„Soziale Online-Netzwerke sind keine Karrierekiller“

Sunday, 08. July 2012 um 19:00 Uhr

„Studierende passen in der Phase des Berufseinstiegs oftmals gezielt ihre Profile in Sozialen Netzwerken an“, sagt Prof. Dr. Joachim Griesbaum. Darauf deuten Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung hin. „Sie optimieren ihre Profile in beruflich orientierten Netzwerken wie Xing und schützen ihre Facebook-Seite über Privateinstellungen“, so der Informationswissenschaftler. Mit Studierenden des Studiengangs Internationales Informationsmanagement erforscht er an der Universität Hildesheim, wie das Internet unser soziales Leben verändert.

„Soziale Online-Netzwerke sind keine Karrierekiller“ entgegnet Prof. Dr. Joachim Griesbaum Skeptikern. Seit 2008 hat er an der Universität Hildesheim die Juniorprofessur für Informationswissenschaft mit dem Schwerpunkt „Soziale Netzwerke und Kollaborative Medien“ inne.

Arbeitgeber greifen bei ihrer Personalauswahl systematisch auf persönliche Daten von Bewerbern aus dem Internet zurück – so der Medientenor. In Amerika wurden Bewerber sogar aufgefordert, ihr Facebook-Passwort preiszugeben.

„Unsere explorativen Studien führen zu differenzierten Ergebnissen“, sagt Informationswissenschaftler Joachim Griesbaum. Wie Studierende und Hochschulabsolventen Soziale Netzwerke in der Phase des Berufseinstiegs, speziell der Bewerbungsphase, zur Selbstdarstellung nutzen, hat zuletzt Miriam Engler untersucht. Sie studiert in Hildesheim „Internationales Informationsmanagement“ und hat in einer Studie 14 Studierende, die kurz vor ihrem Studienabschluss stehen, sowie vier Mitarbeiter aus Personalabteilungen unterschiedlicher Unternehmen interviewt.

Die Ergebnisse? Alle Studierenden sind bei Facebook aktiv – mit teils falschen Schreibweisen ihres Namens. Die Hälfte hat ein Profil bei Xing und hat dieses auf Professionalität getrimmt. „Die Studierenden gehen von der Möglichkeit aus, dass Personalabteilungen Soziale Online-Netzwerke systematisch prüfen und dass ein unvorteilhaftes Online-Profil ihre Berufschancen schmälern könnte“, erklärt Griesbaum, der die Abschlussarbeit betreut hat.

Dabei ist es richtig, dass die befragten Unternehmen zwar „auf Spurensuche“ im Internet sind, das Ausmaß der Nutzung Sozialer Online-Netzwerke aber sehr divergiert. Erstaunlich sind die teilweise erheblichen Diskrepanzen der Einschätzung des Stellenwertes der Online-Präsenz im Social Web zwischen Unternehmen und Bewerbern. So vermuten die Studierenden, dass Personalabteilungen hauptsächlich in Facebook recherchieren. Tatsächlich wird zunächst XING als entscheidungsunterstützendes Medium im Bewerbungsprozess herangezogen. Insbesondere werden Bewerbungsangaben abgeglichen. Ein weiterer Unterschied zeigt sich in der Bewertung der Kontakte. Die Hälfte der Studierenden vermutet, dass Beiträge und Profile der Freunde einen negativen Eindruck hinterlassen könnten. Dies wird aber durch die befragten Unternehmensmitarbeiter durchweg widerlegt.

Die größte Abweichung liegt in der Einschätzung zu Profilinformationen, die vermeintlich zu einer Nichteinstellung führen. Hier sind es die Bewerber selbst, die sich sehr stark Gedanken um ihre Auftritte in Sozialen Netzwerken machen, „sie wollen nichts Falsches posten.“ Die befragten Studierenden vermuten zum Beispiel, dass übertriebene Pinnwandeinträge, Partybilder, unseriöse Darstellungen sowie politische Kommentare schon zu einer Nichteinstellung führen könnten. „Die befragten Personaler gaben jedoch keinen Grund zu dieser Sorge. Diese nennen weitaus extremere Gründe, die zur Ablehnung führen, z.B. rechtsradikale Haltungen, Feindseligkeiten gegenüber Minderheiten, kriminelle und pornographische Inhalte. Man wird nicht von der Personalabteilung aussortiert, nur weil bei Facebook auf einem Urlaubsfoto zu sehen ist, dass man etwas Alkoholisches zu sich nimmt“, so Prof. Griesbaum.

Die hohe Bedeutung, die  Soziale Online-Netzwerke für den Berufseinstieg bzw. das Personalrecruiting mittlerweile einnehmen, wird durch weitere Untersuchungen aus Hildesheim gestützt. So weist eine bereits 2010 durchgeführte Befragung von 211 Studierenden und 96 Absolventen darauf hin, dass rund 50% der stellensuchenden Studenten und knapp 70% der stellensuchenden Absolventen ein Profil in einem beruflich orientierten Sozialen Online-Netzwerk haben. Interviews mit Unternehmensvertretern aus dem Jahre 2009 zeigen auf, dass auf Unternehmensseite Potentiale nicht nur in der Prüfung von Bewerbern, sondern auch in der aktiven Ansprache von potentiell Qualifizierten sowie in der Aktivierung der Kontakte eigener Mitarbeiter gesehen werden.

Internationales Informationsmanagement an der Universität Hildesheim studieren

Im Mittelpunkt von Forschung und Lehre steht bei Prof. Joachim Griesbaum die Welt des Internets. Die Studierenden des Studiengangs  „Internationales Informationsmanagement“  befassen sich im Schnittfeld von Sprache, Kommunikation und Information mit vielfältigen Aspekten der Neuen Medien – auch aus internationaler und interkultureller Perspektive: Wie funktioniert die Kommunikation in Sozialen Netzwerken, in interkulturell geprägten Situationen oder beim Online Marketing? Wie wird das Internet in beruflichen Kontexten genutzt? Was zeichnet eine benutzerfreundliche Internetseite aus? Verstehen Computer Sprache? Wie gelangen wir bei der Masse an Daten an die gewünschten Informationen? „Diese Studieninhalte sind zentrale Erfolgsfaktoren für Wirtschaft und Unternehmen“, erklärt Joachim Griesbaum. Absolventen sind heute weltweit tätig – ob im Online Marketing bei Adobe, für VW in Wolfsburg oder Florida, als Informations- und Wissensmanager bei Accenture oder im PR-Bereich bei MAN. Zentrale Schlüsselqualifikationen hierfür sind die ebenfalls im Studiengang vermittelten interkulturellen Kompetenzen. Neben der Informationswissenschaft kann im Studium Interkulturelle Kommunikation als Schwerpunkt gewählt werden.