Wie Jugendliche lernen, mit religiöser Vielfalt umzugehen

Wednesday, 10. September 2014 um 14:34 Uhr

Wie können Kinder und Jugendliche lernen, mit konfessioneller und religiöser Vielfalt umzugehen? „Mehr Bildung über Religion ist notwendig“, sagt Theologieprofessor Martin Schreiner. Etwa 140 evangelische und katholische Theologen diskutieren in Hildesheim, wie ökumenische Zusammenarbeit in und außerhalb von Schule gelingen kann.

Etwa 140 evangelische und katholische Theologen diskutieren in Hildesheim, wie ökumenische Zusammenarbeit in und außerhalb von Schule gelingen kann. Konfessionelle Unterschiede waren lange Zeit ein wichtiges Merkmal in der religiösen Bildung. In dieser Woche stellen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf einer religionspädagogischen Jahrestagung aber die Frage: Wie können Kinder und Jugendliche lernen, mit konfessioneller und religiöser Vielfalt umzugehen? Auch in der Wissenschaft ist die Ökumene präsent: Konfessionell gemischte Teams geben an der Universität Hildesheim gemeinsam wissenschaftliche Reihen und Handbücher heraus und arbeiten in gemeinsamen Forschungsprojekten.

Martin Schreiner, Professor für Evangelische Theologie und Religionspädagogik an der Universität Hildesheim, hält angesichts der aktuellen Herausforderungen in Schule und Gesellschaft insgesamt ein deutliches Plus an religiöser Bildung und interreligiöser Verständigung für notwendig. Er fordert „mehr Bildung über Religion und Bildung in Religion“. Der Religionsunterricht müsse weiterentwickelt und die Möglichkeiten zu einem konfessionsübergreifenden Unterricht ausgebaut werden. Kinder und Jugendliche setzen sich dann mit religiösen Inhalten auseinander, zum Beispiel mit Texten aus dem Alten und Neuen Testament, mit dem Glaubensbekenntnis und kirchengeschichtlich wichtigen Daten und Personen sowie der „Außenseite der Religion“. „Dadurch erlangen die Schülerinnen und Schüler Deutungskompetenz“, sagt Martin Schreiner. Religiöse Inhalte entstehen in den praktischen Vollzügen einer Religion. Allerdings gehe es im Religionsunterricht nicht darum, zu „missionieren", sondern „die Innenseite der Religion“ zu erleben.

In Niedersachsen sieht Professor Schreiner eine sehr positive Entwicklung hin zu einem Drei-Säulen-Modell: Das Modell des gemeinsam verantworteten konfessionell-kooperativen Religionsunterrichts sowie des Werte- und Normen-Unterrichts soll künftig erweitert werden um islamischen Religionsunterricht als dritter Säule einschließlich des an einigen Standorten nach wie vor bestehenden jüdischen Religionsunterrichts. Von einem religionskundlichen Unterricht für alle hält der Theologe allerdings nichts. „Es gibt keine positionslose gleichsam ‚neutrale‘ Religion. Religionsunterricht ist immer an ein konkretes religiöses Bekenntnis und an eine bestimmte religiöse Praxis gebunden.“

Künftige Religionslehrerinnen und Religionslehrer schickt Martin Schreiner frühzeitig in die schulische Praxis. Im ersten Studienjahr beobachten die Lehramtsstudierenden der Universität Hildesheim ein Jahr lang einmal in der Woche Unterricht. Jede Stunde bereiten sie mit einem Lehrer und Erziehungswissenschaftler vor und nach. Im November 2014 starten die nächsten Studienanfänger in ihre schulpraktischen Studien. Später folgen Fachpraktika, in denen sie unter anderem erfahren, wie Kinder und Jugendliche über Religion und Glaube denken. Man arbeite in Hildesheim in einem „guten ökumenischen Miteinander“, so Schreiner. Die Wissenschaftler haben eine ökumenische „Lernwerkstatt Religionsunterricht“ aufgebaut und bieten zusammen Lehrveranstaltungen an. Gemeinsam mit Professorin Christina Kalloch vom Institut für Katholische Theologie laufen Forschungen im Bereich der Kinder- und Jugendtheologie, sagt Martin Schreiner. Sie haben das 11. Jahrbuch für Kindertheologie herausgegeben mit dem Titel „Gott hat das in Auftrag gegeben. Mit Kindern über Schöpfung und Weltentstehung nachdenken" und im Herbst erscheint das gemeinsam erarbeitete umfangreiche Handbuch „Theologisieren mit Kindern".

Jahrestagung Religionspädagogik

Die gemeinsame Jahrestagung der Gesellschaft für wissenschaftliche Religionspädagogik e.V. und der Arbeitsgemeinschaft katholische Religionspädagogik/Katechetik findet vom 11. bis 14. September 2014 in Hildesheim (Programm) statt. Zum Auftakt geben Professor Rudolf Englert (Essen) aus katholischer und Professor Friedrich Schweitzer (Tübingen) aus evangelischer Perspektive einen Überblick, was evangelische, katholische und ökumenische Religionspädagogik beinhaltet. Die Forscher befassen sich auf der Konferenz außerdem mit den aktuellen Phänomenen der Religionslosigkeit (Professorin Maria Widl und Dr. Tobias Kläden aus Erfurt) und der sogenannten Rückkehr zur Religion (Professor Henrik Simojoki aus Bamberg und Professor David Käbisch aus Frankfurt). Professor Athanasios Stogiannidis aus Thessaloniki gibt einen Einblick in orthodoxe Religionspädagogik in Griechenland und Professor Jeff Astley stellt Perspektiven anglikanischer Religionspädagogik vor. Professor Manfred Pirner aus Erlangen und Dr. Viera Pirker aus Wiesbaden thematisieren das Phänomen der Medialisierung aus theologisch-religionspädagogischer Sicht. Professorin Ulrike Link-Wieczorek aus Oldenburg und Professorin Annemarie Mayer aus Leuven widmen sich Themen aus der ökumenischen Bewegung. In Workshops geht es um Beispiele konfessioneller Kooperation in der religiösen Bildungsarbeit sowie in religionspädagogischer Forschung und Lehre.

Zur Person:

Martin Schreiner ist seit 1997 Professor für Evangelische Theologie und Religionspädagogik an der Universität Hildesheim und langjähriges Vorstandsmitglied der Gesellschaft für wissenschaftliche Religionspädagogik.