Europa der Zukunft - Zukunft Europas. Philosophische Reflexionen

Europa der Zukunft - Zukunft Europas: Philosophische Reflexionen

Tilman Borsche, Hildesheim Europa als Zukunft – Zukunft Europas

Philosophische Reflexionen 

1. Die alte Wesensfrage: ‹Was ist Europa?›

Ein Philosoph ist eingeladen, zum Thema Europa zu sprechen, genauer: zum neuen Forschungsfeld der Europäistik. Was läge näher, als dass er nach dem Gegenstand fragt, dessen ungebrochene Aktualität hier aufs Neue reflektiert werden soll. EuropaWas ist das?  

Wenn man diese Frage nicht auf die Geographie beschränkt – der Ural und der Kaukasus als die östlichen Grenzen Europas sind bekanntlich nicht mehr als eine praktikable Historiker-Konvention –, wenn man außerdem die Frage nach dem Ursprung des Namens übergeht – die Etymologie wurde vielfältig untersucht, besprochen, kommentiert, bleibt aber in der Sache wenig ergiebig –, wenn man die Frage, was Europa ist, statt dessen auf die Menschen bezieht, die einem geographischen Raum seinen Namen geben, dann lautet sie: Was heißt es, Europäer zu sein? Wer oder was gehört dazu und nicht dazu? Und warum gehört es (nicht) dazu? Wo liegen die inneren und äußeren Grenzen Europas, die es definieren? 

Zahlreich sind die Antworten, die in den letzten Jahren im Zusammenhang mit den Bemühungen um die europäische Integration auf diese und ähnliche Fragen zu hören waren: mehr als sich zu einem klaren Bild integrieren lassen. Denn vielfältig sind die Blickwinkel, aus denen heraus solche Fragen gestellt werden; und folglich auch die Antworten, die gegeben werden. Was hätte ich aus dem Blickwinkel der Philosophie thematisieren können, was würde man erwarten? Europäische Werte, die Menschenrechte etwa, die sich inzwischen zum vielleicht wichtigsten, wenn auch nicht unproblematischen Exportgut Europas entwickelt haben? Oder die Trennung von Staat und Kirche, die uns durch die Konfessionskriege und die Aufklärung des Denkens vermittelt wurden? Oder – und gewiss nicht zuletzt – die Philosophie selbst, die immer wieder als ein charakteristischer Beitrag zur Europäisierung Europas angeführt wird? In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche Stellungnahmen zu diesen Fragen publiziert. Stellvertretend für viele andere erwähne ich nur den Sammelband „Europawissenschaft“ von 200x, insbesondere mit den einschlägigen Beiträgen von Jürgen Kocka, Richard Schröder und Hans Joas/Christof Mandry.  

Solche und andere Fragen nach der Identität Europas im geographischen wie im übertragenen geistigen Sinn hat das Institut für Philosophie vor vier Jahren zum Thema einer Ringvorlesung gemacht und unter den Titel „Grenzen Europas?“ gestellt. Man schrieb das Jahr 2004, das Jahr der letzten großen Erweiterung der Europäischen Union. Und wir gingen davon aus, dass man irgendwie würde sagen können, was es denn sei, das diese Union ausmacht; oder anders: dass es möglich sein müsse zu erklären, was den Club der fünfzehn Mitglieder, dem zehn weitere beizutreten sich erfolgreich beworben hatten, zusammengebracht hatte, zusammenhielt und künftig in einem noch größeren Kreis verbinden sollte. Doch schon damals lautete das irritierende, aber letztlich auch wieder nicht überraschende Ergebnis der Referate und Diskussionen: Die Frage war falsch gestellt. Warum? Meine Antwort lautet: Die Frage verdankt sich einem Kategorienfehler. 

Alle bisher genannten Fragen waren und sind Fragen nach dem Sein von etwas: Was ist Europa, was charakterisiert den Europäer, welches sind seine Merkmale und Bestimmungen, wo liegen die Grenzen Europas? Auf diese oder ähnliche Weise fragt man – in Europa tut man das seit Aristoteles – nach dem Sein von Naturgegenständen. Man definiert das allgemeine Sein von etwas Gegebenem durch die Angabe einer anerkannten Gattung (genus proximum) und die Suche nach charakteristischen Differenzen (differentia specifica). Letztere sind es, die eine Sache spezifisch von einer anderen unterscheiden und sie als solche, d.h. als allgemeine, definieren. Welche Merkmale kann man angeben, so wird in diesem Sinn gefragt, die Europa charakterisieren, die Europa bzw. den Europäer von allen anderen vergleichbaren Größen, den Bewohnern anderer „Kontinente“, signifikant unterscheiden? Populär gefragt: was ist typisch für Europa, für den Europäer/die Europäerin? (Z. B. die Angabe beider Geschlechter bei ungestrafter Vernachlässigung des kollektiven Singulars? Ein Japaner/eine Japanerin könnte darüber nur lachen, würde es aber aus Höflichkeit nicht tun.)

Diese Form der Frage wurde am Beispiel der Untersuchung von Naturgegenständen entwickelt, insbesondere am Beispiel der Untersuchung von Arten der Lebewesen. Fragen dieser Art, wie sie bis heute in den meisten Wissenschaften üblich sind, sind strukturell statisch angelegt und konservativ. Sie fragen nach Merkmalen und Bestimmungen der Sache, die als Inklusions- bzw. Exklusionskriterien dienen können, um Seinsverhältnisse zu erkennen und zu bezeichnen. Damit antworten sie auf die Frage, was etwas ist und welche Eigenschaften es hat.  

Solche Fragen galten, wie gesagt, zuerst und vor allem den Naturgegenständen. Irgendwann, vermutlich mit dem Entstehen der modernen Geschichtsforschung, wurde diese Art, „wissenschaftlich“ im aristotelischen Sinn nach den Dingen zu fragen, von der Naturbetrachtung auf die Geschichtsbetrachtung übertragen, die sich zuvor gerade nicht als Wissenschaft, sondern als historia (zu deutsch häufig: Geschichtsschreibung) verstanden hatte. Zugleich verschob sich das historische Interesse: Als neue Gegenstände der Geschichtsbetrachtung, als die historischen Subjekte der Neuzeit gewissermaßen, traten die Nationen in den Fokus der Aufmerksamkeit der Historiker. Kurz, Nationen wurden untersucht und dargestellt, als seien sie natürlich unterschiedene Menschenarten. Wir unterscheiden Löwen, Tiger, Panther und Geparden wie wir Deutsche, Franzosen, Römer und Barbaren unterscheiden; oder Europäer, Afrikaner, Inder und Juden. Das genau ist der Kategorienfehler. Und dem ist grundsätzlich entgegenzuhalten: Kollektive Identitäten unter Menschen, die diese sich selbst als Vernunftwesen zuschreiben, sind keine natürlichen Gattungen. „Europa“ aber in dem hier untersuchten Sinn, ist eine solche Selbstzuschreibung, Selbstbezeichnung. 

Historisch ist hier zu bemerken: Die philosophischen Anfänge des Studiums von Nationalcharakteren bei Rousseau und Condillac, bei Herder und Humboldt sprechen eine sehr viel vorsichtigere Sprache. Zumindest den letztgenannten Autoren war klar bewusst, und sie brachten es auch deutlich zum Ausdruck, dass eine Nation, eine Sprache, eine Kultur und andere kollektive Identitäten keine Naturgegenstände sind und sich nicht auf natürliche Weise nach Arten und Gattungen bestimmen lassen. Sie sind geistige Individualitäten – ineffabilia – und nur in ästhetischen Kategorien fassbar.  

Doch genau dieses Bewusstsein ging 1806 – man kann es an der Herder-Rezeption sehr genau verfolgen – mit dem Umschlagen des neuen revolutionären Nationalgefühls in einen antinapoleonischen Nationalismus verloren. Schon an der Wortwahl zeigt sich das Missverständnis. Etymologisch betrachtet liegt die Bedeutung des Wortes Nation nahe bei der des Wortes Rasse. Französischer Nation zu sein bedeutet als Franzose geboren zu sein (nasci). (Ob dieses „Geborensein“ auf das Land (wie in Frankreich) oder auf die Abstammung der Eltern (wie in Deutschland) bezogen wird, ist eine juristische Frage. Als juristische Bestimmung kann die Zuschreibung der Nationalität die Etymologie des Geborenseins selbstverständlich auch völlig überlagern und ganz andere Kriterien zugrunde legen.)  

Daher noch einmal meine erste These: Die Frage, Was ist Europa?, bzw. Was zeichnet die Europäer/innen als solche aus? ist falsch gestellt, irreführend zumindest. Sie überträgt nationalistische Fragestellungen des 19. Jahrhunderts analog auf eine höhere Ebene, indem sie impliziert, Europa sei so etwas wie eine Nation, nur eben von größerem Umfang als die bisher bekannten Nationen. Gefragt wird dann nach den Unterschieden zwischen den zahlreichen Nationen des ‚alten Europa’ und dem einen neuen Kandidaten für diesen Platz, der Europäischen Union, oder vielleicht den noch etwas utopisch anmutenden ‚Vereinigten Staaten von Europa’. Das ist eine durchaus legitime Frage. Mehr noch, das ist die Europa-Frage, wie sie sich einem in nationalen Kategorien aufgewachsenen Zeitgenossen auf quasi-natürliche Weise zuerst stellt. Und wie gesagt, auch wir haben sie uns und uns ihr vor vier Jahren gestellt. Doch das Ergebnis war – keine kluge oder überzeugende Antwort, sondern die Einsicht, dass die Frage offenbar falsch, d.h. nicht zielführend, nicht erhellend, nicht zukunftweisend gestellt war. 

Natürlich erscheint es mir wiederum, dass wir nicht die einzigen waren, die zu diesem Schluss kamen. Auch andere Europa-Denker stellten fest, dass der seit der Antike geläufige und seither allzu nahe liegende Analogieschluss von natürlichen auf historische Gegenstände problematisch ist. Der Vergleich zwischen dem Staat und der Seele in der Platons Politeia bzw. dem Staat und dem menschlichen Körper in Hobbes’ Leviathan sind nur die bekanntesten Beispiele solcher kühnen Analogiebildungen.

2. Das Scheitern der Wesensfrage nach unserer kollektiven Identität 

Wie aber sollen wir stattdessen fragen? Zur Exposition dieser neuen Frage gehört als erster Schritt die Erläuterung ihrer Notwendigkeit. Ich muss erklären, inwiefern und vielleicht auch warum die nahe liegende Frage, Was ist Europa? in ihrem gewöhnlichen Verständnis gescheitert ist, scheitern musste. Anlässlich unserer Ringvorlesung von 2004 wurden viele Merkmale genannt und erwogen, von denen wir annahmen, dass sie Europa charakterisieren könnten oder sollten: Europäische Werte, Menschenrechte, Demokratiebewusstsein, gemeinsame religiöse Traditionen, gemeinsame Geschichte u.m.a. Das Ergebnis einer kritischen Diskussion solcher Merkmale war und ist leicht vorauszusehen: Kein allgemeines Merkmal konnte benannt werden, das exklusiv nur bei Europäern und nicht in signifikanter Weise zugleich bei Gruppen oder Epochen nicht-europäischer Kulturen zu finden wäre, keines, das auf alle Europäer – wenigstens generell auf alle signifikanten Gruppen und Epochen Europas – zuträfe. Von allem, was man als typisch europäisch anführen kann, findet sich leicht auch das Gegenteil in Europa und das Pendant außerhalb Europas. Auch diese Einsicht wird durch zahlreiche Studien gestützt.  

Und die künftigen Ergebnisse ähnlicher Diskussionen sind leicht vorauszusehen: Was immer als Antwort auf die Frage, Was ist Europa? angeboten werden und im Moment Anerkennung finden wird – man ahnt schon, dass die Zeit über diese Antworten hinweggehen wird. Es sei denn, man will den jeweiligen Staus quo als das letzte Wort in der Sache verteidigen. Ich möchte diesen Befund exemplarisch am Beispiel der Philosophie illustrieren, die nicht nur in ihren in Europa entwickelten Formen, sondern in der Regel auch generell als ein typisch abendländisches Unternehmen verstanden wird:  

Als charakteristisch für Europa gilt, was Adorno die instrumentelle Rationalität nannte. Doch gelingt es mühelos, auch in Europa irrationalistische, spiritualistische, mystische Denkformen zu finden und zu identifizieren, die die instrumentelle Vernunft als oberstes Orientierungsprinzip menschlichen Lebens weit von sich weisen. – Man hat die europäische Ethik als individualistisch charakterisiert. Doch es war Europa, das den Sozialismus erfand und sozialistische Ideen über die ganze Welt verbreitete. – Andere bezeichneten die klare Trennung von Staat und Kirche als etwas typisch Europäisches. Doch bekanntlich gehört auch das Mittelalter zu Europa, in dem staatliche und kirchliche Macht auf hoch komplexe Weise miteinander verwoben waren. Und ein Blick auf außereuropäische Kulturen zeigt: Selbst in Indien sind Kultus und Regierung unterschiedlichen Kasten anvertraut. 

Beispiele dieser Art – die Reihe ließe sich beliebig lange fortsetzen – bleiben deshalb immer unbefriedigend, weil die wechselseitigen kollektiven Zuschreibungen viel zu grobmaschig sind, um die historische Wirklichkeit der angesprochenen geistigen Strukturen auch nur annähernd beschreiben zu können. Die Unterschiede sind viel zu komplex, als dass ein allgemeiner Vergleich zwischen Europa und anderen Weltteilen bzw. Epochen sie erfassen könnte. Letztlich sind geistige Strukturen, auch kulturelle Institutionen wie Sprachen oder Regierungsformen, historisch gewachsene individuelle Gestalten des menschlichen Geistes. In jedem einzelnen Fall, für jede Epoche, jede Artikulationsform des Geistes muss man eine andere Geschichte erzählen. Dabei gelangt man zu Bildern und Eindrücken, die wohl unterschiedliche Muster und Stile in der Wahrnehmung, im Denken und im Verhalten ästhetisch klar erkennen lassen. Deutliche Merkmale hingegen, die zu allgemeinen Unterscheidungskriterien taugten, findet man nicht.

Mehr Gemeinsamkeiten treten in der Regel in Erscheinung genau da, wo bzw. dann, wenn vielfältige und intensive Kontakte bestehen. Wieder ein Beispiel: Georgien war im Mittelalter ein integraler Teil Europas (Wer weiß schon, dass im Ritterheer des großen georgischen Königs Dawit des Erbauers, mit dem dieser 1121 in der Schlacht von Didgori die erdrückende Übermacht der Seldschuken entscheidend besiegen konnte, zweihundert französische Ritter kämpften?). Doch nach der Eroberung Konstatinopels durch die Türken brach diese Verbindung zwischen Georgien und dem übrigen Europa für viele Jahrhunderte ab. Vormals also gehörte Georgien – selbstverständlich – zu Europa, nachmals nicht (mehr). Später, gegen Ende des 18. Jahrhunderts, wurde es russisch-zaristische Kolonie. Heute sitzt es wenig komfortabel zwischen vielen Stühlen und Optionen, die allerdings eher Druck- und Drohszenarien darstellen. Doch was sagt das über die Zukunft Georgiens, die Zukunft Europas? Wie entscheiden? Was tun? 
 

3. Die politische Frage nach Europa: ‹Welches Europa wollen wir?›  

Gerade wenn es uns offensichtlich nicht gelingt, allgemein zu sagen, was Europa ist, wenn wir immer nur und in zahllosen Varianten zu dichten und zu berichten in der Lage sind, was Europa – hier und dort, dann und wann – gewesen ist, dann gibt uns das andererseits doch einen Hinweis darauf, wie die Frage stattdessen zu formulieren wäre. Im Scheitern der Wesensfrage erweist sich Europa nämlich als eine originär politische Größe. Selbstverständlich können wir – z. B. als Historiker – immer fragen und auch mehr oder weniger ausführlich sagen, was in den letzten 5, 50, 500, 5.000 oder auch 50.000 Jahren „in Europa“ geschehen ist, indem wir Europa lediglich als eine geographische Bezeichnung verstehen, deren Extension wir als bekannt voraussetzen dürfen. Doch auf diese Weise lernen wir wenig, jedenfalls nur indirekt etwas über (die Bedeutung von) „Europa“. Die Frage, die sich uns stellt und der wir uns stellen müssen, wenn wir nach dieser Bedeutung von „Europa“ fragen, muss also als eine politische Frage gestellt werden; und sie lautet: Wie soll Europa aussehen? Wie soll das Europa der Zukunft aussehen? Welches Europa wollen wir?  

Selbstverständlich wird dieses Europa der Zukunft sich aus der europäischen Vergangenheit ‚speisen’. Es wird seine Gründungsmythen, seine Charakterstammbäume, seine Selbstdarstellungen, mit einem Wort: seine Legitimation aus der Vergangenheit holen. Aber: diese Vergangenheit ist reich. Ich scheue mich nicht zu sagen: schier unendlich reich. Zu jedem denkbaren Europa der Zukunft wird sich – falls gewünscht oder in Auftrag gegeben – eine Vergangenheit finden und seriös belegen lassen.  

Ich stelle diesen Gedanken unter den geschichtsphilosophischen Aphorismus 34. der Fröhlichen Wissenschaft von Nietzsche. Dort heißt es in dem zentralen Satz: „Es ist gar nicht abzusehen, was Alles einmal noch Geschichte sein wird.“1 Nietzsche orientiert diesen Gedanken von der Plastizität der Geschichte an seiner Vision des ‚großen Menschen’. Der kurze Aphorismus beginnt mit folgender Beobachtung: „Jeder grosse Mensch hat eine rückwirkende Kraft: alle Geschichte wird um seinetwillen wieder auf die Wage gestellt, und tausend Geheimnisse der Vergangenheit kriechen aus ihren Schlupfwinkeln – hinein in seine Sonne.“ Ersetzen Sie die heroische Vision des 19. Jahrhunderts vom ‚großen Menschen’, der wie ein Schicksal über uns hereinbricht (man soll dabei an Alexander oder Napoleon denken), durch die Gemeinschafts-Vision ‚Europa als Zukunft’. Dann zeigt sich eine geschichtsmächtige Vision, die unserer Zeit und unserer Lage angemessen zu sein scheint. Ein illustratives Indiz: Derzeit wird die deutsche und polnische Geschichte von einer gemeinsamen Kommission auf atemberaubende Weise umgeschrieben. Dabei wird nicht Geschichte erfunden, sondern es werden bekannte Daten anders ausgewählt, anders gewichtet, neu gesehen und in diesem Sinn Geschichte – ‚wie es eigentlich gewesen ist’ – neu geschrieben.  

Also noch einmal die politische Frage nach Europa: Als was verstehen wir uns? Aus welcher Darstellung der Vergangenheit heraus können, wollen, müssen wir uns deuten? Wir besitzen „die“ Vergangenheit – als das, was für uns Vergangenheit geworden ist – und verfügen über sie immer nur in einer Auswahl, als Arrangement und in Darstellungen dessen, was wir als ihre Zeugnisse aufbewahren und pflegen, kultivieren und tradieren. Wer und was soll dazu gehören? In welchem Maß und in welchem Sinn? Mit welchen Rechten und mit welchen Pflichten? Gegenüber wem, in welchem Umfang? Und mit welchen Wertungen?

Diese Frage ist so umfassend gestellt, dass sie den Frager erschlägt. Sie betrifft die gesamte Geschichtswissenschaft, Geschichtspolitik, und unseren gesellschaftlichen Umgang mit Geschichte überhaupt. Ich will sie hier gar nicht anschneiden. Vielmehr möchte ich im Blick auf die Vision Europa als Zukunft nur eine erste und allgemeine Erkenntnis oder Einsicht benennen, die sich auf diese Frage im Licht der Vision ,Europa als Zukunft’ ergibt, und zwar für uns, die wir gerade aus der Epoche des nationalen Denkens herauszuwachsen uns bemühen: Europa ist (oder hat, wenn Sie das lieber hören) keine Monokultur. Nur in der Epoche des Nationalismus im Denken konnten wir uns der Illusion hingeben, dass unsere kollektive Identität (und generell die kollektive Identität eines Menschen) eine einfache sei. Du bist entweder Deutscher oder Franzose oder Pole – und weiter nichts; bzw. alle anderen Zugehörigkeiten sind der einen und entscheidenden nationalen Identität untergeordnet. Dieses Denken beginnt, geistesgeschichtlich, mit dem Souveränitätsbegriff von Thomas Hobbes. Der Staat (erst sehr viel später von der Nation überlagert und fortan sich als Nationalstaat darstellend) ist absolut, er kontrolliert und reguliert die anderen kollektiven Teil-Identitäten. Denn alle Macht und alles Recht (Rechtsetzung ebenso wie Rechtsprechung), selbst wenn sie von der Nation ausgehen, wie man sagt, werden durch den Staat repräsentiert. 

Nun mag man zunächst geneigt sein anzunehmen, dass Europa das Gleiche darstellen sollte wie bislang die Nation, nur auf höherer Ebene, in größerem Umfang. Wenn dem so wäre, dann müssten sich die bestehenden europäischen Nationen in Groß-Europa auflösen, als historische Subjekte von der Bildfläche verschwinden. Bei Hobbes ist ein solches Harakiri souveräner Staaten nicht vorgesehen. Die historische Lage Europas von 1945, nach einer katastrophalen Implosion des Gedankens der nationalen Souveränität (oder nach dem Scheitern anmaßender nationalistischer Visionen), weist einen anderen Weg: Kollektive Identitäten – generell gesprochen – müssen wieder als verschränkt erkannt und als multiple Gebilde verstanden werden. Die Ebene nationaler Identität bleibt bestehen, es wäre ein höchst gewaltsames und vermutlich aussichtloses Unterfangen, sie eliminieren zu wollen. Aber sie verliert ihren Absolutheitsanspruch und wird ergänzt bzw. in bestimmten Rücksichten auch ersetzt durch supranationale bzw. regionale Teil-Identitäten mit eigenem Rechtsstatus und Gestaltungsbefugnissen. Gerade aufgrund der historischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts spielt dabei die neue supranationale Ebene namens „Europa“ eine prominente Rolle. Europa ist der Ort und die Instanz, an dem bzw. an der die Feindseligkeiten, die zur Katastrophe führten, überwunden werden sollen, überwunden werden wollen und überwunden werden können.  

Das künftige, das zu errichtende Europa muss daher etwas Andersartiges sein bzw. werden als eine Nation im traditionellen Sinn. Vielleicht ist es daher auch nicht so schlecht, erweist sich gar als eine List der Vernunft in der Geschichte, dass Europa keine Verfassung zu Wege bringt, sondern sich mit einem Flickenteppich von Verträgen und Vereinbarungen durch die Zeiten manövriert. Die große und seit langem vielstimmig diskutierte Frage bleibt allerdings permanent virulent, und sie bleibt unbeantwortet: Welch eine Art von Gebilde kann, soll und will Europa sein? Auch diese Frage möchte ich nicht ernsthaft anschneiden. Aber vielleicht darf ich, im Rahmen meiner notgedrungen und programmgemäß programmatisch bleibenden Skizze, einige wenige Punkte wenigstens benennen: 

1. Europa als ein Nationalstaat größeren Umfangs bzw. höherer Stufe: das wäre, so wie die Dinge liegen bzw. gewachsen sind, ein Monstrum: ein Nationalstaat ohne Nation, jedenfalls ohne Legitimitätsgrundlage in einer der traditionellen Nationen Europas; ich kenne kaum jemanden, der das wünschte (Böckenförde?). Wenn sie aber keine nationale Identität höherer Stufe sein soll, dann wird die europäische Identität des Europäers keine dominante oder gar exklusive sein können. Sie wird sich vielmehr als Moment eines multiplen kollektiven Identitätskomplexes verstehen, zu der jeder und jede einzelne sich (nur) in bestimmter Hinsicht bekennen und die wir, wie alle anderen kollektiven Teil-Identitäten auch, gemeinsam immer wieder neu aushandeln müssen. Es wird sich um eine dynamische und eine komplexe Identität handeln, die mit anderen Teil-Identitäten interagiert, gelegentlich wohl auch konkurriert.  

2. Es wird auszuhandeln sein, (a) welche Fragen die europäische Identität betrifft, (b) welche Individuen sie umfasst, (c) welche Rechte und Pflichten sie impliziert. So verstanden definiert die kollektive Teil-Identität einen Verantwortungsbereich. Sie bestimmt, wie weit und in Bezug auf welche Gegenstände bzw. Lebensbereiche meine Ansprüche und meine Verantwortung gegenüber anderen Europäern als Europäern reichen. Sie trägt damit zunächst einmal dem Umstand Rechnung, dass meine Verantwortung nicht grenzenlos ist. Verantwortung braucht Grenzen. Wer seine Pflicht zur Nächstenliebe auf die Partei- oder die Volksgenossen beschränkt (oder auf die Angehöreigen seiner Kaste), ist ‚Chauvinist’. Wer sie auf alle Zeiten und alle Völker ausdehnt, kann am Ende gar nichts mehr guten Gewissens tun. Vielfältige und flexible Grenzen sind gefragt. 

3. Eine interessante Beobachtung am Rande: Politische Fragen dieser Art stellt man nicht als Wissenschaftler mit dem neutralen (oder göttlichen) Blick ‚from nowhere’: Man stellt sie entweder aus der Innen- oder aus der Außenperspektive; beides natürlich unterschiedlich. Welches Europa wollen wir? fragt einer, der sich ‚immer schon’ als Europäer versteht. Welches Europa wollen die Europäer? fragt ein Außenstehender, sei es, dass er dazugehören möchte oder dass er sich bedroht fühlt; dass er Kontakt aufnehmen möchte oder dass er nur neugierig ist. Einen neutralen Standpunkt gibt es hier nicht. Es gibt ihn nur, indem man die Frage verschiebt: Der Wissenschaftler, der sich als Wissenschaftler für Europa interessiert, untersucht aber gar nicht Europa. Denn, wie gesagt, Europa ‚gibt es’ nicht; genauer: Europa ist kein Naturgegenstand, sondern eine Idee, und diese Idee hat keine objektive Bedeutung, sondern immer nur die Bedeutung, die ihr gegeben wurde bzw. wird. Was aber tut der Wissenschaftler, wenn er eine solche Idee untersuchen will? Er macht Meinungsumfragen. Dazu befragt er Zeitgenossen (für Auskünfte über die Gegenwart, als Soziologe), oder er befragt Textzeugnisse (für Auskünfte über die Vergangenheit, als Historiker). Nur die Zukunft kann er so nicht befragen. Jedenfalls aber erforscht er Meinungen über sein Objekt. Das ist ein weiteres Indiz dafür, dass es sich bei der Frage nach Europa um eine politische, nicht um eine (natur)wissenschaftliche Frage handelt. 

Rückblickend betrachtet verstehen wir auch die nationale Identität besser, wenn wir sie nicht als Antwort auf die wissenschaftliche Frage, was Deutschland ist und was die Deutschen sind, sondern auf die politische Frage, wer wir sind, genauer: wer wir (gewesen) sein wollen, versteht.  

In meinem Beitrag zu der schon genannten Ringvorlesung von 2004 über „Die Grenzen Europas“ habe ich eine Antwort auf die Frage skizziert, wer wir als Europäer sein wollen und als was wir uns verstehen. Diese Antwort ist alles andere als originell, aber ich stehe noch immer zu ihr, weil ich Besseres auch seither nicht gefunden habe. Mit einer ausführlichen Zusammenfassung dieser Antwort möchte ich daher auch diesen Beitrag abrunden: Zunächst die Antwort in einem einzigen Satz: Europa ist eine Solidargemeinschaft, die Solidarität aber nicht bedingungslos und umfassend fordert, sondern in bestimmter Hinsicht und in begrenzten Maßen; das rechte Maß ist zu suchen. 
 

4. Europäische Identität – eine Frage der Solidarität  

Noch einmal das Ergebnis der Diskussionen: Alle bisher vorgebrachten möglichen Bestimmungen reichen nicht aus, um die Identität und damit auch die Grenzen Europas rational zu definieren. Für jedes Argument findet sich ein ähnlich überzeugendes Gegenargument. Für alle lassen sich gute historische Belege finden, Beweise kann es nicht geben. Die Vermutung liegt also nahe, dass über die Identität und die Grenzen Europas anders entschieden wird als durch Argumente. Es handelt sich um eine politische Frage. 

Was aber motiviert die politische Entscheidung, wenn es (noch) nicht Argumente waren oder sind? Meine vorläufige Antwort auf diese Frage heißt: das Gefühl der Solidarität mit den in Frage stehenden anderen (Personen, Gruppen, Nationen) oder das, was Lord Ralf Dahrendorf den „sense of belonging“ nennt. Natürlich sind Intension und Extension dieses Gefühls, wie alles Irdische, veränderlich. Gefühle dieser Art verändern sich in der Tat und sind sogar gestaltbar. Aber ihre Veränderung geschieht, wie gesagt, wohl weniger aufgrund von Argumenten als aufgrund von Ideen bzw. Visionen und von Umständen. „Identität ist eine plastische Größe“, wie Adolf Muschg in seinen bemerkenswerten Europavorträgen schreibt.2 Dieser Satz gilt für die personale Identität ebenso wie für kollektive Identitäten.  

Was aber heißt hier (Gefühl der) Solidarität? In einem Beitrag in der FAZ vom 20.06.2003 über „Grundlagen europäischer Solidarität“ schreibt der ehemalige Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde nach einer kurzen Erläuterung des empirischen Begriffs der Solidarität: Solidarität meint „eine Art des Einstehens füreinander. Sie ist mit positivem Tun oder Leistungen verbunden, die man für andere erbringt. Solidarität geht, so gesehen, über die bloße Anerkennung anderer Menschen in ihrem Eigensein, über das elementare Gebot der Nichtstörung und Nichtverletzung (neminem laedere) hinaus; sie ist auf Gemeinschaftsbindungen und gesellschaftsbezogene Aktivität aus“.3 Diese positiv-normative Seite unterscheidet die Solidarität von der Achtung der Menschenrechte, die allein eine besondere, z.B. die europäische Gemeinschaft nicht begründen könnte, weil sie keine Grenzen zu ziehen erlaubt.  

Für unseren Zweck möchte ich noch einen weiteren Aspekt der Solidarität hervorheben, der ihre institutionelle Verankerung betrifft. Auch er lässt sich nur formal beschreiben:

(a) Solidarisch bin ich mit denen, deren gleichberechtigte Mitwirkung bei Gesetzgebung und Regierung in gemeinsamen Institutionen ich anzuerkennen bereit bin, auch wenn die resultierende Politik sich gegen meine persönlichen Interessen wenden sollte.

(b) Solidarisch bin ich mit denen, denen zu helfen, wie mir geholfen werden sollte, ich als Aufgabe der gemeinsamen Institutionen anzuerkennen bereit bin.

Zur Erläuterung sei der Blick an diesem Punkt einmal konkret auf die Frage nach den Außengrenzen Europas gelenkt: Nach meiner Beobachtung (Außenperspektive) und nach meinem Empfinden (Innenperspektive), gibt es in der EU gegenwärtig kein hinreichend starkes und weit verbreitetes Solidaritätsgefühl der beschriebenen Art gegenüber der Türkei, das es rechtfertigen würde, eine Aufnahme dieses Landes in die EU einzuleiten. Dasselbe gilt für Russland, Weiß-Russland und die Ukraine (die sicherlich einmal zum europäischen Kulturraum gehörten). Wird aber der Bogen der Solidarität überspannt, dann droht die Union zu zerbrechen. Schon jetzt sind diesbezüglich zentrifugale Kräfte erkennbar. Das Zerbrechen der Union würde zwar nicht unbedingt Krieg bedeuten, wie 1860 in den USA oder 1970 in Pakistan, etc., gerade weil das Zusammengehörigkeitsgefühl und damit die Solidarität in der EU noch nicht so stark sind, dass die Europäer sich für die Erhaltung ihrer gerade erreichten Einheit in den Krieg stürzen würden. Dennoch wären die Folgen unabsehbar. Und ein Traum wäre zerbrochen. 

Die europäische Herrschaft (Brüssel) orientiert sich nicht am Bild des absoluten Herrschers eines Thomas Hobbes. Denn sie braucht, soll und muss nicht erst den Naturzustand überwinden. Vielmehr erhält sie ihre Macht in einer bereits zivilisierten Welt von bereits rechtlich organisierten Vorgängerinstitutionen stückweise übertragen. Nur soweit die Solidarität reicht, intensional wie extensional, wird die Macht der gemeinsamen Institutionen reichen; ebenso die europäische Teilidentität ihrer Bürger, die immer Raum für weitere Identitäten auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene sowie in religiöser, kultureller, auch ständischer etc. Bedeutung, kurz: auf vielen verschiedenen Ebenen lassen wird. Subsidiarität ist das Prinzip der Integration souveräner Staaten, wie Zentralismus das Prinzip der Staatsgründung in der fiktiven Wildnis des Naturzustands.  

Doch auch als eine nicht-totale muss die europäische Identität nach innen und außen wahrnehmbar, die europäische Solidarität für alle spürbar und belastbar sein. Soziologen sprechen hier von “Einträgen im Wörterbuch kollektiver Identität”. – Welche wären das im Falle Europas? Ich nenne fünf:

1. Die mächtigsten Solidaritätsfaktoren der vergangenen Jahrhunderte waren zweifellos Völker und Nationen. Wie mächtig letztere auch heute noch sind ist, zeigt nicht nur der Sport, sondern auch die gegenwärtige Europapolitik, die nach wie vor weitgehend in nationalem Interesse betrieben wird. Entweder es gelingt, eine europäische Aktion als auch im eigenen nationalen Interesse liegend (zumindest als diesem nicht widersprechend) darzustellen, oder sie wird kaum Chancen haben, verwirklicht zu werden, selbst wenn sie im Interesse Europas liegt. Das Interesse Europas ist wenig noch verwurzelt in Europa.

2. Die Religion ist ein weiterer wichtiger Solidaritätsfaktor. Doch zumindest in Westeuropa ist sie weitgehend säkularisiert, also nur noch in geringem Maß fähig, identitätsstiftend und gemeinschaftsbildend zu wirken; allenfalls als gemeinsames kulturelles Erbe. Wo immer sie stärker verwurzelt ist, wirken die bekannten konfessionellen Spannungen eher desintegrierend.

3. Vor großer Bedeutung dürfte ein gemeinsames Geschichtsbild sein. Häufig wird der dreifache Ursprungsmythos herangezogen: von Athen die Wissenschaft, von Jerusalem die Religion und von Rom das Recht. Aber die Bindekraft von Mythen dieser Art dürfte sich auf die Gebildeten beschränken. Böckenförde fasst in dem erwähnten Artikel die Lage so zusammen: „Zwar ist eine europäische Geschichte vorhanden,” (was immer Vorhandensein in der Geschichte heißen mag,) „aber sie lebt nicht im Bewusstsein der Menschen.” (ebd.) Wo aber sonst könnte sie leben?

4. Ferner kann man das gemeinsame Bekenntnis zur Demokratie nennen. Doch das beschränkt sich nicht auf die europäischen Nationen und ist auch hier nicht überall verwirklicht.

5. Hinzu kommen als hohe symbolische Werte die gemeinsame Verfassung und die europäische Flagge: Erstere wurde abgelehnt und darf auch in ihrer Rumpfversion nicht diesen stolzen Namen tragen. Der Kranz der (unveränderlich!) zwölf goldenen Sterne, der auf der blauen Flagge die Vielfalt der Völker Europas, aber nicht ihre Zahl symbolisiert, spielt auf die Tradition auserwählter Gruppen in der jüdisch-christlichen Tradition an. Zwölf Stämme hatte Israel, zwölf Jünger folgten Jesus, zwölf Tore hat das himmlische Jerusalem. Die zwölf Sterne in ihrer Anordnung als Kranz bilden zudem die Krone des apokalyptischen Weibes (Ofb. Joh. 12,1) Hier erfolgt, je nach Lesart, im Zeichen des Kranzes aus zwölf Sternen die Geburt des Messias, des Volkes Gottes oder ein umfassender Neubeginn der Geschichte. Die Flagge umschließt ein Versprechen des Heils und der Auserwählung.4 

Das alles ist nicht besonders viel und nicht besonders stark. Aber das kann sich ändern, hier kann man, können wir nachhelfen. Noch einmal, etwas ausführlicher, Böckenförde: „Wie steht es mit der Nation der Europäer und einem entsprechenden National-Bewußtsein als Anknüpfungspunkt und integrierender Faktor? Es wäre verfrüht, derzeit von einer Nation der Europäer zu sprechen. Aber davon als Möglichkeit zu sprechen ist keine Utopie. Die EU besteht derzeit aus Völkern und Nationen, aber das Bewußtsein einer kulturellen und in gewissem Umfang auch politischen Identität der Europäer kann sich bilden. Dieser Prozeß kann durch Niederlegung der Grenzen, zunehmende wirtschaftliche Verflechtung, fortschreitendes Zusammenleben, geistig-kulturellen Austausch und entsprechende Kommunikation, ein stufenweise wachsendes Europa-Bürgerrecht, schließlich durch gemeinsame europäische Institutionen angetrieben und befördert werden. Hier ist einiges auf dem Weg. Zukunftsweisend ist dieser Prozeß indes nur dann, wenn das sich entwickelnde Nation-Bewußtsein der Europäer sich nicht aufsaugend, sondern übergreifend versteht als eine Gemeinsamkeit und Identität, welche die Besonderheit der Völker nicht ersetzt, sondern sie als fortbestehende selbständige Teile in sich einbegreift. Auf diese Weise kann dann ein nicht mehr einliniger Begriff dessen hervortreten, was als ‚das Volk’ im Sinne einer demokratischen Ordnung Europas gelten kann, sondern ein gedoppelter, mit der Tendenz zu einem zweifachen [nein, zu einem mehrfachen, T.B.] ‚sense of belonging’.” – Ein Teil dieses europanationalen Optimismus, der in nachdenklichen Kreisen der Nachkriegsgeneration wohl weit verbreitet war, scheint mir in den seither vergangenen vier Jahren geschwunden zu sein. 

Die von den Politikern vielfach beschworene Wertegemeinschaft hilft hier auch nicht weiter. Entweder beschränkt sie sich auf die Ideen von Demokratie und Menschenrechten. Doch gerade diese Ideen sind intrinsisch universal angelegt. Auch historisch betrachtet handelt es sich bei ihnen um europäische Export(schlager)artikel, die deshalb völlig ungeeignet sind, die Identität und die Grenzen Europas zu bestimmen. Oder die Werte sind so spezifisch, dass man – gerade auch in Europa – über sie streiten darf und muss; d.h. sie sind nicht identitätsbildend für Europa als solches. 

Letztlich maßgeblich für den Aufbau einer politischen Solidarität in Europa ist vielmehr ein entschiedener politischer Wille der Beteiligten. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an eine Stellungnahme Wilhelm von Humboldts zur deutschen Frage von 1813,5 die mutatis mutandis genau das gleiche Problem in seltener Klarheit und Präzision formuliert. Der Wille zur Einheit, den ich zu übersetzen versucht habe als eine vielleicht nicht umfassende, aber doch weit gehende Solidaritätsbereitschaft, muss faktisch vorhanden sein. Sonst bleibt die Einheit utopisch und die gemeinsamen Institutionen ‚verdorren’, sobald sie einer ernsthaften Belastungsprobe ausgesetzt sind, das künstliche Gebilde zerbricht. 

Die Präambel des Verfassungsvertrags nannte Europa eine „Schicksalsgemeinschaft“; allerdings nach vorne gerichtet: Sie sprach von der Bereitschaft der europäischen Völker, „immer enger vereint ihr Schicksal [das offenbar eines ist ?! Aber wissen das schon alle!?, T.B.] gemeinsam zu gestalten“. Dieses gemeinsame Schicksal ist Produkt eines Willens. Hat Europa, haben „wir“ diese Bereitschaft, diesen Willen? Das wird sich an unseren Taten zeigen, später.  

Falls wir beweisen wollten, dass wir sie haben, was könnten wir tun? Ich nenne drei Punkte:

1. Geschichtsbild: Europäische Geschichte als Unterrichtsfach, die jeweilige Nationalgeschichte als integrierender Teil davon; und das mit europaweit abgestimmten Lehrplänen und Lehrbüchern.

2. Europäisches Gemeinschafts-Bewusstsein: Gemeinsame Erinnerungskultur, Politik der Symbole (z.B. Rumsfeld ermuntern, doch bitte häufiger so integrative Formulierungen zu erfinden und zu gebrauchen wie die Rede vom Alten Europa.)

3. Politischer Wille: die Europäische Union als eigenen Träger von Gemeinwohlverantwortung erfahrbar und erlebbar machen. Solange diese Gemeinwohlverantwortung, wie bis jetzt, nahezu allein den nationalen Staaten zugeschrieben und von ihnen erwartet wird, kann sich ein europäisches Solidaritätsgefühl kaum ausbilden.

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Wenn Europa zusammenwachsen soll, wenn der europäische Zusammenhalt fester werden soll, dann müssen Entscheidungsprozesse und Beteiligungsformen in der Union entwickelt werden, die auch die Bürger Europas einbeziehen, insbesondere auch die Bürger der kleinen Mitgliedsstaaten. Nur so wird sich eine europäische politische Öffentlichkeit bilden. Schließlich müssen die demokratischen Grundlagen der Herrschaft schritthaltend mit der Integration ausgebaut werden. 

Europa wächst nicht von selbst zusammen. Was hier und wie eng es zusammengehört, lässt sich nicht leicht feststellen, denn es steht nicht fest, sondern es muss sich entwickeln. Über die Identität und die äußeren Grenzen Europas entscheidet der politische Wille der Europäer, wenn auch natürlich nicht willkürlich und nicht allein. Jede Entscheidung muss historisch motiviert sein, sonst wird sie nicht tragfähig sein. Aber, wie gesagt, die europäische Geschichte ist kein geschlossener Laden, sie ist reich und offen. Am Abbau der inneren Grenzen kann und muss gearbeitet werden, sie verschwinden nicht von selbst.  

Die Titelfrage nach der Zukunft Europas – ob Europa eine Zukunft hat und welche – wird entschieden sein, wenn sie einmal keiner mehr stellt. Noch sind wir unterwegs.

 

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