„Wir sehen nicht, was der andere für ein Gesicht macht“

Wednesday, 24. December 2014 um 09:22 Uhr

Wie höflich ist das Internet? Nachgefragt bei Christiane Maaß, Professorin für Medienlinguistik und Leiterin der Forschungsstelle Leichte Sprache an der Universität Hildesheim. Ein Gespräch über den Umgangston im Internet, öffentliche Beschwerden, Stürme der Entrüstung – und Freundlichkeit.

Zunächst einmal: Etwas Höfliches, das Sie im Netz erlebt haben.

Christiane Maaß: Wir haben von der Forschungsstelle Leichte Sprache gerade unseren Twitter-Account gestartet. Relativ schnell bekamen wir von „Inclusion Europe“ eine Grußbotschaft: Toll, dass ihr da seid, wir schauen weiter auf das, was ihr macht. Das hat keinen großen Informationsgehalt, aber ist eine freundliche Kontaktaufnahme und Bestätigung der Wahrnehmung.

Und etwas Unhöfliches...

Etwas ungewollt Unhöfliches sind die Kontaktformulare auf der Internetseite der Universität Hildesheim. Wir stellen fest, dass viele Menschen nicht wissen, wie sie damit richtig umgehen sollen. Es wirkt so, als würde man mit einem Computer interagieren. Ich erhalte haufenweise Nachrichten über dieses Formular, da schreiben Leute ohne Anrede, als ob sie sich an eine Maschine wenden. Das entspricht nicht der üblichen Brief- und E-Mail-Konvention, in der man eine Anrede, eine Grußformel und Verabschiedung hat und das Anliegen vorträgt. In den Nachrichten über das Formular steht nicht einmal „Hallo“. Es geht einfach los mit dem Text. „Anliegen Vortrag in Saarbrücken. Ausführende…“. Man merkt, dass das nicht böse gemeint ist – aber es ruft Irritationen hervor.

Es heißt ja, der Ton macht die Musik. Es kommt nicht nur darauf an, was man sagt, sondern wie man es sagt. Gerade ist eine Umfrage des forsa-Instituts erschienen. Im Internet leiden nach Meinung deutscher Internetnutzer die menschlichen Werte. Nach Ansicht der Mehrheit der Befragten sind die Menschen im Netz weniger ehrlich (55 %), respektvoll (53 %) und höflich (52 %) als im persönlichen Umgang. Ist Kommunikation im Internet wirklich so unfreundlich und agressiv?

Jein – das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Entscheidend ist zum Beispiel, wo man sich bewegt. Gibt es eine etablierte Gemeinschaft, zu der man sich zugehörig fühlt? So eine „Community of practice“ kann sich zum Beispiel über ein Thema definieren. Wir untersuchen am Institut für Übersetzungswissenschaft und Fachkommunikation der Hildesheimer Uni Kommunikation in Internetforen. Zum Beispiel das Forum „chefkoch.de“, wo man sich regelmäßig trifft und austauscht, etwa darüber, was es denn am Mittag zu Essen gibt. Oder Kino-Foren: Meine Doktorandin Uta Fröhlich untersucht, wie Fans sich in solchen Foren treffen und sich zum Beispiel über die Twilight-Saga austauschen. Da streitet man sich auch mal, klar. Aber wir konnten in solchen themengebundenen Foren auch feststellen: Es geht dort in ausgeprägtem Maße respektvoll zu. Je näher sich die Beteiligten in der Onlineunterhaltung sind und je stärker sich die Interaktionen wiederholen, umso höflicher sind sie zueinander. Dabei kommt es nicht auf die Verwendung von Klarnamen an. Wichtig ist eher, wie aktiv der andere auf der Plattform agiert und wie er sich in den Profilinformationen, die jeden Post rahmen, präsentiert.

Wie formuliert man besonders höflich im Netz?

Das ist nicht nur der verbale Bereich. Internetplattformen haben auch sonst noch viel zu bieten. Zum Beispiel setzen die User Emoticons ein, auch mal sechs Smileys nebeneinander. Es gibt grafisch aufwändige Smileys, die sich umarmen und eine Berührung, Nähe und Küsse, also eine Interaktion zwischen den Beteiligten darstellen, also nicht allein Mimik. Leser nehmen solche Beiträge häufig als zugewandt wahr und antworten in höherem Maße freundlich. Auf anonymeren Plattformen, bei denen keine geschlossene Community dahinter steht, etwa bei Tageszeitungen und Nachrichtenportalen wie SPIEGELonline oder der Seite der spanischen El Païs und im Youtube-Portal, finden wir hingegen ein hohes Maß an unfreundlicher Kommunikation. Das sind unverbindliche Plattformen, man stößt einmalig aufeinander, lässt spontan Dampf ab und ist insgesamt weniger tolerant – das hat für den User keinerlei Konsequenzen. Da läuft es relativ rüde ab.

Entwickelt sich aus einer solchen Rohheit denn eine gewisse Gelassenheit gegenüber rauen oder gar verletzenden Umgangsformen? Hat das Auswirkungen auf unser offline-Verhalten?

Ob rüde Online-Kommunikation zu rohem Offline-Verhalten führt, ist keine Frage, die man mit sprachwissenschaftlichen Mitteln adäquat bearbeiten kann. Aber meine Einschätzung ist: Die Art und Weise, wie wir uns online äußern, lässt keinen Aufschluss darüber zu, wie wir offline agieren. Das sind separate Bereiche. Wenn Kommunikation im Netz negativer oder agressiver ausfällt als in einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht, dann liegt das in großem Maße an der medialen Umgebung. Und da gibt es mehrere Faktoren: Trifft man sich sporadisch oder regelmäßig? Gibt es einen Moderator, der unfreundliche Beiträge entfernt? Werden die von der Plattform zur Verfügung gestellten Zeichensysteme adäquat genutzt? Es gibt ja im Allgemeinen noch viel mehr als die verbalen Äußerungen: Wir richten ein Profil ein, mit Profilbild (Avatar), Sinnsprüche, Informationen zur Person und ihren Vorlieben. Wer zum Beispiel ein Profilbild verwendet, auf dem der User selbst zu sehen ist und freundlich in die Kamera schaut, der wird nicht so schnell angeblafft, schließlich guckt der andere User einem gewissermaßen „in die Augen“. Die Plattform generiert weitere Informationen: Wie viele Beiträge hat ein User verfasst? Wurden sie von anderen als hilfreich bewertet?

Online-Kommunikation hat gegenüber offline-Kommunikation aber noch eine weitere Besonderheit. Ob wir eine Interaktion als höflich bewerten, hängt mit unserem Wissen darüber zusammen, was in einer bestimmten Situation angemessen ist. Offline wissen wir dies zumeist sehr gut. Wir kennen die Normen und wissen, was das normale Maß an Höflichkeit in einer bestimmten Situation ist, etwa beim Brötchenkauf im Bäckerladen. Diese Normen sind situationsgebunden. Sie hängen mit den Rollen der Gesprächspartner zusammen, mit ihrem Alter, ihrem Geschlecht. Online haben wir diese etablierten Normen nicht und uns fehlen auch bestimmte Informationen zu unserem Gegenüber. Die Kommunikationspartner können dann schlechter einschätzen, was angemessen ist, und reagieren dann häufig gereizt. Ihr offline-Verhalten dürfte damit aber eigentlich nichts zu tun haben.

Gehen wir zurück zur Sprachwissenschaft. Welche Differenzierungen sind online möglich? Im Dezember gab es eine Debatte im Netz. Die CSU schlug vor, Migrantinnen und Migranten sollten dazu angehalten werden, Deutsch in der Familie zu sprechen. Daraufhin gab es eine Welle an Reaktionen im Netz. Etwa: „Ich finde ja, es geht die Politik nichts an, ob ich zu Hause lateinisch, klingonisch oder hessisch rede.“ (Peter Tauber, Twitter). Er hätte ja auch schreiben können: „Haben die noch alle Tassen im Schrank?“ oder „Vollpfosten“. Wie breit ist die Höflichkeitsskala, was beobachten Sie?

Wenn man so eine Äußerung untersucht, muss man zweierlei beachten: Wie ist etwas gemeint? Wie wird etwas aufgenommen? Man kann etwas ganz nett gemeint haben, aber der andere stuft das für sich als nicht angemessen ein. Als Medienlinguisten können wir die sprachliche Äußerung als solche anschauen: Welche Mittel sind besonders drastisch? Dann fragen wir: Wie kommt die Äußerung an? Bei der Internetkommunikation – etwa die politischen Debatten – haben wir den charmanten Vorteil, dass wir die Antworten dabei haben und erforschen können, wie eine Äußerung ankommt. Wir untersuchen, worauf die Leute auf welche Weise reagieren. Dazu sammeln wir die Daten, verfolgen die Geschichte, finden den Auslöser. Dann entdeckt man zum Beispiel Fraktionsbildungen, wo ein Kommunikationspartner ungefragt einer Gruppe zugeordnet wird, zu der er vielleicht nicht gehören möchte. Einer sagt „Du bist ja eine von denen, die…“. Eine Interaktionsrolle, die wir in online-Kommunikation finden und die häufig zu einer Eskalation der Kommunikation beiträgt, ist die Rolle des Verteidigers. Der Verteidiger markiert durch seinen Beitrag Zugehörigkeit, verschärft aber häufig den Ton, weil er für eine Gruppe zu sprechen meint und sich im Recht fühlt.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wir haben in einem Online-Kochforum Folgendes beobachtet, ein Strang von über 120 posts: Eine Frau schließt eine Wette ab. Schafft sie es, ihre Familie mit 20 Euro die ganze Woche zu bekochen? Das hat sie im Kochforum gepostet, also: „Ich brauche billige Rezepte, schickt sie mir bitte, ich möchte das schaffen.“ Dann kommt eine Reaktion, die auf schlechte Ernährung und Billigindustrie hinweist: „Was, du hast kleine Kinder, du ziehst die da mit rein?“. Eine Verteidigerin taucht auf: „Du unterstellst ihr, sie sei eine Rabenmutter?“. Wobei das Wort „Rabenmutter“ vorher noch gar nicht gefallen war. Typisch: Die Verteidigerin verschärft den Ton. Dann streiten sich diese beiden und viele weitere User im Thread eine ganze Weile und Unterstellen sich auf massive Weise Dinge („Sie kauft beim Billigmarkt ein und zerstört damit Arbeitsplätze in der deutschen Wirtschaft.“); sie bedrohen sich gegenseitig ihr Gesicht, sie sprechen über Dritte, sie ergreifen Partei für die eine oder andere Seite. Interessant ist: Die kriegen sich wieder ein. Nach einiger Zeit gehen die User wieder dazu über, Rezepte zu posten. Dann kommt die Nachricht der Frau, sie habe ihre Wette gewonnen und die Community applaudiert. Das zeigt, dass Foren auch Selbstheilungskräfte haben und ein Streit nicht notwendig die Kommunikation als solche zum Scheitern bringt.

Innerhalb eines Forums können Mitglieder auch Hierarchiestufen erklimmen.

Für die aktive Teilnahme wird das Mitglied belohnt und kann aufsteigen. Da gibt es so humorvolle Hierarchien, zum Beispiel kann man bei Chefkoch.de vom Tellerwäscher über den Kartoffelschäler und Suppenkoch zum Sternekoch aufsteigen, wobei man für den Sternekoch 12.000 Punkte braucht und für einen Forumsbeitrag genau zwei Punkte bekommt, wenn er denn kochspezifisch ausgerichtet ist. Man kann sich vorstellen, welche Art von Aktivität nötig ist, um diesen Weg zu beschreiten, da muss man schon sehr aktiv und sehr viel dort unterwegs sein. Die Hierarchiestufen sind wichtig dafür, wie man im Forum wahrgenommen wird: Ein „Sternekoch“ wird nicht so leicht unfreundlich angesprochen wie ein Neuling im Forum.

Wie regelt man das Miteinander in sozialen Medien wie Facebook, Twitter, Foren?

Es gibt Poweruser, die sehr stark im Forum aktiv sind und eine Moderatorenrolle einnehmen. Sie schauen, wo etwas eskaliert. User können häufig unangemessene Beiträge melden, der Stein des Anstoßes kann entfernt werden. Die Communities gehen unterschiedlich mit Streit um. Bei Wikipedia kann man die Versionsgeschichte mit allen Wortmeldungen sehen, auch die Geschichte der Diskussionen zu einem bestimmten Beitrag. In der deutschen Wikipedia lassen die User die Streits tendenziell stehen, das heißt die Diskussion bleibt nachvollziehbar. In der spanischen Wikipedia hingegen wird der Streit häufig gelöscht – da gibt es offenbar ein Harmoniebedürfnis, das dazu führt, dass der Streit damit quasi „aus der Welt geschafft“ wird. Allerdings bleibt er über die Versionsgeschichte weiterhin rekonstruierbar.

Offline kann ich eine Nacht über den Disput schlafen, ein Moment ist vorbei, man verträgt sich. Im Netz ist der Streit ja immer wieder sichtbar.

Das ist tatsächlich ein Problem. Viele User sind sich nicht bewusst darüber, dass das, was sie da im Zorn äußern, sieben Jahre später über Suchmaschinen noch beliebig abrufbar ist. Wir haben also eine Situation, wo spontan reagiert wird – was eigentlich in den Bereich der Mündlichkeit gehört –, dialogisch, schnell, ohne Planungszeit zieht man vom Leder. Aber die medialen Eigenschaften sind die der Schriftlichkeit, die Worte sind fixiert, nicht änderbar, es steht eben für immer da geschrieben. Sie bedrohen das Gesicht derjenigen, die sich haben gehen lassen oder die beschimpft wurden, auf Dauer. Jahre später kann jemand eine unbedachte Äußerung nachlesen oder kommentieren. Online ist nichts flüchtig.

Verzeihen Sie das Wort – wir sind also beim Shitstorm angekommen, so eine Art virtueller Pranger. Gibt es da Regeln oder prescht in solchen Momenten jeder drauf los und gibt seinen Senf ab?

In meiner Arbeitsgruppe beschäftigt sich Kristina Bedijs mit diesem Thema. Ein Shitstorm ist für die betroffenen Unternehmen eine ernste Gefahr, etwa wenn Produkte, Werbekampagnen oder Äußerungen daneben gehen. So gab es neulich einen medialen Aufschrei, als Kinderkleidung auftauchte, deren Schnitt und Beschriftung als anzüglichen und sexualisierend empfunden wurde. Da ging ein Aufschrei einmal um den Globus. So ein negatives Image ist dann schwer wieder auszuradieren. Die Unternehmen reagieren aber inzwischen auf diese Situation und stellen etwa Social Media Manager ein, die versuchen, die Stimmung im Netz zu drehen. Wer es ganz geschickt macht, kann dann aus einem Shitstorm einen Candystorm machen, also es regnet dann metaphorisch gesprochen Bonbons auf die Unternehmen herab. Die Deutsche Bahn hat das zum Beispiel einmal geschafft. Da gab es ein Posting, in dem sich eine Dame recht phantasievoll beschwert hat: Sie hat einen Abschiedsbrief geschrieben wie an einen Exfreund: liebe Bahn, es ist Schluss, wir können nicht mehr miteinander; und dann ihre Unzufriedenheit in sehr konkrete Worte gefasst. Die Bahn hat dann sozusagen in der Rolle des Exfreunds geantwortet: Lass es uns noch mal versuchen, ich komme in Zukunft pünktlich.

Jeder kann sich einschalten im Internet, oder?

Im Internet ist Kommunikation mehrseitig. Keiner spielt den Aufpasser. Sie können unilateral kommunizieren – einer spricht, alle hören zu, wie beim Radio. Sie können einen responsiven Kanal öffnen, etwa einen Hörer über das Telefon zuschalten. Wenn der etwas sagt, was Ihnen nicht gefällt, kappen Sie ihm die Leitung und weg ist er. Dann haben Sie so etwas wie die Social Media und damit eine Vielfalt der Positionen, jeder kann sich einschalten, ohne besondere Technikkenntnisse mitbringen zu müssen. Andere Medien, zum Beispiel die traditionelle Presse, spiegeln dann interessante Netzphänomene, etwa einen Shitstorm. Ein Protest kann so verstärkt werden. Wir erinnern uns an den Versuch der Telekom, das Volumen der Internetzugänge zu drosseln. Da war im Internet der Teufel los und die Presse hat das aufgegriffen und damit verstärkt. Unternehmen müssen sich dem stellen. Sie müssen versuchen, offensiv mit Beschwerden oder Ärger umzugehen, Fehler einzuräumen und Gesprächsangebote zu machen. Es stellt sich dann auch heraus, dass eben bestimmte Dinge nicht durchsetzbar sind. Das Potential des Shitstorms ist damit auch, dass bestimmte Wege für die Unternehmen nicht gangbar sind und korrigiert werden müssen. Einzelne Stimmen klingen dann zusammen, Positionen werden hörbar und Unternehmen müssen reagieren, sonst entsteht ihnen ein Schaden.

Wie tritt man in einen Dialog im Internet, wenn man das Gegenüber nicht sieht und nicht kennt, sondern nur Buchstaben liest? Ich habe es mit einer Masse zu tun, weiß nicht, wer und wie viele ist eigentlich mein Gegenüber? Wie schafft man es, eine Debattenkultur zu etablieren, in der wir respektvoll miteinander umgehen?

Es ist eine Frage der Plattform, die Rahmung ist wichtig. Wir sehen im Netz nicht, was der andere für ein Gesicht macht. Wir sehen uns nicht, wir kommunizieren spontan und uns fehlen Interpretationshilfen wie Mimik und Gestik. Wenn die Plattform so ausgerichtet ist, dass ich Profile hinterlegen kann, dann wissen wir mehr voneinander. Wir können aufgrund dieser hinterlegten Profilselbstdarstellungen zumindest ein wenig einschätzen, wie der andere wahrgenommen werden möchte. Je mehr wir voneinander wissen und je mehr wir in Dialog treten, umso respektvoller gehen wir auch im Internet miteinander um. Es ist natürlich eine Frage, ob man Daten über sich im Netz preisgeben möchte. Aber wenn man es tut, dann tragen sie dazu bei, den eigenen Beitrag einzuordnen und besser einschätzbar zu machen. Viele Unternehmen, Einrichtungen und Behörden gehen auch diesen Weg: Mitarbeiter sollen mit einem Gesicht und Namen auftreten. Auch auf der Homepage unserer Universität ist das so: Wenn Sie zum Beispiel die Mitarbeiter(innen)seite des Dezernats für Personal- und Rechtsangelegenheiten aufrufen, dann erscheint eine Namensliste mit Telefon. Die Namen können angeklickt werden, es sind weitere Profilinformationen inklusive ein Bild hinterlegt. Unser Gesprächspartner blickt uns also ins Gesicht – das ist etwas anderes, als wenn User einen Konzern oder eine Behörde anonym ansprechen müssen. In diesem letzten Fall lassen sie sich eher dazu hinreißen, etwas drastischer zu formulieren, als wenn sie sich an ein menschliches Gegenüber online wenden. Das können dieselben Personen sein, die auf der einen Plattform an sich halten und adäquat kommunizieren, auf der nächsten Internetpräsenz dann aber unfreundlich vom Leder ziehen. Je anonymer die Plattform, desto weniger findet eine respektvolle Kommunikation statt. Gerade Kommentarseiten unter Beiträgen, die kein Profil erfordern, begünstigen unfreundliche Kommunikation. Das war schon immer so, denn hier fehlt die dialogische Grundstruktur, zu der eben auch die Wahrnehmbarkeit des Gesprächspartners gehört.

Ihr Ratschlag – wie sollte ich mich denn im Netz verhalten?

So wie im persönlichen Gespräch. Eine Grundregel ist: Kommunizieren Sie so, als würden Sie nicht in den Computer schreiben. Da sind immer Menschen auf der anderen Seite! Das, was Sie da schreiben, lesen nicht Maschinen, sondern Menschen. Wollen Sie so etwas, was Sie da gerade schreiben, auch selbst lesen? Dann schicken Sie es ruhig ab. Sonst denken Sie lieber noch einmal in Ruhe nach. Da im Netz Interpretationshilfen wie Mimik und Gestik fehlen, beobachten wir im Internet eine Tendenz zu markierter Kommunikation. Das heißt, sie tendiert grundsätzlich zur Abweichung in die eine oder andere Richtung: besonders höflich oder besonders unhöflich. Neutrale Interaktion funktioniert in sozialen Netzwerken dagegen nicht besonders gut, da sie schnell missverstanden wird.

Wie gehen Sie in Ihrer Arbeitsgruppe vor?

Wir haben unterschiedliche Teilprojekte, interessieren uns insgesamt für Forenkommunikation, etwa Freizeitforen. Uta Fröhlich hat dazu ihre Dissertation gerade fertiggestellt, ein Pionierwerk der korpusgestützten Medienlinguistik. Sie zeigt, wie die Ressourcen, die wir zur Verfügung haben, – Emoticons, das Profilbild, die bisherigen Beiträge des Users, der Rahmen rundherum – Auswirkungen auf die Kommunikation haben. Die User gestalten den Rahmen der Posts und das wirkt sich auf das Gespräch aus.

Wir beschäftigen uns auch mit politischer Kommunikation über Twitter. So haben wir zum Beispiel ein Korpus mit Tweets aus dem US-amerikanischen und französischen Präsidentschaftswahlkampf 2012 erhoben. Für Obama war das nach 2008 der zweite Wahlkampf, erst Pionier, dann Twitter-Profi. Patricia Yazigi bearbeitet dieses Daten in ihrem fortgeschrittenen Dissertationsprojekt. Dabei wird deutlich: Die Wahlkämpfer kommunizieren nicht als Privatpersonen, sondern treten in bestimmten Rollen auf, die zum Wahlkampf passen. Obama etwa inszeniert sich als Vater, als Ehemann, als Landeschef. Das Team, das seine Tweets schreibt, referiert auf die Rollen und versucht, ihn in jeder dieser Rollen so gut wie möglich dastehen zu lassen. Dabei ist es ein Unterschied, ob jemand Inhaber der Macht ist oder Herausforderer; das zeigt Patricia Yazigi sehr eindruckvoll auf. Die Rolle – Machtinhaber oder Herausforderer – führt zu jeweils anderen Möglichkeiten, wie sich jemand zu bestimmten Themen äußert. Wähler des Gegners anzugreifen geht gar nicht, das wirkt sich im Allgemeinen negativ auf den Aggressor aus.

Weihnachten steht vor der Tür. Man greift zum Brief oder zur E-Mail. Laut aktueller Forsa-Umfrage pflegt die Mehrheit der Befragten (62 %) den Kontakt zu engsten Freunden eher selten online. Bei den unter 30-Jährigen ist der Trend aber gegenläufig, die Mehrheit kommuniziert mit sehr guten Freunden bereits überwiegend oder fast ausschließlich digital. Laut Forsa-Umfrage senden die meisten Deutschen (69 %) Weihnachtsgrüße bevorzugt per Brief oder Postkarte. Über die Hälfte gibt demnach an, sich über Weihnachtsgrüße „auf dem Postweg“ zu freuen. Bei welchem Anlässen kommunizieren wir eher online oder eher offline, etwa zu Weihnachten, zum Geburtstag, bei einem Trauerfall?

Der Trauerfall ist ein gutes Beispiel, hier verspüren wir Unsicherheit und möchten uns auf etwas stützen, das funktioniert und angemessen ist. Wir setzen auf gewachsene Textsorten und die Konventionalitäten eines Briefes. Der mediale Transfer macht immer etwas mit einer Textsorte, sie bleibt in einem neuen Medium nicht gleich. Um sicher zu gehen stützen wir uns bei einer so heiklen Angelegenheit wie einer Trauerkarte auf die Tradition und bleiben gern bei der ursprünglichen Medialität. Bei Weihnachtskarten ist es eine Altersfrage, jüngere Menschen, die mit dem Internet groß geworden sind, verschicken ihre Weihnachtsgrüße häufiger online als ältere. Ich selbst verschicke meine Grüße auch online, reichere schöpfe aber das Medium dahingehend aus, dass ich zum Beispiel Fotos anhänge und so ich eine Personalisierung erreiche, also für meinen Kommunikationspartner erkennbar keinen großen Verteiler bediene, sondern individuell kommuniziere. Grüße können also auch in einer E-Mail persönlich gestaltet werden.

Ich habe noch nie Weihnachtspost vom Land Niedersachsen erhalten. Auf Twitter ist der Ministerpräsident aber zu sehen mit einem Weihnachtsbaum und Weihnachtsgrüßen, es gibt sogar für jeden Tag einen Weihnachtskalender mit Gedichten, Weihnachtsfabel (mit Hinweis auf die entsprechende Stimmlage), Rezept für Kekse und Weihnachtspunsch, einem gesungenen Weihnachtslied von Otto [www.stephanweil.de/content/366453.php, twitter.com/stephanweil]. Landespolitiker nutzen das Internet um Weihnachtsstimmung zu verbreiten.

Ich kann mir solche Weihnachtsgrüße online aktiv abholen, das ist eine uninvasive Form. Ich fühle mich nicht gespamt und mein Postkasten ist nicht geflutet. Das Charmante daran ist, dass man sich sich diese Botschaften eigentlich nicht bewusst abholt („Jetzt hole ich mir hier meine Grüße beim Rathaus ab.“), sondern sie seitwärts mitnimmt. „Och, die haben daran gedacht? Wie nett.“ Dann wirkt die Institution auf einmal eher menschlich, nicht so wie ein Verwaltungsapparat. Das kann ein Lächeln auf das Gesicht des Users zaubern, selbst wenn sich solche Grüße an ein disperses Publikum richten, also an alle, die auf der Seite landen.

Die Fragen stellte Isa Lange.

Wollen auch nett sein: Politiker nutzen das Internet um Weihnachtsstimmung zu verbreiten. Screenshot: I.Lange

Lesen Sie mehr zum Thema Höflichkeit im Internet:

Forsa-Umfrage zu digitaler Kommunikation, Dezember 2014

Wie höflich ist das Internet? Ist Kommunikation im Internet wirklich so unfreundlich, wie oft behauptet wird, Rückblick auf die Tagung „Face Work and Social Media“

„Schwerpunktthema: Beleidigend kuschlig und freundschaftlich rüde / Der Umgangston im Internet steckt voller Widersprüche", Forscher der Universität Hildesheim in der Sendung „Studiozeit", Deutschlandfunk, 19.09.2013, Hörfunkbeitrag von Barbara Weber

„Markierte Kommunikation. Wie höflich ist das Internet?", Kristina Bedijs, Christiane Maaß, Artikel erschienen in: Forschung und Lehre, 2014


Ein Team um Medienlinguistin Christiane Maaß untersucht an der Universität Hildesheim, wie höflich es in Internetforen, auf Nachrichtenseiten und in der politischen Kommunikation über Twitter zugeht. Zu Weihnachten posten Politiker zum Beispiel Weihnachtsgrüße (Screenshot), die sich User abholen können. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim