Laufende Promotionsprojekte

Erstbetreuung durch Prof. Dr. Rolf Elberfeld

Erstbetreuung durch Prof. Dr. Andreas Hetzel

Zweitbetreuung durch Prof. Dr. Andreas Hetzel

Erstbetreuung durch apl. Prof. Dr. Katrin Wille

Erstbetreuung durch PD Dr. Lars Leeten

Erstbetreuung durch PD Dr. Anke Graneß

Ludwig Drosch (Prof. Dr. Rolf Elberfeld)

Ästhetische Praktiken des Unsinns 

Wird ein expressiver Akt oder eine Tätigkeit des Unsinns bezichtigt, so kommt dies einer Verurteilung gleich: Das Geschehen genügt nicht einer Forderung oder Begierde nach Sinn, die urteilend an es herangetragen wird. Aus einer bestimmten Perspektive ist Unsinn hier als mangelhafter oder abwesender Sinn charakterisiert. In der performativen Wirkung des Ausrufs „Unsinn!“ zeigt sich jedoch sogleich eine dynamische, unentscheidbar destruktive und produktive Wendung: Er soll ein Aufmerken bezwecken, das jenes, was aus des Betroffenen Perspektive als sinnhaft erschien, diesem Schein entkleidet und statt seiner eine neue Sinnartikulation eröffnet. In diesem Unsinnsmoment sind Unsinn und Sinn nicht mehr als bloße Gegensätze gegenübergestellt, sondern treten in ein dynamisch-kippendes Verschränkungsverhältnis, das die Potenz neuer Bifurkationen bzw. Umkehrungen und damit auch Möglichkeiten der Zerstörung wie von Freiheit, vom Lachen wie vom Unheimlichen bedeutet. Gezielt und gekonnt solche Unsinnsmomente zu zeitigen ist wiederum weit schwerer, als etwas des Unsinns zu bezichtigen: fast alles ist unter irgendeiner Hinsicht sinnvoll, und bloß Sinnloses kein Unsinn, da es in kein dynamisches Verhältnis zum Sinn tritt.

In meiner Dissertation möchte ich das ambivalent zerstörerisch-befreiende Potential des Unsinns sowie seine Erzeugungsbedingungen erforschen, indem ich ästhetische Praktiken des Unsinns untersuche: offene gestalterische, performative, leiblich-sinnliche Praktiken, die gezielt Unsinnsmomente zeitigen und einsetzen. Dabei möchte ich in drei Schritten vorgehen:

1. Eine systematische philosophische Beleuchtung des Unsinnsphänomens, in der ich mich hauptsächlich auf Überlegungen Wittgensteins, Merleau-Pontys, Deleuze’ und Clément Rossets beziehen möchte.

2. Eine Betrachtung zeitgenössischer ästhetischer Praktiken. Hier möchte ich mich (bei aktuellem Stand) näher untersuchen: Das theatralische Schaffen von Herbert Fritsch, insbesondere exemplifiziert in seinem auf Texten Konrad Beyers beruhenden Stück „der die mann“; die experimentelle Lyrik Christoph Tarkos’; die Kultur der „youtube haikus“, sehr kurzer prägnanter unsinniger Videos; das filmische Schaffen des „King of Puke“ und Queer-Idol John Waters; das mythopoetische, sinnverdrehende Gesamtkunstwerk des Jazz-Musikers Sun Ra.

3. Schließlich die Untersuchung der philosophisch-spirituellen Lebenspraktiken der Kyniker, des Zhuangzi und des Zen-Buddhismus, in denen Unsinn Teil einer ganzen Lebensform wird. Besonderes Augenmerk soll dabei auf die zen-buddhistische Koan- sowie Shikantaza-Praxis gelegt werden, die außerordentlich reiche und verfeinerte Formen der Unsinnspraxis als Befreiungspraxis darstellen.

Dominique Epple (Prof. Dr. Rolf Elberfeld)

Sprache als Welt-Dichtung. Das Zusammenspiel von Sprache, Geschichte und Welt bei Wilhelm von Humboldt

Was macht den Menschen in seinen wesentlichen Momenten aus? Wilhelm von Humboldt sagt: Sprache, Kunst, Geschichte, Leiblichkeit – zusammenspielend im Begriff der Welt: Der Mensch „braucht“ die Welt „nothwendig“ ([1], S. 237.). Der Mensch, das heißt für Humboldt irreduzibel: die vielen verschiedenen Menschen, besonders in der Gestalt der Vielfalt der historischen und zeitgenössischen Kulturen („Menschentümer“, „Nationen“). Im Spätwerk findet dieser Gedanke sein Residuum in der Sprache: „in jeder Sprache [liegt] eine eigenthümliche Weltansicht“ ([2], S. 224.).

Das heißt: Humboldt nimmt den ganzen Menschen (als Denkenden, Empfindenden, Handelnden sowie die Intersubjektivität und Historizität des Menschen) in den Blick und bestimmt als Ermöglichungsgrund der genannten Facetten die Weltansicht, die ihrerseits von der Sprache erzeugt wird (‚sprach-anthropologische Transformation der Philosophie‘). Sprache gibt die Bahnen des Denken- und Handeln-Könnens einer Sprachgemeinschaft („Nation“), die Bezüge bzw. das Sich-beziehen-Können des Menschen auf die Welt, oder kurz: den von der Sprache gestifteten Horizont. Humboldt stellt sich damit gegen die dominante westliche Tradition, Sprache technisch-instrumentell (als Kommunikationsmittel) sowie abbildtheoretisch (als Zeichensystem) zu fassen. Er denkt sie stattdessen vom Leben her: Sprache ist eine schöpferische, lebendige, sich-selbst-organisierende, ganzheitliche Selbsttätigkeit und steht darin sowohl der (Natur-) Philosophie seiner Zeit (Sprache als „Organismus“) als auch der Kunst nahe: Sprache als künstlerischer Vollzug.

Damit wäre der Grundriss meines Vorhabens gezeichnet: Es soll eine umfassende Exposition des Begriffes der Welt und ihrer grundlegenden Bedeutung in Humboldts Sprachdenken, somit auch eine Darstellung der Genese und Veränderung des Welt-Begriffes in Humboldts Werk, geleistet werden, besonders vor dem Hintergrund von Humboldts Ästhetik, worin der Weltbegriff zentral ist: Welt als ästhetisches Phänomen. Die in der Dissertation zu entwickelnde Hypothese lautet: Der humboldtische Grundbegriff ‚Weltansicht‘ ist auszudeuten als sprachlich-geschichtlich eröffneter Horizont, durch den die Gegebenheit eines Gegenstands als diesem (formal: etwas als etwas) für den Menschen erst möglich wird. Damit steht die notwendige Pluralität der Weltansichten im Fokus, die aus der Pluralität der Sprachen heraus eröffnet werden. Das heißt, das Übersetzen muss ins Zentrum der Sprachphilosophie rücken, und zwar in ihrer kulturellen und anthropologischen Bedeutung als Über-Setzen in unterschiedliche Weltverhältnisse. Dieser Fokus birgt Möglichkeiten (gerade vor dem Hintergrund der interkulturellen Philosophie), Humboldts Begriff der „Nation“ aus dem Inneren seines Werkes heraus zu problematisieren. Darin liegt die Chance, Humboldt mit Humboldt weiterzudenken und den Nationen-Begriff zugunsten des Weltansicht-Begriffes zu substituieren.

Ich werde zeigen, dass der Weltansicht-Begriff sich aus dem Zusammenspiel von vier Momenten konstituiert (‚Weltansicht‘ als vierfacher Korrelatbegriff): Jede der vier Korrelationen (Beziehungen zur Welt) ist eine Dimension, beansprucht für sich also Totalität, und ist zugleich untrennbar verflochten mit den übrigen. Die vier Dimensionen sind: 1. Gegenstand – Horizont; 2. ‚Ansicht‘ ist immer ‚Ansicht für jemanden‘; 3. Welt – Ansicht; 4. Ansicht – Ansicht. Humboldt begreift diese vierfache Korrelation durchgängig als „Wechselwirkung“ (vgl. [1], S. 237.; [2], S. 604 u. 650.), d. h. als einen offenen und gegenseitigen Konstitutionsprozess; keine der jeweiligen Größen liegt fertig vor oder wäre ihrem Gegenüber vorgängig. Die Größen müssen als Momente eines Bildungsprozesses gefasst werden, d. h. sie entstehen beide jeweils durch die jeweilige Weise der Bezugnahme. Humboldt fragt nach der Beziehung selbst, indem er sie nicht auf eine nachträglich hinzukommende Relation zweier primärer und diskreter Entitäten reduziert, sondern sie als dasjenige fasst, was diese ‚Entitäten‘ erst ermöglicht. Der Ort, worin dieses Beziehungsgeflecht sich entwickelt, ist Sprache.

Nach meinen Begriffen ist Humboldts Denken nicht ‚nur‘ eine Sprachphilosophie, sondern gründlicher und umfassender gedacht: eine lebensmetaphysisch eingebettete, ästhetisch begründete Sprachanthropologie. Um dies aufzuweisen, werde ich mich nicht nur auf Humboldts Ästhetik stützen, sondern auch auf die weniger beachteten geschichtsphilosophischen Überlegungen, die als „Betrachtungen über die Weltgeschichte“ sowohl die Ansätze von Humboldts Ideen-Metaphysik als auch die Verbindung von kultureller Historie mit der Natur präsentieren. Sie skizzieren, so meine These, eine Metaphysik des Lebens, die in enger Wechselwirkung mit Humboldts Sprachphilosophie steht: „die Endabsicht, wie das Wesen alles Geschehenden besteht nur darin, dass sie sich ausspricht, und sich aus dem chaotischen Fluten zur Klarheit bringt.“ [3], S. 572.) Humboldt versucht, nach Sitte der griechischen Philosophie, den fragmentierten Menschen der Neuzeit als eine neue Ganzheit zu denken, und zwar von der Pluralität der Sprachen aus. Darin liegen seine Potentiale für unsere Zeit.

[1] Humboldt, W. von: Theorie der Bildung des Menschen, in: Werke, hrsg. v. A. Flitner u. K. Giel, Bd. 1, Darmstadt, 1960, S. 234-240.

[2] Humboldt, W. von: Ueber die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts, in: Werke, hrsg. v. A. Flitner u. K. Giel, Bd. 3, Darmstadt, 1963, S. 144-367.

[3] Humboldt, W. von: Betrachtungen über die Weltgeschichte, in: Werke, hrsg. v. A. Flitner u. K. Giel, Bd. 1, Darmstadt, 1960, S. 567-577.

Lucas dos Reis Martins (Prof. Dr. Rolf Elberfeld)

Interkulturelle Analyse der grammatischen Form des Mediums als Grundform des Denkens bei Martin Heidegger und Nishida Kitarō (Arbeitstitel)

Das Forschungsprojekt beabsichtigt das Medium – eine weitgehend in Vergessenheit geratene grammatische Form der Sprache – philosophisch zu thematisieren.  Ausgehend von dieser grammatischen Form soll das Denken von Martin Heidegger und Nishida Kitarō erforscht werden. Diese grammatische Form bringt Vollzugsformen zum Ausdruck, die jenseits von aktiv und passiv angesiedelt sind. Das Medium spielt eine zentrale Rolle im Denken von Martin Heidegger. Die Berufung von Heidegger auf mediale Verbformen in „Sein und Zeit“, um seinen phänomenologischen Methode zu radikalisieren, ist nur ein erster Hinweis auf die zentrale Bedeutung des Mediums in seiner Philosophie. In der japanischen Sprache ist die Verwendung und Bedeutung des Mediums noch sehr lebendig (obwohl sie in der Grammatikschreibung nicht immer explizit ist), so dass die Philosophie von Nishida Kitarō als eine denkerische Entfaltung des Mediums gelesen werden kann. Durch die philosophische Frage nach dem Medium sollen auf diese Weise Verwandtschaften zwischen dem Denken von Heidegger und Nishida aufgezeigt werden, um so einen Beitrag zum Dialog zwischen Asien und Europa zu liefern.

Francesca Greco (Prof. Dr. Rolf Elberfeld, apl. Prof. Dr. Katrin Wille)

Formen der Negativität. Nicht, Nichts, Relationalität (Arbeitstitel)

Das Anliegen meiner Dissertation besteht darin, das Verständnis der Negativität durch eine Dekonstruktion der Entgegensetzungslogik von einem dualistischen Interpretationsansatz zu befreien und der Negativität durch die Einbeziehung der Räumlichkeit und durch eine entsprechende Formulierung einer Logik des Zwischen ein weiteres Spektrum zu verleihen.

Unter dem Begriff ‚Negativität‘ sammeln sich verschiedene philosophischen Theorien, die eine gewisse dichotomische Entgegensetzungslogik voraussetzen. Diese Logik verstärkt den Eindruck, „daß alle […] Anfänge irgendwie als Gegensätze ansetzten“ (Aristoteles, Phys. I, 5, 188a). Sie geht von Dualismen aus und bildet sich ausschließende Gegensatzpaare, die voneinander scharf getrennt bleiben sollen. Dazwischen soll es keine weitere dritte Möglichkeit (Satz vom ausgeschlossen Dritten) geben können.

In diesem Kontext ist die Wirkung der Negativität mit der logischen Operation der Verneinung gleichgesetzt, deren Hauptkategorien in der Negation und dem Nichts gesehen werden. Darüber hinaus wurde in der Geschichte der Philosophie die Frage nach der Negation durch Rekurs auf das Positive (Hegel) und die Frage nach dem Nichts durch Verweis auf das Sein (Heidegger) beantwortet. In der Analyse dieser Ansätze soll einerseits deutlich werden, wie die Negativität in die Form einer Positivität gezwungen wurde und andererseits wie sich in jedem Dualismus implizit eine einseitige Einordnung versteckt. Die effektive Wirkkraft der Negativität erschöpft sich nicht in der Verneinung und kann mit dieser nicht begriffen werden.

Das Unerschöpfliche und den Überschuss der Negativität werde ich mittels einer Radikalisierung der Verneinung im Begriff des Nichts aufweisen. Mithilfe der italienischen Sprache werde ich die wesentliche Unterscheidung zwischen einem oppositiven (Niente) und einem kreativen Nichts (Nulla) erarbeiten. Eine derartige Unterscheidung erlaubt dem Denken, nicht in der Hypostasierung einer substantiellen und substantivierten Leere verhaftet zu bleiben und es als Bewegung des Entleerens nachzuvollziehen.

Diese Beweglichkeit der Negativität wird anhand räumlicher Figuren aufgezeigt, die auf die platonische chōra (χώρα) und den Begriff des basho (場所) bei Nishida Kitarō verweisen. Um eine solche Negativität aufzufassen, soll die vereinfachte Logik der Entgegensetzung erweitert werden, und zwar durch meinen Vorschlag einer sogenannten Logik des Zwischen.

Diese Logik findet ihr natürliches Habitat und Modus in der Grenze, deren Natur anhand der Begriffe des orismos (ορισμός) und des soku (即) analysiert wird. Die Formulierung einer Logik des Zwischen zielt letztendlich darauf ab, neue Horizonte von der Philosophie zur Welt hin zu öffnen.

Hauptsächlich durch die Einbeziehung des Denkens Martin Heideggers und Kitarō Nishidas Philosophie in ihrer gegenseitigen Ergänzung, aber auch in Anspielung auf Platon, Aristoteles, Derrida und Severino werde ich einerseits die Frage nach einer räumlichen Umdeutung der Negativität entfalten und anderseits versuchen, diese Frage in interkultureller sowie phänomenologischer Sicht zu beantworten und somit ihre Konsequenzen zu ziehen.

Yukiko Kuwayama (Prof. Dr. Rolf Elberfeld)

Phänomenologie des Gefühls – im Horizont des ostasiatischen Ki-Begriffs

Das Dissertationsprojekt beschäftigt sich damit, verschiedene sprachliche Ausdrucksweisen im Umkreis des japanischen Ki-Begriffs (chin. Qi) für eine Phänomenologie des Gefühls fruchtbar zu machen. Neben der Verwendung des Ki-Begriffs in ursprünglich ostasiatischen Übungspraktiken wie z.B. Taichi, Qigong oder Aikido ist dieses Wort-Zeichen im alltäglichen japanischen Sprachgebrauch äußerst häufig zu finden. Sein Bedeutungsspektrum umfasst die örtliche, aber auch persönliche und akut sich aufdrängende, aber auch nur vage zu empfindende Stimmung, die klimatische Situation, eine leiblich-geistige Qualität / Intension (fokussierte Aufmerksamkeit, energetische oder kraftvolle Schwere, ziehende Tiefe, etc.) oder Ausdehnung (defokussierte, zerstreute Aufmerksamkeit, Erleichterung, Eins-Sein mit der Atmosphäre, etc.).

In der Dissertation beschränke ich mich nach einer Einführung in den historischen Hintergrund der Entstehung des Ki(Qi) - Begriffs und deren Interpretationsentwicklungen darauf, drei auf einander bezogene Thesen zur Phänomenologie des Gefühls im Zusammenhang mit dem Ki-Begriff in Ostasien zu entwickeln. darzustellen, die durch eine Betrachtung der verschiedenen japanischen Ausdrücke im Zusammenhang mit Ki, sowie eine phänomenologische Betrachtung des Fühlens herausgestellt werden können: 

1.           Gefühle zeigen sich immer in unserem Leib-sein. Dieses Leib-sein ist zugleich direkt verbunden mit seiner Umgebung bzw. steht in Wechselwirkung mit anderen leiblich situierten Menschen. (Merleau-Ponty, Thomas Fuchs)

2.           Gefühle sind in radikaler Weise als intersubjektive, zwischenleibliche und somit stark situationsabhängige, inter-energetische Phänomene anzusehen. (Merleau-Ponty, Fuchs, Kimura Bin)

3.           Bei einer von Gefühlen betroffenen Person ist eine mediale (im Sinne des grammatischen Mediums) bzw. spontane Entstehungsweise der Gefühle zu erkennen, die durch die Terminologie des Ki näher beschrieben werden kann.

Das Zentrum der Arbeit besteht in der Zusammenführung phänomenologischer Gefühlsbeschreibungen mit den Beschreibungsmöglichkeiten der Ki-Terminologie in der japanischen Sprache.

Anna Zschauer (Prof. Dr. Rolf Elberfeld)

Japanizität aus Ästhetik. Identitätsbildung des modernen Japan in interkultureller Perspektive. (Arbeitstitel)

Nach wie vor ist der Stereotyp einer „ästhetischen Nation“ Japans weit verbreitet. Hier seien Weltbilder und Kommunikationsformen eher intuitiv-assoziativ statt rational geprägt, hier herrsche eine kollektive Geschmacksharmonie. Den Anstoß zu dieser Promotion gibt die Frage nach der Genese dieses Images und seiner Bedeutung für das Verstehen Japans: Wie entstand das moderne Japanbild in seiner internen und externen Dimension? Wie ist das Verhältnis von verfremdender Ästhetisierung und der Ästhetik als Zugang zur fremden Kultur zu bewerten?

Der Ursprung des modernen Japanbildes liegt in der meijizeitlichen Rezeption abendländischer Wissenschaft und Nationalrepräsentation. Dazu gehörte auch der Versuch, ein japanisches Pendant zu den philosophischen Denksystemen Europas zu präsentieren. Dass die Ästhetik dabei eine Sonderstellung einnimmt, wird landläufig mit der exotisierten Erwartungshaltung des „Westens“ erklärt, die Japans Außenpräsentation in ein Korsett aus Topoi zwang: Japan sei fremd, aber höflich; kultiviert, aber unverständlich; einzigartig anders, aber schön.

Für die Japaner selbst ergibt sich so das hermeneutisches Paradox, sich in einem fremden Ästhetikdiskurs verorten zu müssen, um darin das Eigene wieder anzueignen und zu einem modernen Selbstverständnis zu gelangen. Für den nicht-japanischen Betrachter ergibt sich die Schwierigkeit, dass sogar die Selbstaussage des Japaners auf nicht-japanische Vorurteile zurückverweist und das „authentisch Japanische“ unerreichbar bleibt.

Bedeutet dieses Dilemma, dass ein interkulturelles Verstehen verunmöglicht wurde? Oder ist die Ästhetisierung vielleicht mehr als eine hermeneutische Einbahnstraße?
Die Arbeit möchte durch eine historische und systematische Diskussion der verschiedenen Dimensionen ästhetischen Austausches am Beispiel Japans dazu beitragen, die hermeneutische Qualität der Ästhetisierung differenzierter zu bewerten.

Lorenz Heimbrecht (Prof. Dr. Rolf Elberfeld, PD Dr. Christian Grüny)

Eine phänomenologische Untersuchung zum sinnvollen Sprechen über musikalische Ereignisse und die Konsequenzen für ein entsprechendes Üben (Arbeitstitel)

Das Problem über musikalische Ereignisse zu sprechen – ganz gleich, ob professionell deformiert oder unverstellt ohne Vorwissen – erfährt jeder, der sich versucht dazu zu äußern. Mag dieses Bedürfnis sich äußern zu wollen nach einem Konzert, am Anfang einer Probe, im Musikunterricht oder durch einen wissenschaftlichen Text sein, immer stellt sich eine gewisse Sprachlosigkeit ein.

Das Bedürfnis sich zu äußern aber erwächst in den meisten zuvor aufgeführten Situationen aus der Notwendigkeit, sich verständigen zu müssen.

Dass sich Musik so gegen Sprache sperrt, folgt aus der anthropologischen Weise ihrer Entstehung. Musik ist in vieler (z.B. linguistischer, sprachphilosophischer) Hinsicht keine Sprache und entsprechend nicht übersetzbar. Hier wird die These vertreten, dass während des musikalischen Ereignisses in einer gewissen Hinsicht Wittgensteins Schweigen herrschen muss. Ein der Sinne volles Sprechen kann dann nur vor oder nach dem Ereignis stattfinden in einem unterhalb der Sprache suchenden Prozess und ist damit mit Blumenberg notwendig metaphorisch. Diese Metaphern müssen ihrem Charakter nach leiblich sein. Lackoff und Johnson sehen das basal Leibliche als einen wesentlichen Bestandteil der Metapher. 

Bei dem Üben zu einer ersten Sprache über Musik könnte es deshalb sehr hilfreich sein, sich grammatikalisch auf eine einfache Sprache zu konzentrieren, die systematisch und konsequent leibliche Metaphern in den Mittelpunkt stellt. Wie sich ein strukturierter Angang an eine solches Üben gestalten lässt, ist Anliegen der Arbeit.      

Leon Krings (Prof. Dr. Rolf Elberfeld)

Theorien der Leiblichkeit sowie des embodiment und das Kata-System der japanischen "Weg-Künste" (Arbeitstitel)

Das Promotionsprojekt beschäftigt sich mit den leiblichen Praktiken der japanischen „Weg-Künste“ (道 ), welche vor allem von buddhistischen Konzeptionen geprägt sind und heute auf der ganzen Welt praktiziert werden. Die Weg-Künste bzw. umfassen verschiedene Traditionen der leiblichen Übung, etwa den „Tee-Weg“ (茶道 sadō/chadō), den „Blumen-Weg“ (華道 kadō), den „Weg der Kalligraphie“ (書道 shodō) oder die verschiedenen „Wege des Kriegers“ (武道 budō), wie z. B. Jūdō (柔道), Aikidō (合気道) oder Kyūdō (弓道 „Weg des Bogenschießens“).

Gemeinsam ist all diesen Künsten, dass sie durch die wiederholte Aneignung bestimmter leiblicher „Formen“ namens Kata (型/形) sowie deren Aneinanderreihung ein- bzw. ausgeübt werden. Diese Kata stellen idealisierte Abstraktionen von Körperhaltungen und Bewegungsabläufen dar, die als konkrete Inhalte der Kunst vom jeweiligen Meister an seine Schüler weitergegeben werden. Im Promotionsprojekt wird davon ausgegangen, dass die verschiedenen Kata in ihrer Gesamtheit einen Horizont der Übung darstellen, der in einen komplexen Kontext ethischer, ästhetischer, sozialer und leiblicher Dimensionen eingebettet ist. Als ein wichtiges Ziel wird dabei das Einleben des Übenden in bestimmte sinnliche und leibliche Strukturen angesetzt. Die Kata dienen hierbei als konkrete körperliche und zugleich leibliche Formen, die dem jeweiligen Möglichkeiten zur Objektivierung subjektiver bzw. prä-objektiver Gehalte auf einer synästhetisch-propriozeptiven Ebene bieten, um die im Verlauf der Übung ins alltägliche Leben zu integrierende leibliche Habitualität mit konkreten körperlicher Bewegungsabläufen zu verbinden. Die Aneignung der Kata benötigt eine intensive Praxis der leiblichen Abstraktion, Einübung und Wiederholung, die aufgrund des ideellen Charakters der Kata und der prinzipiell unendlich vertiefbaren Erfahrungen im Bereich der prä-objektiven Strukturen niemals abgeschlossen werden kann und daher ein Leben lang andauert bzw. über viele Generationen hinweg von Übendem zu Übendem weitergegeben und dabei transformiert wird.

Die Praktiken der Weg-Künste, der sie betreffende theoretische bzw. sprachliche Rahmen, sowie die Frage nach der philosophischen Relevanz des Übens insgesamt wird im Promotionsprojekt vor allem aus der Perspektive philosophischer Theorien der Leiblichkeit und des embodiment, wie sie derzeit in der Phänomenologie sowie der analytischen Philosophie diskutiert werden, betrachtet. Dabei spielen die phänomenologischen Ansätze von Edmund Husserl, Maurice Merleau-Ponty, Hermann Schmitz und Bernhard Waldenfels eine zentrale Rolle. Weiterhin werden neben den Analysen antiker philosophischer Praktiken von Michel Foucault und Pierre Hadot auch japanische Ansätze herangezogen, etwa die Theorien von Nishida Kitarō, Yuasa Yasuo und Ichikawa Hiroshi.

Sebastian Feil (Prof. Dr. Andreas Hetzel, Prof. Dr. Helmut Pape)

Pragmatismus als Theorie der Vorbegrifflichkeit

Begriffe gelten „in erkenntnistheoretischer Hinsicht […] als Allgemeinvorstellungen“ (Prechtl, 2008b, S. 65). Aber Allgemeinheit als das „was einer Menge von einzelnen Dingen oder Eigenschaften gemeinsam ist“ (Prechtl, 2008a, S. 17), kann selbst bereits als eine begriffliche Konstruktion von prekärer empirischer Existenz aufgefasst werden. Nicht selten drücken Begriffe Allgemeinvorstellungen aus, die durch die jeweiligen Extensionen der Begriffe teilweise oder sogar vollständig negiert werden können und die sich deshalb nicht auf eine einheitliche Intension festlegen lassen: Zum Beispiel bezeichnet der Ausdruck ‚Roman‘ „umfangreiche, selbständig veröffentlichte fiktionale Erzähltexte“ (Steinecke, 2010, S. 317), aber schon das vage Prädikat ‚umfangreich‘ lässt diese Definition angesichts der sanktionsfreien Auszeichnung als Roman von Texten wie Dostojewskis Notizen aus dem Untergrund (durch den deutschen Buchhandel) oder Schlegels Lucinde (durch den Autor selbst) problematisch werden (und so weiter: ‚selbstständig‘: Fortsetzungsroman? ‚fiktional‘: Tatsachenroman?).

Folgt man Cassirer, hat man es in diesen Fällen mit einer besonderen Klasse von (kulturwissenschaftlichen) Begriffen und einem spezifischen Modus der Allgemeinheit zu tun: „Sinnbegriffe“ (Cassirer, 2011, S. 77) geben allgemeine Charakteristika an, ohne ihre Extension dabei aber zu determinieren. Allgemeiner lässt sich sagen: Vielen Begriffen liegt eine intendierte Allgemeinheit zugrunde, die sich bei Konkretion der Begriffe wieder auflöst. Noch allgemeiner hat dies mit dem Verhältnis von Regel und performance zu tun: Während manche Begriffe ihre Regel zu erschöpfen scheinen, ist das bei anderen Begriffen eindeutig nicht der Fall. Aber was fungiert als die Regel eines Begriffs, wenn seine Intension dazu nicht taugt?

Das Promotionsprojekt untersucht das Phänomen der Vorbegrifflichkeit als einen solchen Zusammenhang von vorgelagerten Regeln, die ein kollaterales Begriffsverhalten implizieren. Dabei werden Gadamers Begriffe des ‚Vorurteils‘ und der ‚Tradition‘, Foucaults Begriffe des ‚Vorbegrifflichen‘, der ‚Macht‘ und des ‚Dispositivs‘, Blumenbergs Begriffe der ‚Metapher‘ und des ‚Unbegrifflichen‘ und Deweys Begriff der ‚Gewohnheit‘ auf ihre jeweilige Produktivität für eine allgemeinen Theorie des Vorbegrifflichen hin untersucht und mithilfe von Peirce’ semiotisch-logischem Begriff der Gewohnheit systematisiert. Ziel der Arbeit ist die Darstellung eines Begriffs von Vorbegrifflichkeit, der (alltägliche wie wissenschaftliche) Begriffe als allgemeine Konsequenzen der Gewohnheiten ihrer Verwendung – der Geschichte der Begriffspraxis – begreift. Exemplifiziert wird diese Auffassung von Begrifflichkeit am umstrittenen Begriff der Literatur.

Bibliographie (zitiert)

Cassirer, E. (2011). Zur Logik der Kulturwissenschaften. Meiner.

Prechtl, P. (2008a). Allgemein, das Allgemeine. In P. Prechtl & F.-P. Burkard (Hrsg.), Metzler Lexikon Philosophie (S. 17–18). J. B. Metzler.

Prechtl, P. (2008b). Begriff. In P. Prechtl & F.-P. Burkard (Hrsg.), Metzler Lexikon Philosophie (S. 65–66). J. B. Metzler.

Steinecke, H. (2010). Roman. In G. Braungart, H. Fricke, K. Grubmüller, J.-D. Müller, F. Vollhardt, & K. Weimar (Hrsg.), Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft (S. 317–322). De Gruyter.

Mirko Stieber (Prof. Dr. Andreas Hetzel)

Entzweite Natur. Eine Naturphilosophie nach Adorno/Horkheimer und Roger Caillois (gefördert durch die Hans-Böckler-Stiftung)

Ist der Naturbegriff in den letzten Jahrzehnten zunehmend aus den geistes- und sozialwissenschaftlichen Debatten verschwunden, scheint seine Relevanz angesichts der ökologischen Zerstörungen wieder dringlich. Konstatierte Heisenberg noch 1955, dass „zum erstenmal im Laufe der Geschichte der Mensch auf dieser Erde nur noch sich selbst gegenübersteht, daß er keine anderen Partner oder Gegner mehr findet“, so kehrt die äußere Natur in vielen aktuellen Zeitdiagnosen als eigenständiger Akteur zurück. Diese taufen das gegenwärtige Zeitalter auf den Namen des Anthropozän und zielen auf eine Problematisierung des beschädigten Resonanzverhältnisses zwischen Menschen, anderen Lebewesen und Dingen. Die Natur wird in ihnen nicht mehr ausschließlich als eine passive Stofflichkeit beschrieben, über die der Mensch beliebig verfügen könne, sondern als eine Handlungsmacht, die agiert und reagiert.

In den Nachkriegsjahrzehnten war es vorrangig die Kritische Theorie im Anschluss an Adornos und Horkheimers Dialektik der Aufklärung, die eine Gesellschaftskritik mit einer grundsätzlichen Kritik der Naturbeherrschung verband. Ihre Analysen erblicken in der Entzauberung der Natur zu einer bloß passiven Materie zugleich eine Selbstverdinglichung des Menschen – bleibt er doch als Naturwesen weiterhin ein Teil von ihr. Und es ist diese Verschränkung von Naturbeherrschung und sozialer Herrschaft, die in der zweiten und dritten Generation der Kritischen Theorie eine Dethematisierung erfährt und zugunsten einer ausschließlich intersubjektiven Konzeption aufgelöst wird. Verdinglichung wird nun auf soziale Verhältnisse beschränkt, die zudem lediglich als Kommunikations- oder Anerkennungsprozesse beschrieben werden. Ein instrumentelles Verhältnis zur äußeren Natur setzen sie dagegen als notwendig voraus.

Im Unterschied zu diesen Vereinseitigungen der Kritischen Theorie ist das Dissertationsvorhaben von der Frage motiviert, ob sich die Annahme einer Natursubjektivität zeitgemäß aus einer sozialphilosophischen und herrschaftskritischen Perspektive rehabilitieren lässt. Hierzu geht es einer bereits in Adornos und Horkheimers Denken angelegten Ambivalenz zwischen Affirmation und Kritik von Naturbeherrschung nach. In einem zweiten Schritt werden ihre Überlegungen mit Roger Caillois’ Naturphilosophie verglichen, der sie unter anderem wesentliche Impulse ihres Lebens- und Mimesis-Begriffes verdanken. Stärker noch als der Ansatz der Kritischen Theoretiker fasst Caillois Natur weniger in Kategorien von Selbsterhaltung oder Mangel auf, sondern vielmehr als ein Ausdruck des Überschusses der Materie. Abschließend sollen mögliche Anschlüsse an gegenwärtige naturphilosophische Postionen erprobt werden: so etwa an Karen Barads "agentieller Realismus" – der ebenfalls eine Akteursqualität der Natur betont – an die Prozessphilosophie im Gefolge Whiteheads, an den Neovitalismus (Frederic Worms) und vor allem an neoaristotelische Rehabilitierungen der Naturteleologie (McDowell und Thompson).

Amanda Malerba (Prof. Dr. Andreas Hetzel)

Rethinking Hospitality and Integration Policies in a Postmodern World: Social Philosophy and the Challenge of Refugees

This project will examine the social situations and forms of subjectification of refugees in the 21st century. Using a variety of resources and methods from social and political philosophy and psychoanalysis I will show why and how refugees may come to personify fear and insecurity, and how their precarious status as this personification leads to forms of xenophobia and xenophobic violence. Starting from Zygmunt Bauman’s research on forms of precarious life in late modern societies I will study not just the economic and social reasons that make refugees leave their home countries, but also the cultural impact of their presence in the countries that receive them, where they accentuate certain internal tensions. Judith Butler’s concept of “precarious life” will be used for a better understanding of the function of the role of the “other” in these situations; Sigmund Freud's thinking regarding the issue of the national identity formation process also helps to situate the dehumanization of the figure of the “other”. In the course of the research, suggestions for overcoming xenophobia will be presented, centering on the premise that accepting our own intrinsic strangeness could be a promising way to accept the strangeness of others.

Leila Horstmann (Prof. Dr. Andreas Hetzel)

Philosophie als selbsttransformative Praxis im Ausgang von Georges Batailles L’expérience intèrieure (Arbeitstitel)

Mit dem Dissertationsprojekt verbinde ich den Anspruch, Georges Batailles Werk für ein Verständnis von Philosophie als selbsttransformativer Praxis fruchtbar zu machen. Insbesondere Batailles 1943 veröffentlichtes Hauptwerk L’expérience intèrieure dient mir als Ausgangspunkt für eine kritische Befragung des Selbstverständnisses der Philosophie. Weite Teile der akademischen Philosophie unserer Tage definieren sich über die Rechtfertigung von Geltungsansprüchen mit Hilfe wissenschaftlicher oder wissenschaftsanaloger Methoden. Im Gefolge Platons möchte eine geltungsorientierte Philosophie vor allem Antworten auf die Frage finden, was etwas jeweils ist, was wir darüber wissen können und wie sich der mit diesem Wissen verbundene Geltungsanspruch rational rechtfertigen lässt.

Die im Ausgang von Bataille angeregt Befragung dieses Selbstverständnisses zielt auf ein stärker vollzugsorientiertes Philosophieren, auf ein Verständnis von Philosophie als einer sich an Erfahrungen, Texte und Gespräche bindenden Praxis, die ihren Zweck in sich selbst, in ihrem je konkreten Vollzug hat. Dieses vollzugsorientierte Philosophieren verzichtet nicht auf die Suche nach Wissen und Möglichkeiten seiner Rechtfertigung, bindet jedes Wissen und jeden Geltungsanspruch aber an die Unhintergehbarkeit eines „inneren“ Erfahrens, für das alle Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung selbst nur im Modus der Erfahrung zugänglich sind. Philosophieren erscheint aus dieser Perspektive als eine situierte Praxis, die mit subjektbildenden und -transformierenden Effekten einhergeht. Diese Praxis soll ausgehend von Bataille vor allem als Praxis eines Erfahrens expliziert werden, das sich methodisch nur bedingt bewältigen lässt und aus dem das Subjekt der Erfahrung als verändertes hervorgeht.

Vor dem Hintergrund einer kritischen, systematischen und nicht zuletzt praxeologischen Lektüre der Inneren Erfahrung wird das Werk für eine Philosophie fruchtbar gemacht, die mit der Intuition beginnt, dass unsere Vorstellungen eines autonomen und sich seiner selbst gewissen Subjektes als Voraussetzung aller Erfahrungen bei genauerer Betrachtung ins Leere laufen müssen. Diese Leere, bei Bataille auch als Nicht-Wissen deklariert, fordert die Philosoph*innen dazu auf, sich im Erfahren selbst aufs Spiel zu setzen. Das Kernstück meiner Arbeit stellt somit die Entwicklung einer erfahrungsbasierten Denkpraxis dar, die uns darin üben soll, eigene Transformationsprozesse zu durchlaufen. Weiterhin werde ich zeigen, inwieweit bei Bataille selbst bereits eine solche Praxis angelegt ist, wenn dieser vor dem Hintergrund der inneren Erfahrung von einem Umsturz in der Praxis des Denkens spricht.

Die so entwickelte Perspektive einer philosophischen Praxis mit und nach Bataille steht methodisch im engen Verhältnis zur responsiven und transformativen Phänomenologie (Bernhard Waldenfels, Rolf Elberfeld), zu Michel Foucaults Verständnis einer epimeleia heautou, zur Präsenztheorie (Georg Steiner, Jean-Luc Nancy, Dieter Mersch), sowie zu einer phänomenologischen Praxis, wie sie zuletzt beispielsweise im Umfeld neuerer Ansätze in Frankreich (Natalie Depraz, Michel Henry) gefordert wird.

Jane Töllner (Prof. Dr. Andreas Hetzel)

Menschenwürde. Rehabilitierung eines ethischen Grundprinzips durch eine Phänomenologie der Scham

In der Dissertation geht es um das Verhältnis von Menschenwürde und Scham; genauer darum, jene Würde des Menschen, die im ersten Artikel unseres Grundgesetzes verankert ist, ausgehend vom Affekt der Scham und Situationen des Beschämtseins verständlicher zu machen. Der Begriff der Würde bleibt in gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskursen oft vage. Um die normativen Implikationen der Menschenwürde zu verdeutlichen, werde ich mich auf Beobachtungen zum Schamgefühl des Menschen und dessen Bedeutung für die Würde des Menschen stützen. Es wird sich insgesamt um eine phänomenologische Rekonstruktion der Menschenwürde handeln, deren Bedeutung und Eigensinn ex negativo, über eine Interpretation von entwürdigenden Situationen der Beschämung, nachvollzogen werden soll. Durch meine berufliche Tätigkeit als Schulbegleiterin von autistischen und anders benachteiligten oder beeinträchtigten Kindern erlange ich authentische Eindrücke von alltäglichen Umgangsformen an deutschen Schulen. Die Lektüre von Staphan Marksʼ Die Würde des Menschen oder Der blinde Fleck in unserer Gesellschaft (2010) und Scham – die tabuisierte Emotion (2016) hat mir dabei geholfen, Defizite des zwischenmenschlichen Umgangs an deutschen Schulen besser zu verstehen und kritisch zu reflektieren. Durch meine eigenen Erfahrungen aus der Praxis lässt sich vor allem bestätigen, dass - unbewusst oder bewusst - durch regelmäßiges Beschämen und Bloßstellen die persönlichen Grenzen der Schüler/innen überschritten werden. An dieser Stelle sehe ich sowohl die Möglichkeit wie die Notwendigkeit, eine Phänomenologie und Sozialphilosophie der Scham mit einer ethischen Theorie der Menschenwürde ins Gespräch zu bringen. Einen Menschen der Scham auszusetzen (bspw. durch Hohn) oder ihn mit seiner eigenen Scham zu konfrontieren, löst starke sichtbare (körperliche) und spürbare (emotionale) Reaktionen bei betroffenen oder bloß beteiligten Menschen aus. Die Annahme, dass die Scham eines Menschen unmittelbar mit seinem jeweiligen Würdeverständnis verbunden sei und dies unter anderem im Schulalltag täglich auf die Probe gestellt werde (bis hin zum Missbrauch von Schamempfindungen zu erzieherischen Zwecken), kann ich durch meine eigenen Beobachtungen von Unterrichtssituationen verifizieren.

Darüber hinaus soll ein humanistisches Menschenbild verteidigt werden, indem aufgezeigt wird, dass alle Menschen unabhängig von ihren Fähigkeiten und Leistungen gleichermaßen einen würdevollen Umgang verdienen und die Scham sich hierbei als ein wichtiger Indikator für Grenzüberschreitungen wahrnehmen lässt. Sie ist ein Affekt, welcher jedem Menschen vertraut ist und sich besonders in unserer Fähigkeit zur Empathie zeigt. Bei der Pflege eines menschenwürdigen Umganges kommt es notwendig darauf an, die emotionale Situation des jeweiligen Gegenübers zu erfassen. Auf würdevolle Weise mit dem Anderen umzugehen, bedeutet folglich, auf die jeweiligen Umstände, Bedürfnisse, Empfindungen angemessen zu reagieren. Dies wiederum gelingt nur mittels Einfühlung und dem Empfinden von Empathie für den anderen und seine Situation. Die Empathie, die uns Menschen hilft, Gefühlslagen zu erkennen, zu verstehen und angemessen  auf sie zu antworten, betrachte ich hierbei als dem Menschen charakteristische Fähigkeit, die Würde anderer Menschen zu schützen.

Bahar Șen (Prof. Dr. Andreas Hetzel)

Zum Begriff der Zentralität - Eine Philosophie der globalen Verstädterung im Ausgang von Henri Lefebvre, Georg Simmel und Helmuth Plessner

Die weltweite Verstädterung hat eine breite Forschungslandschaft hervorgebracht, die auf vielfältigste Weise versucht, ein Verständnis für die Dynamik und die Strukturen der Urbanisierung zu entwickeln. In ihren meist empirischen Absichten müssen Stadtforscher jedoch den universalistischen Anspruch, den die Verstädterung aus sich heraus stellt, verfehlen. Die Philosophie wiederum liefert bisher nur sehr zaghaft teils ethische, teils phänomenologische Beiträge oder aber sie verharrt in der Beschreibung von Szenarien, die noch den Überlegungen zur Industrialisierung bzw. zur sogenannten „ersten Moderne“ entstammen. Die weltweite Verstädterung sprengt jedoch den hier genannten Rahmen: Urbanität drängt auf Aktualisierung philosophischer Denkkategorien wie der ganzen Welt und der gesamten Menschheit. An diese fundamentale Feststellung schließen die Kernfragen des Projektes an: Warum verstädtert sich die Menschheit überhaupt und welches philosophisch-anthropologische Prinzip erwirkt diesen Prozess (hier verstanden als menschliche Praxis) auf Weltmaßstab? 

In Orientierung an Henri Lefebvres Begriff der „Zentralität“ und unter Einbeziehung „moderner“ gesellschaftlicher Wirkmechanismen ausgehend von Georg Simmels „Philosophie der Geldes“ sowie unter Berücksichtigung von Helmuth Plessners Bestimmung des Menschen in seiner „exzentrischen Positionalität“ wird der Versuch unternommen, „Urbanität“ in ihrer metaphysischen und anthropologischen Tragweite zu beleuchten.

Hannah Franziska Feiler (Prof. Dr. Andreas Hetzel)

Performing Politics. Politische Potentiale im zeitgenössischen Tanz

In meinem Dissertationsprojekt möchte ich eine politische Ästhetik des zeitgenössischen Tanzes entwickeln: Ich gehe davon aus, dass dem zeitgenössischen Tanz – sowohl aus der Perspektive des Publikums, als auch aus der praktischen Erfahrung der Tänzer*innen – ein besonderes politisches und kritisches Potential innewohnt, das bis dato gültige Normen hinterfragen und zu gesellschaftlichem Wandel beitragen kann. Dieses Potential mache ich daran fest, dass im Tanz normative Ordnungen, die festlegen, wie sich Körper in Räumen bewegen bzw. nicht bewegen können, kritisiert und neu ausgehandelt werden. Zeitgenössische Tanzformen thematisieren dabei nicht nur die Wandelbarkeit von Normen, die Körpern und Subjekten klar umrissene Positionen in räumlich definierten Tableaus zuweisen, sondern performieren diesen Wandel. Tanz wird damit als präsentische Form einer Kritik untersucht, die normative Horizonte der Bewegung und des Bewegtwerdens sichtbar macht, variiert und überschreitet.

Seinen theoretischen Ausgang nimmt das Projekt zunächst von Jacques Rancières Verständnis des Ästhetischen:

Rancière sieht die Ästhetik weder als Kunsttheorie noch als Wahrnehmungslehre an, sondern als Lehre von der Aufteilung des Sinnlichen – von dem also, was die Wahrnehmung und deren Möglichkeiten einteilt (vgl. Rancière 2008). Rancières Überlegungen zu einer politischen Ästhetik konfrontiere ich mit alternativen Konzeptionen, um herauszufinden, welche dieser „Begegnungen“ sich am Fruchtbarsten für mein Promotionsvorhaben erweist. Für einen erweiterten Blick auf Politik und/oder Widerständiges sollen etwa Arbeiten von Iris Därmann (Därmann 2020 und 2021), Eva von Redecker (von Redecker 2018), Isabell Lorey (Lorey 2020) und Judith Butler (u.a. Butler 2015) Denkanstöße liefern.

Das politische Potential entsteht, so meine Vermutung, auch und gerade in der tänzerischen Praxis, im selbstzweckhaften, transformativen und häufig widerständigen Vollzug, des Tanzes. Ausgehend von der Tätigkeitstheorie Hannah Arendts werde ich weiterhin fragen: Was tun wir, wenn wir tanzen? Inwiefern lässt sich Tanz als eine (performative) politische Tätigkeit verstehen und welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Normen, Erwartungen und (leibliche) Überschreitungen von Erwartungshorizonten? Welche Probleme und Fragestellungen im Beziehungsgeflecht von Körper (Tanz), Raum und Macht können nur durch tanzende Körper artikuliert und kritisierbar gemacht werden? Tanz wurde (und wird) historisch sowohl als Herrschaftsinstrument (vgl. Därmann 2020) als auch als widerständige Praxis genutzt. Bei verschiedenen Protesten der letzten Jahre wurde Tanz als Ausdrucksform für politische Inhalte genutzt (z.B. die Performance „Un violador en tu camino“, mit der das chilenischen Kollektiv Las Tesis Gewalt gegen Frauen anprangert). Das widerständige Potential von Tanz in dieser sehr praktischen Hinsicht wird also erkannt und entsprechend verwendet. In meinem Text stehen somit leiblich-performative Kunstformen im Zentrum, die nicht in Rancières nach wie vor an Werken einer häufig bürgerlichen Kunst orientierten Ästhetik bedacht und berücksichtigt werden.

Jörg Tietze (Prof. Dr. Andreas Hetzel)

Auschwitz denken: Über die moralphilosophische Bedeutung der Shoah (gefördert durch ein Stipendium des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen)

Während Auschwitz als gesellschaftlich-geschichtliche Tatsache Gegenstand einer nicht mehr zu überblickenden Zahl von Untersuchungen geworden ist, finden sich bis heute nur wenig Arbeiten, die sich explizit mit der Bedeutung von Auschwitz für die Möglichkeiten und Grenzen moralphilosophischer und metaethischer Debatten auseinandersetzen. Es fehlt eine systematische philosophische Auseinandersetzung. Genau an dieser Stelle will ich ansetzen. In meinem Projekt geht es darum, die moralische Dimension der mit dem Namen Auschwitz assoziierten Taten zu verstehen und zu klären, vor welches moralphilosophische Problem wir bis heute durch Auschwitz gestellt sind. Dazu untersuche ich moralische bzw. moralphilosophische Implikationen verschiedener Analyse- und Erklärungsansätze, die Antworten auf die mit Auschwitz assoziierten Formen unaussprechlicher Gewalt suchen.
Insbesondere die Thesen und Überlegungen von Hannah Arendt, Giorgio Agamben und Rolf Zimmermann, die sich mit der Bedeutung der Shoah für die Möglichkeit philosophischer Ethik befassen, werden erörtert. Neben diesen systematischen moralphilosophischen Arbeiten soll auch der Diskurs über die Bedeutung von Ethik und Moral für die Selbstlegitimation des Nationalsozialismus analysiert werden. Die moralphilosophischen Implikationen dieser Überlegungen waren bisher kaum Gegenstand der Forschung. So geraten durch die Konzentration auf Täter*innen und Institutionen, durch die sich viele dieser Arbeiten auszeichnen, die Erfahrungen und Perspektiven der Opfer systematisch in den Hintergrund.
Im Angesicht von Auschwitz sind wir mit einer, wie der Historiker und Antisemitismus-Forscher Moishe Postone ausführt, „Vernichtung um der Vernichtung willen“ konfrontiert (Postone 2005: 177). Vielleicht, so meine Hypothese, besteht das spezifische moralische Problem gerade darin, dass sich die Perspektive vor allem der jüdischen Opfer radikal entzieht und nicht kommunizierbar ist. In diesem Sinne wäre die Fokussierung auf Täter*innen und Institutionen, die sich in vielen Arbeiten findet, Ausdruck dieses Problems und kein Zufall. Dies knüpft an eine Überlegung Jean-François Lyotards an, dass damit zum Unrecht, das in der Tat selbst besteht, welches den Opfern zugefügt wurde, noch die Unmöglichkeit ihrer Vermittlung hinzutritt (vgl. Lyotard 1989: 20f.).
Um so wichtiger scheint es daher für ein Verständnis von Auschwitz und der Frage danach, vor welches moralische Problem wir dadurch gestellt sind, die Perspektive, derer miteinzubeziehen, deren Vernichtung das Ziel nationalsozialistischer Politik war. Deshalb soll es in meinem Projekt auch darum gehen, wie sich aus der Perspektive der Opfer das moralische Problem darstellt bzw. ob eine solche Rekonstruktion angesichts der Dimension der nationalsozialistischen Verbrechen überhaupt möglich ist.
 

Antje Géra (Prof. Dr. Andreas Hetzel)

Die Melancholie des Widerstands  

Die Dissertation nimmt zeitdiagnostische Analysen eines sich gegenwärtig vollziehenden Wandels von Erscheinungsweisen und Konzeptualisierungsformen politischen Widerstandes zum Ausgangspunkt, um aus einer philosophischen Perspektive den Begriff »Widerstand« auf seine Präsuppositionen hin zu befragen. Es geht darum, in einer Analyse unseres Gebrauchs des Ausdrucks »Widerstand« nachzuzeichnen, was für ein Bild von Widerstand wir in unserer Rede, in unserem Nachdenken über Widerstand investieren – mit besonderem Augenmerk darauf, wo und inwiefern dieses Bild den Begriff »Widerstand« um bestimmte Dimensionen verkürzt. Dazu setzen die Überlegungen an einem vermeintlichen Gegenbild zu Widerstand an: dem Topos der Melancholie. Gegen eine sich in politischen Bewegungen artikulierende antimelancholische Haltung dienen in der Tradition kritischer Theorie sowie auch in feministischen Auseinandersetzungen analytische und ästhetische Bezugnahmen auf Melancholie einer Kritik an verkürzenden Konzeptionen von Widerstand und dem Aufweisen von Problemen intentionalistischer und handlungstheoretischer Modellierungen. Ziel der Dissertation ist, gegen die Verkürzungen solcher Modellierungen mithilfe einer systematischen Erörterung des von Walter Benjamin unter dem Titel »dialektisches Bild« diskutierten Zusammenhangs von Widerstand und Bildlichkeit eine vollzugsorientierte Auffassung von Widerstand zu plausibilisieren und damit darzulegen, was es heißt, Widerstand auf radikale Weise als Praxis zu begreifen. 

Christine Edelmann (Prof. Dr. Andreas Hetzel)

Ästhetik des Buches. Auf der Suche nach Formen der Textpräsentation in ihren linearen und nicht-linearen Möglichkeiten

Das Promotionsthema befasst sich, ausgehend von dem Buch Glas des französischen Philosophen Jacques Derrida, mit der Frage nach dem Umgang mit Büchern und Texten in der Philosophie. Konkreter geht es um das Verstehen von gedanklichen Inhalten wissenschaftlicher Publikationen in der Philosophie und den Einfluss visueller Gestaltung, insbesondere von Satz und Typografie, auf den Verstehensprozess.
Die Philosophie als Disziplin eignet sich als ein ideales Untersuchungsgebiet, da Bücher (Monographien, Sammelbände, Lexika etc.) und Texte (Aufsätze, Artikel etc.) zentrale Arbeitsmaterialien sind und grundlegende Medien für die Forschung darstellen. In diesem Sinne bezeichne ich im Rahmen der Promotion die Philosophie als eine Buchwissenschaft.

Die Prämisse der Dissertation ist, dass die typografische Gestaltung eines Buches oder Textes für dessen Rezeption und Verstehensprozess eine zentrale Rolle spielt und diese maßgeblich beeinflusst. Auf diese Weise betrachtet, wird in der Promotion am Beispiel der Philosophie eine Perspektive erarbeitet, die sich auf jeden Text beziehen lässt, basierend auf der Annahme, dass jeder Text typografisch gestaltet ist.
An diesem Punkt wird die Bedeutung der Typografie deutlich, welche auf verschiedenste Arten in Form von Schrift den Alltag prägt (z. B.in Zeitungen, Fahrplänen, Beschilderungen im öffentlichen Raum). Die Vermittlung der Welt basiert auf dem Umgang mit Schrift und dieser wiederum auf einem bewussten Umgang mit Typografie, da diese Kommunikation bedeutet.

Die Problematik, die mit der Dissertation angesprochen wird, ist, dass in der Philosophie bisher kaum auf die Rolle der Typografie im Zusammenhang mit dem Verständnis von Büchern und Texten geachtet wird. Klassische wissenschaftliche philosophische Texte erscheinen in der hauptsächlich vertretenen Schreibweise eines argumentativ linear aufgebauten Fließtextes nach dem Schema Einleitung, Hauptteil, Schluss sowie mit eindeutigen Strukturierungs- und Orientierungsmerkmalen wie Fußnoten, Register und Inhaltsverzeichnis. Derridas Glas kann in diesem Kontext als eine Art »Systemsprenger« betrachtet werden, das durch sein nicht-lineares Schreiben, insbesondere durch die Verwendung typografischer Elemente, mit dieser klassischen Art des linearen Schreibens bricht und die damit einhergehenden Herrschaftsansprüche kritisiert.
Derrida markiert mit Glas die lineare Tradition sowie zugleich die nicht-lineare Erosion dieser postmodernen Landschaft philosophischen Denkens und Schreibens und zeigt den Veränderungsprozess auf, dem die Philosophie als Disziplin selbst unterliegt. 
Mit der Promotion soll dieses Forschungsfeld nach der Bedeutung der Typografie und der sich daraus ergebenden nicht-linearen Darstellungsmöglichkeiten für die Philosophie neu eröffnet werden. Das Buch Glas von Jacques Derrida eignet sich, wie gezeigt, in hervorragender Weise dafür, eine Debatte für eine gestaltungssensible Philosophie anzustoßen.

Eingebettet wird dieses Beispiel von Derrida in die Diskussion um das Buch und den Text als wissenschaftliche sowie als literarische und kulturelle Gegenstände. Die Entwicklung des Buches zum wissenschaftlichen Text und seine gesellschaftliche Bedeutung als Kulturgut werden historisch nachverfolgt. So lässt sich zeigen, dass eine Linie in der Entwicklung der Medien von der Antike bis in die Gegenwart gezogen werden kann, welche den Einfluss der typografischen Gestaltung auf den Umgang mit und das Verstehen von Büchern greifbar werden lässt. In diesem Kontext wird deutlich, dass sich die Promotion nicht nur innerhalb der Philosophie bewegt, sondern über diese hinausgeht, indem das »Buch« auch in seiner kulturellen und gesellschaftlichen Dimension beleuchtet wird.

Dirk Köppen (Prof. Dr. Andreas Hetzel, Prof. Dr. Gerhard Gamm)

Akkumulation & Überschreitung – aktuelle Reflexionen zur allgemeinen Ökonomie von Georges Bataille

Das Forschungsprojekt bemüht sich um eine Aktualisierung der Allgemeinen Ökonomie von Georges Bataille. Im Zeitalter eines sich als alternativlos gebärdenden Kapitalismus findet dessen subversive Seite wenig Beachtung. Aus der kapitalistischen Logik wird ein dogmatischer Fokus auf das Nützlichkeitsprinzip abgeleitet, welches fortan auf alle Bereiche des Lebens angewendet wird (Solutionismus). Die subversive Seite des Kapitalismus zeigt sich in erodierten sozialen Beziehungen und in der Kommodifizierung von gesellschaftlichen Bereichen, welche einer anderen (ethischen oder sozialen) Rationalitätsform folgen als Märkte. Die Grenzen zwischen ökonomischen und nicht-ökonomischen Lebensbereiche erodieren, ein Ideal der Nützlichkeit. Insbesondere Formen der Verschwendung gilt es dabei ausnahmslos zu vermeiden. Die soziale Lebenswelt wird ökonomisiert, indem sie gänzlich der Frage des Nutzens unterworfen wird. Um der Gefahr der zweckrationalen Vereinnahmung zu entgehen, kann eine Kritik eines subversiven Kapitalismus nur als ein kompromisslos anti-ökonomisches Denken erfolgen.

Der Bataille’sche Versuch einer Allgemeinen Ökonomie impliziert einen Aufruf zur Verschwendung, welcher sich einer allumfassenden Zweckrationalität entgegenstellt. Abgeleitet von der Metapher einer Energiebilanz der Erde kann überschüssige Energie für Bataille zunächst zum Wachstum genutzt werden. Sobald die Wachstumsgrenzen erreicht sind, muss Energie verschwendet werden: entweder freiwillig auf „gloriose Weise“ oder gezwungenermaßen auf „katastrophische Weise“. Batailles kopernikanische Wende der Ökonomie verschiebt das Grundproblem vom Mangel zum Überfluss. Die ursprünglich „beschränkte“ Ökonomie wird nun zur allgemeinen Ökonomie mit dem Grundprinzip der Verschwendung bzw. der „Verausgabung“ ihrer Überschüsse. Die ökonomische Akkumulation ist nur ein Aufschieben bis zu dem Zeitpunkt, „in dem der Reichtum seinen Wert nur noch im Augenblick hat“. Der Fokus der gesellschaftlichen Untersuchungen muss verändert werden: nicht die Produktionsverhältnisse müssen untersucht werden, sondern die gesellschaftlichen Praktiken der Verschwendung. Überschüsse und ihre Akkumulation sind das zentrale Problem der Gesellschaft. Die Praxis der Verschwendung stellt die unproduktive Verausgabung dar, die einzig allein ihren Zweck in sich selbst trägt. Als „gloriose“ Praktiken zählt Bataille Luxus, Kriege, Trauerzeremonie, Künste und perverse Formen der Sexualität auf. In Ausübung dieser Praktiken gewinnt der Mensch die Würde einer Souveränität zurück.

In der Aktualisierung der allgemeinen Ökonomie unter Berücksichtigung der geschichts-philosophischen Arbeiten Georges Batailles wird die Frage untersucht, inwiefern die aufgezählten Praktiken noch als unproduktive Verausgabung gelten können. Wie können sich insbesondere perverse Formen der Sexualität, Gewalt und Luxus der Aneignung eines subversiven Kapitalismus entziehen? Im Rückgriff auf Autoren wie Pierre Klossowski, Roger Callois, Jean Baudrillard und andere grenzen sich meine Untersuchungen vom Imperativ der Nützlichkeit ab. Bietet der individualistische Eskapismus mit seinen Auslebungen des Festes und der Erotik Möglichkeiten diese als reine Zwecke einer kompromisslosen Überschreitung zu praktizieren? Wie könnte heutzutage eine „souveräne Existenz“ ermöglicht werden? Kurz gefragt: Ist im Zeitalter der allgegenwärtigen Zweckrationalität wirkliche Verschwendung möglich, ohne ebenfalls kommodifiziert zu werden?

Ulrike Nack (apl. Prof. Dr. Katrin Wille)

Sexismus, Rassismus, Kapitalismus. Ein Beitrag zur Erneuerung feministisch-marxistischer/sozialistischer Theorie(n) durch grundbegriffliche Reflexion

In meinem Projekt gehe ich zwei Forschungsfragen nach:
1. Inwieweit tragen Einsichten feministisch-marxistischer/sozialistischer Theorien zum Verständnis des Zusammenhangs von Sexismus, Rassismus und Kapitalismus bei?
2. Angesichts einflussreicher Kritiken und Diskursschwerpunktverschiebungen vonseiten des Schwarzen, des dekonstruktivistischen und des liberalen Feminismus, welche die Grundbegriffe und Prämissen feministisch-marxistischer/sozialistischer Theorien anbelangen: Wie lassen sich ihre Einsichten für heutige feministisch-theoretische Debatten erneuern? 

Das Erkenntnisinteresse der Forschungsarbeit ist geprägt von zwei Entwicklungen in der gegenwärtigen akademischen Diskussion: der Marx-Renaissance in den Sozial- und Geisteswissen­schaften einerseits und dem erneuten Interesse am Zusammenhang von Sexismus, Ras­sismus und Kapitalismus andererseits.

Während insbesondere in den 1990er und folgenden Jahren poststrukturalistische und diskursanalytische Theorien die feministischen Diskussionen bestimmten, lässt sich seit einigen Jahren eine erneute Zuwendung zu den ökonomischen Grundbedingungen lebensweltlicher Realitäten erkennen. In diesem Zuge wird auch die Wiederkehr von feministisch-marxistischen/sozialistischen Theorien diskutiert, in deren Fokus der Zusammenhang von Sexismus, Rassismus und Kapitalismus steht.
Prominente Vertreter*innen von feministisch-marxistischer/sozialistischer Theorie, wie zum Beispiel Maria Mies, Silvia Federici und Nancy Fraser, gehen von einem notwendigen und systematischen Zusam­menhang der drei Phänomene aus: Rassismus und Sexismus sind wesentliche Mittel kapitalistischer Ausbeutung, Enteignung und Unterdrückung. Durch Sexismus ist es möglich, insbe­sondere Frauen die unbezahlte Aufgabe der sozialen Reproduktion in der kapitalistischen Gesellschaft aufzuerlegen. Durch Rassismus hingegen werden im Kapitalismus Men­schen gekennzeichnet, die „Superausbeutung“, Entrechtlichung und Ent­eignung ausgesetzt sind.

Allerdings ist nicht nur die These eines notwendigen Zusammenhangs von Sexismus, Rassismus und Kapitalismus kontrovers, sondern auch die grundbegrifflichen Prämissen und theoretische Rahmensetzung feministisch-marxistisch/sozialistischer Theoriebildung. Insbesondere drei Kritiklinien scheinen feministisch-marxistische/sozialistische Theorien zu diskreditieren:

Von Seiten des Schwarzen Feminismus wird kritisiert, Vertreter*innen der feminis­tisch-marxistischen/sozialistischen Theorien setzten die weiße Frau in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen (hooks 1984).
Dekonstruktivistische Feminist*innen greifen vor allem die Verwendung und Wiederholung normierender Kategorien wie Geschlecht und „Rasse“ an (Butler 1991).
Und schließlich zweifelt der liberale Feminismus an der postulierten Notwendigkeit des Zusammenhangs von Sexismus, Rassismus und Kapitalismus (Cudd 2011).

Die Kritiken zielen auf die feministisch-marxistischen/sozialistischen Deutungen der Begriffe „Subjekt“, „Kategorie“ und „Notwendigkeit“.

Angesichts dieser Kritiken ist zu fragen, wie die Wiederkehr der feministisch-marxisti­schen/sozialistischen Theorien aussehen kann? Kann es eine Erneuerung ihrer überhaupt geben? Müssen feministisch-marxisti­sche/sozialistische Deutungen der Begriffe „Subjekt“, „Kategorie“ und „Notwendigkeit“ in Reaktion auf die Kritiken verändert/überarbeitet/eingeordnet werden? Und, falls ja, wie? Diese Fragen stehen im Zentrum des Dissertationsprojekts. 

Die Ziele der Dissertation bestehen darin, 
(1) einen Beitrag zur Erneuerung der feministisch-marxistischen/sozialistischen Theorien zu leisten. Dies geschieht durch die Weiterentwicklung und Positionierung ihrer Grundbegriffe „Subjekt“, „Kategorie“ und „Notwendigkeit“, die – wo nötig – so zu aktualisieren sind, dass sie die an sie gerichteten Kritiken aufnehmen und anderen einflussreichen feministischen Strömungen und Diskursschwerpunktverschiebungen begegnen können.
(2) einen Beitrag zum Verständnis des Zusammenhangs von Sexismus, Rassismus und Kapitalismus zu leisten.
(3) an der Klärung des philosophischen Verständnisses der Begriffe Subjekt, Kategorie und Notwendigkeit Anteil zu haben.
 

Daniela Langen (PD Dr. Lars Leeten)

Alteritätstheorie der Scham bei Levinas, Derrida und Cixous

Das Dissertationsprojekt stellt eine alteritätstheoretische Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Scham dar, das heißt, es wird nach einem Zusammenhang von Scham und Andersheit gefragt. Hintergrund ist, dass Scham zwar als Gefühl zu überfallen scheint, sich letztlich jedoch ein Schamgeschehen zeigt, in das nicht nur das schamempfindende Selbst involviert ist: Dieses schämt sich vor jemandem/etwas; in der Regel über etwas und für jemanden.


Als Schamgegenüber werden dabei, wie die geplante Arbeit eingangs nachzeichnen wird, gemeinhin andere Menschen angenommen. Insofern es sich bei einer Schamempfindung jedoch nicht um eine bewusste Entscheidung zu handeln scheint, ist nicht davon auszugehen, dass ihr eine Erkenntnis des Gegenübers vorausgeht. Entsprechend kann sich die Frage stellen, warum es in bestimmten Situationen zu Scham kommt – was gibt den Anlass?


Um dieser Frage nachzugehen, zieht die geplante Arbeit drei Positionen heran, die dem Anderen, Anderen oder zumindest einem Moment von Andersheit besondere Beachtung schenken: Emmanuel Levinas, Jacques Derrida und Hélène Cixous. Mithilfe ihrer alteritätstheoretischen Arbeiten soll eine Andersheit des schamevozierenden Moments in Betracht gezogen werden, die über die Tatsache, dass es vom schamempfindenden Moment numerisch verschieden ist, hinausgeht.


Über eine detaillierte Analyse der ins Schamgeschehen involvierten Momente wird dafür zunächst gefragt, für wen es angesichts von wem/was zu Scham kommt, sodass im Anschluss beurteilt werden kann, ob das schamevozierende sich vom schamempfindenden Moment her erklären lässt oder als „ganz anders“ eingestuft werden muss. Die Absicht ist es dabei, das sozialphilosophische Verständnis der Scham durch alteritätstheoretische Perspektiven zu vertiefen.


Grundlage der geplanten Arbeit bilden ausgewählte Texte von Levinas, Derrida und Cixous, in denen die französischen Begriffe für Scham, „honte“ und „pudeur“, eine entscheidende Rolle spielen. Während der Fokus im Hauptteil der Arbeit darauf liegen wird, in Auseinandersetzung mit den drei Autor*innen Momente von Andersheit herauszuarbeiten, soll zum Ende hin auch die Frage gestellt werden, welche Rolle diese für Scham spielen.

Namita Herzl (PD Dr. Anke Graneß)

Philosophierende Frauen: Globale Verstrickungsgeschichten der Befreiung

Über viele Jahrhunderte hinweg hielt die akademische Philosophie an einer Tradition fest, die intellektuelle Fähigkeiten von Frauen leugnete. Eine solche institutionelle Ignoranz fand nicht nur in Europa, sondern auch in anderen Regionen der Welt statt. Erst mit der Frauenbewegung im 19. Jahrhundert und vor allem seit dem Aufstieg des Feminismus in den 1960er Jahren entwickelte sich größeres Interesse an Werken von Philosophinnen. Dennoch sind im philosophiegeschichtlichen Diskurs behandelte Frauen primär europäischer Herkunft. Der bis heute anhaltende eurozentrische Fokus zeigt, dass koloniale Machtverhältnisse auch in der Gegenwart, selbst in feministischer Orientierung, fortbestehen. Um das Fortbestehen von Ausschließungsmechanismen auf globalphilosophischer Ebene zu vermeiden, ist die Integration außereuropäischer Traditionen im philosophischen Diskurs unabdinglich. Es liegt in der Verantwortung der akademischen Philosophie sowohl interkulturelle als auch geschlechterübergreifende Perspektiven einzunehmen und davon ausgehend bis heute bestehende interdisziplinäre Dynamiken der Unterdrückung sowie der destruktiven Verstrickung zu überwinden. Das Vorhaben der Dissertation besteht in der Rekonstruktion des Ideenguts philosophierender Frauen nicht europäischer Herkunft, das der Sichtbarmachung bisher nur marginal beachteter Denkerinnen dient.

Philosophierende Frauen: Globale Verstrickungsgeschichten der Befreiung erzählt von außereuropäischen Frauen, die mithilfe philosophischer Praktiken herrschende vereinnahmende Machtverhältnisse infrage stellten und sich davon emanzipierten. Zentral ist die Frage, welche Praktiken des Philosophierens von Frauen außerhalb Europas angewendet wurden, um sich aus Unterdrückungsstrukturen zu befreien. Verschiedene ausgewählte Prozesse der Selbstbestimmung sollen dabei reflektiert werden: Erstens wird die Geschichte von Frauen (4.-8. Jh.) erzählt, deren mittels meditativer Praktiken entwickelte Spiritualität zu intellektueller Unabhängigkeit und außergewöhnlichen rhetorischen Fähigkeiten führte, die unter anderem eingesetzt wurden, um sich für die Verwirklichung geistiger Befreiung von Frauen einzusetzen. Der zweite Teil der Arbeit handelt von Denkerinnen (17.-19. Jh.), die ihr durch intensive Studien erworbenes Wissen nutzten, um die Bildung weiblicher Intellektueller zu fördern und sich für eine Aufhebung der institutionellen Bildungsbeschränkungen einzusetzen. Drittens werden drei Theoretikerinnen (20.-21. Jh.) diskutiert, deren Rückbesinnung auf die Gemeinsamkeit zwischen Weiblichkeit und Natur und die damit entstehende Herstellung intersektionaler Verbindungen eine argumentative Grundlage gegen zukünftige Ausbeutungsmechanismen nicht nur der Umwelt, sondern auch der Frau gegenüber geschaffen hat. Alle Verstrickungsgeschichten, die innerhalb dieser Dissertation erzählt werden, dienen dem Ziel, Befreiungsprozesse außereuropäischer Denkerinnen auf einer philosophischen Perspektive zu rekonstruieren und dabei zu prüfen, inwiefern sie Bestandteil einer zukünftigen globalen Philosophiegeschichtsschreibung werden können.