Laufende Forschungsprojekte

Prof. Dr. Andreas Hetzel

Gefährdete Vielfalt. Eine Ethik der Biodiversität

Durch die Übernutzung und Zerstörung von Ökosystemen verringern wir täglich die biologische Vielfalt auf unserem Planeten und gehen dabei Risiken ein, deren Reichweite sich nicht absehen lässt. Die in Gang gesetzten Veränderungen sind unumkehrbar und ohne Vorbild. Durch die Vernichtung von Biodiversität bedrohen wir mittel- bis langfristig nicht nur die Überlebensmöglichkeiten der Menschheit, sondern beschneiden auch die (ko-)evolutionären Perspektiven aller anderen Lebensformen auf der Erde. Als Reaktion auf die aktuelle Biodiversitätskrise haben die Mitgliedsstaaten der 1992 in Rio unterzeichneten Biodiversitätskonvention der Vereinten Nationen die Jahre von 2011 bis 2020 zur „UN-Dekade der Biodiversität“ erklärt.

Das Forschungsprojekt sucht nach ethischen Antworten auf die Gefährdung von biologischer Vielfalt. In enger Kooperation mit Biologen und Umweltwissenschaftlern beleuchtet es dabei den aktuellen Stand unseres Wissens, vor allem aber auch unseres Nichtwissens in Bezug auf Biodiversität, ihre Bedeutung für die Bereitstellung von Ökosystemfunktionen sowie die Ursachen und Folgen des Verlustes biologischer Vielfalt. Biodiversität wird dabei als Zusammenhang von evolutiven Prozessen, genetischer Vielfalt, Artenvielfalt und ökosystemischer Vielfalt verstanden, der zu komplex ist, als dass verlässliche Voraussagen über die Auswirkungen ihrer Reduktion auf Ökosystemdienstleistungen gemacht werden könnten. Gerade dieses Nichtwissen soll im Projekt als normative Orientierung genutzt werden, die es erlaubt, konzeptuelle Probleme bio- und anthropozentrischer Begründungsansätze in der Umweltethik zu vermeiden. Die Akzeptanz eines partiellen Nichtwissens in Bezug auf Biodiversität und die Biodiversitätskrise kann einerseits zu einem Handeln gemäß des Precautionary Principle motivieren, andererseits nötigt es uns zu einer Achtung gegenüber den hochkomplexen Assoziationsformen und evolutionären Perspektiven von Lebewesen, deren Bewahrung auch aus naturschutzpraktischer Sicht weit dringlicher erscheint als die Unterschutzstellung einzelner Arten oder Lebensräume. Es soll vor allem gefragt werden, ob und in wie weit gerade aus der Unmöglichkeit, Biodiversität in ihrer ganzen Komplexität zu verstehen, eine moralische Verbindlichkeit erwachsen kann.

Prof. Dr. Tilman Borsche

Artikulationsformen des Denkens

Wie artikuliert sich das Denken und in welchem Verhältnis steht das artikulierte Denken zur konkreten Form, in der es artikuliert wird? Welche Artikulationsformen gibt es in der Philosophie und was macht eine philosophische Ausdrucksform zu derselben? Wie verhält sich die philosophische Artikulationsform zur wissenschaftlichen? Wo endet die philosophische Artikulationsform und wo fangen literarische, poetische, religiöse und naturwissenschaftliche Artikulationsformen an?

Die Frage nach den unterschiedlichen Artikulationsformen des Denkens, welche in diesem Projekt gestellt wird, ist in ihrem Forschungsfeld zunächst mit der Frage nach den literarischen Formen der Philosophie verwandt. Im Zentrum des Forschungsprojekts stehen die symbolischen Grammatiken sowie die verschiedenen Text- und Artikulationsformen, in denen philosophisches Denken sowohl hervorgebracht als auch geäußert wird. Besondere Aufmerksamkeit wird in diesem Projekt der Art und Weise gewidmet, wie sich das inhaltlich Gedachte in der Artikulationsform wiederspiegelt und inwiefern eine Beziehung zwischen Ausgesagtem und konkreter Aussageform besteht oder hergestellt werden kann. Ein Blick auf die historische Vielfalt der philosophischen Ausdrucksformen zeigt, dass diese in der Philosophielandschaft der Gegenwart geschrumpft und auf wenige geläufige Formen beschränkt ist. Um die unterschiedlichen Potentiale und Möglichkeiten der als philosophisch geltenden Artikulationsformen des Denkens systematisch zu erfassen, sollen  historische, interkulturelle und aktuelle Perspektiven in den Blick genommen werden und einander befruchten. Dabei gilt es auch bisherige Versuche von Typologisierungen verschiedener Genres und Artikulationsformen auf ihre spezifischen Merkmale hin zu befragen. Unklar ist hierbei, inwieweit eine distinkte Einteilung und Abgrenzung verschiedener Kriterien überhaupt möglich ist. So gilt es, die jeweiligen Artikulationsformen des Denkens in methodischer Hinsicht auf ihre spezifischen Merkmale, Aussagemöglichkeiten und allgemeine Eigendynamik hin zu untersuchen, ohne bestimmte Unterscheidungskriterien bereits vorauszusetzen.

Prof. Dr. Rolf Elberfeld

Kulturelle Semantik: Kultur – Kulturen – Interkulturalität

Das Wort „Kultur“ ist neben dem Wort „Natur“ eines der beziehungsreichsten der deutschen Sprache. „Kultur“ hat sich seit dem 18. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum als Auslegungshorizont für makro- und mikrogeschichtliche Zusammenhänge in den Wissenschaften etabliert. Auch wenn bereits verschiedene Studien zur Geschichte des Begriffs „Kultur“ existieren, so beziehen diese in den meisten Fällen nicht die Verzweigungsgeschichte des Wortes mit ein. Beispielsweise ist nie eingehend über die philosophische Bedeutung des Unterschieds von „Kultur“ als singulare tantum und dem Plural „Kulturen“ nachgedacht worden. Diese Verzweigungsgeschichte gilt es in philosophischer Perspektive aufzuarbeiten, um das Sprachspiel „Kultur“ in seiner Wissenschaft und Wissenschaften prägenden Form philosophisch zu reflektieren. Dabei ist auch die Übersetzungsgeschichte des Wortes in andere Sprachen zu berücksichtigen, die mehr oder weniger fruchtbare Adaptionen hervorgebracht hat. Sicher ist, dass das Wort „Kultur“ inzwischen in den großen Sprachen eine Wirkungsgeschichte entfaltet hat, sei es bei der Bezeichnung von Wissenschaften oder der alltäglichen Selbstzurechnung hinsichtlich der Zugehörigkeit zu einer bestimmten „Kultur“. Da „Kultur“ mehr denn je ein Selbstauslegungsmuster von Menschen in der Gegenwart ist, bedarf die kulturelle Semantik der eingehenden philosophischen Reflexion, auch um ihre ideologischen und rhetorischen Missbrauchsmöglichkeiten zu erkennen. Die Schwerpunkte der Forschungen liegen auf der Frage nach der Entstehung des Begriffs der „Kultur“ als singulare tantum im 18. Jahrhundert, der Entstehung des Plurals „Kulturen“ im 19. Jahrhundert und der Entstehung von „Interkulturalität“, „Multikulturalität“ und „Transkulturalität“ im 20. Jahrhundert.