Emigration und Remigration – Ein Lebensbericht

Emigration und Remigration – Ein Lebensbericht

Emigration und Remigration – Ein Lebensbericht

Lore Auerbach, geboren am 5. August 1933 in Amsterdam, besuchte die Schule zunächst in den Niederlanden und England. Nach ihrer Rückkehr mit ihren Eltern im Herbst 1946 absolvierte sie ihr Abitur 1951 in Hannover. Es folgte ein erstes Studium an der Pädagogischen Hochschule der gleichen Stadt. Nach ihrer Anstellung als Junglehrerin in Hannover-Linden 1955 folgte das zweite Staatsexamen für das Lehramt an Volksschulen. Ein zweites Studium schloss sich an am Vorgängerinstitut der Hochschule für Musik und Theater Hannover mit Abschlüssen als Realschullehrerin für Musik und Englisch sowie staatliche Musikschullehrerprüfungen mit Schwerpunkten in elementarer Musikerziehung und Chorleitung. Seit 1959 wirkte Auerbach an der Jugendmusikschule in Hannover, von 1962 bis 1969 als Gründungsleiterin der Musikschule Hildesheim, von 1969 bis 1986 als Lehrerin an der Fachschule, dabei von 1969 bis 1971 auch an der vorübergehend angeschlossenen Höheren Fachschule für Sozialpädagogik. Seit 1976 hatte sie die Funktion als stellvertretende Schulleiterin inne. Neben ihrer pädagogischen Tätigkeit wurde sie auch politisch aktiv. Von 1986 bis 1994 war sie als SPD-Mitglied Abgeordnete des Niedersächsischen Landtags mit den Aufgabenbereichen Wissenschaft, Kultur und Medien betraut. Berufsbegleitend studierte sie von 1971 bis 1974 bei der Deutschen Gesellschaft für Individualpsychologie. Von 1979 bis 1981 absolvierte sie berufsbegleitend als drittes Studium das der Kulturpädagogik an der Hochschule Hildesheim mit dem Abschluss einer Diplom-Kulturpädagogin. Von 1956 bis 1999 wirkte sie ferner als Dozentin in Fortbildungskursen für Lehrer, Musikschullehrer und Kindergärtner/innen bei unterschiedlichen Trägerorganisationen. Von 1965 bis 1970 übte sie einen Lehrauftrag an der Hochschule für Musik und Theater für Didaktik der musikalischen Grundausbildung aus. Zahlreich sind ihre Veröffentlichungen zur elementaren Musikerziehung sowie zur Musik- und Kulturpolitik. Von 1949 bis 1966 war sie auch als Sängerin in einem semiprofessionellen Chor und von 1957 bis 1975 als Leiterin verschiedener Chöre aktiv. Zwischen 1958 und 1994 war sie mitverantwortlich für die Konzeption und Realisierung mehrerer nationaler und internationaler Musikfestivals, besonders von Jugendlichen. Zahlreiche Ehrenämter kennzeichnen das außergewöhnliche gesellschafts-, landes- und gemeindepolitische sowie erzieherische, kulturelle und künstlerische Engagement von Frau Auerbach. Von 1972 bis 1991 war sie nämlich auch Mitglied des Rates der Stadt Hildesheim, ab 1976 zugleich erste Bürgermeisterin, von 1985 bis 1994 Präsidentin der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Chorverbände, von 1991 bis 1994 Vizepräsidentin der Europäischen Föderation Junger Chöre, EUROPA CANTAT, sowie auch von 1994 bis 2001 Mitglied im Hörfunkrat des DeutschlandRadio. Sie ist u. a. Trägerin des Verdienstkreuzes I. Klasse des Bundesverdienstordens, erste (und bis dato) einzige weibliche Ehrenbürgerin der Stadt Hildesheim sowie Vorsitzende der Universitätsgesellschaft der gleichnamigen Stadt.

Welche Erlebnisse hatte Frau Auerbach und welche Erfahrungen machte sie als Kind und junges Mädchen während des Exils ihrer Familie in den Jahren 1933 bis 1945? Das war ein maßgeblicher Grund für ihre Einladung zu den „Europagesprächen“ des Instituts für Geschichte der Universität Hildesheim.

Frau Dr. Auerbach begann ihre Ausführungen mit einem persönlichen Einstieg in die Thematik: Sie war weder bewusst noch gezwungenermaßen emigriert – dazu war sie zu klein und noch viel zu jung. Hingegen wurde sie remigriert und dies „mit Begeisterung“, da im Elternhaus während der Emigration sehr oft von der Absicht der Rückkehr nach Deutschland gesprochen worden war.

Schlaglichtartig vermittelte Auerbach die ersten Stationen der Heimkehr mit ihren Eltern: Die Errichtung der zweiten Front durch die alles andere als risikolose alliierte Landung in der Normandie, die so genannte „Normandie-Invasion“ oder der „D-Day“ im Jahre 1944, den sie durch die Nachrichtenübermittlung als elfjähriges Mädchen bewusst miterlebt hatte.

Die mit der Rückkehr nach Deutschland verbundenen „extrem hohen Erwartungen“ zerschellten alsbald an den harten Realitäten der Nachkriegszeit. Auerbach erinnerte sich an drei Eindrücke:

1.      Die Enttäuschung in Bentheim oder – anders formuliert – wie sich die Bilder glichen: Auf der einen Seite sah es genauso wie auf der anderen aus;

2.      Der totale Schock in Osnabrück über dessen weitgehende Zerstörung, ein tiefsitzender Eindruck, der sie so erschütterte, dass sie erst nach Jahrzehnten wieder diese Stadt besuchte;

3.      Das völlig unversehrt gebliebene Städtchen Lemgo als scheinbare Idylle und erster Wohnort nach der Rückkehr mit ihren Eltern aus Großbritannien;

Ausgehend von diesen sehr unterschiedlichen Eindrücken hielt Auerbach inne und näherte sich ihrem Thema zunächst im Wege der Erläuterung und Reflexion der Begriffe „Emigration“ und „Remigration“ als vielschichtige Phänomene. Dabei schilderte sie das Spannungsverhältnis zwischen Freiwilligkeit einerseits und Gezwungensein andererseits. Emigration, einmal losgelöst vom Kontext der NS-Zeit, trägt durchaus ambivalente Züge und ist – historisch betrachtet – nicht nur mit Zwang zu assoziieren, sondern hat auch mit freiwilligem Entschluss, Abenteuerlust, Arbeitssuche, Existenzneugründung oder Eheschließung in der Fremde zu tun. In diesem Zusammenhang erwähnte sie auch Wirtschaftsflüchtlinge. Sodann ging sie auf Emigration als Resultat von politischer, ethnischer und religiöser Verfolgung ein, die mit unterschiedlichen Konsequenzen verbunden ist. Sie erinnerte an die Pilgrimväter, jüdische Flüchtlinge aus dem zaristischen Russland in Folge steigenden Antisemitismus in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wie auch im Zuge der NS-Machtergreifung 1933 und des reichsweiten Judenpogroms 1938 in NS-Deutschland, Flüchtlinge aus Ungarn vor und nach dem Jahr 1956 sowie Flüchtlinge aus Südosteuropa im Zuge der Balkankriege der 1990er Jahre und zuletzt Flüchtlinge im Zeichen des US-amerikanischen Irakkriegs.

Vielfach handelte es sich bei Flucht und Emigration um persönliche Entscheidungen aufgrund politischer oder religiöser Einstellungen. Während die Gründe für diese Emigrationen reversibel seien, seien jene Entscheidungen aufgrund von ethnischen Verfolgungen in der Regel irreversibel. Verwiesen werden kann hier auf die Vertriebenen aus dem vormaligen deutschsprachigen Osten nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Mit jeder Flucht und Emigration war und ist Verlust an Hab und Gut sowie an Lebensstandard verbunden, wie Auerbach ausführte. Emigration erfolgt aus Hoffnung auf individuelle Freiheit und v. a. auf bessere Lebenschancen für die Kinder. Auerbach verwendete durchgehend die Bezeichnungen „Emigration“ und „Emigranten“ und nicht „Exil“ und „Exilanten“ bzw. „Exulanten“ wie sie in der Wissenschaftssprache verwendet werden, worauf in der anschließenden Diskussion verwiesen wurde.

Emigranten seien, so Auerbach, vielfach als Opfer zu sehen, durchaus selbstbestimmt, wobei die geplante Dauer ihrer Emigration nicht selten offen sei. Oft war und ist Emigration nur für eine vorübergehende Zeit, vielfach aber auch dauerhaft angelegt. Die Assimilierung in einer neuen Welt hänge von der Dauerhaftigkeit der Immigration ab. Auerbach verwies dabei auch auf die Gefahr der Ghettoisierung und bei fehlender Dauerhaftigkeit auf die Problematik der Entstehung von Halbsprachlichkeit. Die dritte Generation von Emigranten spreche in der Regel schlechter als die zweite. Sie verwies dabei auf das aktuelle Beispiel junger Türkinnen in der heutigen Gesellschaft der Bundesrepublik, die in Gegensatz zu ihren Eltern geraten sei. Bei zu langer Dauer der Emigration werde die Rückkehr schwer und immer schwieriger. Auerbach verwies hier auf die in den 1970er Jahren so bezeichneten „Gastarbeiter“, die aus Italien, Spanien, Portugal, Griechenland und der Türkei nach Deutschland gekommen waren, den Absprung zur ursprünglich geplanten Rückkehr dann nicht mehr geschafft hätten und heute ein mehr oder weniger gezwungenes Rentnerdasein in der Bundesrepublik fristen würden, d. h. weder dort noch da richtig zu Hause seien.

Auch im Zusammenhang mit der Remigration stelle sich die Frage nach der Freiwilligkeit oder Unfreiwilligkeit. Abgeschobene Flüchtlinge aus Afghanistan oder Bosnien führte Auerbach als Beispiele an, wobei sie deutlich machte, dass es vielfach Verhältnisse gebe, die weder auf Rückkehrbereitschaft schließen lassen, noch wirklich für Rückkehrer geschaffen seien, zumal es für Remigranten auch aufnahme- und rückkehrbereite Strukturen in den ehemaligen Fluchtländern geben müsse.

Nach diesem allgemeinen Exkurs zur Begriffs- und Bedeutungsklärung von Emigration und Remigration kam Auerbach auf ihren persönlichen Lebensbericht zurück: Drei Monate nach Ankunft ihrer Eltern in Amsterdam wurde sie geboren. Ihr Vater stammte aus orthodox-jüdischem Elternhause, hatte sich aber schon lange vorher vom mosaischen Glauben abgewandt und mit seiner religiösen Herkunft gebrochen. Er war in der deutschen gesellschaftlichen und politischen Kultur aufgegangen, promovierter Sozialwissenschaftler und im Rahmen der Arbeitnehmer-Vertretung „Personen- und Warenverkehr“ (vergleichbar mit der früheren IG Öffentliche Dienste und Verkehr) mit Sitz in Berlin tätig gewesen. Die Vorfahren der Mutter stammten aus einer Emigrantenfamilie französischer Hugenotten des 17. Jahrhunderts, die zu Zeiten des Großen Kurfürsten von Preußen ins Brandenburgische zugewandert waren. Sie studierte Philologie und bereitete eine Dissertation vor über Jörg Jenatsch, eine Schweizer Persönlichkeit aus dem Dreißigjährigen Krieg.

Beide Eltern von Lore Auerbach waren aktive und überzeugte Sozialdemokraten. Am 1. Mai 1933, dem von den Nationalsozialisten nun so benannten „Tag der Arbeit“ und der Schaffung der „Deutschen Arbeitsfront“ (DAF), stürmten SA-Einheiten die Gewerkschaftszentrale in Berlin. Im Zusammenhang mit diesen Vorgängen wurde ihr Vater verhaftet. Im Zuge eines internen Machtkampfes lokaler NS-Größen kam er durch eine gleichermaßen zufällige Konstellation wieder auf freien Fuß. Bald aber stellte sich die Frage, ob er in den Untergrund gehen, sich also für Illegalität und Widerstand entscheiden oder ins Ausland gehen sollte. Als überdurchschnittlich großer Mann mit 1,95 Meter Größe im Vergleich zur kleinen 1,55 Meter großen, eher pummeligen Frau, waren sie ein auffälliges Paar gewesen – so existierte das geflügelte Wort „die Elle gehe mit der Null“ – daher entschieden sich beide statt für die Illegalität für die Emigration. Über internationale Kontakte im Rahmen der deutschen Sozialdemokratie war Amsterdam als Sitz der Internationalen Transportarbeiter Föderation (ITF) zunächst ein geeigneter Fluchtpunkt. Vater Auerbach engagierte sich als Redakteur des „Faschismus“ einer Pressekorrespondenz der ITF, berichtete über die internationale Gewerkschaftsbewegung im Zeichen ihres Kampfes gegen Faschismus und Nationalsozialismus. Im Archiv der sozialen Demokratie (ASD) der Friedrich Ebert Stiftung (FES) in Bonn befinden sich die Originale der Presseberichte ihres Vaters. Während er journalistisch tätig war, übersetzte die Mutter holländische Bücher für die Büchergilde Gutenberg.

Lore Auerbach machte am Flüchtlingsschicksal ihrer Eltern deutlich, dass es sich um eine Verfolgung aus politischen Gründen handelte. Es waren keine rassisch-religiösen Motive, die ihre Eltern zur Emigration veranlassten. Es gab zweifelsohne schon klar erkennbare Ansätze für antijüdische Maßnahmen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland, aber noch keine ausgeprägten gesetzlichen Vorkehrungen wie die Nürnberger Rassegesetze, die erst 1935 Gestalt annahmen. Doch verwies Auerbach auch auf erste Opfer der Zeit des frühen NS-Regimes am Beispiel des Hildesheimer Sir Hans Krebs. Lore Auerbachs Mutter war nicht jüdischer Abstammung, so dass aber bei einem Verbleib in Deutschland durch die jüdische Herkunft ihres Vaters Verfolgungsgefahr aufgrund von „Rassenschande“ gedroht hätte. Im Jahre 1938 wurde ihr Vater aus Deutschland ausgebürgert (Verlust der Reichsbürgerschaft). Damit verbunden war auch die Aberkennung seines in Deutschland erworbenen Doktortitels. Auerbach erwähnte nicht ohne Bitterkeit, dass zwar die Ausbürgerung per Gesetz nach 1945 aufgehoben wurde, aber die Aberkennung seiner Doktorwürde weiter bestehen blieb, von ihm aber nicht beachtet wurde. Erst im Jahre 2005 wurde ihrem Vater gleichsam posthum an der Universität zu Köln sein Doktortitel wieder zuerkannt bzw. neu verliehen! Auerbach führte dies als ein kleines Beispiel dafür an, wie lange man brauchte und wie schwer man sich mit dem Erbe der Unrechtshandlungen aus der NS-Zeit in der Bundesrepublik Deutschland getan hat.

Zurück in die Zeit der Emigration in den Niederlanden: Die Mutter war Hausfrau mit wenig Außenkontakten. Das junge Mädchen Lore Auerbach wurde in einem Montessori-Kindergarten untergebracht und mit sechs Jahren in eine Montessori-Schule eingeführt. Die italienische Pädagogin Maria Montessori spielte in den Niederlanden eine große Rolle, da sie dort auch den Schwerpunkt ihrer Lehre entfalten konnte. Den Kriegsbeginn – Auerbach legte Wert auf diese Begriffsverwendung und distanzierte sich damit gleichzeitig von der Wortwahl „Kriegsausbruch“ (weil Krieg nicht wie ein Naturereignis, also wie ein Unwetter, „ausbreche“, sondern in der Regel von langer Hand vorbereitet, bewusst geplant und gezielt begonnen werde) – erlebten sie und ihre Eltern im Oktober 1939 mit der Verlegung der ITF in das Vereinigte Königreich, was mit einer zweiten Flucht und einem neuerlichen Ortswechsel verbunden war. Lore Auerbach wuchs nun in einem Dorf bei Bedford, 80 Kilometer nordwestlich von London, auf. Sie sprach von glücklichen Umständen, dass ihrem Vater als Spitzengewerkschafter das Schicksal eines als verdächtig eingestuften „feindlichen Spions“ und damit die Internierung in ein Lager erspart blieb, was vielen deutschen England-Emigranten, die als „feindliche Ausländer“ galten, als jahrelanges Schicksal blühen konnte. Der Vater konnte sofort wieder seine gewerkschaftlich ausgerichteten Exil-Aktivitäten aufnehmen und fortsetzen. Lore Auerbach besuchte in Großbritannien die erste Klasse einer kleinen Dorfschule, für die sie eigentlich schon ein Jahr zu alt war, ein ideales Alter, wie die Referentin ausführte, um in einem anderen Land lesen und sprechen zu lernen. Mit acht Jahren war sie bereits eine Fahrschülerin nach Bedford. In London selbst gab es kaum Wohnraum. Für die Eltern war die Emigration eine finanziell schwierige Zeit. Der Verdienst des Vaters durfte nicht über den allgemeinen Sozialhilfesatz hinausgehen, was aber zu keiner sozialen Diskriminierung führte, weil die Realität der kriegswirtschaftlichen Verhältnisse und die strenge Rationierung der Kleidung, Lebenshaltung und Grundnahrungsmittel alle Menschen betraf. Die Eltern hatten die Tochter ganz bewusst auf Rückkehr nach Deutschland erzogen. Sie waren vor allem besorgt, ob ein britischer Schulabschluss der Tochter Schwierigkeiten bereiten würde, in das deutsche Ausbildungssystem integriert zu werden. Zu Hause wurde konsequent Deutsch gesprochen, Niederländisch blieb für die Eltern die Geheimsprache. Antiquarisch erstanden die Eltern deutsche Kinderbücher. In Frakturschrift wurde gelesen. Die Mutter war aber stolz darauf, dass die Tochter nicht Karl May las, auch deutsches sentimentales Liedgut („Süßer die Glocken nie klingen“) wurde bewusst ausgespart. Das politische Tagesgeschehen wurde fieberhaft und intensiv verfolgt. Radiomeldungen bestimmten den Tagesrhythmus. Eine Rückkehr nach Deutschland schien aber alles andere als gewiss. Noch im Jahre 1943 erschien das deutsche Militärpotential so bedrohlich, dass die Vorstellung existierte, wonach die Wehrmacht die Insel überrennen könne. Lore Auerbach hatte keine Probleme mit ihrem Status als Emigrantenkind. Sie galt in der Dorfschule als Exotin, ja als „Wundertier“, wie sie ausführte. In der Londoner Schule waren rund die Hälfte der Schüler jüdische Emigrantenkinder. Nach Kriegsende war die sofortige Rückkehr nach Deutschland geplant, ohne die katastrophale Wohn- und Versorgungslage zu erahnen. Im deutschen Exil in London waren verschiedene Pläne für Nachkriegsdeutschland gewälzt worden. Auerbachs Vater entwarf zusammen mit anderen deutschen Emigranten Konzepte für den Wiederaufbau des deutsche Bildungs- und Erziehungssystems, „German Educational Reconstruction“, wie es hieß, wobei es Auffassungsunterschiede und Konflikte mit der britischen Politik geben sollte, der die geplante Selbstbestimmung zu weit ging. Korrespondenzen des Vaters mit britischen Parlamentsabgeordneten zeugen davon.

Erst im Oktober 1946 erfolgte der Umzug nach Deutschland, dem frühesten Zeitpunkt, zu dem Vater Auerbach remigrieren konnte ohne eine britische Uniform anzuziehen. In Lemgo fand die Familie eine erste Bleibe. Zwei Kasernen standen dort völlig leer und beherbergten das Zentralamt für Arbeit in der britischen Zone, dessen Vizepräsident der Vater wurde. Einquartiert war die Familie in zwei Zimmer einer unwilligen Hausvermieterin. Die Familie hatte nur ihr Handgepäck mitbringen können – angesichts von zwei Erwachsenen, einer dreizehnjährigen und einer siebenjährigen Tochter entschieden zu wenig. Der Winter 1946/47 war extrem hart – Temperaturen unter Null über mehrere Monate bis Ende März 1947! Der Container mit dem wichtigstem Hausrat war am Hamburger Hafen eingefroren. Nur mit Deputat-Kohle und Deputat-Kartoffeln war es möglich, über die schwere Zeit zu kommen. Lore Auerbach erhielt bald eine tägliche Sonderration Milch wegen Unterernährung, was Unmut bei der Bevölkerung der Kleinstadt auslöste, die der irrigen Meinung war, die Familie würde von den Engländern versorgt. Die Schwester wurde von anderen Kindern terrorisiert, um Schokolade zu bekommen, die die Familie gar nicht besaß. Der neue Lernort Lore Auerbachs war eine reine Mädchenschule. Dort waren vom Bund Deutscher Mädel (BDM) noch begeisterte Schülerinnen, die keine Negativ-Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus bzw. Bedrohungen aus der Luft erlebt hatten. Lemgo war, wie gesagt, völlig unzerstört geblieben, während Familie Auerbach in London und Umgebung Bombenkrieg und in den letzten Kriegsmonaten auch die Gefahr der deutschen V 1-Waffe miterleben musste. Ihr Vater wurde nach seiner Rückkehr mitunter als „Vaterlandsverräter“ bezeichnet, der es sich im Ausland gut habe gehen lassen. In der Schule bereitete die deutsche Rechtsschreibung und der damals geforderte gespreizte Aufsatzstil der Tochter Probleme. Hingegen hatten die Lehrer im Unterrichtsfach Englisch Angst vor der Schülerin. Ungewohnt war die deutsche Unterrichtsform. In England hatte es kaum Frontalunterricht gegeben. Altersbedingt und emotional hatte Lore Auerbach mit ihren Mitschülerinnen wenig gemein. Ihre jüngere Schwester fragte sich jedoch wiederholt, wer von denjenigen, die sie traf, was in der nationalsozialistischen Zeit getan habe. Sie kam von dieser Frage zeit ihres jungen Lebens nie mehr richtig los und lebt seit 1966 in England als britische Staatsbürgerin. Eine schockierende Erkenntnis war für die Schwester auch die folgende Erfahrung: „Die sprechen ja alle unsere Geheimsprache.“ 1949 erfolgte die Versetzung des Vaters nach Hannover. Ihre Englisch-Lehrerin dort sah sie nicht mehr als Exotin, sondern als nützliche Hilfskraft an, um für ein mehrbändiges Englisch-Schulbuchprojekt Korrekturfahnen zu lesen. Anfang der 1950er Jahre waren die Fragen von Emigration und Remigration nicht mehr bestimmend für die Außenwahrnehmung von Lore Auerbach.

Wenn sie für sich persönlich bilanzieren muss, so kann sie rückblickend kurioser-, ja paradoxerweise nur Positives für sich ausmachen:

1.      Perfekte Zweisprachigkeit;

2.      Offenheit für andere Lebensweisen;

3.      Problembewusstsein mit Blick auf die Auffassung, „stolz eine Deutsche zu sein“;

4.      Verständnis für die politischen Probleme anderer;

5.      ein hohes Maß an Unterrichtserlebnis sowie Sensibilität für Asyl- und Minderheitenfragen.

Für die Eltern hingegen war es eine schwere Zeit: Dreimal mussten sie ihre Existenz, ja alles, aufgeben: in Berlin, in Amsterdam und in Bedford bzw. London. Sie waren mit sehr wenig ausgereist und konnten nur wenig mitnehmen, sowohl nach England wie auf ihrer Rückkehr nach Deutschland. Die Fachbibliothek in Berlin hinter sich lassen zu müssen, empfand ihr Vater als schlimmsten Verlust. Ein Schlüsselerlebnis hatte Lore Auerbach in einer Buchhandlung im Winter 1946/47, als ihre Mutter ihr das Erstaunen offenbarte, dass sie noch erleben könne, einmal einen Buchkauf vor dem 31. des Monats tätigen zu können.

Eine der Skurrilitäten jener Nachkriegsjahre in Deutschland bestand darin, dass sich Vater Auerbach bei der Einstellung als Beamter in Deutschland auch entnazifizieren lassen musste. Erwartungsgemäß erhielt er die „Kategorie 5“ als Unbelasteter und war dadurch mit dem ehemaligen Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht gleichgestellt, was ihn empörte und was als besonders kurios empfunden werden musste.

Die anschließende Diskussion ergab eine Reihe weiterführender Fragen: Gab es jemals einen öffentlichen Aufruf zur Rückkehr deutscher Exilanten aus dem Ausland? Das war zu verneinen. Welches Bild von Deutschland hatten Auerbachs Eltern? Sie vermittelten offenbar ein sehr differenziertes Bild: Nicht alle Deutsche waren „Nazis“, nicht alle hatten Böses getan und Unrecht begangen. Hauptmotiv zur Rückkehr war der Wunsch zu helfen und am Wiederaufbau eines demokratischen Deutschlands mitzuwirken. Angesichts des Nürnberger Militärtribunals empfanden sie und ihre Eltern weder Genugtuung noch Revanchegefühle. Die Frage nach der Verfolgung der Täter und Verantwortlichen nach 1945 tauchte ebenso auf wie die nach analogen oder parallelen Empfindungen angesichts der deutschen Wiedervereinigung und personeller Kontinuitäten von SED-Funktionären und Staatssicherheitspersonal. Erinnerungen an die Zeit nach 1945 kamen zwangsläufig wieder auf. Ein spannender Vortragsabend und eine weiterführende vertiefte Diskussion waren wie im Fluge vergangen.

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