sollte gut durchplanen, was man zu lernen hat, realistisch planen und sich darauf verlassen. Mit Disziplin und Ehrgeiz, dann schafft man das“, so Quell. Ida Sassenberg ergänzt: „Nicht stressen lassen. Es geraten immer alle in Panik. Man kann nur sein Bestes geben. Natürlich sollte man anständig lernen, und die Nacht vorher gut schlafen. Es passiert aber nichts Schlimmes, wenn man eine Klausur verhaut, zur Not muss man ein Semester länger studieren.“

„Quick“ macht gute Laune – die Hündin heitert die Lernatmosphäre auf

Chemie lernen (v.li): Laura Gässner mit Hündin, Patrick Göring, Ksenia Evseeva. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Wer sich in dieser Gruppe zuerst bemerkbar macht ist „Quick“, eine Hündin. Nachdem sie die Uni-Flure im H-Gebäude und Tischinseln erkundet hat, kehrt sie zu einer Dreiergruppe zurück, legt sich neben ein Tischbein und vor die Füße des Lehramtsstudenten Patrick Göring. Der 24-Jährige studiert seit einem halben Jahr Chemie und Wirtschaft. Am nächsten Tag steht eine seiner ersten Klausuren im Studium bevor, es geht um Anorganische Chemie. Die Kleingruppe trifft sich regelmäßig. „Ich kann mich schlecht alleine zum Lernen motivieren, wir setzen feste Termine. Ich erkläre auch gerne“, sagt der Student und beginnt zu schildern, was Redoxreaktionen sind. „Dabei werden Elektronen auf den anderen Reaktionspartner übertragen, die Oxidationszahlen ändern sich.“

Neben ihm sitzen die 19-jährige Ksenia Evseeva und Laura Gässner. Beide studieren Lehramt mit der Fächerkombination Biologie und Chemie. Die  27-Jährige schreibt fünf Klausuren. „Es hilft mir in der Gruppe über die Inhalte zu sprechen, sonst würde ich doppelt so lange brauchen“, sagt Laura Gässner. Zu ihr gehört auch der Vierbeiner „Quick“. Die Hündin lenkt die Gruppe ab, es ist ganz erfrischend, macht gute Laune“, sagt Patrick Göring. Die Hündin sorgt auch für eine ruhige Stimmung. Er belohne sich selber, etwa indem er Freunde trifft, ein gemeinsames Essen. „Wie ein Hund", schmunzelt der Student. „Die Prüfungszeit ist so schlimm, wie man sich das vorstellt vor dem ersten Semester.“ Ziemlich viel Stoff sei das. „Mir hilft die Gruppe, sie gibt Denkanstöße, wir erklären uns die Inhalte gegenseitig. Wir schreiben alle Chemie“, sagt Ksenia Evseeva. Eine Pädagogik-Klausur hat sie schon geschrieben, die lief eigentlich richtig gut.

Wir schaffen das: Stress lässt sich im Team besser bewältigen

Je stärker sich Studierende einander verbunden fühlen, desto weniger Stress haben sie. Foto: I.Lange/Uni Hildesheim

In einem gut funktionierenden Team kann man Stress leichter bewältigen, das ist ein Ergebnis einer Studie von Hildesheimer Sozialpsychologen. Professor Andreas Mojzisch und Jan Häusser haben in Labor- und Feldstudien untersucht, wie Gruppen als Stresspuffer wirken können und welche Rolle ein Wir-Gefühl dabei spielt. 190 Studierende der Universität Hildesheim haben teilgenommen. Das Forschungsprojekt wurde durch das Niedersächsische Wissenschaftsministerium mit 198.000 Euro gefördert.

Bisherige Studien haben Stress als ein individuelles Problem betrachtet, die Forscher haben hingegen Gruppen im Blick. Am Arbeitsplatz kann ein Wir-Gefühl zum Beispiel durch gemeinsame Erfolgserlebnisse und Rituale entstehen. „Unsere Laborexperimente zeigen, dass ein Wir-Gefühl die hormonelle Stressreaktion puffert. Dies gilt sowohl für das Wir-Gefühl innerhalb der Gruppe der Studierenden als auch für das Wir-Gefühl zwischen den Studierenden und den Prüfenden. Konkret bedeutet dies, dass ein Wir-Gefühl dazu führt, dass weniger Cortisol – das ist ein wichtiges Stresshormon – freigesetzt wird. Dies hat sich in zwei Laborexperimenten mit studentischen Probanden  gezeigt“, berichtet Andreas Mojzisch von aktuellen Studienergebnissen, die im „Journal of Experimental Social Psychology“ publiziert wurden. In den Labortests hat zum Beispiel eine Gruppe von Studierenden über ein Gemeinschaftsgefühl nachgedacht, ein Gruppenfoto wurde erstellt. Eine andere Gruppe reflektierte individuelle Unterschiede, Einzelaufnahmen wurden gemacht.

Die Sozialpsychologen können zeigen, dass ein Wir-Gefühl innerhalb der Gruppe der Bewerber für das Sport-Studium mit einem geringeren Stresserleben und einer geringeren Ausschüttung von Cortisol einhergeht, so Mojzisch. Die Untersuchungen fanden im Rahmen der Sporteignungsprüfung in Kooperation mit dem Sportwissenschaftler Professor Peter Frei statt.

Lesen Sie mehr über die Studie: „Stress lässt sich neuen Forschungsergebnissen der Universität Hildesheim zufolge in einem gut funktionierenden Team leichter bewältigen als allein“, Recherche von Charlotte Morgenthal, Evangelischer Pressedienst (EPD), 27.03.2015


Aufschreiben, diskutieren: Notizen der Psychologie-Studentin Tiana Hauf. Das Prüfungsamt der Universität Hildesheim bearbeitet im Jahr etwa 40.000 Prüfungen, im Bild Markus Flohr (re) und Johannes Wolbring. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim