Corona – und dann? Digitalisierung im Bildungswesen – Professor Dr. Michael Wrase im Interview

lundi, 11. octobre 2021 um 06:53 Uhr

Einige Schulen haben die Digitalisierung in der Corona-Pandemie sehr stark vorangetrieben. Andere Schulen sind eher wieder geneigt, zu den analogen Lernformaten zurückzukehren, sagt Prof. Dr. Michael Wrase. Der Experte für Bildungsrecht untersucht, wie Schulen die Digitalisierung in ihren Entwicklungsprozess einbeziehen. „Digitalisierung ist momentan ein ad-on. Es wäre wichtig, in der Umsetzung der Digitalisierung sozial indikativ vorzugehen. Gerade Schulen mit größerer sozialer Belastung haben Schwierigkeiten, diese zusätzliche Anforderung zu verwirklichen“, so Professor Wrase. Das Interview ist Teil der crossmedialen Serie „Corona – und dann? Wie es perspektivisch weitergehen kann“.

„Bildungsschere hat sich weiter geöffnet“

Herr Professor Wrase, Sie forschen als Professor für Öffentliches Recht mit dem Schwerpunkt Sozial- und Bildungsrecht an der Universität Hildesheim und am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Was lernen wir aus der Corona-Pandemie aus der Perspektive der Bildungsforschung und dem Bildungsrecht?

Wrase: Die Bildungsforschung zeigt, dass die Situation mit den Schulschließungen vor allem die Bildungsschere weiter geöffnet hat. Die Studien, die bisher dazu vorliegen, weisen dies eindrücklich aus. Kinder aus sozial besser gestellten Familien mit einer höheren Bildungsnähe konnten die Pandemie besser bewältigen; das hängt auch damit zusammen, dass die Kinder und Jugendlichen früher daran gewöhnt werden, eigenständiger zu arbeiten. Wohingegen Kinder aus sozial schwächeren und bildungsferneren Elternhäusern teilweise große Probleme im digitalen Homeschooling hatten.

Die Bildungsforschung ist sich sehr einig darin, dass durch die Pandemie eigentlich nur strukturelle Probleme vergrößert wurden. Es reicht jetzt nicht aus, ein paar Lernrückstände aufzuholen. Ein generelles Problem im deutschen Bildungssystem ist, dass wir zu wenig Unterstützung haben für diejenigen Kinder, die von ihren Familien nicht so viel Bildungskapital selber mitbringen. Das müssen wir verändern.

Wie kann Digitalisierung Teil eines Schulentwicklungsprozesses sein, der alle mitnimmt?

Die Digitalisierung im Bildungswesen hat, vermute ich, einen besonderen Anschwung erhalten durch die Corona-Pandemie. Gemeinsam mit Daniel Rohde vom Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim befassen Sie sich in einem Forschungsprojekt mit der „Umsetzung des ‚Digitalpakts Schule'", mit Wirkungsweisen und möglichen Problemlagen. Mit dem „Digitalpakt Schule“ hat der Bund zusammen mit den Bundesländern ein Milliardenprogramm zur Digitalisierung der Schulen aufgelegt. Was sind erste Erkenntnisse Ihrer Forschung?

Wrase: Zunächst kann ich bestätigen, was Sie sagen. Wir waren in Deutschland und sind auch weiterhin im europäischen Vergleich nicht das führende Land, was die Digitalisierung von Bildung und insbesondere Schule betrifft. Wir hinken hinterher.

Aber die Pandemie hat tatsächlich dazu geführt, dass zum Beispiel der Anteil von digitalen Lerninhalten zugenommen hat, aber auch die Notwendigkeit und Bereitschaft von Lehrkräften, sich mit Online-Tools, Lernmodulen und so weiter zu befassen und diese in ihren Unterricht einzubauen. Das war während des Fernunterrichts in der Pandemie teilweise gar nicht anders möglich.

Wir sehen – das führt zu den Ergebnissen unserer Forschung – eine sehr große Heterogenität: Einige Schulen haben die Digitalisierung in der Corona-Zeit sehr stark vorangetrieben – teilweise auch schon vorher, aber das waren wenige. Andere Schulen arbeiten teilweise noch sehr analog und sind auch jetzt eher wieder geneigt, zu den analogen Lernformaten zurückzukehren. Dieser Befund ist gar nicht mal unbedingt an den jeweiligen Bundesländern festzumachen, die diesbezüglich unterschiedliche Politiken fahren.

Der Umgang mit der Digitalisierung kann von Schule zu Schule unterschiedlich sein – die Schulleitungen spielen eine große Rolle. Und wir sehen in den Schulen selbst eine große Unterschiedlichkeit: Lehrkräfte, die sich wirklich reinhängen und viel machen und dies künftig weiterführen möchten. Und andere, die sehr zurückhaltend sind. Die Frage ist, wie kann Digitalisierung Teil eines Schulentwicklungsprozesses sein, der alle mitnimmt?

Wie gehen Sie in Ihrem Forschungsprojekt vor? Was ist Ihre leitende Forschungsfrage?

Wrase: Der „Digitalpakt Schule“ sieht ein Fünf-Milliarden-Programm vor, auf fünf Jahre verteilt. Das Geld kommt vom Bund, muss durch die Länder ergänzt werden und wird auf Landesebene umgesetzt. Nach dem Königsteiner Schlüssel werden die Gelder auf die Länder verteilt für Maßnahmen im Bereich der Digitalisierung, insbesondere hinsichtlich des Internetzugangs und der Beschaffung digitaler Endgeräte.

Unser Projekt ist keine vollständige Evaluation des „Digitalpakts“. Wir gehen explorativ vor und konzentrieren uns auf sieben Bundesländer: Bayern, Berlin, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Sachsen. Gefördert wird das Projekt von der GEW-nahen Max-Traeger-Stiftung.

In den Ländern wird der Digitalpakt Schule mit sehr unterschiedlicher Intensität und unterschiedlichen Konzepten umgesetzt. Wir analysieren die Landesebene, die Ebene der Schulträger und die Schulen – auf ihrem Wirken liegt unser Hauptfokus.

Wir untersuchen, wie die Schulen in ihrem Schulentwicklungsprozess mit der Digitalisierung umgehen. Die Schulen erstellen Bildungskonzepte; erheben, was bereits vorhanden ist und wo sie mit der Digitalisierung hinwollen. Wie können Schulen einen wirklichen Entwicklungsprozess starten, und nicht nur meinetwegen zehn Smartboards anschaffen? Es braucht entsprechende Schulungen und Weiterbildungen des Lehrpersonals und es braucht einen IT-Support, der an vielen Schulen nicht gewährleistet ist.

„In der Corona-Pandemie sind sich die Schulen der Notwendigkeit der Digitalisierung bewusst geworden“

Vor dem Hintergrund dieses Feldzugangs und dieser Einblicke, die Sie in Schulen während der Corona-Pandemie erhalten haben: Wie weit sind die Schulen in Sachen Digitalisierung Ihrer Ansicht nach gekommen?

Wrase: In der Corona-Pandemie sind sich die Schulen der Notwendigkeit der Digitalisierung bewusst geworden. Es wurden Hemmschwellen in Bezug auf die Digitalisierung im Bildungswesen abgebaut.

Der Digitalpakt ist vor der Corona-Pandemie beschlossen worden, in der Politik war zuvor das Bewusstsein da, dass etwas getan werden muss. Wir sehen, dass jetzteiniges entsteht. Es stellt sich die Frage, in welche Richtung das Programm nach der ersten Phase weiter geht. Zum einen muss man verstetigen und der Bund sich weiterhin in dieser Höhe beteiligen, denn die Länder und Kommunen können das nicht alleine stemmen. Die Anschaffungen sind nicht einmalig und wir können bei weitem noch nicht von einer Vollausstattung in den Schulen sprechen; insbesondere die Grundschulen haben deutlich Aufholbedarf.

Die weitere Frage ist: Wie integriert man das, was an Hardware vorhanden ist, in die Bildungsinhalte, in die pädagogische Arbeit? Die meisten Schulen sind diesbezüglich noch weit zurück. Zudem stellt sich die Frage, wie in der Schulentwicklung alle Lehrkräfte und pädagogisch Mitarbeitenden mitgenommen werden. Wir sehen: Gerade diejenigen, sie sich in Fortbildungen engagieren und Digitalisierung in ihren Unterricht mit aufnehmen, stecken wie in einem Schneeballsystem andere innerhalb ihrer Schule an.

Zu beachten ist, dass die gesamte Entwicklung der Digitalisierung im Bildungswesen von dem Fachkräftemangel begleitet wird. In den meisten Bundesländern fehlen bereits die Fachkräfte, um die normalen Unterrichtsstunden zu gewährleisten. Digitalisierung kommt als Aufgabe hinzu. Um das trotzdem hinzubekommen, sind kreative Lösungen gefragt. Wir werden einige Impulse und Empfehlungen in unseren Endbericht mit aufnehmen.

Welche Rolle kommt den Universitäten zu, kann aus den Universitäten und der dortigen Lehramtsausbildung ein Impuls für die Bildung in der digitalen Welt erwachsen?

Wrase: Wir haben zum Beispiel im Leitbild unserer Universität Inklusion und Digitalisierung. Es wäre gut und wichtig, wenn in der Didaktikausbildung digitale Formate eine große Rolle spielen – ich bin kein Didaktiker, daher möchte ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Digitalisierung muss aber generell mitgedacht werden in der pädagogischen und didaktischen Ausbildung an Universitäten. Hier sollten Kolleginnen und Kollegen weiter unterstützt werden, Lehrinhalte, die digitale Formate umfassen, zu realisieren. Je früher ich mich öffne, umso normaler und unproblematischer wird es für künftige Lehrerinnen und Lehrer, Digitalisierung in ihrer Arbeit einzubeziehen. Das ist die Aufgabe der Stunde.

„Wir können in unserer Forschung eindeutig herausarbeiten: Digitalisierung ist momentan ein ad-on. Es wäre wichtig, in der Umsetzung der Digitalisierung sozial indikativ vorzugehen. Gerade Schulen mit größerer sozialer Belastung haben Schwierigkeiten, diese zusätzliche Anforderung zu verwirklichen.“

In Ihrer wissenschaftlichen Wirkungsanalyse fokussieren Sie das komplexe Zusammenspiel der vier Steuerungsebenen Bund, Länder, Schulträger und Schulen und der Nachhaltigkeit von Maßnahmen der Digitalisierung. Wie kann Digitalisierung gelingend in der schulischen und pädagogischen Praxis verankert werden? Und wo liegen mögliche soziale und regionale Disparitäten?

Wrase: Soweit wir Erkenntnisse und Daten vorliegen haben, können wir feststellen, dass Schulen mit einem sehr hohen Bildungsanspruch, die sich frühzeitig auf den Weg gemacht haben, Digitalisierung umzusetzen, verhältnismäßig weit sind. Das betrifft im Regelfall Gymnasien, Sekundarschulen oder Berufsschulen. Schulen, die mehr Schülerinnen und Schüler aus sozial benachteiligten Elternhäusern unterrichten, hinken im Bereich der Digitalisierung dagegen oft hinterher. Viele Pädagoginnen und Pädagogen sind an diesen Schulen eher belastet und es bleibt weniger Zeit, sich dann auch noch mit digitalen Formaten zu befassen.

Wir können in unserer Forschung eindeutig herausarbeiten: Digitalisierung ist momentan ein ad-on. Schulen erhalten zwar die Ressourcen aus dem Digitalpakt, aber das Gelingen hängt oft davon ab, ob eine Lehrerin sich zum Beispiel nachmittags nochmal hinsetzt und sich damit befasst. Schulen mit größerer sozialer Belastung können noch schwerer diese zusätzliche Anforderung verwirklichen.

Was sollte aus Ihrer Sicht besondere Beachtung finden?

Wrase: Es wäre wichtig, in der Umsetzung der Digitalisierung im Bildungswesen sozial indikativ vorzugehen. Gerade die Schulen mit mehr Schülerinnen und Schülern, die zum Beispiel Sozialleistungen empfangen, brauchen eine stärkere Unterstützung bei der Digitalisierung.

Und ganz generell: Wir können momentan nicht absehen, wie sich die Pandemie weiterentwickelt. Die Pandemie war gerade für die sozial benachteiligten Schülerinnen und Schüler sehr problematisch. Zur Entlastung aller Familien und um die Bildungsschere nicht noch weiter auseinander gehen zu lassen, sollte alles daran gesetzt werden, dass die Schulen jetzt auch über den Herbst und Winter in Präsenz weiterarbeiten können.

Herr Professor Wrase, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Isa Lange.

 

Zur Person:

Michael Wrase ist Professor für Öffentliches Recht mit den Schwerpunkten Sozial- und Bildungsrecht am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim in gemeinsamer Berufung mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Verfassungsrecht, Bildungsrecht, Sozialrecht, Antidiskriminierungsrecht und Rechtssoziologie. In der Lehre liegen die Schwerpunkte im Bildungsrecht, dem Sozialrecht und den Grundlagen des Sozialstaats.


Alle Beiträge der crossmedialen Serie „Corona – und dann? Wie es perspektivisch weitergehen kann“ finden Sie hier:

www.uni-hildesheim.de/corona-und-dann/


Prof. Dr. Michael Wrase. Foto David Aussenhofer