Glaube und Sicherheit. Deutsche und europäische Probleme der Jahrtausendwende

Michael Gehler

 

„Glaube und Sicherheit. Deutsche und europäische Probleme der Jahrtausendwende.“

Friedrich Heer zum Gedenken der Bischöfe Bernward und Godehard in Hildesheim

 

Hildesheim erinnerte 1960 seiner prägenden geschichtlichen Persönlichkeiten, den beiden ungefähr zur gleichen Zeit geborenen Bernward (* ~960, +1022) und Godehard (* 960/61, +1038). Beide – Bischof Bernward (993-1022) und Bischof Godehard (1022-38) waren Figuren von europäischem Format. Nicht zuletzt durch die Heiligsprechungen Godehards (1131) und Bernwards (1192) wurde die Stadt Hildesheim zu einer Pilgerstätte im Norden Europas.[1] Beide Bischöfe und ihr Wirken im Rahmen des „ottonisch-salischen Reichskirchensystems“ waren auf diese Weise eng mit der Geschichte des Heiligen Römischen Reichs und ihrer Kaiser verbunden. Bernward war als Kaplan Erzieher (Magister regis“) des Königs und späteren Kaiser Ottos III. und Godehard als ehemaliger Abt von Niederaltteich und Bischof Zeitgenosse des Hildesheimer Domschülers und späteren Kaisers Heinrich II. (*973 oder 978, + 1024) und wie auch bei Heinrich Vertrauensmann des Saliers, Kaiser Konrad II. (*~990, +1039), Konrad dem Älteren.[2]

Enno Bünz bezeichnete Bernward eine der „bedeutendsten Gestalten der deutschen Geschichte um die Jahrtausendwende“, der das Zeitalter der Ottonen als Bischof, Politiker wie auch Förderer der Kunst „wie nur wenige mitgeprägt“ hat. Nach seinem Heimatland Sachsen sei insbesondere der Bischofssitz Hildesheim so „für wenige Jahrzehnte zu einem Mittelpunkt europäischer Geschichte und Kultur“ geworden.[3]

Der österreichische Geistes- und Kulturhistoriker Friedrich Heer[4] war aus Anlass der 1000-jährigen Wiederkehr der gemeinsamen Geburtszeit von Bernward und Godehard zu einem Festvortrag in die „heimliche Kulturhauptstadt“ Niedersachsens eingeladen worden. Das Referat war allerdings mit akustischen Komplikationen verbunden, so dass eine nachträgliche Drucklegung erfolgte. Dieser verdanken wir die Möglichkeit einer retrospektiven Analyse. Einleitend kann auch auf die Veranstaltung als solche und ihre Vorgeschichte eingegangen werden.

 

1. Die Einladung zum Festakt und seine Vorgeschichte

Für 8. Oktober 1960 luden Hildesheims Oberbürgermeister Martin Boyken und Oberstadtdirektor Siegfried Kampf „zum Gedenken der Bischöfe St. Bernward und St. Godehard“ zu einer Feierstunde in die Rathaushalle. Die Festfolge sah ein Largo-Vivace aus der Triosonate in G-Dur von Johann Sebastian Bach, die Begrüßung der Gäste durch das Stadtoberhaupt, den Festvortrag Heers zum Thema „Glaube und Sicherheit, deutsche und europäische Probleme der Jahrtausendwende im Zeitalter Bernwards und Godehards von Hildesheim“ sowie abschließend ein Adagio-Presto (Fuge) aus der Triosonate in G-Dur abermals von Bach vor. Ausführende waren Barbara Rau (Violine), Manfred Köller (Flöte) und Klaus Freiherr von Löffelholz (Cembalo).[5]

Maßgeblich mit der Erwägung von Überlegungen und der Einholung von Vorschlägen zur Vorbereitung dieses Festakts war Karlheinz Schloesser, der Leiter der Volkshochschule (VHS) Hildesheim e.V., betraut, der Anfang Mai 1960 wunschgemäß dem Oberbürgermeister Bericht erstattet hatte. Die bedeutendsten Träger kultureller Aktivitäten und Veranstaltungen wurden zur Urteilsbildung eingebunden, so Studiendirektor Dr. Martin Storch von der Bugenhagen-Hochschule, Irene Ewald vom Kulturring, Erna Arntz als Repräsentantin des Bernwardswerkes sowie Dr. Gert Richter vom Stadttheater, ferner Oberregierungsrat Friedrich Engelhardt, Vorsitzender des Heimatvereins, der allerdings krankheitsbedingt absagen musste, sowie Museumsdirektor Dr. Hans Kayser, der die Einladung jedoch nicht erhalten zu haben schien. Wie Schloesser in Erinnerung zu rufen versuchte, wurde die „Gemeinschaftsüberlegung“ deshalb initiiert, um „nicht nur Ideen eines oder zweier Berater vorgetragen“ zu bekommen, sondern auch aus dem Motiv „zur Vermeidung der immerhin zu befürchtenden vorwurfsvollen Rückfrage, warum denn gerade dieser – und nicht auch jener und jener – mit der Aufgabe des Ratschlaggebens betraut worden sei“. Aufgrund des Umstandes, dass im Jubiläumsjahr 1960 Bernward und Godehard „in kirchlichen und weltlich-kulturellen Veranstaltungen ohnehin in so mannigfacher Beziehung gedacht wird“, sollte ein von der Stadt organisierter Festakt „eine nach Form und Inhalt spezifisch städtische bzw. stadtgeschichtliche Feierstunde sein“. Wie Schloesser zu verstehen gab, erschien es „nicht für sinnvoll“, sollte die Veranstaltung „letztlich auf z. B. eine erneute Würdigung Bernwards und Godehards unter theologischen oder unter kunstgeschichtlichen Gesichtspunkten“ abzielen. Dieser Grundgedanke, so Schloesser weiter, sollte „die Form der Feierstunde“ bestimmen. Er schlug die Rathaushalle als Veranstaltungsort vor. Eingeladen sollten Vertreter „aller Stände der Stadt: der Geistlichkeit, des Handwerks, des Handels, der Arbeiterschaft, der Schülerschaft usf.“ werden. Der Hauptinhalt der Festveranstaltung sollte ein Vortrag sein, der nicht hauptsächlich auf die Viten und das Wirken der beiden Bischöfe fokussiert sein sollte, sondern „ein breites Bild des Lebens einer mittelalterlichen Stadt ihrer Zeit, also im Aufriß den geistigen, den politischen und gesellschaftlichen Hintergrund ihres Daseins und Wirkens sehen lässt“. Wie Schloesser begründete, würden Bernward und Godehard gerade 1960 im Jubiläumsjahr „gebührend von der katholischen Kirche gewürdigt“. In ihrer kunsthistorischen Bedeutung seien beide bereits so vielfältig behandelt und dargestellt worden, dass ein solcher Art konzipierter Vortrag nur Bekanntes wiederholen könne. Als Vortragender wurde zunächst der renommierte Professor Hermann Heimpel vom Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen vorgeschlagen. Schloesser ließ nach seinen VHS-Erfahrungen wissen, dass Heimpel mindestens 500.- DM Honorar vorzuschlagen seien.[6]

Heimpel (1901-1988) hatte bei Georg Anton Hugo von Below und Heinrich Finke studiert, sich 1927 in Freiburg habilitiert und wurde dort auch 1931 Ordinarius, sodann 1934 in Leipzig, 1941 in Straßburg und wirkte seit 1946 fortan in Göttingen. Ab 1936 gehörte er als Mitglied der Historischen Kommission und seit 1946 der Zentraldirektion der Monumenta Germaniae Historica (MGH) an. 1956 wurde er Direktor des Max-Planck-Instituts für Geschichte in Göttingen, des einzigen in der Bundesrepublik. Heimpel war Mitglied mehrerer Akademien. Der Schwerpunkt seiner Forschungen lag auf dem deutschen Spätmittelalter. Gemeinsam mit Theodor Heuss und Benno Reifenberg gab er die fünfbändige Serie „Die großen Deutschen“ (1956 ff.) heraus. Nach Wolfgang Stump war Heimpel „einer der führenden Mediävisten seiner Generation, der vielfach anregend wirkte, auch für die Organisation der deutschen Geschichte“.[7]

Im Juni stellte sich jedoch in der Sitzung des Verwaltungsausschusses heraus, dass sich Boyken zwar mit Heimpel in Verbindung gesetzt hatte, bei diesem sich „aber gewisse Bedenken“ geregt hatten, „die Festrede zu übernehmen“. Aus dem Protokoll geht nicht hervor, welcher Art die Bedenken waren, es dürfte sich wahrscheinlich um terminliche Probleme gehandelt haben, zumal Fragen der fachlichen Zuständigkeit wohl auszuschließen sind, wenngleich Heimpel Spätmittelalter-Experte war. Bemerkenswert ist jedenfalls der Umstand, dass der Göttinger Gelehrte umgehend „statt seiner Herrn Professor Friedrich Heer aus Wien“ vorgeschlagen hatte, wie Boyken dem Verwaltungsausschuss berichtete, zumal dieser laut Heimpel „der bekannteste Mittelgeschichtler [sic!] im gesamtdeutschen [sic!] Sprachraum und d i e [Herv. i. O.] Kapazität sei […]“. Boyken berichtete weiter, dass er sich daraufhin an den Empfohlenen gewandt und dieser seine Bereitschaft zugesagt hatte, im Oktober nach Hildesheim zu kommen. Der Oberbürgermeister verwies darauf, dass der Kulturausschuss noch mit der Sache zu befassen sei, dessen Empfehlung abzuwarten wäre.[8]

Dieser gab dann offensichtlich grünes Licht. Ende September 1960 stand der Ablauf der Gedenkfeier fest. Oberstadtdirektor Kampf verständigte den Verwaltungsausschuss, dass die im Herbst geplante Veranstaltung auf den 8. Oktober um 17 Uhr festgelegt worden sei, nachdem Heer den Festvortrag halten werde und für diesen Termin „fest zugesagt“ habe. Einladungen sollten noch im Laufe der nächsten Zeit hinausgehen,[9] was schon reichlich knapp angesetzt war.

Friedrich Heer (1916-1983) war nördlich der Alpen kein Unbekannter, zumal er nicht nur regelmäßige Vorträge in Deutschland hielt, sondern auch in deutschen Verlagen einen nicht unerheblichen Teil seiner Werke publizierte.[10] Nach seinem Studium für Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte an den Universitäten Wien 1935, Riga, Königsberg und Berlin 1935, promovierte er 1938 an der Alma Mater Rudolfina zum Thema „Reich und Gottesreich. Eine Studie zur politischen Religiosität des 12. Jahrhunderts“ bei Hans Hirsch und war von 1937 bis 1939 ordentliches Mitglied des Kurses des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung (IÖG). Nach dem Krieg arbeitete er zunächst als freier Journalist für die katholischen Organe Die Furche und Wort und Wahrheit. Er avancierte dann von 1949 bis 1961 zum Redakteur des erstgenannten Mediums. 1949 finalisierte er seine Habilitationsschrift mit dem Titel „Aufgang Europas. Eine Studie zu den Zusammenhängen zwischen politischer Religiosität, Frömmigkeitsstil und dem Werden Europas im 12. Jahrhundert“ und wurde damit an der Universität Wien 1950 Privat-Dozent für „Geistesgeschichte des Abendlandes“. Seit 1961 führte er den Titel eines außerordentlichen Professors (tit. ao. Prof.). Im gleichen Jahr wurde er Chefdramaturg am Burgtheater in Wien, eine Funktion, die er bis 1972 innehatte. Heer war auch Mitglied des österreichischen PEN-Clubs. Aus der schieren Überfülle seiner Artikel, Essays, Einzelstudien und Monographien seien für seine Frühzeit nur „Die Tragödie des Heiligen Reiches“ (1952), „Das Experiment Europa. Tausend Jahre Christenheit“ (1952, 21954) sowie „Europäische Geistesgeschichte“ (1953, 21965, engl. 1966) zitiert.[11]

Die Hildesheimer geschichtlich interessierte Öffentlichkeit durfte sich also auf einen anregenden Ideen- und Kulturhistoriker sowie einen spannenden Vortrag freuen, von dem sie aber, wie sie zu berichten sein wird, leider nicht viel profitieren sollte.

 

2. Ein Festakt mit Panne

Die Hildesheimer Allgemeine Zeitung ließ es sich – welch’ schöne und erquickliche Zeiten für ein historisch interessiertes Lesepublikum! – nicht nehmen, über die Veranstaltung und den Vortrag von Heer zu berichten, weshalb wir über den Ablauf der Feier zum Gedenken Bernwards und Godehards relativ gut unterrichtet sind. Wie der Oberbürgermeister in seiner Begrüßung hervorgehoben hatte, war die Veranstaltung zur „Würdigung der Leistungen beider Männer auf politischem Gebiet“ gedacht. Dieses Wirken sei der Öffentlichkeit am wenigsten bekannt. Die Stadt schätze sich deshalb sehr glücklich, dass sie „der Perlenkette der bisherigen Veranstaltungen eine weitere Perle durch einen Vortrag über deutsche und europäische Probleme der Jahrtausendwende im Zeitalter Bernwards und Godehards von Hildesheim anfügen“ könne. Er hoffe, so schloss Boyken, dass alle Teilnehmer an dieser Feierstunde den Weg miteinander „nach innen“ finden würden. Die Hildesheimer Allgemeine sah sich allerdings gezwungen, einen großen Wermutstropfen in den Bericht über eine nicht gerade wenig missglückte Festveranstaltung einfließen zu lassen: „Leider – das kann nicht verschwiegen werden – konnte der weitaus größte Teil der annähernd hundert erschienenen Gäste aus rein akustischen Gründen dem fundamentalen Vortrag von Prof. Dr. Heer nur unter größter Anspannung aller Aufnahmebereitschaft folgen.“[12] So seien „manche Zusammenhänge“ im „Schallloch der Halle“ verschwunden, die für Wortvorträge eben nicht geeignet sei, wie schon frühere Vorgänge bewiesen hätten. Ein Behebungsversuch war zum Scheitern verurteilt: Es änderte sich kaum etwas an der misslichen Lage, als der Oberbürgermeister auf Wunsch eines Teilnehmers auf die akustischen Verhältnisse hingewiesen hatte und die Lautsprecherübertragung abgestellt wurde. Der Referent selbst hatte durch seinen Vortragsstil auch keinen Beitrag zur Verbesserung der Situation geleistet, wie das Blatt seine Leser wissen ließ, ohne dabei zu vergessen, auf die eigentliche Ursache des Übels hinzuweisen: „Wenn auch – über diese Feststellung wird uns Prof. Heer sicher nicht böse sein – der Wiener Dialekt und das schnelle Ablesen vom Manuskript die technischen Verhältnisse noch verschlechterten, so ist es wohl doch nun an der Zeit, dass sich jeder Veranstalter, der sich mit einem wichtigen Anliegen in Wort und Rede an die Öffentlichkeit in die sonst so schöne Rathaushalle wagt, von vornherein die akustischen Schwierigkeiten in Rechnung stellt. Vielleicht würde schon eine Standortverlagerung des Rednerpultes Abhilfe schaffen. Ansonsten bleiben Enttäuschungen bei den Zuhörern nicht aus! Und das möchte jeder vermeiden.“[13]

Es blieb ein Trost für jene Zuhörer, die wenigstens für die klassische Musik empfänglich waren, wie die „HIAZ“ anmerkte: „Ganz anders ist die Klangübertragung in der Rathaushalle für das menschliche Ohr bei musikalischen Darbietungen. Das kann (sogar bis in den letzten Winkel der Halle) ein Genuß sein“, wie es auch bei den zwei Bach-Darbietungen der Fall war.[14] Die „HIAZ“ von damals jedenfalls war – welch’ goldene Zeiten für Gastredner aus der Historikerzunft – so ambitioniert, dass sie einen Bericht über den Vortrag bringen wollte: „Die Wiedergabe eines Extraktes aus dem Festvortrag, wozu wir uns verpflichtet fühlen“,  war möglich, „weil uns Prof. Dr. Heer liebenswürdigerweise sein Manuskript zur Verfügung stellte“, merkte die Redaktion dankbar an. Wie das Blatt weiter zu berichten wusste, war außerdem vorgesehen, „den Beitrag Prof. Heers über die schicksalsträchtige Jahrtausendwende zu Bernwards Lebzeiten“ in einer Folge der Schrift Alt-Hildesheim zu veröffentlichen, dessen Abdruck „vermehrt durch einige Anmerkungen“[15] des Autors über den kompletten Vortrag hinausgehend Einblicke in die Ausführungen und Überlegungen des Gastredners gestatten sollte.

 

3. Der eigentliche Vortrag und seine Aktualität für 1960 und Heute

Friedrich Heer war in seinen Ausführungen ohne große Umschweife in medias res gegangen: Die Zerstörung des alten Hildesheims – damit waren neben anderen der erste systematische US-amerikanische Luftangriff vom 22. Februar, vor allem aber das schwere britisch-kanadische Bombardement vom 22. März 1945 (bei dem über 1.000 Menschen den Tod fanden)[16] gemeint –, die im Zeichen der Kriegführung der Anti-Hitler-Koalition gegen NS-Deutschland erfolgte wie die schwere Beschädigung von St. Michael, „einem der glanzvollsten und ehrwürdigsten Wahrzeichen Alteuropas“, hätten, so Heer, in Frage gestellt, was vor tausend Jahren Grundlegendes geschaffen worden war, „eben jenes Deutschland, das heute zerrissen ist, eben jenes Europa, das heute in West und Ost und von West und Ost umkämpft ist“.[17]

Unausgesprochen nahm Heer damit eine Deutung des Ausgangs eines Geschehens vor, das als europäischer Krieg (1939-1941) begonnen und als Zweiter Weltkrieg (1941-1945) geendet hatte. Der alliierte Bombenkrieg gegen Deutschland (1943-1945) war im Ergebnis neben den rund 600.000 Zivilopfern, die er gefordert hatte, nicht nur ein Kriegsverbrechen,[18] sondern durch Zerstörung deutscher und europäischer Architektur und Baukunst auch ein Kulturbruch, um nicht zu sagen ein Rückfall in die Barbarei. Das historische Zentrum und weite Teile Hildesheims waren durch den verheerenden Luftangriff nahezu völlig vernichtet und die historische Identität der Stadt damit weitgehend verloren gegangen.[19]

Heer ging darauf in seinem Vortrag 15 Jahre nach Kriegsende nicht ein, machte aber indirekt deutlich, dass dieser Krieg, der von deutschem und europäischem Boden ausgegangen war und dann in Folge von außerkontinentaleuropäischen Mächten (Großbritannien, USA, Kanada etc.) weitergeführt wurde, nicht mit Gewinn, sondern Verlust an Sicherheit verbunden war – jedenfalls für Deutsche und Deutschland, damit auch für die Europäer und die Mitte Europas sowie letztlich ebenfalls für das Schicksal des gesamten Kontinents.

In dieser Konsequenz sah Heer wesentliche, in der Zeit Bernwards und Godehards geformte Elemente und ausgeprägte Entwicklungen deutscher und europäischer Geschichte in Frage gestellt: „die Kraft, die einst das alles mittrug, mitschuf – das alte Hildesheim, die Volkwerdung der Stämme zur deutschen Nation, das Heilige Römische Reich und Europa: der christliche Glaube“, wie er es nannte.[20]

Damit sprach Heer auch den machtpolitischen Zerfall der Mitte Europas an, der bereits mit der von den Entente-Mächten des Ersten Weltkriegs angestrebten Zerschlagung der österreichisch-ungarischen Zentralstellung und dem Ende des Habsburgerreichs in der Mitte Europas eingesetzt und damit schon 1918 eine erste gravierende Veränderung auf der Landkarte des Kontinents bewirkt hatte. Nach der Selbstentmachtung Europas im Ersten Weltkrieg (1917-1918) folgte seine Selbstzerstörung im Zweiten Weltkrieg (1941-1945). Mit der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht und der definitiven Niederringung des Hitler-Reichs und seiner Verbündeten erlebte die Politik der Siegermächte von 1918 eine konsequente Fortführung mit dem Jahr 1945. Die europäischen Mittelmächte existierten nicht mehr. Hitlers Krieg und die alliierten Koalitionsanstrengungen gegen ihn waren so aufwändig und kostenintensiv, dass ein weiterer politischer Bedeutungsverlust Europas die Folge war. Der Kalte Krieg war quasi ein Dritter Weltkrieg, den die Europäer in West wie Ost spätestens ab 1947/48 mit zu tragen hatten und der für sie letztlich erst 1989/90 glücklich, d. h. weitgehend gewaltlos und friedlich zu Ende gegangen war, während er in anderen Weltregionen, so in Asien, im Nahen Osten (mitunter auch durch heiße Kriege) sowie zuletzt im Raum des Kaukasus fortlebte.

Eine andere Dimension war von Heer mit der Infragestellung des christlichen Glaubens nur kurz angetippt worden: Auf den religiösen Frühling folgte nach 1945 kein starker Sommer. War eine Theologie nach Auschwitz überhaupt noch möglich? Mit einem Heiligen Stuhl, der die Verfolgung und Tötung der Juden Europas be- und verschwiegen sowie geduldet hatte? Erst sehr spät setzte sich die römische Kirchenführung mit ihrer Haltung zum Antisemitismus und zum Nationalsozialismus auseinander. Die katholische Kirche, die schon wie 1914 den Krieg gegen Russland befürwortet, wie auch den Kampf der Deutschen Wehrmacht gegen den „gottlosen“ Bolschewismus gutgeheißen und daher zum großen Teil ihren Frieden mit Hitler gemacht hatte, ging aus dem Krieg, wenngleich sie wieder an Bewegungsfreiheit und Handlungsspielraum gewinnen sollte, zwar selbstbewusst, aber nicht sonderlich gestärkt hervor. Mit dem Aufstieg und der Attraktivität des Nationalsozialismus sowie der Akzeptanz dieser Art von neuer Heilslehre und Ersatzreligion durch weite Teile der deutschen Bevölkerung war nach der Aufklärung und der Französischen Revolution ein weiterer Säkularisierungsschub verbunden gewesen, der zu einer Abwertung traditioneller Vorstellungen und einem Verfall und Verlust religiöser Werte führte, Folgen der Kriegs- und NS-Zeit, die Heer in ihrer Problematik in seinem Hildesheimer Vortrag unberührt ließ.

Dieser unerwähnt gelassene, aber zum Thema „Glaube und Sicherheit“ nach dem Zweiten Weltkrieg gehörende Befund hatte komplexe Auswirkungen. Allein mit 'Effizienz', 'Leistung' und 'Rationalität' ließ sich ein wirksames Gesellschaftsleben nicht aufbauen und genügend ausgestalten. Mit dem Glaubensschwund drohte Sicherheitsverlust, aber auch eine umgekehrte Wirkung machte sich bemerkbar: Mit dem Verlust an Sicherheit drohte umso mehr der Glaube verloren zu gehen. Diese Entwicklung nahm ihren Lauf und spitzte sich noch zu. Durch eine Flucht in materielle Werte fand sie ihren Ausdruck. Die Verlagerung und Konzentration auf neue (vermeintliche) Sicherheiten waren nach Heers Beobachtungen, die in seinem späteren Buch „Warum gibt es kein Geistesleben in Deutschland?“ (nach seinen Worten „eine kritische Liebeserklärung an die Adresse der Deutschen“[21]) ihren Niederschlag fanden, mit einer Verarmung an geistiger Substanz Hand in Hand gegangen, die er in den 1970er Jahren klar erkennen und deutlich benennen sollte. In dieser Zeit diagnostizierte er in kritischer Beobachtung der deutschen Verhältnisse einen Mangel an Geistigkeit, Seelenleben und Spiritualität, die mit einem zunehmenden Materialismus gekoppelt war. Die „Heute-Gesellschaft in der Bundesrepublik“, so der österreichische Historiker, „bildet keine Nation, besitzt kein Geistesleben, kein spirituelles Leben, keine Kultur – sie besitzt keine politische Hygiene, keine geistige Hygiene, sie lebt taktlos und kontaktlos, ein ungepflegtes, rauhes, rohes, rüdes Eintagsleben. Ein Leben ohne Hintergrund. Ohne Einwurzelung.“ Er beklagte auch die Verachtung der Geschichte und des Geschichtlichen unter den Deutschen und erkannte einen Großteil ihres Lebens als Fluchtbewegung. Die Sprachlosigkeit äußere sich in einer „Kümmersprache“.[22]

Ludger Kühnhardt konnte in einer Besprechung nicht umhin zuzustimmen: „Hinter der glitzernden Fassade der prall gefüllten Geschäfte und der D-Mark-Weltbeherrschung entdeckt Heer Selbsthaß, Leere, Feindschaften. [...] Die Schatten des Überflusses sind zu offenkundig, das geistige Vakuum ist nur ein Beispiel dafür. [...] Wo Sahneberge geistige Orientierungsmarken überdecken, kann sie [die Kritik Heers, Anm. M.G.] nur hilfreich sein. Hier genau liegen Berechtigung und Bedeutung von Friedrich Heers Essay. Seine Analyse des Seelenzustands  der Bundesrepublik beruht weder auf Neidkomplexen noch auf ideologischer Scheuklappigkeit. Er trifft den Punkt, seine Beobachtungen sind für jedermann nachvollziehbar.“ Einzig nicht behagen wollte dem Rezensenten, dass Heer bei Kirchen, Theologen und Christenmenschen die Spiritualität unter „falscher Flagge, falschem Wappen“ sah. Kühnhardt störte, dass Heer der christlichen Botschaft von Nächstenliebe und Solidarität zu wenige Möglichkeiten einräumte.[23]

Heer hatte in der Tat nicht die römisch-katholische Kirche als Inspirations- und Kraftquelle im Auge, sondern als den Gegenentwurf einer Kultur der Erinnerung und eines vitalen Geisteslebens den Deutschen das Judentum und seine Kultur vorgestellt, nachdem die deutsch-jüdische Symbiose in den 1930/40er Jahren auf gewaltsame Art getrennt und auf grausame Weise zerstört worden war: „Die jüdische Nation besteht seit mehr als drei Jahrtausenden, weil sie sich, trotz furchtbarer Katastrophen ... erhalten hat als eine Lebensgemeinschaft aller im roten, blutroten Heute Lebenden mit den teuren Toten, die täglich erinnert werden. Erinnerung ist heilig, da lebensnotwendig für den Bestand des Volkes, der Geist-Nation, der Gott-Nation. Es gibt keine größere Sünde, kein größeres Verbrechen und keine größere Schande als diese, sich der Erinnerung zu verwehren.“[24] Das waren zuletzt Überlegungen aus den 1970er Jahren.

In seinem Hildesheimer Vortrag von 1960 schien Heer dem christlichen Glauben noch weit mehr historische Wirkmächtigkeit und gegenwärtige Wirkungskraft zuzubilligen, jedenfalls gaben einige seiner Ausführungen Anlass zu dieser Annahme. Zwischen Bernward und Godehard und seiner Zeit versuchte Heer, weitere Ähnlichkeiten festzustellen und Parallelen aufzuzeigen.

Deutsche und europäische Probleme der ersten Jahrtausendwende seien, so der österreichische Historiker, „erregend verwandt“ mit den großen Problemen der Gegenwart. Heer sprach als erstem Phänomen von einer „Einwurzelung eines Volkes, das eben noch in einer frühzeitlichen, archaischen Kultur lebte, in einem mächtigen Sprung, in einem neuen Glauben und einer im römisch-griechischen Mittelmeerraum in ganz anderen Klimaten und Zeiten gewachsenen technischen und geistigen Zivilisation“.[25] Heer sprach von den damit verbundenen Anstrengungen „der gewalttätigen Unterwerfung“ der Sachsen durch Karl den Großen, die dieser Bevölkerung zugemutet wurden.[26] Diese war in der Regel von der Geschichtsschreibung nicht negativ bewertet worden, zumal deutsche Historiker des 19. und 20. Jahrhunderts von einer großen Angst getrieben worden seien, „Angst vor einem Untergang des Reiches, des Abendlandes, vor einem Verlust des Heilssinnes der Geschichte“. Heers Begründung lautete: „Geschichte als Heilsgeschichte ist immer auch Geschichte des Unheils.“[27]

Meinte er hingegen in seinem Hildesheimer Vortrag auch, die Notwendigkeit der Wiederaufnahme und Stärkung christlicher Glaubenswerte in der an geistigen Werten armen Nachkriegszeit verdeutlichen zu müssen? Für den jungen Heer kann dies nicht ausgeschlossen werden.

Konkrete Bezugnahmen auf die gegenwärtigen Verhältnisse seiner Zeit fehlten in seinen etwas sprunghaft wirkenden Hildesheimer Ausführungen weitgehend bis auf knapp gehaltene Hinweise auf andere Kontinente wie Afrika, Asien und Lateinamerika: Südamerika, so führte Heer aus, stehe heute vor einer Katastrophe, Afrika und große Teile Asiens stehen mitten im Beben einer Katastrophe, weil es dort überall nicht wirklich gelungen sei, den christlichen Samen in den tiefsten Tiefen der Völker einzuwurzeln. Mit der Christianisierung der Sachsen sei, so Heer, die „Volkswerdung der Deutschen, Nord- und Osteuropas“ verknüpft. St. Michael in Hildesheim und die anderen herrlichen Kunstwerke Bischof Bernwards seien Zeugen dafür, wie dieses riesenhafte Problem hierzulande zu lösen versucht wurde und wie die Lösung gelungen sei.[28]

Mochte Letzteres nachvollziehbar und zutreffend sein, so erschien die These Heers mit Blick auf die Frage der „Einwurzelung“ der Gedankenwelt des Christentums und seiner Ideologie für die von ihm genannten anderen Kontinente eher zweifelhaft, waren doch die christliche Missionierung und der europäische Kolonialismus in den dortigen Weltregionen alles andere als gewaltlos und katastrophenarm gewesen.

Als zweites Kennzeichen der Zeit Bernwards und Godehards nannte Heer die Auseinandersetzung mit den slawischen Nachbarvölkern, wobei er „in Kampf und Begegnung“ des Verhältnisses am Beispiel von Quellenzeugnissen die Möglichkeiten deutsch-slawischer Wechselbeziehungen im zweiten Jahrtausend aufzeigte, die seiner Auffassung für spätere Ereignisse nach gleichsam „vorgespielt wurden“.[29]

Einen dritten Aspekt nannte Heer mit dem Bedürfnis der Menschen nach Glauben und damit auch nach Sicherheit. Diese geboten zu haben, sei „die Leistung sächsischer, ottonischer Reichsbischöfe“ gewesen. In Zeiten von Untergangsängsten habe auch der Neubau von überwältigenden Bauwerken eingesetzt. Der Aufstieg der sächsischen Kaiser zur Vormacht Europas und die Bildung dieser ersten deutschen Kultur, „einmalig in ihrer inneren Dichte, geschaffen durch den hohen Reichsklerus“, hätten ein „eng zusammenhängendes Kunstwerk“ gebildet. So sei auch Bernward „der erste kanonisierte Heilige des Sachsenvolkes geworden, Godehard der erste Heilige des Bayernstammes“.[30]

Wollte Heer damit die Notwendigkeit zur Schaffung neuer Bauwerke und des Wirkens auch neuer Heiliger im christlichen Westen der 1960er Jahre betonen? Das kann aus seinen Hildesheimer Ausführungen nicht zwingend abgeleitet werden. Sein ausgeprägt kritischer Blick für die religiösen Wurzeln des Totalitarismus und die Erkenntnis, dass die Diktatoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Heilsversprechungen arbeiteten und sich als Art Ersatzgötter inszenierten, mag jedoch indirekt dafür sprechen. Der „Glaube des Adolf Hitler“ hatte Heer intensiv beschäftigt und ihm auch eine Monographie gewidmet. Die Geschichte Hitlers war für ihn Gegenwartsgeschichte, weder ein politischer Zwischenfall noch ein gesellschaftlicher Zufall. Es war laut Heer eine kranke Gesellschaft, aus der Hitler hervorging. Und dies war auch die Gesellschaft der Kirche. Wie Heer scharfsinnig analysierte, gehörte zu den traurigen Wahrheiten, dass Hitler zu seiner Zeit keinen gleichwertigen geistig-spirituellen Gegenpart hatte, der ihm gewachsen war. Ein Pius XII. hatte die krisenhafte Lage der Kirche weder erkannt noch zu bewältigen vermocht. 1945 stand „Hitler-Deutschland“ vor einem Bankrott, dem der spätere Bankrott der „Pius-Kirche“ gefolgt sei, wie Heer in schonungsloser Offenheit auch mit kritischem Blick auf das alte Österreich und Wien aufzeigte.[31]

Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch an den immensen Personenkult um den „roten Zaren“ und sowjetischen Diktator Jussif W. Stalin, der einer Vergötterung gleichkam und seiner großen Bewunderung und tiefen Verehrung in der russischen Bevölkerung sehr zuträglich war, wenngleich seine Diktatur und sein Terror auch gefürchtet waren. Beides schloss sich aber nicht aus.

Fehlten in den 1960er Jahren im Westen starke und verehrungswürdige politische Persönlichkeiten? Die Beispiele Konrad Adenauer, Robert Schuman, Alcide De Gasperi oder gerade Charles de Gaulle würden dagegen sprechen. Man konnte mit Heers Vortrag in Hildesheim nicht sagen, dass es in den westlichen Demokratien auf diesem Gebiet ein spezifisches Defizit gab, wenngleich in der Bundesrepublik die Deutsche Mark und ihre Stärke eine Alternative und gewissen Ersatz für einen zukünftigen Mangel an „heiligen“ Politikern gab.

Heer zeigte weiter andeutungsweise Parallelen zwischen dem Hohen Mittelalter und der Nachkriegszeit auf: Bernward habe keine Slawenmissionierung betrieben. Zur Abwehr und Verteidigung von den Elbslawen seien seine Bauten zu verstehen.[32] Eine Analogie lag auf der Hand, denn war Westeuropas Politik nach 1945 nicht auch in erster Linie Abwehr und Verteidigung und damit die kommunistische Deutung vom „aggressiven“ und „expansiven“ „Imperialismus“ der kapitalistischen Mächte des Westens weit mehr Propaganda als Realität?

Die Slawen drohten laut Heer von der Elblinie die Diözese Hildesheim zu überrennen. Elbe und Oder seien für Deutsche und Europäer um 1000 wie 1960 bedeutsam gewesen: „Die Problematik der Elbe-Oder-Grenze nach 1945 wird durch die Kämpfe um die Elbe-Oder-Linie im 10. und 11. Jahrhundert mehrfach beleuchtet.“ Wieder kam Heer auf sein Motto „Glaube und Sicherheit“ zu sprechen: „deutscher religiöser und politischer Glaube inkarnierten sich hier immer wieder in den Auseinandersetzungen mit den Slawen.“[33] Diese standen, wie Heer aus Urkundenquellen zitierte, für ‚Untreue’, ‚Unmenschlichkeit’, ‚Vertrauensunwürdigkeit’, kurz „incerta fides“. Es gab laut Heer „keinen Glauben, keine Sicherheit in den Beziehungen mit den Slawen“. „Das Sicherste“, so schien es den mittelalterlichen Zeitgenossen westlich der Elbe, war es so Heer, „mit ihnen in der Sprache der Waffen zu verkehren“.[34] Diese Überzeugung stehe neben anderen Gründen hinter 175 Ostfeldzügen zwischen 789 und 1157, von denen nur ein Drittel als erfolgreich zu bezeichnen gewesen wäre. Zitiert wurde hier aus einer Veröffentlichung von Konrad Schünemann aus 1938.[35] Wollte Heer damit hier nicht nur auf die verfehlte „Lebensraum“-Politik eines Hitler, sondern indirekt auch auf die neuerliche Konfrontationspolitik gegenüber dem Osten im Zeichen des neuen Ost-West-Konflikts und des Kalten Kriegs in Europa, d. h. auf die so deutlich artikulierte und ostentativ demonstrierte „Politik der Stärke“ Adenauers, jenes katholisch geprägten ersten Bundeskanzlers und dessen westdeutschen Teilstaats mit seiner spezifischen rheinischen Gebundenheit verweisen? Dieser „heilige“ Konrad hatte bekanntlich auch ein gebrochenes Verhältnis zu „Ostelbien“ und ja auch keine Sicherheit empfunden, geschweige denn einen (positiven) Glauben mit Blick auf die Politik und Haltung der Sowjetunion. – Heers Heimatland hatte dagegen 1955 der Staatenwelt eine Politik der „immerwährenden Neutralität“ zugesichert und einer Konfrontationspolitik in Europa damit eine klare Absage erteilt. Der Referent vermied auch jegliche Andeutung einer Alternative zur deutschen Politik im Sinne einer Art „Modellfall Österreich“. Klar dürfte für den Vorkämpfer der österreichischen Identität[36] gewesen sein, dass die Neutralität diesem Land seine Selbstfindung in Abgrenzung und im Unterschied und Gegensatz zur NATO-BRD und Warschauer Pakt-DDR erleichterte. Ohne den Namen des noch regierenden deutschen Bundeskanzlers in den Mund zu nehmen, schien eine versteckte Anspielung Heers auf die Außen- und Bündnispolitik der Bundesrepublik im Jahre 1960 mit Blick auf ihre EWG- und NATO-Mitgliedschaften denkbar. Sollten die Europäischen Gemeinschaften, die eigentlich nur westeuropäische Bindungen einschlossen, und die transatlantische Allianz mit den USA „Glauben und Sicherheit“ der 1960er Jahre verkörpern? Es könnte so scheinen, wenn man die Hildesheimer Ausführungen Heers kritisch auf die gegenwärtigen Verhältnisse ihrer Zeit überträgt. Wenn überhaupt dann war dies für die Zuhörer- bzw. spätere Leserschaft alles nur durch versteckte Andeutungen denkbar und gedanklich weiter zu spinnen.

Heer hielt sich im Vortrag weit mehr im hohen Mittelalter auf und führte dazu aus: „Der große Kampf zwischen West und Ost in Europa ist im 10., wie auch noch im 20. Jahrhundert, Kirchenkampf und politischer Kampf“[37] gewesen. Mit ihren viel berühmten Bauten hätten die beiden Hildesheimer Bischöfe Sicherheit für die Menschen im Schutz Gottes geschaffen, „Sicherheit im Steinbau für den Menschen, der Sicherheit in einem sicheren Glauben, nicht zuletzt vor sich selbst sucht“. Damit sei der Mensch aus dem fatalistisch-passiv zu ertragenden Kreislauf der Naturkatastrophen und der Schicksalsschläge herausgelöst worden, der keine Erlösung kenne. Dies sei, so Heer möglich, da sich der Mensch selbst als Sünder wahrnehme und die Stunde der Entstehung der Bronzetüren Bischof Bernwards.[38] Als Historiker fragte sich Heer, ob es ein Zufall sei, dass Bernwards Werk durch einen Mann aus dem Bayernvolk, Godehard, fortgesetzt wurde, „der im Sachsenland 30 Kirchen baut, ein Reformer, der sich auf den Umgang mit allem Volk versteht, weil er nie ihm entwachsen, überwachsen ist“.[39]

Damit war auch die Frage der Volksverbundenheit angesprochen. An Bautätigkeit und Schaffung neuer europäischer Einrichtungen mangelte es in den 1960er Jahren zwar nicht, doch fragt sich, ob von den in Bau befindlichen oder schon geschaffenen Einrichtungen der EWG-, EG- und EU-Institutionen in Luxemburg, Straßburg und Brüssel Glauben stärkende, Sicherheit gebende und Identität stiftende Wirkungen ausgegangen sind. Dies dürfte wohl eher zweifelhaft sein.

Die von Heer erwähnte Verbundenheit mit der Bevölkerung eines Godehard berührte einen weiteren wunden Punkt, nämlich die Frage nach der Legitimation von Herrschaft 1960 wie in der Jetztzeit: Heute wird vom politischen Erfordernis des „Basisbezugs“ und der Notwendigkeit der „Bürgernähe“ gesprochen, die ein akutes Rechtfertigungsproblem der EU seit den Krisen um die schwer zu ratifizierenden Unionsverträge von Maastricht (1992), Nizza (2000) oder Lissabon (2007) darstellt. „Heilige“ kennt die Europäische Union keine, aber „Ehrenbürger Europas“, eine Ehre, die bisher nur zwei Personen zuteil wurde: Jean Monnet (1976) und Helmut Kohl (1998). Sie gestalteten und prägten die integrationspolitischen Zeiten der 1950er und der 1980/90er Jahre mit.

Zurück zu Heers Hildesheimer Vortrag. In Bernward sah er nahezu ein didaktisch-pädagogisches Prinzip verwirklicht: Er habe in seinem Werk Vorzeit und Zukunft in die Gegenwart hineingebunden, was vielleicht „das offene Geheimnis seiner geschichtsmächtigen Wirkung“ sei: „Vorzeit seines Volkes, des hochberühmten Sachsenstammes, Zukunft der Deutschen: in einem Europa, das seine Vitalität nicht zuletzt der Offenheit seiner Spannungen, seiner ungelösten Probleme verdankt.“[40]

Damit war abschließend die vorausschauende Fähigkeit und vorwirkende Leistung eines Bernwards von Hildesheim gewürdigt und gleichzeitig auch grundsätzlich der Charakter von erfolgreicher Politik und ihrer Geschichtsmächtigkeit verdeutlicht worden.

Heers Ausführungen mangelten nicht an Aktualität, weder für das Jahr 1960 noch für heute, geht es doch weiterhin um offene Fragen und Spannungen in einem nach außen scheinbar geeinten Europa, das tatsächlich aber in Kernfragen wie Außen- und Sicherheitspolitik immer wieder gespalten und auch in anderen wesentlichen Fragen uneins ist. Der Ost-West-Gegensatz lebt weiter fort, er ist in und mit der EU nur aufgeschoben, nicht aber aufgehoben. Die tiefgehenden Feindschaften und militärischen Kämpfe der Stämme, Völkerschaften und späteren Nationen sind aber inzwischen von der politischen Rivalität und ökonomischen Konkurrenz der Staaten abgelöst worden, die im institutionellen Überbau der Europäischen Union eine Art Ausgleich im Verhandlungswege gefunden haben und damit auch eine Ersatzform für den durch zwei Weltkriege eingetretenen Verlust an globaler Macht und Gestaltungsmöglichkeit. Diese machtpolitischen Defizite konnten demnach einigermaßen kompensiert werden. Was tatsächlich schwerer wiegen mag, ist der geistig-spirituelle Verlust, jener Verlust an Glaubensgewissheit und Religiosität, zumal bei all ihren Zweifelhaftigkeiten die Frage ihres Ersatzes unbeantwortet geblieben ist und das dadurch entstandene geistig-ideologische Vakuum nicht gefüllt wurde.

Während Sicherheitsfragen um 1960 wie heute beantwortbar scheinen, sind die Glaubensfragen ein weit schwieriger zu lösendes Problem, zumal (konventionelle) Sicherheiten ohne (religiöse) Glaubensvorstellungen möglich geworden sind. „Glaube und Sicherheit“ stellen sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts als Herausforderungen im Zeichen einer entfesselten Re-Islamisierung und aufgebrochener fundamentalistischer Tendenzen wieder von neuem, was die Aktualität der Überlegungen Heers unterstreicht. Dieser europäische Kulturhistoriker, der in einem frei interpretierten Katholizismus verwurzelt war, hatte mit seinem Hildesheimer Vortrag interessante Anregungen und wertvolle Anstöße gegeben. Der österreichische Katholizismus bot offenbar auch Nährboden für einen divergenten Lebensentwurf und abweichenden Lebensweg. Heer repräsentierte einen „anderen“ Katholizismus jenseits von Kirche und Papsttum – mit einem beweglicheren und offeneren Deutungspotential, welches gegen die Ideologie von einem Europa als einheitlichem „christlichen Abendland“ anschreiben konnte und es zu verstehen versuchte als einen Kulturraum, dessen eigentliche Identität im Konflikt und Dialog bestand und besteht. Dafür stehen auch zuletzt wieder neu aufgelegte Werke Heers wie „Europa – Mutter der Revolutionen“ und „Europa: Rebellen, Häretiker und Revolutionäre“.[41] Heer war ein genialer Kopf, vielleicht zu genial für so manche Historiker, die vielfach zu sehr auf Details und die Fußnoten ihrer Werke konzentriert waren. Es lohnt daher, diesen „österreichischen Querdenker und europäischen Polyhistor“[42] weiter „auszugraben“.



[1]              Zu Bernward und Godehard siehe J. Gebauer, Geschichte der Stadt Hildesheim, verfaßt im Auftrage des Magistrats, Bd. I, Hildesheim – Leipzig 1922, S. 21-36; Erich Riebartsch, Geschichte des Bistums Hildesheim von 815 bis 1024 auf dem Hintergrund der Reichsgeschichte, Hildesheim 1985, S. 312-329 und zu den ersten Bischofsjahren Godehards, ebd., S. 330-340; siehe ferner zum tausendsten Jahr der Bischofsweihe Bernwards (15. 1. 993) den umfassenden Katalog der Ausstellung des Dom- und Diözesanmuseums Roemer- und Pelizaeus-Museums von Michael Brandt/Arne Eggebrecht (Hrsg.), Bernward von Hildesheim und das Zeitalter der Ottonen, Hildesheim 1993, 2 Bde, Hildesheim – Mainz 1993 mit zahlreichen Beiträgen sowie hierzu Thomas Vogtheer, Bischof Bernward von Hildesheim nach 1000 Jahren. Bemerkungen über Nutzen und Ertrag der Bernward-Ausstellung 1993 und ihrer Begleitpublikationen, in: Hildesheimer Jahrbuch für Stadt und Stift Hildesheim Bd. 64 (1993), Hildesheim 1993, S. 27-53 und Rudolf Schieffer, Ein Bischof vor tausend Jahren, in: ebd., S. 13-26 sowie auch Herbert Reyer, Kleine Geschichte der Stadt Hildesheim, Hildesheim 2002, S. 17-24.

[2]              Gerhard Hartmann/Karl Rudolf Schnith (Hrsg.), Die Kaiser. 1200 Jahre europäische Geschichte, Graz – Wien – Köln 1996, S. 155, 161 (Bernward); 176, 186 (Godehard).

[3]              Zitat Enno Bünz [Lebensdaten und Vorbemerkung zum Teil I Vita Bernwardi Episcopi], in: Bernward von Hildesheim und das Zeitalter der Ottonen, Bd. 2, S. 8.

[4]              Ein ergiebiger Materialfundus stammt in dem grundlegenden Werk von Evelyn Adunka, Friedrich Heer (1916-1983). Eine intellektuelle Biographie, Innsbruck – Wien 1995; zuletzt Michael Gehler, Friedrich Heer (1916-1983), in: Heinz Duchhardt/Małgorzata Morawiec/Wolfgang Schmale/Winfried Schulze (Hrsg.), Europa-Historiker. Ein biographisches Handbuch, Bd. 2, Göttingen 2007, S. 271-293.

[5]              Einladung zur Feierstunde, Stadtarchiv Hildesheim (StAH), Bestand 103-10, Nr. 8361.

[6]              Karlheinz Schloesser an Oberbürgermeister Martin Boyken, 2. 5. 1960. Ebd.

[7]              Wolfgang Stump, Hermann Heimpel (1901-1988), in: Rüdiger vom Bruch/Rainer A. Müller (Hrsg.), Historikerlexikon. Von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, München 1991, S. 130.

[8]              Auszug aus dem Protokoll über die Sitzung des Verwaltungsausschusses vom 8. 6. 1960, Tagesordnungspunkt 23 „Verschiedenes“. StAH.

[9]              Auszug aus dem Protokoll über die Sitzung des Verwaltungsausschusses vom 26. 9. 1960, Tagesordnungspunkt 8. „Verschiedenes“. StAH.

[10]             Adunka, Friedrich Heer, S. 80-83.

[11]             Siehe den Eintrag zu Friedrich Heer, in: Fritz Fellner/Doris A. Corradini (Hrsg.), Österreichische Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert. Ein biographisch-bibliographisches Lexikon, Wien – Köln – Weimar 2006, S. 173-174.

[12]             Schatten über Festakt in der Rathaushalle. Die akustischen Verhältnisse behindern Wortverträge sehr, in: Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 10. 10. 1960, Nr. 237, S. 3.

[13]             Ebd.

[14]             Ebd.

[15]             Ebd.

[16]             Grundlegend: Hermann Meyer-Hartmann, Zielpunkt 52092 N 09571 O. Der Raum Hildesheim im Luftkrieg 1939-1945 (Schriftenreihe des Stadtarchivs und der Stadtbibliothek Hildesheim 14), Hildesheim 1985; Manfred Overesch, Der Augenblick und die Geschichte. Hildesheim am 22. März 1945, Hildesheim – Zürich – New York  2005, S. 19-59, hier S. 42 [Siehe die kritische Würdigung des Werks von Markus Roloff, in: Hildesheimer Jahrbuch für Stadt und Stift Hildesheim Bd. 77 (2005), Hildesheim 2007, S. 234-236]. Overesch zitiert den Angriff unter Hinweis auf Thomas Mann als „Verbrechen“. Im Klappentext ist explizit von „Kriegsverbrechen“ die Rede – ein m. E. zutreffendes Urteil; siehe auch die betreffenden Abschnitte in: Manfred Overesch (unter Mitarbeit von Stefan Oyen), Hildesheim 1945-2000. Hildesheim 1945-2000. Neue Großstadt auf alten Mauern, Hildesheim – Zürich – New York 2006, S. 15-23 und zum ersten Wiederaufbau S. 24-37.

[17]             Friedrich Heer, Glaube und Sicherheit. Deutsche und europäische Probleme der Jahrtausendwende, im Zeitalter Bernwards und Godehards von Hildesheim, in: Alt-Hildesheim. Eine Zeitschrift für Stadt und Stift Hildesheim (November 1961), Heft 32, S. 1-13, hier S. 1; stark zweifelnd an der angeblich ursprünglichen Monumentalität der „Michaelis“-Kirche als „Gottesburg“ kritisch: Christoph Gerlach, St. Michael in Hildesheim – Kirche ohne Vorbild?, in: Hildesheimer Jahrbuch für Stadt und Stift Hildesheim Bd. 75 (2003), Hildesheim 2005, S. 9-58.

[18]             Auf die kriegsverbrecherischen Dimensionen des Bombenkriegs gegen deutsche Städte und Zivilisten generell verweist eindringlich: Jörg Friedrich, Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg, Berlin 2002, Hamburg 2007, speziell zu Hildesheim: S. 208-213; in der Bewertung zurückhaltender Reyer, Kleine Geschichte Hildesheims, S. 111-112.

[19]             Vgl. den reflektierten Exkurs zur Vernichtung der Altstadt als Verlust der historischen Identität Hildesheims bei Sören Philipps, Hildesheimer Gedächtnisorte. Eine Lokalstudie zum kollektiven Gedächtnis von der Kaiserzeit bis heute (Berliner Beiträge zur Zeitgeschichte 1), Berlin 2002, S. 173-176 sowie Kurd Fleige, Wiederaufbau im Rückblick. Gedanken zum 50. Jahrestag der Zerstörung Alt-Hildesheims, in: Hildesheimer Jahrbuch für Stadt und Stift Hildesheim Bd. 67 (1995), Hildesheim 1996, S. 291-315.

[20]             Heer, Glaube und Sicherheit, S. 1.

[21]             Zit. n. Adunka, Friedrich Heer, S. 81.

[22]             Friedrich Heer, Warum gibt es kein Geistesleben in Deutschland?, München 1978.

[23]             Ludger Kühnhardt, Das deutsche Geistesleben. Härte der Hirne. Friedrich Heers Kulturkritik, in: Deutsche Zeitung/Christ und Welt, 15. 12. 1978, Nr. 51. Ernsthaftes, Nachdenkliches, Kritisches, Zeitgeistiges und Weiterführendes zur Thematik zu finden auch in den Beiträgen von Manfred Overesch, Quo vadis, Deutschland? Gedanken zur Zeit. Hildesheimer Universitätsreden 1989-2003, Hildesheim – Zürich – New York 2003.

[24]             Zit. n. Adunka, Friedrich Heer, S. 82-83.

[25]             Heer, Glaube und Sicherheit, S. 2.

[26]             Ebd.; zur Unterwerfung der Sachsen und Gründung des Bistums Hildesheim: Gebauer, Geschichte der Stadt Hildesheim, S. 10-20.

[27]             Friedrich Heer, Das Wagnis der schöpferischen Vernunft, Stuttgart – Berlin – Köln – Mainz 1977, S. 230. Er verstand dies sein „geistiges Testament – an die Adresse der Deutschen“. Siehe auch die würdigend-kritische Besprechung von Silvio Vietta, Wirkung und Macht der Einbildungskraft in der Geschichte, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. 4. 1978.

[28]             Heer, Glaube und Sicherheit, S. 8.

[29]             Ebd., S. 2.

[30]             Ebd., S. 5.

[31]             Friedrich Heer, Der Glaube des Adolf Hitler. Anatomie einer politischen Religiosität, Esslingen – München 1968, 21998.

[32]             Ebd., S. 7.

[33]             Ebd., S. 5.

[34]             Ebd.

[35]             Ebd., S. 6, hier Fussnote 19.

[36]             Friedrich Heer, Der Kampf um die österreichische Identität, Wien – Köln – Weimar 1981, 21996.

[37]             Heer, Glaube und Sicherheit, S. 10.

[38]             Ebd., S. 11.

[39]             Ebd., S. 12.

[40]             Ebd., S. 13.

[41]             Friedrich Heer, Europa: Rebellen, Häretiker und Revolutionäre. Ausgewählte Essays, hrsg. v. Johanna Heer (Friedrich Heer: Ausgewählte Werke in Einzelbänden Bd. 2), Wien – Köln – Weimar 2003; Friedrich Heer, Europa der Mutter der Revolutionen, hrsg. v. Alfred Pfabigan (Friedrich Heer: Ausgewählte Werke in Einzelbänden Bd. 4), Wien – Köln – Weimar 2004.

[42]             So lautete sinngemäß der Titel meiner Antrittsvorlesung an der Stiftung Universität Hildesheim am 6. 12. 2006, gehalten in der Domäne Marienburg.


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