Fremdsprache in Kindergarten und Schule erlernen

Friday, 19. June 2015 um 13:50 Uhr

Drei Stunden pro Tag oder eine pro Woche? Welche Faktoren beeinflussen den Erwerb einer Fremdsprache bei Kindern? Das untersucht eine Hildesheimer Arbeitsgruppe. Das Team um Professorin Kristin Kersten befragt zudem an 1700 Grundschulen, wie Lehrerinnen und Lehrer die englische Sprache unterrichten. Am Wochenende tauschen sich die Fachleute auf einem Fachtag zu bilingualem Lehren und Lernen an der Universität aus.

Wie kann früher Fremdspracherwerb gelingen? Was passiert eigentlich mit der Erstsprache, wenn ein Großteil des Unterrichts in einer Fremdsprache, zum Beispiel Englisch, durchgeführt wird?  „Langjährige Untersuchungen deuten darauf hin, dass andere Fähigkeiten eines Kindes nicht darunter leiden, wenn es eine zweite Sprache im Kindesalter erlernt. Im Gegenteil: In besonders intensiven Programmen kann sich neben kognitiven Vorteilen sogar die Erstsprache verbessern“, sagt Professorin Kristin Kersten von der Universität Hildesheim.

In den dreijährigen Forschungsprojekten „SMILE (Studies on Multilingualism in Language Education)“ und „BiLLiE (Bilinguales Lehren und Lernen in Entwicklung)“ untersucht eine Arbeitsgruppe aus den Bereichen Psycholinguistik und Psychologie, welche Variablen Einfluss auf den frühen Fremdsprachenerwerb bei Kindern mit und ohne Migrationshintergrund sowie bei Lernern mit unterschiedlichen kognitiven Voraussetzungen haben. Sie erfassen, wie bilingualer Unterricht in Grundschulen umgesetzt wird und wie die Einstellungen von zweisprachigen Lehrkräften ausfallen. Kristin Kersten arbeitet dabei mit Professor Werner Greve aus dem Institut für Psychologie und einer Reihe von wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen zusammen, die die Projekte koordinieren.

In Niedersachsen sind derzeit zwei Stunden Englisch ab der 3. Schulklasse verpflichtend. Im SMILE-Projekt blickt die Hildesheimer Arbeitsgruppe nun auf die Kinder: Welche Faktoren beeinflussen den Fremdspracherwerb? „Forschungsergebnisse aus früheren Studien weisen darauf hin, dass die Intensität, Dauer des Kontakts sowie das handlungsbegleitende Erlernen der Fremdsprache an Objekten, Bildern und der Umwelt entscheidend sind. Ob die Fremdsprache mehrere Stunden pro Tag oder nur zwei Stunden pro Woche angeboten wird und wie sie von der Lehrkraft umgesetzt wird– das macht viel aus. Dazu kommt, dass jedes Kind individuelle Voraussetzungen zum Lernen mitbringt, die sich nicht nur in den kognitiven und sprachlichen Fähigkeiten, sondern auch im sozialen Umfeld unterscheiden. Und schließlich ist jedes Schulprogramm ein komplexes Gefüge, in dem auch jede Lehrkraft ihre eigenen Kenntnisse, Einstellungen und Motivation mitbringt“, so Kersten. „Durch unsere Erhebungen an niedersächsischen Schulen wollen wir an mehreren hundert Kindern in einer Zusammenschau überprüfen: Was hat tatsächlich den größten Einfluss auf den Fremdspracherwerb? Und wie können wir die Kinder darin fördern?“ Die Projektkoordinatorinnen Katharina Schwirz und Katharina Hagenfeldt organisieren zurzeit die ersten Datenerhebungen an vier Schulen.

Professorin Kristin Kersten befasst sich in ihrer Forschung und Lehre mit Formen des bilingualen Lernens, vor allem mit einem besonders intensiven Programm: Bei der „Immersion“ („Eintauchen“ in die Sprache) werden mindestens 50 Prozent des Curriculums in der Fremdsprache unterrichtet. Die Arbeitsgruppe beobachtet Unterricht in bilingualen Schulen, zum Beispiel in einer Immersionsschule in Göttingen. „Die Kinder kommen morgens zur Schule, die Begrüßung läuft auf Englisch ab. Bis auf Deutsch werden alle Fächer in englischer Sprache unterrichtet, auch auf den Fluren wird Englisch gesprochen. Ob Mathematik, Musik oder Sachunterricht – alles was normalerweise auf Deutsch stattfindet, läuft in englischer Sprache ab. Besonders ist, dass die Lehrerinnen und Lehrer sehr stark das Verständnis sichern müssen, indem sie mit Gestik, Mimik, Materialien und vielen Kontextualisierungen arbeiten.“

An der Göttinger Schule unterrichten derzeit auch zwei Hildesheimer Lehramtsstudentinnen mit den Fächern Mathematik und Englisch in der Praxisphase im Masterstudium. Sie erleben und unterrichten das Fach Mathematik in englischer Sprache. Und sie können im Rahmen ihres Englischstudiums auch ein Zertifikat für bilinguales Lehren und Lernen erwerben, das vom Englischinstitut der Uni Hildesheim angeboten wird. „Es ist sehr wichtig, schon in der Lehrerausbildung anzusetzen, um die Kompetenzen für bilinguales Unterrichten aufzubauen“, so Kersten.

Wie der intensive Fremdspracherwerb abläuft, damit befassen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Lehramtsstudierende und Lehrkräfte an diesem Wochenende auf einem Fachtag. Über 160 Personen aus mehreren Bundesländern haben sich angemeldet. Professorin Claudia Mähler, die einen der Hauptvorträge hält, befasst sich beispielsweise mit der Diagnostik bei Kindern mit Förderbedarf und mit der ihrer Sprachentwicklung. Kinder aller Schulstufen, so Mähler, „weisen eine große Heterogenität bezüglich ihrer kognitiven Kompetenzen auf“. Eine gute individuelle Förderung setze die Kenntnis des Entwicklungsstandes eines jeden Kindes voraus. Professorin Petra Burmeister von der PH Weingarten spricht über Differenzierung im Fremdspracherwerb. Sie hat für die Strategien, den Spracherwerb stark durch Kontextualisierungen und Gesten zu begleiten, den Begriff „Stummfilm-Technik“ geprägt. „Wenn man sich vorstellt, dass den Lehrkräften der Ton abgedreht würde, dann müssten trotzdem alle Inhalte für die Kinder noch verständlich sein – ihre Kenntnisse in der Fremdsprache sind noch nicht groß, aber sie werden durch das Verständnis der Situation und der handlungsbegleitenden Sprache aufgebaut“, erläutert Kristin Kersten.

In Deutschland, so Kersten, sei die flächendeckende Umsetzung von bilingualen Konzepten, also dem intensiven Fremdsprachenlernen an Inhalten im Schulalltag – noch weit entfernt, obwohl die europäische Politik seit über zehn Jahren darauf drängt. Ihre Studien weitet die Hildesheimer Arbeitsgruppe daher derzeit von der Erhebungsphase in Niedersachsen auf die Bundesrepublik aus. „Jede Schule, die neu damit anfängt, muss sehr viele Entscheidungen treffen, die Lehrkräfte müssen sich fortbilden. Sie sind auch Kritik ausgesetzt. Eltern fragen etwa, ob denn der deutsche Spracherwerb ihrer Kinder darunter leidet.“ Die Forschergruppe untersucht daher in einem Zeitraum von drei Jahren, wie Lehrkräfte die bilingualen Konzepte umsetzen und wie sie dies im Schulalltag erleben.

„Wir befragen im BiLLie-Projekt zunächst alle 1700 Grundschulen in Niedersachsen nach ihren Konzepten“, erklärt Kersten, „und anschließend Lehrkräfte deutschlandweit nach ihren Erfahrungen mit und Einstellungen zu bilingualem Unterricht“. „Das Team der Psychologen untersucht in einer längsschnittlichen Fragebogenstudie die Einstellung und Einstellungsveränderung von Lehrenden zu bilingualem Unterricht“, so Werner Greve. Alina Wegner vom Englischinstitut und Lydia Schmieder aus dem Institut für Psychologie koordinieren die BiLLiE-Studien. Die interdisziplinäre Perspektive der beiden Studien, die eng miteinander verknüpft sind, ist eine Neuerung in Forschung zu bilingualem Unterricht. Auch Lehramtsstudierende sind an dem Forschungsprojekt beteiligt, im Methodenbüro der Universität („Cati-Labor“) laufen die niedersachsenweiten Telefonbefragungen. Das Labor vom Institut für Sozialwissenschaften wurde speziell für Telefonbefragungen in empirischen Studien ausgerüstet.


Ein Team um Professorin Kristin Kersten befragt derzeit Lehrerinnen und Lehrer sowie Kinder an 1700 Grundschulen: Wie lernen sie eine Fremdsprache, wie lehren sie? Blick in eine Klassenzimmer einer 1. Klasse der Grundschule Mauritius. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim