Experiment in Hildesheim – Woyzeck auf der Bühne in drei Sprachen: Inklusives Theater

Monday, 25. November 2019 um 09:22 Uhr

Das Theaterhaus Hildesheim und die Universität Hildesheim erstellen momentan die Theaterinszenierung „WOY“. Das Stück in Hildesheim wird in drei Sprachen aufgeführt: in Deutscher Gebärdensprache, in Schriftsprache und Lautsprache. Die Erstaufführung des Theaterstücks ist am Samstag, 30. November 2019.

Das Theaterhaus Hildesheim und die Universität Hildesheim erstellen momentan die Theaterinszenierung „WOY“, einer inklusiven Interpretation des „Woyzeck“ von Georg Büchner. Das Drama „Woyzeck“ ist ein literarisches Fragment, eine unvollständige Erzählung über einen Mann namens Franz Woyzeck. Er wird von einem Arzt für Experimente ausgenutzt, wird mit der Zeit wahnsinnig und bringt schließlich seine Freundin Marie, Mutter eines Säuglings, um, wofür er am Ende geköpft wird. Auf der Metaebene geht es darum, wie sehr ein Mensch die Kontrolle über sein Leben besitzt oder von seiner „Natur“ gelenkt wird. Verantwortlich für die Fassung und das Konzept sind die Regisseurin Manuela Hörr sowie die Dramaturgin und Co-Regisseurin Nicola Bongard.

Das Stück in Hildesheim wird in drei Sprachen aufgeführt: in Deutscher Gebärdensprache, in Schriftsprache und Lautsprache. Damit können Menschen mit und ohne Hörschädigung das Stück gleichermaßen verfolgen. Aber auch auf der Bühne ist mit dem gehörlosen Jörg Apel als einem der zwei Schauspieler des Woyzeck und hörenden Schauspieler*innen ein diverses Ensemble vertreten.

Nicht nur die Aufführungen, auch die Kommunikation während der Proben findet mit Gebärdensprachdolmetscherinnen statt.

Studentinnen und Studenten aus dem Bereich Medienübersetzen produzieren Übertitel

Der schriftliche Teil bei „WOY“ wird von Studentinnen und Studenten des Masterstudiengangs „Medientext und Medienübersetzung“ in Form von Übertiteln umgesetzt, die Textfassung in Teilen auf die Bühne holen. Diese Übertitel erstellen die Studierenden parallel zu den Proben im Seminar „Inklusives Theater“, das Nathalie Mälzer, Professorin an der Universität Hildesheim, gemeinsam mit Jeffrey Döring leitet.

Die Übertitel sind ebenso wie die Gebärden und der gesprochene Text gleichwertiger Bestandteil der Inszenierung. Das Team um Professorin Mälzer arbeitet seit mehreren Jahren daran, Übertitel im theatralen Bühnenraum ästhetisch, lesbar und verständlich zu platzieren.

Ins Bühnenbild integrierte und stets bewegliche Übertitel sichern das Verständnis

„Die ins Bühnenbild integrierten, stets beweglichen Übertitel sind der gemeinsame Nenner für alle Zuschauer*innen des Stücks: sie sichern das Verständnis für hörende, schwerhörige und gehörlose Menschen, indem sie abwechselnd aus der Lautsprache und aus der Gebärdensprache übersetzen. Damit die Übertitel im Bühnenbild stets gut wahrnehmbar bleiben, muss in jeder Szene auf das genaue Timing, den Ort der Projektion und die Lichtverhältnisse geachtet werden. Während etwa die Gebärden gut ausgeleuchtet sein müssen, verblassen Übertitel bei zu viel Licht. Hier ist höchste Präzisionsarbeit bei der Einrichtung und beim Fahren der Übertitel gefordert: von den Übertitler*innen, aber auch von der Lichttechnik und von den Schauspieler*innen, die mit den Übertiteln interagieren“, sagt Professorin Nathalie Mälzer.

Die Erstaufführung findet am Samstag, 30. November 2019, um 20 Uhr statt. Weitere Aufführungen sind am 1., 2. und 3. Dezember 2019, jeweils um 19 Uhr. Außerdem wird WOY im März 2020 im LOT in Braunschweig gezeigt. Die Stiftung Niedersachsen fördert die Kooperation von Theaterhaus und Universität Hildesheim zur Erstellung und Durchführung des inklusiven Theaterstücks WOY.

Kurz erklärt:

Inklusives Theater: Forschung zu Übertiteln in Theaterhäusern

Ein Team um Professorin Nathalie Mälzer entwickelt seit 2015 Übertitel für Theaterstücke. Im Medientextlabor der Universität Hildesheim produzieren Hildesheimer Studentinnen und Studenten des Studiengangs „Medientext und Medienübersetzen“ Texte für den Bühnenraum. Die Ergebnisse der Hildesheimer Forschung sind für Theaterhäuser in Deutschland relevant.

In Deutschland gibt es zwar einige Theater- und Opernhäuser, die bei fremdsprachlichen Inszenierungen Übertitel in anderen Sprachen anbieten. Oben über der Bühne befindet sich dann oft eine dezente LED-Leiste, über die Texte dargestellt werden. Aber in der deutschen Bühnenlandschaft findet man so gut wie keine Übertitel für Menschen mit Hörbehinderung, sagt Professorin Nathalie Mälzer. Die Professorin für Übersetzungswissenschaft entwickelte bereits in der Vergangenheit mit Studentinnen und Studenten und Kooperationspartnern Übertitel für Theaterstücke, die sich an Gehörlose, Schwerhörige und Hörende richten.

In den Projekten kommt als kommunikatives Element der „Übertitel“ zum Einsatz: Worte werden im gesamten Bühnenraum projiziert. Statt Text in eine dezente LED-Leiste zu setzen werden die Übertitel Teil des Bühnenbildes. Die Hildesheimer Übertitel sind auf den Bühnen keine Fremdkörper, sie sind Teil des Bühnenbildes, manche Texte füllen den ganzen Bühnenraum aus. Die ganze Theaterbühne wird zu einer Projektionsfläche, die Übertitel haben nicht bloß die Funktion, dass die Zuschauer mit einer Hörbehinderung den Inhalt verstehen. Sondern die Übertitel sind auch als ästhetisches Element in den Bühnenraum eingebunden.

Professorin Nathalie Mälzer untersucht in Rezeptionsstudien, wie die Übertitel beim hörenden und nicht hörenden Publikum ankommen. Inwiefern stoßen die Hildesheimer Übertitelungskonzepte bei Jugendlichen und Erwachsenen auf Akzeptanz, verstehen gehörlose Jugendliche und Erwachsene das Theaterstück besser?


im Projekt „Inklusives Theater“ produziert das Theaterhaus Hildesheim gemeinsam mit einem Team um Professorin Nathalie Mälzer von der Universität Hildesheim ein dreichsprachiges Stück. Das Drama Woyzeck wird in Deutscher Gebärdensprache, in Schriftsprache und Lautsprache aufgeführt. Fotoporträt: Isa Lange / Bühnenfoto: Antonia Rehfueß, Produktionsleiterin des Theaterhauses