Interaktionsräume im zeitgenössischen Kinder- und Jugendtheater.

Dissertationsprojekt Caroline Heinemann

Abstract des Vorhabens

Basierend auf der Annahme, dass der Produktionsraum von Theateraufführungen auf der Begegnung von Menschen unter bestimmten (örtlichen und inszenierten) Voraussetzungen basiert, werden ausgewählte Inszenierungen des zeitgenössischen Kinder- und Jugendtheaters im Hinblick auf die Besonderheiten ihrer jeweiligen Produktionsräume untersucht: Welche (materiellen, symbolischen, strukturierenden, atmosphärischen etc.) Bedingungen werden dem produktiven Wechselspiel von Spielern und Zuschauern durch den Ort der Aufführung und durch die inszenierten Vorgänge und Anordnungen zugrunde gelegt und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für den Charakter der jeweiligen Aufführung?

Raum und Zeit bilden die elementaren Grundbedingungen der Kunstform Theater. Ohne einen Ort, an dem Spielende und Zuschauende für einen gewissen Zeitraum gleichzeitig anwesend sind, kann Theater sich nicht ereignen, findet keine Aufführung statt:

„Mit Aufführung wird ein Ereignis bezeichnet, das aus der Konfrontation zweier Gruppen von Personen hervorgeht, die sich an einem Ort zur selben Zeit versammeln, um in leiblicher Ko-Präsenz gemeinsam eine Situation zu durchleben, wobei sie z.T. wechselweise als Akteure und Zuschauer agieren.“ [1]

Die Begegnung von Zuschauenden und Handelnden, die konstitutive Voraussetzung jeder Aufführung ist, ist dabei eingebettet in ein komplexes Gefüge von Bedingungen und Voraussetzungen, die maßgeblichen Einfluss auf das produktive Wechselspiel von Publikum und Akteuren nehmen. Dieses Zusammenspiel, das sich in der Begegnung von Menschen unter bestimmten (örtlichen und inszenierten) Voraussetzungen ereignet, wird hier als Produktionsraum theatraler Aufführungen bestimmt.

Dieser Produktionsraum soll mit Hilfe des Raumes als Analysekategorie beschreibbar und analysierbar gemacht werden. Zu diesem Zweck lege ich meiner Untersuchung ein relationales Raumverständnis zugrunde: Raum wird hier nicht als gegebene Größe vorausgesetzt, die wie ein Behälter von Menschen eingerichtet und bewohnt werden kann, sondern als Resultat menschlichen Handelns verstanden [2].Die Handlungssituation, die der Konstitution des Produktionsraumes einer Aufführung zugrunde liegt, ist dabei sowohl durch materielle und symbolische Elemente, Handlungsroutinen und Strukturen des jeweiligen Spielortes, als auch durch die materiellen und symbolischen Elemente, die funktionalen Zuschreibungen und Handlungsspielräume, die durch die Inszenierung gesetzt werden, gekennzeichnet. Die Begegnung von Spielern und Zuschauern und damit der Produktionsraum selbst, sind nicht losgelöst von diesen Bedingungen denkbar. Für das Theater als Kunst der Gleichzeitigkeit von Produktion und Reproduktion ermöglicht der Zugriff über den Begriff der Produktionsraumes, die zahlreichen Bedingungen und Prozesse, die an der Hervorbringung einer Aufführung beteiligt sind, herauszuarbeiten und in eine Beziehung zueinander zu setzen. Darüber hinaus erlaubt die Beschreibung theatraler Prozesse mithilfe der Analysekategorie Raum es in besonderer Weise, die Zuschauer als Bestandteil dieser produktiven Prozesse in den Blick zu nehmen: das Wechselspiel zwischen Zuschauern und Akteuren und die materiellen und symbolischen Bedingungen, die in dieses Wechselspiel einfließen, werden durch die Untersuchung der Aufführungssituation als relationaler (An)Ordnung [3] beobachtbar und der Analyse zugänglich. Dies macht den gewählten Zugriff in besonderer Weise für die Aufführungsprozesse im Theater für junge Zuschauer produktiv, denn hier erfährt die von Erika Fischer-Lichte beschriebene Feedback-Schleife [4], die die Beteiligung der Zuschauer an der Hervorbringung einer Aufführung erfasst, durch die entwicklungspsychologische Disposition und eine geringere Verinnerlichung der Theaterkonventionen des Kinderpublikums eine maßgebliche Vergrößerung.

Bestimmt man die Produktionsräume des Theater als relationale (An)Ordnungen, die den Prozessen der Hervorbringung von Theater zugrunde liegen, wird es möglich, die Beteiligung der Kinder, die meist auf einer intensivierten Interaktion von Spielern und Zuschauern basiert, sowie das örtliche und inszenierte Bedingungsfeld, das die Möglichkeiten dieser Interaktion festlegt, sichtbar und der Analyse zugänglich zu machen. Anhand ausgewählter Inszenierungsbeispiele wird somit unter anderem zu untersuchen sein, in welchem Verhältnis Zuschauer und Akteure zueinander positioniert werden, welche Handlungs-, Bewegungs- und Wahrnehmungsmöglichkeiten für Zuschauer und Akteure hergestellt werden und welche Handlungsroutinen in den jeweiligen (An)Ordnungen vorliegen, bzw. welche Spielvereinbarungen getroffen und vermittelt werden, damit die theatrale Handlung sich erst entfalten kann. Im Rahmen meiner Dissertation, die sich der zeitgenössischen Theaterpraxis des Kindertheaters verschrieben sieht, geschieht diese Untersuchung auf der Basis ausgewählter Inszenierungsbeispiele, die in ihrer Auswahl eine Typologie verschiedener, sich durch jeweils unterschiedliche (An)Ordnungen von Menschen und Gütern an Orten auszeichnender Produktionsräume, bilden.

Literatur (Auswahl)

Fussnoten

[1] Erika Fischer-Lichte: Aufführung, in: Fischer-Lichte/Kolesch/Warstat: Metzler-Lexikon Theatertheorie, Stuttgart 2005, S. 16

[2] vgl. Martina Löw: Raumsoziologie, Frankfurt a.M. 2001, S. 18

[3] vgl. ebd., S. 131 ff.

[4] vgl. Erika Fischer-Lichte,: Ästhetik des Performativen, Frankfurt a.M. 2004, S. 59 ff.