Barrieren in der Kommunikation - und wie man sie überwindet

mercredi, 08. septembre 2021 um 16:48 Uhr

Sandra Pilz studiert an der Universität Hildesheim den Master Barrierefreie Kommunikation und arbeitet als Schriftdolmetscherin. Seit ihrer Geburt ist sie blind. Täglich meistert sie selbst Hürden und sorgt in ihrem Job dafür, Hürden für andere Menschen abzubauen.

Sandra Pilz befindet sich im zweiten Semester des Masters Barrierefreie Kommunikation. Dort lernt sie, wie sprachliche Informationen inklusiver gestaltet werden können. Im Vergleich zu ihrer Schulzeit und ihrem Erststudium erlebt die 40-Jährige das Studieren mit ihrer Blindheit heute als einfacher. Damals habe es noch nicht so viele E-Ressourcen gegeben und die gedruckten Ressourcen seien im Vergleich meist zuverlässiger und ausführlicher gewesen. „Ich musste immer eine Begleitung zur Bibliothek mitnehmen und die Texte einscannen, damit ich dann mit dem Computer mit ihnen arbeiten konnte“, sagt sie. „Die Digitalisierung hat mir mein Studium als blinde Person deutlich erleichtert: Am Computer kann ich mit der Screenreader-Software arbeiten.“

Der Screenreader wandelt Inhalte auf dem Bildschirm in hörbare Information um. In vielfacher Geschwindigkeit – so schnell, als schaue man einen Film in doppelter Geschwindigkeit – liest die Stimme aus dem Lautsprecher der Studentin Text, Dateien und andere digitale Inhalte vor. In einem Word-Dokument sagt die Stimme aus dem Lautsprecher auch an, auf welcher Seite in welchem Absatz und welcher Zeile sie sich befindet. Dank des Bildschirmleseprogramms kann Sandra Pilz alle Funktionen des Computers nutzen. Als zusätzliches Hilfsmittel nutzt sie eine Braille-Zeile. Ihr Modell hat 40 Zeichen. Mit ihren Fingerspitzen fährt sie über die Blindenschrift, um die Zeichen von dem Bildschirm auf der Braille-Zeile zu fühlen. „Das ist so, als würde man den Text mit einer Lupe lesen.“ Für mehr Effizienz nutzt sie deshalb vorwiegend die Sprachausgabe.

„Ich habe mich für den Studiengang entschieden, da er eine gute Ergänzung zu meiner Arbeit darstellt und mich Barrierefreiheit ja auch persönlich betrifft.“ Sandra Pilz arbeitet als Schriftdolmetscherin. Sie wandelt fast zeitgleich gesprochenen Text in geschriebenen Text um. Diese Leistung nehmen Menschen mit Hörschädigung in Anspruch, die keine Gebärdensprache nutzen oder nutzen wollen. Schriftdolmetschen wird gebraucht, damit Menschen mit Hörschädigung zum Beispiel an einem Gespräch teilnehmen oder eine Vorlesung an der Universität mitverfolgen können. Im Studium erwirbt die Studentin ergänzendes Wissen und weitere Kompetenzen im Bereich der barrierefreien Kommunikation. Die familiäre Atmosphäre in dem kleinen Studiengang und das große Engagement der Studierenden und Dozierenden für das Thema Barrierefreiheit gefallen ihr sehr gut. „Viele Studierende gestalten, ohne darauf hingewiesen zu werden, barrierefreie Präsentationen“, berichtet sie aus ihrem Studium. „Das ist nicht selbstverständlich und auch nicht üblich.“

Schwierigkeiten werden erst sichtbar, wenn sie eine Mehrheit betreffen

Aufgrund des beschränkten Zugangs zur Bibliothek während der COVID-19-Pandemie haben Dozierende Verlängerungen für das Schreiben von Hausarbeiten erlaubt und gnädiger bewertet, berichtet Sandra Pilz. Ein erschwerter Zugang zu Materialien jedoch ist alltägliche Lebensrealität der Studentin. „Da habe ich gemerkt, dass Schwierigkeiten erst wirklich sichtbar werden, wenn sie eine Mehrheit betreffen“, sagt sie. „Mit einer Einschränkung hat man unter Umständen immer einen erschwerten Zugang und es wird erst bewusst wie stark das stört, wenn alle es erleben.“

Sandra Pilz muss viele Umstände in Kauf nehmen, um studieren zu können. Einige ließen sich jedoch vermeiden, würde auf mehr Barrierefreiheit geachtet werden. Viele Dateien sind zum Beispiel nicht barrierefrei gestaltet, sodass die Studentin verschiedene Programme nutzen muss, um unterschiedliche Informationen aus einer Datei ziehen zu können. Bilder kann der Screenreader nicht „lesen“ – da sind beschreibende Alternativtexte die optimale Lösung.

 

Was ist barrierefreie Kommunikation?

Filme gucken, ohne sie zu hören? Texte lesen, ohne sie zu sehen? Menschen mit starker Seh- oder Hörschädigung finden sich in solchen Situationen wieder. Im Bereich der barrierefreien Kommunikation wird versucht, mit verschiedenen Methoden solche und weitere Barrieren abzubauen. In dem Master Barrierefreie Kommunikation an der Universität Hildesheim werden die genannten visuellen und akustischen Barrieren, aber auch Kognitions- und Fachsprachbarrieren besonders in den Blick genommen.

Je nach Zielgruppe und Art der Information gibt es unterschiedliche Möglichkeiten des Abbaus von Barrieren. Bei der sogenannten Audiodeskription werden visuelle Informationen für blinde Menschen und Menschen mit Sehbehinderung zugänglich gemacht. Filme, Theaterstücke, Opernaufführungen etc. werden dabei mündlich beschrieben. Außerdem werden Texte aus den Bereichen Bürgerservice, Schule und Ausbildung oder Freizeit in Leichte Sprache übersetzt, damit die Informationen auch für Menschen mit Leseschwierigkeiten zugänglich sind. Ohne diese Zugänglichmachung haben nämlich viele Personen mit ausgeprägten Anforderungen an leicht verständliche Inhalte keinen Zugriff auf Standard- oder Fachtextinhalte, und verfügen deshalb in vielen Bereichen oft über weniger Wissen und sind auf Dritte angewiesen.

Aktuell ist es besonders wichtig, dass auch digitale Barrierefreiheit gewährleistet wird, denn viele Informationen oder Debatten laufen online. Das bedeutet, dass Internetseiten so gestaltet sind, dass jede*r auf sie zugreifen kann. Dazu gehören beispielsweise Bildbeschreibungen und eine inklusivere Gestaltung von Videos. Dies sind nur einige Ansätze im Bereich der barrierefreien Kommunikation. Wer mehr über das Thema Barrierefreie Kommunikation und den gleichnamigen Master an der Universität Hildesheim erfahren möchte, kann sich hier das Informationsvideo des Studiengangs anschauen. 

Text: Elisabeth Schimpf


Mit der Braille-Zeile arbeitet die blinde Studentin an ihrem Computer. Illustration: Marie Minkov