„Alleine die Sprache zu lernen, ist schwer“

Tuesday, 30. June 2015 um 13:26 Uhr

Khaled und Aymen sind zwei der Jugendlichen, die in den letzten Monaten viel Energie aufgebracht haben, um die deutsche Sprache zu erlernen. Die Niedersächsische Kultusministerin hat Ende Juni jedem der 218 Schülerinnen und Schüler aus 44 Ländern persönlich das „Deutsche Sprachdiplom“ überreicht. Wissenschaftlerinnen und Studierende der Universität Hildesheim unterstützen Prüflinge beim Zweitspracherwerb.

Während im Audimax der Bass einsetzt und die Musik von Andreas Bourani ertönt – „Wer friert uns diesen Moment ein / Besser kann es nicht sein / Denkt an die Tage, die hinter uns liegen / Wie lang wir Freude und Tränen schon teilen / Ein Hoch auf das, was vor uns liegt / Dass es das Beste für uns gibt“ – steht Aymen Ayo auf dem Campus und erinnert sich an seine ersten Worte in der deutschen Sprache. „Guten Abend“, „Guten Morgen“ und „Wie geht es dir?“. Worte, die erste Gespräche ermöglichen. „Mehr nicht“, sagt er.

Der 18-Jährige ist mit seiner Mutter und seinen drei Schwestern aus Syrien geflohen. Zunächst kommt er in Friedland an, lebt dann in Hildesheim im Flüchtlingsheim in der Senkingstraße. „Ich möchte mich verständigen können. Seit einem Jahr haben wir unsere eigenen vier Wände, eine Wohnung. Meine Familie spricht Arabisch, ich versuche, auch Deutsch mit meinen Schwestern zu sprechen.“ Aymen, der die berufsbildende Walter-Gropius-Schule in Hildesheim besucht, arbeitet auf ein Ziel hin: Nach einem Praktikum in einem Sportgeschäft möchte er eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann beginnen. „Die Kunden fragen, da kann ich nicht stumm bleiben, sondern muss die Sprache sprechen können. Sie suchen ja Hilfe.“

Der Sport hilft Aymen Ayo mit Hildesheimern in Kontakt zu kommen – und den Wortschatz auszubauen. Er spielt im Verein „DJK Blau-Weiß“ Fußball. „Im Sport ist Sprache wichtig, das ist nicht nur hin- und herspielen“, sagt Aymen und zählt auf, welche Worte er gelernt hat: „Pass auf, hinter dir“ und „Trainer“, „trainieren“, „Verteidiger“, „Stürmer“.

Wie Aymen Ayo lernen derzeit niedersachsenweit Jugendliche die deutsche Sprache als zweite Sprache. Die Niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt hat Ende Juni 218 Schülerinnen und Schülern aus 44 Ländern das Deutsche Sprachdiplom (Stufe 1) der Kultusministerkonferenz in einer Feierstunde an der Universität in Hildesheim überreicht. „Das ist eine ganz tolle Leistung. Nicht wenige der Jugendlichen mussten ihre ursprüngliche Heimat als Flüchtlinge verlassen und hier in Niedersachsen teilweise ohne Deutschkenntnisse ganz neu anfangen“, sagt die Ministerin. „Sie haben viel Zeit und Energie in das Erlernen der deutschen Sprache und damit in Ihre eigene Zukunft investiert“, wendet sich Kultusministerin Frauke Heiligenstadt an die Schülerinnen und Schüler.

Die Schülerinnen und Schüler sind aus Haupt- und Gesamtschulen, Gymnasien und berufsbildenden Schulen aus Braunschweig und Lüneburg, aus Hannover und Osnabrück, aus Göttingen und Oldenburg nach Hildesheim angereist, um das Sprachendiplom gemeinsam zu feiern. „Sie können stolz darauf sein, dass Sie sich das erarbeitet haben. Wir sind dankbar, dass Sie hier sind“, so Universitätspräsident Professor Wolfgang-Uwe Friedrich. Vielleicht, fügt Friedrich hinzu, „sehen wir uns wieder, wenn Sie in Hildesheim Lehramt, Deutsch als Zweitsprache, Informatik oder Sport studieren“. Die Universität hat seit dem Frühjahr die Türen geöffnet und möchte Flüchtlinge auf ihren Bildungswegen und im Übergang zur Universität unterstützen. „19 Schulen aus ganz Niedersachsen sind angereist, das Zertifikat bringt den Schülerinnen und Schülern hoffentlich Glück in der Zukunft“, so Hannelore Müller vom Niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung, das Lehrkräfte fortbildet.

Mit dem Sprachdiplom weisen die jungen Erwachsenen nun ihre Sprachkenntnisse (Niveau A2 und B1) nach: Neben dem Lese- und Hörverstehen zeigen sie, wie gut sie schriftlich und mündlich kommunizieren können. „Ich will besser in Deutsch werden“ – das ist ein diffuses Ziel, sich auf eine Prüfung mit diesen Schwerpunkten vorzubereiten, dagegen strukturierter.

Unter den jungen Sprachlernern sind auch zwei Klassen der berufsbildenden Walter-Gropius-Schule. Die Schule ist eine der Schulen, die über vier ausgebildete Prüferinnen für das Deutsche Sprachdiplom verfügt. Sie zählt zurzeit vier „Sprachförderklassen“. „Wir versuchen die Klassen mit je etwa elf Schülerinnen und Schülern klein zu halten“, sagt Susanne Oppermann. Sie ist Sprachlernkoordinatorin und arbeitet in einem Netzwerk („DaZNet“), in dem sich Schulen in den Bereichen Deutsch als Zweitsprache (DaZ) und Mehrsprachigkeit austauschen. Ihr Dilemma: Es werden immer mehr solcher Sprachförderklassen eingerichtet. Aber es fehlen Lehrkräfte, die Jugendliche unterrichten können, die als Seiteneinsteiger ins Bildungssystem kommen, etwa weil sie aus einem Land fliehen mussten und nun die deutsche Sprache von Grund auf erlernen müssen. „Wenn man Glück hat, hat eine Lehrerin ein DaZ-Modul an der Uni besucht, aber auch das reicht nicht aus“, sagt Susanne Oppermann. An berufsbildenden Schulen findet gut die Hälfte des Unterrichts in der Fachpraxis statt: Wer Dachdecker, Maurer oder Tischlerin; Koch oder Mediengestalterin werden möchte, erlernt viele Fachbegriffe. „Fachpraxis geht nicht ohne Sprache. Wenn ich einen Werkzeugkasten packe, dann habe ich es mit dem Akkusativ zu tun: ich packe einen Hobel, eine Fräse ein. Wenn ich als Koch Flüssigkeit abmesse, dann muss ich auch die dritte Person im Singular konjugieren können: messen, er misst“, erläutert die Lehrerin. Ein Fachpraxislehrer, der in der Holzwerkstatt unterrichtet, lehrt auch die Sprache.

Wie Kinder und Erwachsene die deutsche Sprache als zweite Sprache erlernen, etwa in Sprachlernklassen an Gesamtschulen und Grundschulen und in Integrationskursen, untersucht ein Team um Elke Montanari, Professorin für Deutsch als Zweitsprache an der Universität Hildesheim.

„In Sprachlernklassen mit einem qualifizierten Lernangebot können Schülerinnen und Schüler in ein bis zwei Jahren die deutsche Sprache so erwerben, dass sie sich zusammenhängend ausdrücken, begründen und erklären können und eine gute Grundlage für ihren Beruf haben“, so Montanari. „Natürlich muss das Lernen auch danach weitergehen, in der Schule oder am Ausbildungsplatz. Hier sieht man die Qualität und das Engagement von Lehrkräften“, so Elke Montanari, die den Masterstudiengang „Deutsch als Zweitsprache/Deutsch als Fremdsprache“ zusammen mit ihrer Kollegin Ana Maria Iglesias Delgado leitet.

Lehramtsstudentinnen, darunter Melda Ökte, Annika Sauthoff und Fidan Tuldari, bereiten sich in Seminaren im Schwerpunkt „Deutsch als Zweitsprache" darauf vor, junge Erwachsene beim Sprachenlernen zu unterstützen. Sie haben im Frühjahr Schülerinnen und Schüler der Hildesheimer Berufsschule bei der Prüfungsvorbereitung unterstützt. Die deutsche Sprache zu sprechen sei „wichtig, wegen meiner Zukunft“, sagt Khaled Ahmed Hussein, einer der Schüler. Der 21-Jährige möchte eine Ausbildung als Maurer beginnen „und vielleicht einmal studieren“. Er interessiert sich für Architektur. Ein Praktikum hat seinen Wunsch bestärkt, er konnte sich bewähren und hofft nun auf einen Ausbildungsplatz, sagt der junge Mann, der seit gut zwei Jahren in Algermissen lebt. Er ist in Somalia geboren, im Jemen aufgewachsen. „Ich möchte weiterhin die Sprache lernen“, sagt Khaled. In seinen Händen hält er das Sprachdiplom. Er habe viel gelernt, auch mit den Lehramtsstudentinnen der Universität Hildesheim.

„Wir haben gemeinsam auf die mündliche Prüfung hingearbeitet“, berichtet die Studentin Fidan Tuldari. Seit zwei Jahren studiert sie Lehramt, die Erfahrungen seien sehr wichtig, man werde „achtsamer, vorsichtiger“, etwa wenn ein Schüler erzählt, dass „sein Vater im Krieg gestorben ist“. „Manche Schülerinnen und Schüler kommen aus dem Krieg und sind alleine nach Deutschland geflohen.“ Die drei Lehramtsstudentinnen wollen nun Kontakt zu Schulen und Sprachlernklassen aufnehmen und sich in ihrem Studium weiterhin mit dem Zweitspracherwerb von Jugendlichen befassen.

Aymen Ayo hält an diesem Junitag auf dem Uni-Campus das Zertifikat in seinen Händen, ihm sei es wichtig, die Prüfung erfolgreich bestanden zu haben. „Ich freue mich sehr, die Ministerin hat mir in die Augen geschaut und mir das Diplom überreicht. In kleinen Gruppen habe ich mit den Studentinnen gelernt und wir haben uns auf die mündliche Prüfung vorbereitet. Das waren tolle Tage“, sagt der 18-Jährige. „Alleine die Sprache zu lernen, nur mit einem Buch, ist schwer“, ergänzt Hassan Iso. „Mir hilft es, viel zu reden.“ Neben ihn halten Jugendliche den Moment fest, erstellen Selfies auf dem Uni-Campus: Sie können stolz auf sich sein.

Lehramtsstudierende für Deutsch als Zweitsprache ausbilden

Ab dem Wintersemester 2015/2016 können Lehramtsstudierende im Fach Deutsch gleichzeitig im Studiengang „Master of Education“ studieren und sich für den Bereich „Deutsch als Zweitsprache“ qualifizieren. Sie erhalten dann zwei Masterabschlüsse. Professorin Elke Montanari rechnet damit, dass Studierende für das Parallelstudium drei Jahre einplanen sollten. Wer sich für das Parallelstudium interessiert, ist zu der Informationsveranstaltung am 2. Juli 2015 um 16:30 Uhr in Raum L 057 (Bühler-Campus der Uni Hildesheim, Lüneburger Straße) herzlich eingeladen.

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Medienkontakt: Pressestelle der Uni Hildesheim (Isa Lange, 05121.883-90100, presse@uni-hildesheim.de)


Kultusministerin Frauke Heiligenstadt überreichte im Juni 2015 218 Jugendlichen aus 44 Ländern das Deutsche Sprachdiplom im Audimax der Universität Hildesheim. Die Lehramtsstudentinnen Fidan Tuldari, Melda Ökte und Annika Sauthoff unterstützten Prüflinge im Frühjahr beim Zweitspracherwerb und bei der Vorbereitung auf den mündlichen Prüfungsteil. Aymen Ayo, Hassan Iso, Khaled Ahmed Hussein und Khalil Moho mit Professorin Elke Montanari und den Studentinnen (Bild unten). Die Schüler sind erst seit ein oder zwei Jahren in Deutschland und bereiten sich an der Walter-Gropius-Schule in einer Sprachförderklasse auf eine Ausbildung vor. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim