Mittel- und Osteuropa - weiterhin ein interessanter Raum für europäische Banken?

Mittel- und Osteuropa – weiterhin ein interessanter Raum für europäische Banken?

Es gilt das gesprochene Wort!

 

 

Die österreichischen Banken waren im Verlauf der Finanzkrise in den USA wegen ihrer starken Beteiligung in Mittel- und Osteuropa (CEE, Central Eastern Europe) in der Kritik und gelten in den Medien noch immer in besonderem Maße als Roulette- und Vabanquespieler. Zwischen Prag und Kiew waren und sind sie die größten Kreditgeber. Bislang wurden zwei Banken verstaatlicht, darunter die bis Dezember letzten Jahres mehrheitlich zur Bayern LB gehörende Hypo Group Alpe Adria.

Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria, vergleicht im folgenden Vortrag die Rolle österreichischer Banken mit dem Engagement von Banken der Nachbarländer und geht der Frage nach, ob Mittel- und Osteuropa überhaupt noch ein interessanter Raum für europäische Banken ist.

 

Mag. Stefan Bruckbauer studierte Volkswirtschaft an der Universität Linz, wo er in der Folge als Assistent am Institut für Volkswirtschaftstheorie tätig war. Ab 1990 war er Mitarbeiter der Abteilung Volkswirtschaft der Zentralsparkasse, dann Abteilungsleiter-Stellvertreter der Abteilung Bankkonzernvolkswirtschaft und Marktanalysen der Bank Austria Creditanstalt AG mit den Schwerpunkten Österreich, Finanzmärkte, EU, Euro und Osteuropa. Daneben war Bruckbauer Lektor für Volkswirtschaftstheorie an der Universität Linz.

 

Seinen Vortrag beginnt Bruckbauer mit der Frage, was genau mit CEE bezeichnet wird. Es sind dies in jedem Fall die Neuen Mitgliedstaaten der EU: Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowakei, Slowenien, Ungarn, Bulgarien und Rumänien. Hinzu zu zählen wären Kroatien, Serbien, Bosnien, Russland und die Ukraine sowie bisweilen Montenegro, Mazedonien, Albanien, Moldawien, Kasachstan und Weißrussland. Vor der allgemeinen Wirtschafts- und Finanzkrise sei der Handel mit diesem Wirtschaftsraum eine deutliche Erfolgsgeschichte gewesen, so Bruckbauer. Um dies zu erläutern, präsentiert er eine Vielzahl an Statistiken, die man der beigefügten Power-Point-Präsentation entnehmen mag. Zunächst geht er auf einen Vergleich von Einkommenszuwächsen ein und hebt hervor, dass CEE (114% Veränderung BIP pro Kopf in Euro, 2000 bis 2009) mit einem Wachstum ähnlich demjenigen Chinas (144%) aufwarten konnte; Russland beeindruckt sogar mit einem Wachstum von 232% im gleichen Zeitraum. Ein Blick auf die Grafik zu den Stabilisierungserfolgen von CEE 1995-2009 beweist, dass die anfangs noch starken Schwankungen ab spätestens 2001 in eine geringe Inflationsrate von ca. 5% übergehen und sich ebenso die Wechselkurse stabilisierten. Diese Umstände hatten zur Folge, dass die ausländischen Direktinvestitionen in den neuen Mitgliedsstaaten von 1992 bis 2008 von 1 auf 396 Mrd. Euro anhoben. Trotz des prozentual steilen Anstiegs dieser Entwicklung bewegt sich die hier genannte Kapitalmenge allerdings noch auf einem Niveau, die CEE für die Banken der großen EU-Staaten eher unattraktiv sein ließ. Anders verhält es sich mit mittelgroßen Staaten wie Österreich, weshalb die UniCredit Bank Austria, der Bruckbauer angehört, sich entschloss, zum größten Kreditgeber in diesem Raum zu werden (6,6%). Dementsprechend ist diese Bank – gefolgt von Raiffeisen und Erste – der größte Player in CEE. Vergleicht man die Erträge von österreichischen Banken insgesamt und den Teil, der durch ihre Tochterbanken in CEE erzielt wird, so ergibt sich, dass zwar die Gewinne der Letzteren seit 2004 stetig zunehmen, aber lediglich 2008 (aufgrund von Firmenwertabschreibungen für Beteiligungen in CEE) höher lagen als die Gewinne der Banken in Österreich. Dies widerlegt, betont Bruckbauer, zwei in Deutschland weit verbreitete Mythen: 1. dass die österreichischen Banken nur in CEE verdienen, und 2., dass österreichische Banken nun auch dort nichts mehr verdienen. Eine Analyse der österreichischen Exporte ergibt klar, dass Deutschland der mit Abstand wichtigste Handelspartner Österreichs ist, aber in Bezug auf CEE ist ebenso deutlich ersichtlich, dass Österreich von dort stets weniger importierte als dorthin exportierte. Seit 1988 waren beim Handel Österreichs mit Osteuropa jährliche Gewinne zu verbuchen, 2007 und 2008 sogar über 10 Mrd. Euro und auch 2009 dürften es über 5 Mrd. gewesen sein.

Dann kam die Krise mit ihren massiven Problemen, die sich hinsichtlich der Entwicklung in Osteuropa ähnlich gestalteten wie in der EU, d.h. sowohl Einbruch, aber auch die Erholung dort gleichzeitig einsetzte. Am schwersten war die Ukraine betroffen, die, wie der Redner zugibt, praktisch als bankrott eingestuft wurde. Dennoch wehrt Bruckbauer sich gegen die Behauptung, dass CEE ganz besonders von der Krise betroffen gewesen sei. Dem Vergleich mit Island, so zeigt er anhand einer entsprechenden Grafik, halten die Wechselkurse der meisten osteuropäischen Länder leicht stand. Wie sehr eine Wirtschaftskrise aus Psychologie besteht, erläutert Bruckbauer, sieht man an den verheerenden Folgen, die leichtfertige Äußerungen von Topbankern und Medien hier haben können. Als die Krise den Osten Europas erreichte, wurde in der EU die Meinung laut, dass „Österreich pleite“ sei, da es sich mit seinen CEE-Geschäften „übernommen“ habe. Die vorgefasste Meinung wurde so schnell zum allgemeinen Konsens, dass plötzlich von Österreich (im Vergleich den Jahrzehnten davor) astronomisch hohe Risikoaufschläge verlangt wurden. Da dem Urteil mit Argumenten in dieser Situation allgemeinen Misstrauens nicht beizukommen war, erwuchs daraus ein für Österreich alleine nicht mehr lösbares Problem.

Erst als die Staatengemeinschaft erklärte, Osteuropa „nicht sterben zu lassen“, ergab sich für Österreich, das man ja von Osteuropa abhängig wähnte, eine deutliche Besserung. Dabei waren die Zahlen tatsächlich für Österreich weniger dramatisch, als dies in der Öffentlichkeit vorgestellt wurde: Die Auslandsforderungen von Banken aus der Alpenrepublik hörten sich in absoluten Zahlen zwar hoch an, doch im Vergleich waren sie noch relativ gering. Vergleicht man die Forderungen internationaler Banken (inklusive derjenigen eigener Töchter) gegenüber Kunden im Ausland, ergibt sich, dass diese in CEE zwar mit 1.186 Mrd. Euro hoch erscheinen, im Vergleich zu 12.855 in Westeuropa oder 4.686 in den USA jedoch nicht so horrend wie ohne diesen Vergleich. Nimmt man nur die Forderungen gegenüber CEE nach Gläubigerländern, ergibt sich zwar, dass Österreich mit 197 Mrd. Euro mit Abstand (Deutschland 158 Mrd., Italien 153 Mrd.) hier die größte Position hatte, aber dieser Vergleich vernachlässigt völlig, dass alle Banken der Welt hohen Forderungen im Ausland haben, jedoch in anderen Regionen, die zum Teil als risikoreicher in der Wirtschaftskrise zu bezeichnen waren (Spanien, USA, UK, Irland) als jene österreichischer Banken in CEE – nicht nur absolut, sondern auch prozentual gerechnet. So hat die Schweiz zwar kaum etwas in CEE ausgeliehen, dafür aber ein Vielfaches der österreichischen CEE-Forderungen in den USA (mit dementsprechenden Verlusten in der Krise). (Das hatte in den Medien allerdings zu diesem Zeitpunkt – Frühling 2009 - keine Rolle gespielt.)

Die Aussichten in Osteuropa sind nach Einschätzung Bruckbauers zwar nicht erfreulich, aber doch beruhigend, denn auch dort gebe es deutliche Zeichen der Konsolidierung, alllerdings die Zeiten des steilen Wachstums wie vor der Krise seien vorerst passé. Immerhin wird CEE voraussichtlich einen Großteil der Schulden zurückzahlen können – was, wie Bruckbauer scherzend hinzufügt, vom US-amerikanischen Immobiliensektor wohl kaum zu erwarten sei. Obwohl nunmehr eine sehr heterogene Erholung und Entwicklung in CEE zu konstatieren ist, nennt er sie doch „noch immer eine der reichsten Emerging Regionen der Welt“. Langfristiges Potential sei zweifellos vorhanden, denn die Einkommen der Menschen dort würden sicherlich noch steigen, so dass die osteuropäische Wirtschaft noch Impulse bekommen wird.

Abschließend zeigt Bruckbauer eine Grafik, die verschiedene Länder hinsichtlich des Ratings, des Korruptionsranges, des BIPs/Kopf und des Budgetdefizits darstellt. Hier zeigt sich die zuvorige These des Referenten stützend wiederum deutlich, dass der Ruf Osteuropas zu Unrecht besonders schlecht ist, schneiden doch die „besten“ osteuropäischen Staaten deutlich besser ab als die „schlechtesten“ westeuropäischen. Allerdings zeigt die Tabelle auch, dass die Werte osteuropäischer Länder so unterschiedlich sind, dass es im Grunde wenig sinnvoll erscheint, CEE als einen einheitlichen Wirtschaftsraum zu betrachten.

 

 

Wie allen Vorträgen der Europagespräche schloss sich auch diesem eine längere Diskussion an, aus der sich vor allem noch drei interessante Aussagen Bruckbauers ergaben.

Auf die Frage, ob die österreichischen Banken noch heute in CEE an österreichisch-ungarische Traditionen oder entsprechende die Mentalität oder Kultur betreffende Vorteile anknüpfen könnten, zeigt sich der Referent skeptisch. Er gibt zu bedenken, dass die österreichische Politik in dieser Region nicht immer ein Ruhmesblatt gewesen sei. Allerdings will er „unterbewusste“, kulturelle Kommunikationsvorteile nicht ausschließen.

Eine zweite Frage bezog sich auf die Rolle des Wirtschaftsjournalismus und insbesondere darauf, ob die erwähnte Schelte auf Österreich System hatte oder aus Unkenntnis erfolgte. Bruckbauer antwortet, dass der Journalismus in Bezug auf diese Gegenstände eine sicherlich schwierige Angelegenheit sei. Hier als Fachmann den Überblick zu behalten, sei bereits kompliziert genug. Es sei allerdings wirklich fatal, wenn einflussreiche Medien, die sich primär für ihre Auflagen oder Einschaltquoten interessierten (und allenfalls sekundär für den möglichen Zusammenbruch der österreichischen Finanzwirtschaft), an prominenter Stelle äußerten, dass „die Ösis sich verzockt“ hätten.

Nach den Lehren aus der Krise befragt, meint der Referent, dass es wichtig sei, Regeln zu entwickeln, nach denen Banken geordnet in den Konkurs gehen können. Auch habe die Bankenaufsicht versagt. Zudem sei die Krise die große Bewährungsprobe für den Euro gewesen: Ohne den Euro, so Bruckbauer, hätte möglicherweise Deutschland die Zeche bezahlen müssen, denn Deutschland erlebte in der Krise als eines der stabilsten (und vor allem größten) Länder in Europa einen starken Kapitalzufluss, der die langfristigen Zinsen für den deutschen Staat senkte. Ohne den Euro wäre es jedoch gleichzeitig zu einer Aufwertung (der DM) gegenüber vielen anderen Währungen gekommen und der Vorteil hätte sich in einen Wettbewerbsnachteil für Deutschland gewandelt. Für viele andere Länder (ebenfalls stabile, aber kleinere) hätte es womöglich das Ende einer Jahrzehnte langen Stabilitätspolitik bedeuten können.

 

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