Comictagung: Die spinnen, die Römer!

Thursday, 30. October 2014 um 11:40 Uhr

Comicübersetzer – ohne sie würden wir kaum etwas verstehen. Doch ihre Arbeit wird kaum wertgeschätzt. Wie Comics auf der Bühne, in der Politik und weltweit in Kinderzimmern landen, wird bisher kaum erforscht. Eine der Legenden, die Übersetzerin der Asterix-Comics Gudrun Penndorf, spricht an der Universität Hildesheim auf einer Comickonferenz mit über 100 Teilnehmern.

Comics landen auf der Theaterbühne, in der Politik, in Kinderzimmern, aus Comics entstehen Filme und Videospiele. Auch Weltliteratur taucht in Kurzform auf. Die Literaturwissenschaftlerin Nathalie Mälzer untersucht an der Universität Hildesheim, wie Dialoge übersetzt werden. „Die Kürze ist eine Herausforderung. Auf engstem Raum müssen Comicübersetzer die Aussagen in einer Sprechblase herüberbringen und komplexe Beziehungen zwischen Bild und Text berücksichtigen. Der Platz ist begrenzt. Sie können nicht, wie bei Romanübersetzungen möglich, Informationen ergänzen. Außerdem müssen Übersetzer die Illusion erzeugen, dass sich da Figuren unterhalten. Für Laute und Geräusche müssen sie passende Worte finden und phantasievoll in fremde Welten eintauchen. Soundwords und Lautmalerei können arge Kopfzerbrechen bereiten.“

Je unrealistischer das Szenario, desto weniger kann sich der Übersetzer auf seine Alltagserfahrung verlassen, so die Juniorprofessorin. Wie klingt etwa eine startende Rakete auf Deutsch, wenn sie im Englischen „SHREEEEEEEEEE“ macht?

Das sich die Übersetzungswissenschaft mit Comics befasst, ist bisher kaum üblich. Im Herbst 2014 richtet Nathalie Mälzer an der Universität Hildesheim eine internationale Tagung mit über 40 Fachleuten aus – eine der ersten dieser Art in Deutschland. Dabei geht es um Platzbeschränkung durch Sprechblasen, Lautmalerei und Schriftbilder, um Wortspiele, Reime, Humor und Komik. Es geht um spezielle Genres, etwa Sachcomics, „Funnies“ und „Mangas“ sowie Überarbeitungen für Erwachsene und Kinder. Die Forscher betrachten die historische Entwicklung der Comic-Übersetzung in Deutschland und professionelle Rahmenbedingungen bei Comicübersetzungen, Vertragsgestaltungen und Verlagsvorgaben.

Mathias Bremgartner (Universität Bern) zeigt am Beispiel des Manga-Klassikers „Barfuß durch Hiroshima", wie Comics im Theater inszeniert werden. Die Inszenierung setzt Schau- und Puppenspiel, Hörspielelemente und Video-Animationen ein, um die Geschichte des Protagonisten zur Zeit des Atombombenabwurfs über Hiroshima zu erzählen. Maximilian Gröne (Universität Augsburg) zeigt, wie Weltliteratur in actionlastigen Videospielen und Comics auftaucht. Aus Dantes „Divina Commedia“ entsteht der Comic „Dante’s Inferno", der die komplexe Unterwelt auf einige wenige Erzählmotive reduziert. Weniger verbreitet ist die entgegengesetzte Adaptionsrichtung: wenn Comics und Techniken des Comic-Erzählens in literarischen Texten verarbeitet werden. Steffen Richter (TU Braunschweig) taucht in die deutschsprachige Gegenwartsliteratur ein und zeigt anhand von Christian Kracht und Thomas von Steinaecker, wie Raum, Zeit und Perspektive, Bewegung, Farbgestaltung, Seitenarchitektur und Typographie im literarischen Abenteuererzählen aufgenommen werden.

Comics landen auch in der Politik: Elemente des Sachcomics werden von Behörden, Parteien und politischen Institutionen genutzt, um Informationen in die Bevölkerung zu tragen, sagt Nathalie Mälzer. Vor einem Jahr hat zum Beispiel das sächsische Innenministerium eine Info-Broschüre in sechs Sprachen herausgegeben: „Erstorientierungshilfe für Asylsuchende“ und dabei Fließtext und Comicelemente vermischt, in der Hoffnung etwas Humor in die ernste Angelegenheit zu bringen. Sachcomics wie „Die Große Transformation: Klima – kriegen wir die Kurve?" – 2013 zum Wissenschaftsbuch des Jahres nominiert – drehen sich um die Frage, wie von Menschen verursachte Umweltprobleme noch in den Griff zu bekommen sind. Ihr Ziel: breitere Bevölkerungskreise und Schulen erreichen. Professorin Annette Sabban (Universität Hildesheim) zeigt, wie aus einem 400-seitigen Gutachten des „Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen" (WBGU) ein Sachcomic entstanden ist. Die Sprachwissenschaftlerin geht der Frage nach, wie einzelne Inhalte der Textvorlage in das Comic-Format umgesetzt wurden und ob die Experten im Comic „Helden" im üblichen Verständnis sind, die „gegen den Klimawandel kämpfen", wie im Klappentext werbend formuliert.

Wie Humor und Wortspiele originalgetreu übersetzt werden können, untersucht Sylvia Jaki (Universität Hildesheim). Susanne Pauer (Universität Innsbruck) geht der Geräuschkulisse in Comics nach: Lautmalerei ist aus Comics nicht wegzudenken. Worte „vertonen“ gewissermaßen die Geschichte. Ächz, seufz, gähn, kopfkratz – diese „Inflektive" sind eine deutsche Erfindung. Die Übersetzerin der Mickey-Mouse-Comics, Erika Fuchs, hat diese Worte gebildet, die mittlerweile auch in unserem Alltag auftauchen.

Die Forschung zu Comicübersetzungen ist Teil eines dreijährigen Forschungsprojekts (ausführliche Informationen). Nathalie Mälzer befasst sich an der Universität Hildesheim mit den Arbeitsprozessen und Problemen, die mit der Übersetzung von Dialogen einhergehen – vom Mündlichen ins Schriftliche, von einer Sprache, einer Gattung oder einem Medium ins andere. Sie untersucht anhand von fiktionalen Texten in Romanen, Theateraufführungen, Comics, Spielfilmen und Hörspielen, wie sich Bedeutungen verschieben. Später folgen Zeitungs- und Rundfunkinterviews, Dokumentarfilme und Sachbücher. Aus den Ergebnissen entwickelt die Heyne-Juniorprofessorin für Transmediale Übersetzung Qualitäts- und Bewertungskriterien für Dialogübersetzungen.

Im Studiengang „Medientext und Medienübersetzung" lernen Studierende, Medientexte zu übersetzen, barrierefrei aufzubereiten und zu untertiteln. Im Medientextlabor der Universität Hildesheim befassen sich die angehenden Medienübersetzer in Seminaren mit der Übersetzung und Analyse von Comics. Auf der Tagung stellen sie kleine Fallstudien vor.

Öffentlicher Vortrag für Asterix-Liebhaber

Sind sie verrückt? Doof? Nein, „die spinnen, die Römer“! Die Asterix-Übersetzerin Gudrun Penndorf spricht zum Thema: „Die spinnen, die Römer! Wie Asterix und Obelix die deutsche Sprache eroberten" (2. November 2014, 9:00 Uhr, 45 Minuten Vortrag + 45 Minuten Diskussion). Für Menschen, die sich noch nicht so sehr mit Comics und Fragen der Comicübersetzung befasst haben, ist der Vortrag mit Fragerunde ein erster Einstieg.

Comictagung

Alle Vorträge der Konferenz „Übersetzungen und Adaptionen von Comics“ (Programm und Abstracts) sind öffentlich und kostenfrei. Die Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch. an der Konferenz nehmen Fachleute aus Spanien, Brasilien, Malaysia, Österreich, Schweiz, Italien, Frankreich, USA, Deutschland teil. Der Tagungsband erscheint bei Frank & Timme. Der Konferenz läuft von Freitag, 31. Oktober, bis Sonntag, 2. November 2014 am Institut für Übersetzungswissenschaft und Fachkommunikation der Universität Hildesheim (Bühler-Campus).

Mehr zum Thema:

NDR, „Hüstel, Ächz und Stöhn. Juniorprofessorin Nathalie Mälzer lehrt in der Uni Hildesheim, wie man Comics übersetzt. Ganz wichtig sind dabei eine authentische Sprechsprache sowie Prägnanz im Ausdruck" (06.06.2014, Filmbeitrag und Artikel)

Deutschlandfunk, „Sind sie verrückt? Doof? Nein, 'die spinnen, die Römer!' Literaturwissenschaftlerin Nathalie Mälzer im Corso-Gespräch mit Fabian Elsäßer über Comicübersetzungen" (17.06.2014, Sendung „Corso Kultur nach drei", Interview, 12 Min.)


Sie geben Asterix, Donald und Batman viele Sprachen: Maria Wünsche studiert Medienübersetzen und analysiert im Medientextlabor der Uni Hildesheim, wie Comics übersetzt werden. Nicht nur Sprechblasen müssen bearbeitet werden: Übersetzer steigen in komplexe Bild-Text-Zusammenhänge ein, so wird aus der Zeitung „Le Matin" die „Morgenpost" („Die Sandkorn Theorie"/„Theorie du Grain de Sable", Schreiber & Leser, Original: casterman). Auf französisch machen Schuhe klikklok, und auf Deutsch („Spirou und Fantasio. Abenteuer in Moskau"/„A Moscou", Carlsen Comics, Original: Dupuis)? Juniorprofessorin Nathalie Mälzer untersucht, wie Dialoge übersetzt werden. Etwa vom Comic auf die Bühne, vom Roman in die Zeichnung, vom Wissenschaftsartikel in den politischen Sachcomic. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim