Prof. Dr. Josef Riedmann: Neu aufgefundene Texte von Schreiben Kaiser Friedrichs II. (1250) und seines Sohnes König Konrads IV. (1254) in einer Handschrift der Universitätsbibliothek Innsbruck

Josef Riedmann

Neu aufgefundene Texte von Schreiben Kaiser Friedrichs II. (1250) und seines Sohnes König Konrads IV. (1254) in einer Handschrift der Universitätsbibliothek Innsbruck – Vortrag am 11. 2. 2009 in Hildesheim

Am Mittwoch, den 11. Februar 2009, luden der Hildesheimer Heimat- und Geschichtsverein e.V. und das Institut für Geschichte der Universität Hildesheim in den Riedelsaal der VHS Hildesheim zu einem öffentlichen Vortrag von Prof. em. Dr. Josef Riedmann von der Universität Innsbruck, der zum Thema neu aufgefundene Texte von Schreiben Kaiser Friedrichs II. ( 1250) und seines Sohnes König Konrads IV. ( 1254) in einer Handschrift der Universitätsbibliothek Innsbruck referierte. Im Jahre 2005 wurden in einem unscheinbaren Codex der Universitätsbibliothek Innsbruck Abschriften von über 200 Schriftstücken aus der späten Stauferzeit entdeckt. Mehr als die Hälfte davon waren bisher nicht bekannt. Etwa drei Dutzend der neuen Texte stammen von Kaiser Friedrich II. ( 1250) und über 100 von seinem Sohn König Konrad IV. ( 1254). Im Vortrag von Prof. Riedmann wurde die Geschichte dieser Entdeckung aufgezeigt sowie eine vorläufige Auswertung der neuen Stücke mit den damit verbundenen noch offenen Fragen vorgenommen.

Riedmann führte einleitend aus, dass sich das Sammlen von Quellen zur Geschichte des Mittelalters vielfach auf Texte von Herrschern, Königen und Kaisern konzentriert hat, und daher war man auch der Meinung, dass für den Zeitraum bis etwa zur ausgehenden Stauferzeit (ca. 1250) die Sammlung des einschlägigen Materials praktisch abgeschlossen sei.. Im Rahmen der UB Innsbruck existiert jedoch im Bereich Sondersammlung ein Bestand von rund 1.000 Handschriften, die noch nicht alle systematisch erforscht waren. In diesem Zusammenhang kam ein von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften initiiertes Projekt zur exakten Katalogisierung von Handschriften zum Tragen. Dabei handelt es sich um ein sehr schwierige Herausforderung, denn jeder Codex ist ein Unicum. So gibt es variierende Versionen von bekannten Texten, oft auch nur Bruchstücke ohne Angabe von Verfassern und Titeln, die in Innsbruck wie auch in anderen vergleichbaren Bibliothekn noch nicht restlos und systematisch erfasst sind. Federführend bei den Erfassungs- und Rekonstruktionsarbeiten der Handschriften in der UB Innsbruck war Direktor Hofrat Dr. Walter Neuhauser, der mit seinen Mitarbeiterinnen den Inhalt der ersten dreihundert Handschriften in drei Bänden publiziert hat und dann das Manuskript für den vierten Band (Codices 201-400) vorlegte. Im Codex 400 tauchte nun ein großer Überlieferungscorpus bis dato unbekannter Schreiben, darunter drei Dutzend von Friedrich II. und über 100 von Konrad IV. auf.

Woher und wie gelangten diese Abschriften in die UB Innsbruck? Des Codex 400 stammt aus einer Kartause namens Allerengelberg im Südtiroler Schnalstal, die dort um cirka 1330 gegründet worden war, und hier wurden dann im 15. Jahrhundert drei bis dahin selbständigen Handschriften zu einem einheitlichen Codex zusammengebunden. Nach der Auflösung des Klosters im Jahre 1784 unter dem aufgeklärten Monarchen Kaiser Joseph II. gelangte die Handschrift in den Besitz der Innsbrucker UB. Dass die einzigartige Quellensammlung so lange unerkannt blieb, lag unter anderem am irreführenden Titel des unscheinbaren, kleinformatigen Kodex, der „Notule rhetoricales diverse“ („Verschiedene rhetorische Anmerkungen“) lautet. Entdeckt wurden die lateinischen Texte vom pensionierten Bibliotheksdirektor Neuhauser, der sich dann mit dem Mediävisten Riedmann in Verbindung setzte.

Zur Quelle selbst: Es handelt sich um eine auffallend kleinformatige Pergamenthandschrift, wobei die Seiten sehr eng beschreiben wurden. Mit dem kostbaren Pergament musste man offensichtlich sparsam umgehen. Im ersten Teil des Codex geht es um Priscians Institutiones minores, im zweiten Teil um Ludolf von Hildesheim, „Summa dictaminum“, im dritten um besagte „Notule rhetoricales diverse“. Darin sind Briefe, Mandate und Urkunden aus dem 13. Jahrhundert, ausgestellt von den staufischen Herrschern, von Päpsten und anderen Persönlichkeiten, festgehalten. Es gab wahrscheinlich einen Hauptschreiber und drei weitere Kopisten. Datierungen der Stücke sind nicht vorhanden, dafür zahlreiche Verschreibungen. Auffallend ist die äußerst platzsparende Vorgangsweise, erkennbar an vielen Abkürzungen („Fr.“, „C.“) und dem Verzicht auf dekorative Elemente. Die Schriftart ist gekennzeichnet durch den Übergang von der karolingischen Minuskel zur gotischen Schrift. Sie wird von den Paläografen auf die Zeit um 1260/70 datiert. Eigennamen sind sehr oft verschrieben, z.B. König Hector (verschrieben für Hethum) von Armenien (Kilikien) oder Anfusus für Alfons von Kastilien etc. Ein Markgraf Berthold von Hohenburg ist hingegen mehrfach präzise wiedergegeben, während Namen von “entfernteren” Persönlichkeiten oft verballhornt sind. Riedmann schließt auch deshalb auf einen Schreiber deutscher Herkunft. Dessen Hauptinteresse konzentrierte sich offenbar auf die Sammlung schöner Formulierungen und vor allem prunkvoller Einleitungen von Schreiben aller Art. Eigennamen wurden auch oftmals weggelassen bzw. mit „talis“ gekennzeichnet, was der heutigen Abkürzung „N.N.“ (Unbekannt) entspricht.

Die bisher unbekannten Texten Konrads IV. stammen im wesentlichen aus den Jahren von 1252-1254. Riedmann schließt aus, dass es sich dabei um Fälschungen handelt und ebensowenig um Stilübungen phantasievoller Schreiber aus dem 13. Jh., sondern um authentische Wiedergaben. Die Echtheit läßt sich auch durch die Übereinstimmung von wenigen andernorts erhaltener Dubletten nachweisen. Es handelt sich also um „echt gelaufene“ Schreiben des Konrad IV., die kopiert wurden. Sie kreisen thematisch um den Raum des Königreichs Sizilien, berichten von Enzio, dem Lieblingssohn Friedrichs II., von Friedrich von Antiochien, von den Konflikten des Herrschers mit dem Papst, den Propagandaschriften Friedrichs II., aber auch von den päpstlichen Gegenpropaganda-Aktionen. Einen analogen Inhalt bieten auch die unbekannten Schreiben Kaiser Friedrichs II. Auffallend ist die weite Streuung der Adressaten der kaiserlich und königlichen Schreiben. Sie wenden sich an den Dogen von Venedig, den Kaiser von Byzanz, an römische Adelige, an Podestàs (Statthalter) in verschiedenen italienischen Kommunen, an Empfänger in der Toskana und in der Lombardei bis hin zu den Königen von England, Frankreich, Ungarn, Dänemark und Kastilien. Die Dokumente zeigen bespielsweise, wie Konrad die diplomatischen Beziehungen zum Papst sowie zu den genannten Herrschern im gesamten europäischen Bereich bis in den Vorderen Orient zu gestalten und ganz in der universalen Herrschaftskonzeption seines Vaters zu agieren versuchte. Die meisten neuen Dokumente betreffen aber Angelegenheiten des Königreiches Sizilien, zu dem damals auch Unteritalien gehörte. Sie enthalten auch eine Fülle rechtsprechender, zivilrechtlicher, verwaltungstechnischer, wirtschaftlicher und kulturgeschichtlicher Informationen. Deutlich wird, dass Konrad IV. das Gesetzgebungswerk seines Vaters Friedrich II. fortzusetzen bestrebt war und bis in den kleinsten Bereich des alltäglichen Bereichs einzugreifen versuchte. So geht es beispielsweise um die Errichtung von Mühlen und Wasserleitungen sowie um den Aufbau einer effizienten Verwaltung mit sehr detaillierten Anweisungen. So erteilte Konrad in einem Schreiben die Erlaubnis, zwei Häuser eines Besitzers in einer Nebenstraße durch einen Bogen zu verbinden und in einem anderen regelt er Erbstreitigkeiten. Auch wirtschaftspolitische Maßnahmen werden angesprochen, etwa der Ausbau der Hafenanlagen von Barletta und Salerno. Zu diesem Zweck wurden eigene Mandate erlassen. Es geht ferner um die Rekrutierung von Fachleuten für diese Häfen sowie um das Niederlassungsrecht von Juden, um die Zuwanderung in das Königreich Sizilien oder die organisatorische Ausgestaltung des Studiums universale in Salerno nach dem Muster Neapel. König Konrad IV. bewegte sich somit in allen Bereichen in den Fußstapfen Kaiser Friedrichs II. Riedmann hielt aber auch fest, dass Konrad nach 1252 kaum mehr engen Beziehungen in den Norden nach Deutschland unterhielt und brachte dafür ein eindrucksvolles Beispiel: Konrad ließ sogar seine schwangere Frau (mit dem zu erwartenden Konradin) zurück.

Riedmann wies schließlich daraufhin, dass die Geschichte Friedrichs II. aufgrund der Neufunde nicht neu geschrieben werden müsse, aber sie könne um einige neue Gesichtspunkte und Nuancen ergänzt werden. Die Geschichte Konrads IV. sei hingegen tatsächlich neu zu schreiben, zumal sie auch bisher – vor allem infolge des Mangels an einer genügenden Zahl aussagekräftiger Quellen - nicht geschrieben worden sei. Ein völlig neues Bild entsteht also für Konrad IV. hinsichtlich seiner Aktivitäten in seinem Königreich Sizilien in den Jahren 1252-54. In diesem Bereich hat sich durch die Neufunde die Zahl der einschlägigen Quellen etwa verdreifacht.

Angesichts der machtpolitisch hoffnungslosen Lage in Deutschland war Konrad 1252 nach Italien gezogen. Im Oktober 1253 eroberten seine Truppen Neapel, seine Herrschaft wurde jedoch vom Papst nicht anerkannt. Im Mai 1254 ereilte den erst 26jährigen Herrscher bei der Überfahrt vom Festland nach Sizilien der Tod. Sein Herz und seine Eingeweide wurden in Melfi beigesetzt. Sein Sohn Konradin, den Konrad selbst nie zu Gesicht bekommen hatte, war noch unmündig, so dass Konrads Halbbruder Manfred zunächst als Reichsverweser im südlichen Königreichs auftrat.

Zuletzt berührte Riedmann zwei offene Fragen: Woher kommt dieser Codex, bevor er ins Schnalstal gelangt? Wie kommt er dann in den Norden ausgerechnet in den tirolischen Raum? Die wahrscheinlichste Lösung: Die Dokumente müssen in der Kanzlei Konrads IV. vorhanden gewesen sein. Zwischen Registereintragungen und der Innsbrucker Überlieferung bestehen zahlreiche formalet Zusammenhänge. Derartige Unterlagen aus der Umgebung Konrads IV. sind nicht überliefert, doch die bis in das 20. Jahrhudnert noch existierenden Registerfragmente aus der Kanzlei Friedrichs II. könnnen zum Vergleich herangezogen werden. Möglicherweise geht die Innsbrucker Sammlung direkt oder indirekt auf einen Unbekannten zurück, der Zugriff auf Bestände in der Kanzlei Konrads IV. hatte. Die Kopien sind auch als Überlieferungsgattung nicht einmalig. Unter dem Namen des Petrus de Vinea, eines maßgeblichen Kanzleimitarbeiter Friedrichs II., ist eine ähnliche Sammlung in vielen hunderten Codices fast in aller Welt erhalten geblieben, während die Innsbrucker Überlieferung eben nur in einer einzigen Kopie existiert. Zum Tirol-Konnex verwies Riedmann auf einen eher vagen Konradin-Bezug: Der in Neapel 1268 hingerichtete Konradin war der Sohn Konrads IV. und der Elisabeth von Bayern. Diese war in zweiter Ehe seit 1258 mit Meinhard II., dem Grafen von Görz und Tirol und Herzog von Kärnten, verheiratet. So könnte theoretisch eine Verbindung zwischen Sizilien und Tirol bestanden haben. Ein Gefolgsmann Konrads könnte den König nach dem Süden begleitet haben und nach dessen Tod mit den Abschriften wieder nach dem Norden zurückgekehrt sein. Möglicherweise ist er dann in ein Kloster eingetreten, was die verschiedenen Hände im Codex erklären würde. Riedmann verwies aber auch nachdrücklich auf die spekulative Dimension dieser Überlegungen. Die anschließende Diskussion förderte noch eine Reihe aufschlußreicher Aspekte zutage.

Siehe auch den Artikel

„Die Freuden der Schweigemönche. Briefe der Stauferkaiser in Innsbruck entdeckt“, in: Neue Zürcher Zeitung, 23. Juli 2005

http://www.nzz.ch/2005/07/23/fe/articleD01S1.html

und Josef. Riedmann, Unbekannte Schreiben Kaiser Friedrichs II. und Konrads IV. in einer Handschrift der Universitätsbibliothek Innsbruck. Forschungsbericht und vorläufige Analyse, in: Deutsches Archiv zur Erforschung des Mittelalters 62 (2006) 135-200.

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