Literatur und Politik

Monday, 29. June 2015 um 16:26 Uhr

Der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur wird immer wieder vorgeworfen, dass sie nicht relevant genug sei. Wie hängen Schreiben, Ästhetik und Politik zusammen? Ein Blick zurück: Die Literaturwissenschaftlerin Jennifer Clare hat vor kurzem ihre Doktorarbeit über die Literatur der 68er abgeschlossen. Matthias Friedrich sprach mit ihr über Schreiben als Opposition, Erwartungen an Autoren und die problematische Beziehung von Politik und Kunst.

„Ich kam sehr schnell auf die Frage, was es heißt, wenn ein Autor schreibend Politik macht. Was kann das Schreiben für die Politik leisten?", sagt Jennifer Clare, die am Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität Hildesheim promoviert hat. Foto: privat

Können Sie Ihren Forschungsansatz zu Anfang kurz skizzieren?

Jennifer Clare: Das Projekt habe ich die letzten vier Jahre am Deutschinstitut bei Professor Toni Tholen bearbeitet. Es trägt den Titel „Schreiben, Widerstand und Bewegung in der Literatur der deutschen Studentenbewegung – eine kulturpoetologische Untersuchung“. Mir ging es dabei hauptsächlich um das literarische Schreiben in wechselseitiger Interaktion mit der politischen Oppositionskultur um 1968. Eine Kernfrage war zum Beispiel: Wie wird um 68 über Schreiben gedacht, wie wird es gelebt, praktiziert und erzählt? Das ist insofern wichtig, als dass ich drei Primärtexte aus dieser Zeit untersucht habe, in denen Autorenfiguren eine Rolle spielen. In diesen Texten wird von Schreibprozessen und -motivationen erzählt, von bestimmten Faszinationen, aber auch bestimmten Konflikten mit dem Schreiben – das alles im Kontext der politischen Oppositionskultur. Gleichzeitig tragen die Texte und ihre Poetiken selbst Spuren solcher Begegnungen von Schreiben und Oppositionskultur – sie werden in den Texten erzählt und gleichzeitig erprobt, ausgehandelt und gelebt. Um dies zu erfassen, nutze ich den Terminus der Kulturpoetologie von Stephen Greenblatt, einem amerikanischen Renaissanceforscher. Eine wesentliche Herausforderung des Projekts für mich bestand daher darin, diese Methode aus der Renaissanceforschung auf ein zeitlich aktuelleres Thema mit ganz anderen medialen Kommunikationswegen zu beziehen. Nahtlos übertragbar sind aber die zwei wichtigsten Kernannahmen des kulturpoetologischen Ansatzes: Literarische Texte agieren sowohl wechselseitig als auch intertextuell mit ihrer Entstehungsumgebung. Stephen Greenblatt versucht, von der klassischen Frage nach dem Einfluss der Entstehungsumgebung auf den Text wegzukommen. Er möchte nicht nur wissen, welchen Input der Text generiert, sondern er möchte auch den Output eines Textes in seine Entstehungskultur erforschen. Er denkt Kultur als alle lesbaren Repräsentationen, die eine Gesellschaft hervorbringt. Neben schriftlichen Dokumenten sind das auch unter anderem Rituale und Verhaltensweisen. Das heißt: Ein literarischer Text ist ein Text unter vielen, der mit den anderen wechselseitig interagiert. Der massive Vorteil einer solchen Untersuchungsmethode ist, dass literarischer Text und Entstehungsumgebung auf einer analytischen Ebene sind – zumindest theoretisch.

Wie haben Sie in Ihrer Arbeit die kulturpoetologische Methode angewendet?

Die Konsequenz eines kulturpoetologischen Vorgehens ist, dass man es erst einmal mit sehr viel Material zu tun bekommt, insofern die lesbaren Repräsentationen einer Entstehungskultur ja fast gegen unendlich gehen – man muss gut auswählen: Beim Lesen achtet man zum Beispiel auf Parallelen und Widersprüche zwischen Texten, die man in einer umfangreichen Detailarbeit nachverfolgt. Meine Arbeit an den Texten geht oft auf sehr kleine Aspekte ein. Es gibt einen relativ berühmten Auftritt von Peter Handke bei der Gruppe 47 in Princeton, wo er nach einer Lesung aufsteht und anfängt, die Gruppe 47 zu beschimpfen. Darin verwendet er den Ausdruck „Beschreibungsimpotenz“. Interessanterweise habe ich in zweien meiner Romane den Begriff der Impotenz ebenfalls in Bezug auf das literarische Schreiben gefunden. Das brachte mich auf eine spezifische Problematik des männlichen Schreibens um 68. Das Schöne beim kulturpoetologischen Vorgehen ist, dass ich nicht nachweisen muss, ob die Autoren die verschiedenen Texte kennen, sondern ich kann in dem kulturellen Diskurs einen bestimmten Aspekt des Schreibens rekonstruieren. Ich glaube, der kulturpoetologische Ansatz hat mir unter anderem dabei geholfen, zu verstehen, was diese vielbeschworene „Politisierung der Literatur“ eigentlich bedeutet. Denn erst mit der Untersuchung der Texte in ihrer Entstehungsumgebung kann man sehen, dass die Politisierung etwas Umstrittenes ist: Was wurde erprobt, was verworfen? Wodurch wurde das Schreiben bedroht?

Die politische und literarische Aktivität scheinen eng miteinander verbunden zu sein. Inwiefern stilisiert sich ein Autor selbst, wenn er mit seiner künstlerischen Tätigkeit in den Diskurs der Politisierung eintritt?

Diese Stilisierung ist ein riesiges Thema, wenn es um 68 um das Schreiben geht. Eigentlich spielt der Autor bei Greenblatt nur eine sekundäre Rolle, denn er nimmt viel mehr den Text in verschiedenen diskursiven Konstellationen in den Fokus. Bei meinen drei Primärtexten hat sich der Autor aber schnell wieder reingeschlichen, weil sie ihn selbst auf prägnante Weise inszenieren. Ich kam sehr schnell auf die Frage, was es heißt, wenn ein Autor schreibend Politik macht. Kann man das mit dem außerliterarischen Handeln gleichsetzen? Das ist ein großes Problem, das die 68er beim Schreiben umtreibt. Meine Autoren und auch ihre Autorfiguren stehen allesamt in einer ambivalenten Position. Was kann das Schreiben für die Politik leisten? Vielleicht sogar etwas, das keine andere Handlung erreichen kann? Oder hält es eher vom Handeln ab?

Letzteres ist auch ein Vorwurf, der immer wieder der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gemacht wird: dass sie nicht relevant genug sei.

Genau! Die Schriftsteller sind, vor allem um 68, auch politisch handelnde Subjekte – das kann man von ihrem Schreiben nicht abkoppeln. Der Zwiespalt zwischen der politischen Rolle und der Rolle als Schriftsteller ist in allen drei Texten Thema, wird allerdings in keinem von ihnen aufgelöst. Es geht sehr viel um sein Erforschen und letztlich das Hadern mit ihm. Zum Beispiel habe ich Bernward Vespers „Die Reise“ als einen zentralen Roman der 68er gelesen. Die Autorfigur schwankt ständig zwischen der emphatischen Hervorhebung des Schreibens als politische Aktion und der Verzweiflung darüber, dass die politische Relevanz seines Schreibens unbefriedigend ist. Sie nimmt damit zugleich Teil am größeren Streit innerhalb der  Entstehungskultur des Textes, wie stark literarisches Schreiben an seinem außerliterarischen Einfluss gemessen werden darf beziehungsweise muss.

Wie haben Sie in Ihrer Arbeit die Diskrepanz zwischen Politik und Ästhetik beurteilt? Bei politischer Literatur sehe ich immer die Gefahr, dass die Agitation die Ästhetik überwältigt.

Das ist eine Befürchtung, die um 68 immer wieder eine Rolle spielt: Ich möchte politisch schreiben, aber gleichzeitig habe ich Angst davor, dass mein Werk funktionalisiert und gesteuert wird. Die Erzählung über das Schreiben in meinen drei Texten lässt sich mit der Angst vor Fremdbestimmung gut zusammenfassen: Die literarische Tätigkeit wird einerseits als vom Establishment fremdbestimmt empfunden. Vor allem in Rolf Dieter Brinkmanns „Keiner weiß mehr“ schließt das oft die ästhetische Ebene mit ein, als Distanzierung vom bürgerlichen Literaturbetrieb. Das ist die eine Seite der Geschichte. Andererseits dient das Schreiben auch oft als Korrektiv im Hinblick auf Entwicklungen in der eigenen linken Szene. Zum Beispiel möchte sich ein Autor in diesem Diskurs nicht von bestimmten Sprachmustern oder politischen Aufträgen vereinnahmen lassen und sucht in seinem Schreiben Alternativen auch zu einengenden Elementen der eigenen oppositionellen Umgebung. Das ist ein ganz wesentlicher Motor aller drei Texte, die ich untersucht habe. Besonders deutlich wird das in Peter Weiss' „Die Ästhetik des Widerstands“: Hier muss der Protagonist erst einmal temporär seine Sprache ganz verlieren, um zu erkennen, dass die politische Situation von der marxistischen Rhetorik seiner Umgebung nur schablonenhaft erfasst wird und andere, nämlich literarische, Erfassungsmöglichkeiten braucht.

An diesem Beispiel sieht man auch, dass die kulturpoetologischen Zusammenhänge nicht immer direkt und linear verlaufen: Weiss' Text erzählt eigentlich von einem jungen schreibenden Widerstandskämpfer gegen die NS-Diktatur, aber was den Aspekt den Schreibens betrifft, interagiert er vor allem mit seiner Entstehungsgegenwart: mit dem Ringen der Autoren um 68, schreibendes und politisches Subjekt zugleich zu sein.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Matthias Friedrich.

Die Dissertation von Jennifer Clare erscheint im November 2015 im transcript Verlag unter dem Titel „Protexte. Interaktionen von literarischen Schreibprozessen und politischer Opposition um 1968".