Sprache und Theater: „Diese geteilten Erfahrungen sind ein Schatz, für alle“

Monday, 07. December 2015 um 11:11 Uhr

„Wir spielen Theater, jeden Freitag“ steht auf einem Handzettel, der im Flüchtlingsheim ausliegt. Der Probenraum eignet sich eigentlich gar nicht, dennoch bringt ein Team um Wiebke von Bernstorff Theaterszenen auf die Bühne des Alltags: Rapunzel, griechischen Mythen, Alice und Kafka-Texte.

„Du bist dran!“ Ein sechsjähriges Mädchen rennt mit einem Hula-Hoop-Reifen auf Lehramtsstudierende zu, die noch etwas schüchtern auf Bänken sitzen. Sie haben Kuchen und Getränke mitgebracht, ein kleines Buffet steht an einer gelben Wandseite. In den nächsten Monaten wollen sie den Kindern beim Erlernen der deutschen Sprache und beim Ankommen in der Stadt Hildesheim helfen und mit ihnen Theater spielen, es ist das erste Treffen.

Reihum ist jeder Student, jede Studentin einmal dran. Das Mädchen nimmt jeden an die Hand, weist einen Platz im Raum zu, zählt laut die Umdrehungen des Reifens mit: 22, 23, 24, 25, 26, 27. Ein Junge blickt in die Runde: „Wer war noch nicht?“.

Die Kinder sind kleine Brückenbauer. Selbst erst seit wenigen Monaten in Deutschland, gelingt es ihnen, die Studierenden von den Bänken zu holen. „Es sind einfach Kinder, wie alle anderen Kinder auch. Manche sind schüchtern, andere gar nicht, manche frech, manche wild, manche sanft", sagt Wiebke von Bernstorff. Es komme darauf an, sie als diejenigen wahrzunehmen, die sie sind und werden wollen, ohne sie in vorgefertigte und meist defizitorientierte Schemata wie „traumatisiert“ oder „Opfer“ einzuordnen, so die Wissenschaftlerin. „Das müssen auch die Studierenden erst lernen." Das gemeinsame Theaterspielen sei ein Weg, ohne Sprache auszukommen, oder mit wenig, und dennoch teilzuhaben, sich zu begegnen und zwar gleichberechtigt.

Auf einem Handzettel steht: Wir spielen Theater, jeden Freitag

„Wir spielen Theater, jeden Freitag“ steht auf einem Handzettel, der im Flüchtlingsheim in der Senkingstraße ausliegt. Die Literaturwissenschaftlerin und Theaterpädagogin Wiebke von Bernstorff arbeitet mit ihren Studierenden und jungen Erwachsenen – manche leben seit einigen Wochen, andere seit Monaten in Hildesheim – wöchentlich am Freitag an Theaterszenen. Seit vielen Jahren befasst sie sich mit dem interkulturellen Theaterspielen und bildet am Deutschinstitut Lehramtsstudierende aus.

„Der Probenraum im Flüchtlingsheim eignet sich eigentlich gar nicht, das ist ein Schulungsraum, aber das ist egal. Wir stellen Tische beiseite und arbeiten mit unseren Körpern und mit unserer Stimme. Wir erzählen uns Märchen, die älteren, schon länger in Deutschland lebenden Kinder übersetzen für die Kinder, die noch nicht alles verstehen.“ Die Theaterübungen basieren häufig auf Nachahmung, Studierende und Kinder bilden jeweils Paare. Besonders gerne mögen die Kinder Objektimprovisationen, erzählt Wiebke von Bernstorff. Dabei liegt ein Gegenstand in der Mitte, reihum macht jeder etwas mit dem Objekt. „Dabei wird aus einer Kiste zunächst ein Hut, dann ein Stuhl, dann ein Lenkrad. Wir jonglieren nicht mit Sprache, wir benutzen sie einfach.“

Seit zwei Jahren bietet die Wissenschaftlerin diese Lehrveranstaltungen an. „Studierende und Flüchtlinge begegnen sich sehr herzlich und interessiert. Die, die sich einmal eingelassen haben, sind ganz dabei, weil sie merken, dass sie hier als ganzer Mensch gefragt sind. Die Berührungsängste gegenüber dem Ort sind anfangs zwar oft groß. Deshalb fange ich immer mit einem Nachmittag zum Kennenlernen an. Diese Brücke braucht es. Die Anhänglichkeit, mit der die Kinder sich an die Studierenden binden wollen, ist eine neue Erfahrung und ungewohnt“, sagt von Bernstorff.

Mit Drei- bis Elfjährigen haben sie letztes Jahr das Märchen „Rapunzel“ inszeniert und zur Weihnachtsfeier aufgeführt. Studierende und Kinder haben die Rollen gemeinsam gespielt und dabei voneinander gelernt. „Dieses Jahr haben wir für die anstehende Weihnachtsfeier mit den Kindern ein eigenes Märchen in Anlehnung an Figuren und Motive aus 'Alice im Wunderland' entwickelt.“ Im Sommersemester hat die Gruppe mit Erwachsenen an Szenen zu griechischen Mythen gearbeitet. Sie haben Szenen entwickelt über Macht und Ohnmacht, Einschluss und Ausschluss.

Improviation – Aus einer Kiste wird zunächst ein Hut, dann ein Stuhl, dann ein Lenkrad

Und wer in das Vorlesungsverzeichnis klickt, landet auch im Wintersemester bei der Lehrveranstaltung von Wiebke von Bernstorff. Voraussetzung sind Spielfreude, Neugierde und Interesse, steht in der Beschreibung. In diesem Wintersemester beschäftigt sich die Gruppe mit Kafka-Texten. Unter ihnen ist zum Beispiel Moussa aus dem Sudan. Er möchte kein Schauspieler werden, erzählt er an einem Nachmittag im Herbst. „Ich spiele jeden Freitag zwei Stunden Theater, ich möchte mit anderen jungen Leuten sprechen. Wir arbeiten an Aufgaben, zum Beispiel spreche ich einen Satz laut und mache dazu eine Bewegung.“

Das Theater habe den Vorteil, dass man „ohne eine gemeinsame Sprache zusammen künstlerisch tätig sein kann“. Es gehe darum, so Wiebke von Bernstorff, sich aufeinander einzulassen. „Den Kindern fällt Vieles zunächst leichter als den Studierenden, denen es zum Teil schwerfällt, als Katze auf dem Boden herum zu jagen. Es gibt kein Richtig oder Falsch, und schon gar nicht ein Besser oder Schlechter.“ Diese geteilten Erfahrungen seien „ein großer Schatz für alle“. „Ich gehe davon aus, dass das sehr nachhaltige Erfahrungen für die Studierenden sind.“

Es geht darum, sich aufeinander einzulassen

Das bestätigen auch die Lehramtsstudierenden. Seit einem Jahr dabei sind Carolin Schamel und Dennis Schwark. „Wir arbeiten an Szenen, auch mit erwachsenen Flüchtlingen, weil sie hier mehr oder weniger ausharren müssen und nicht rauskommen“, sagt Schamel, die gemeinsam mit Wiebke von Bernstorff und Anna Salgo vom Institut für deutsche Sprache und Literatur, Studierenden der Universität und der Hochschule HAWK auch in der Initiative „Pangea“ mitwirkt. Sie setzen sich ehrenamtlich für geflüchtete Menschen in der Region Hildesheim ein, spielen gemeinsam Theater und machen Sport, sprechen Deutsch, reparieren Fahrräder in der Fahrradwerkstatt und möchten „Wegweiser“ im Alltag sein, etwa bei Behördengängen zur Seite stehen. „Wir wollen den Flüchtlingen das Ankommen in Hildesheim erleichtern, sie willkommen heißen, ihnen helfen, die Strukturen zu verstehen und zu nutzen und sprachliche Grenzen zu durchbrechen“, sagt Wiebke von Bernstorff.

Die Sprachwissenschaftlerin Anna Salgo hat zum Beispiel ihr Seminar vom Hörsaal in das Hildesheimer Flüchtlingsheim verlegt. Deutschstudierende haben dreimal wöchentlich eine Hausaufgabenbetreuung für Kinder angeboten. Musikstudierende bringen ihre Gitarre mit, singen mit den Kindern. „Ich lerne viel im Umgang mit Kindern, die Deutsch als Zweitsprache erlernen, ich muss die Lernsituation, die Aufgaben, die Sprache anpassen“, sagt Josephine Winkler. Die Lehramtsstudentin der Universität Hildesheim war etwa vier Monate jeden Mittwoch im Hildesheimer Flüchtlingsheim und unterstützt Grundschulkinder beim Spracherwerb. „Wir lesen viel mit den Kindern. Wenn etwas Zeit ist, spielen wir Wortspiele, etwa ‚Obstsalat‘. Es fällt auf, dass Kinder ausziehen und neue hinzukommen, die teilweise noch kein Wort Deutsch sprechen, manche leben erst eine Woche hier. Die Kinder sind sehr offen zu uns“, sagt die 21-Jährige, die in Hildesheim Deutsch und Englisch studiert. „Es sind weniger fachliche Mängel, die Sprache ist die Hürde – und das in allen Fächern. Wir intensivieren den Kontakt zu den Schulen der Flüchtlingskinder“, sagt ihre Dozentin Anna Salgo.

Gegangen, gesehen, gesessen – in normalen Grammatikseminaren sei das Partizip II recht fern. Es sei toll, die Motivation der Studierenden zu erleben und zu sehen, wie die Studierenden Theorie und Praxis verbinden und ihr im Studium erworbenes Wissen über die deutsche Sprache und ihre Vermittlung anwenden. „Die Studierenden müssen nicht nur großes Engagement und Eigeninitiative sondern vor allem auch Flexibilität und Offenheit mitbringen. Das sind Eigenschaften, die auch in ihrem späteren Beruf als Lehrer und Lehrerinnen wichtig sind“, sagt Salgo. Sie haben Waffeln gebacken und auf dem Campus Spenden gesammelt, um Lernmaterialien zu kaufen, Buntstifte, Radiergummis, Lineale, Bildwörterbücher, Lernspiele.

„Teilweise kommen auch Eltern, die einen Deutschkurs besuchen, mit Fragen zu uns“, sagt Josephine Winkler. Manchmal können sie eine Eins-zu-Eins-Betreuung ermöglichen, wenn sehr viele Kinder das Angebot wahrnehmen, arbeiten sie in Gruppen.

Deutsch als Zweitsprache in Hildesheim

Sprache lernen. Das Bild entstand in einer Erstaufnahmestelle in Hildesheim. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Am Deutschinstitut lehrt und forscht mit Elke Montanari eine Professorin für Deutsch als Zweitsprache, Wissenschaftlerinnen befassen sich mit der Mehrsprachigkeit von Kindern und Jugendlichen. Wer Kontakt aufnehmen möchte oder Fragen zu Zweitspracherwerb und zu dem gemeinsamen Theaterspielen hat, kann sich bei Wiebke von Bernstorff (bernstor@uni-hildesheim.de) und Elke Montanari (elke.montanari@uni-hildesheim.de) melden.

Kontakt zur Initiative Pangea

Ankommen und Weiterkommen in Hildesheim: Studierende, die sich beteiligen und mit Ideen sowie Aktionen einbringen wollen, sind herzlich willkommen (E-Mail: pan.gea@gmx.de).

Bildungsteilhabe nach der Flucht

Weitere Informationen findet man auf der Internetseite des Zentrums für Bildungsintegration. Lehramtsstudentinnen und Studenten, die Erwachsene, Familien und Kinder beim Erlernen der deutschen Sprache unterstützen möchten, können ihr Sozialpraktikum in der Erstaufnahmestelle in Hildesheim absolvieren.

Medienkontakt: Pressestelle Uni Hildesheim (Isa Lange, presse@uni-hildesheim.de, 05121.883-90100)


Zwei der Studentinnen und Studenten, die an der Universität Hildesheim Lehramt studieren und im Theaterprojekt oder im Sprachkurs im Flüchtlingsheim mitwirken: Josephine und Dennis. Mit Drei- bis Elfjährigen hat ein Team um Wiebke von Bernstorff letztes Jahr das Märchen „Rapunzel“ inszeniert und zur Weihnachtsfeier aufgeführt. In diesem Jahr folgt „Alice“. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim