Die katholische Kirche in Mittel- und Osteuropa - 1946-1958 in Berichten vom Heiligen Stuhl

Die katholische Kirche in Mittel- und Osteuropa 1946-1958 in Berichten der österreichischen Botschafter beim Heiligen Stuhl

 

Einleitung

I. Mittel- und Osteuropa: Die Mitteleuropa-Idee und der Katholizismus.

1. Was ist Mitteleuropa?

2. „Mitteleuropa“ und die katholische Kirche

 

II. Die Akteure: Zwischen Homogenität und Entwicklungstendenzen

1. Die österreichischen Botschafter: Kontinuität und offene Diplomatie

a) Rudolf Kohlruss: Symbol der Kontinuität

b) Josef Kripp: ein liberaler Diplomat

c) Verbindende und unterschiedliche Aspekte zwischen Kohlruss und Kripp

 

III. Im Vatikan: Zwischen Verhärtung und Evolution

1. Pius XII.: Papst der antikommunistischen Front und der Dogmen

a) Ein spezifisches Interesse für Deutschland und die deutsche Welt

b) Politik der Westorientierung

c) Der Gegenschlag des Vatikans in Bezug auf die kommunistische Ideologie

d) Pius XII. und die europäische Idee

e) Die antikommunistische Front

f) Die Kirchen im Schweigen bestärken

g) Der Gegenschlag des Vatikans in Bezug auf die kommunistische Ideologie

2. Die Substituten: eine Dualität im Staatssekretariat

a) Domenico Tardini oder die Tradition der Vatikanischen Diplomatie

b) Giovanni Battista Montini und der Entwicklungsprozess

IV. Ausblick

 

Einleitung

Eine Folge des Zweiten Weltkrieges war die Ausbreitung des Kommunismus in Mitteleuropa, in Ländern mit katholischer Tradition, wie Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei, Kroatien und Slowenien. Mit der kommunistischen Expansion tritt die Welt in den Kalten Krieg ein.

1945 wurden Deutschland wie Österreich von den vier Alliierten besetzt. Österreich hatte früher als Deutschland eine Regierung, aber seine staatliche Zukunft war noch ungewiss. Am 28. Juni 1946 gewährten die alliierten Mächte der österreichischen Regierung das Recht – abgesehen von Ausnahmen – wieder diplomatische Beziehungen aufzunehmen, nachdem schon am 25. Februar politische Beziehungen Österreichs mit anderen Staaten erlaubt worden waren.

Der Heilige Stuhl wollte seine aktive Diplomatie wieder aufnehmen, die während des Zweiten Weltkriegs ziemlich eingeschränkt und geschwächt worden war. Vor dem Krieg verfolgte die vatikanische Diplomatie verschiedene Richtungen:

·         die Herstellung von Beziehungen mit der faschistischen Regierung unter Benito Mussolini in Italien nach den Lateran-Verträgen von 1929;

·         die Konkordatspolitik mit verschiedenen Staaten, besonders Italien, Deutschland und Österreich, besonders unter Achille Ratti (Pius XI.);

·         die Verurteilung des Totalitarismus gegenüber Deutschland durch die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ vom 14. März 1937 und gegenüber der Sowjetunion durch die Enzyklika „Divini Redemptoris“ vom 19. März 1937.

Während des Krieges hatte der Vatikan eine Politik der „Neutralität“ zu praktizieren versucht, auch gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland. Im Gegensatz zur Sowjetunion pflegte der Heilige Stuhl Beziehungen mit NS-Deutschland. Die „Neutralität“ des Heiligen Stuhls sollte eine Konstante in seiner Außenpolitik bleiben.

Ziemlich früh war die vatikanische Diplomatie nach 1945 wieder gezwungen, Stellung zu nehmen und zwar im Kontext des entstehenden Kalten Krieges. Eine zentrale Sorge war für den Heiligen Stuhl das Schicksal Mitteleuropas. Nach und nach wurden die Länder dieses Raums von kommunistischen Regierungen geführt. Nach 1945 beobachtete der Vatikan mit großer Aufmerksamkeit die Entwicklung Österreichs, in den Jahren bis 1955 als Einsatzort im Kalten Krieg, ab 1955 als neutral gewordenes Land, das eine geographisch vorgeschobene Position in Zentraleuropa übernahm. In den Jahren 1945-1955 wusste man noch nicht, ob Österreich ein Satellit Sowjetrusslands werden oder ein westorientierter Staat bleiben würde.

 

I. Mittel- und Osteuropa: Die Mitteleuropa-Idee und der Katholizismus

1. Was ist Mitteleuropa?

Die Mitteleuropa- Idee wurde und wird vom Konzept der Einheit geprägt. Die Faktoren und Kriterien sind jedoch unterschiedlich: Geographie, Geschichte, Politik, Kultur und Wirtschaft.

Die Idee ist ziemlich alt. Im 19. Jahrhundert kommt sie auf. Der deutsche Nationalliberale Friedrich Naumann ist ein Vertreter dieser Ideen, der in seinem Buch „Mitteleuropa“ aus dem Jahr 1915 einen Staatenbund vorschlug, in dem Deutschland eine führende und beherrschende Rolle spielen sollte.

Mitteleuropa als historische Einheit: Nach dem Untergang der österreichisch-ungarischen Monarchie beabsichtigten bestimmte Kreise um Kaiser Karl I. und dieser selbst einen föderativen bzw. konföderativen Neuaufbau der Länder des Donaureichs, was im verspäteten „Völkermanifest“ vom 16. Oktober 1918 seinen Ausdruck fand. Nach 1945 haben die Befürworter der Mitteleuropaidee in Österreich deutlich Abstand von Deutschland genommen, obwohl man Bayern auch als Teil Mitteleuropas betrachten konnte. 1953 wurde in Österreich das „Forschungsinstitut für Fragen des Donauraumes“ gegründet. Die Motive und Ziele waren eher mehr ideologisch und politisch als fachlich und wissenschaftlich. Die Mitteleuropa-Idee hat – besonders im österreichischen christlich-demokratischen, aber auch konservativ-katholischen Milieu – noch heute Befürworter, wie z. B. die Politiker Erhard Busek oder Alois Mock (beide ÖVP).

Mitteleuropa als geographische Einheit: Die Donau fließt durch mehrere Länder Mittel- Osteuropas: Süddeutschland, Österreich, die Slowakei, Ungarn, das ehemalige Jugoslawien, Bulgarien und Rumänien. So wird auch von einem Donau-Raum gesprochen.

Mitteleuropa als geschichtliche Einheit: Dieser Raum stellte historisch einen Raum dar, der dem Reich der Habsburger entsprach: die Grenzen lagen nördlich von Südpolen, östlich von Galizien (heute der westliche Teil der Ukraine) sowie westlich von Österreich und südlich von Tirol.

Mitteleuropa als kulturelle Einheit: Im Bereich der Kultur kann man einheitliche Elemente finden, wie z. B. die Barockkunst. Auch in der Literatur spricht man von Schriftstellern, die von der Mitteleuropa-Idee beeinflusst wurden: Milan Kundera in der Tschechoslowakei und György Konrád in Ungarn. Im zweiten Teil des 19. Jahrhunderts waren Antonin Dvorak, Bedrich Smetana (Böhmen) und Leo Janacek (Mähren) Komponisten, die aus Mitteleuropa stammten und sich auch so von einer Herkunft begriffen.

Mitteleuropa als Wirtschaftsfaktor: Die Donau ist eine wichtige Verkehrsverbindung und ein bedeutendes Transfermedium für den Handels- und Wirtschaftsaustausch. Man hat oft von einer „Nachbarschaftspolitik“ zwischen den Ländern des Donauraumes gesprochen.

 

2. „Mitteleuropa“ und die katholische Kirche

Mitteleuropa als katholischer Raum: Mitteleuropa gilt – trotz ethnisch-konfessioneller Unterschiede – vielfach immer noch als ein katholischer Raum. Sicherlich ist der Katholizismus ein verbindendes Element, welches zum so genannten einheitlichen kulturellen Charakter dieser Länder zählt, wenngleich man die Verschiedenheiten, die Mitteleuropa diesbezüglich ausmachen, nicht aus den Blick geraten lassen sollte. Die Einflusssphäre der Mitteleuropa-Idee wurde auch in östlicher Richtung erweitert mit Blick auf Galizien, Südpolen und Kroatien. Diese Gebiete waren auch von Katholizismus beeinflusst und mitgeprägt worden. Der katholische Einfluss gilt allerdings eher für Mitteleuropa als für Südosteuropa, das der orthodoxen Kirche näher ist, besonders in Galizien. Man kann dennoch auch in konfessioneller Hinsicht in gewisser Weise von einem mittel-osteuropäischen Raum sprechen.

Der Einfluss der Kirche: Auch in Mitteleuropa übte die katholische Kirche nach 1945 weiterhin ihren Einfluss aus: Bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs sah der militant-antikommunistische Papst Pius XII. den wachsenden sowjetischen Einfluss in Mittel- und Südosteuropa sehr kritisch. Das vatikanische Milieu hatte die Schaffung eines katholischen föderativen Staatsgebildes in Mitteleuropa favorisiert, ein Raum, der sich zwischen der Ostsee, dem Schwarzen Meer, der Ägäis und der Adria erstrecken sollte. Dieser Region sollte eine Pufferzone zwischen der Sowjetunion und Westeuropa bilden und hätte auch einem „Europa als dritte Kraft“ entsprochen, einem Konzept, welches lagerübergreifend von verschiedenen Europaverbänden der ersten Nachkriegsjahre verfochten worden ist. Als der sowjetische Einfluss jedoch immer spürbarer und nachhaltiger wirkte, wurde diese Idee im Vatikan recht schnell fallen gelassen und verworfen. Trotz allem behauptete Montini, Mitarbeiter des Papstes und zukünftiger Papst Paul VI., Pius XII. hätte nie die Absicht gehabt, eine katholische Föderation in Mitteleuropa zu bilden (nach einem Gespräch von Montini mit Botschafter Kohlruss vom 6. November 1947).

Später, in den 1960er und 1970er Jahren, unternahm der Erzbischof von Wien Kardinal Franz König mehrere Reisen in die „Volksdemokratien“, d. h. in die mitteleuropäischen Länder. Ziel dieser Reisen war es, Informationen über die Lage der Kirche hinter dem Eisernen Vorhang zu erhalten und die unterdrückten Kirchen zu unterstützen. Zwischen der Kirche und den Dissidenten entwickelten sich – besonders in Polen unter der oppositionellen Gewerkschaft Solidarnosc – rege und intensive Kontakte. Papst Karol Wojtyla, der aus Südpolen-Krakau stammte, hatte auch ein besonderes Interesse an der Mitteleuropa-Idee.

 

II. Die Akteure: Zwischen Homogenität und Entwicklungstendenzen

1. Die österreichischen Botschafter: Kontinuität und offene Diplomatie

a) Rudolf Kohlruss: ein Symbol der Kontinuität

·         Biographische Anhaltspunkte

Kohlruss wurde 1884 in der Bukowina geboren. Er ist 1958 in Wien gestorben. Kohlruss hat seine Karriere größtenteils in Osteuropa absolviert (u. a. in Bulgarien und Slowenien). 1928 wurde er zum Gesandten beim Vatikan ernannt und bis 1938 war er außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister. Der erste Teil seines Dienstes beim Vatikan war vom Konkordatsabschluss im Jahre 1933 geprägt. Die Verhandlungen über das Konkordat wurden vom Kardinal Staatssekretär Eugenio Pacelli geführt. Das Konkordat wurde schließlich vom österreichischen Bundeskanzler Engelbert Dollfuss unterzeichnet. Angesichts der nazistischen Bedrohung Österreichs wollte Dollfuss einen neuen österreichischen Patriotismus entfachen, der in der katholischen Tradition wurzelte. Nach dem Ersten Weltkrieg waren 91% der österreichischen Bevölkerung katholisch. Dollfuss suchte durch den Konkordatsabschluss auch die Unterstützung des Vatikans. 1933 wurde aber auch das Reichskonkordat des Heiligen Stuhls mit Adolf Hitler unterzeichnet. Zurück zur Diplomatenbiographie: Ab 1936 wurde Kohlruss Mitglied der „Vaterländischen Front“, die von Dollfuss als patriotische Sammlungsbewegung begründet worden war. Ziel war die Errichtung eines „sozialen, christlichen, deutschen Staates Österreich auf ständischer Grundlage und starker autoritärer Führung“. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im Jahre 1938 wurde Kohlruss in den deutschen Diplomatischen Dienst übernommen, 1941 allerdings in den einstweiligen Ruhestand versetzt. 1941 stellte Kohlruss auch einen Antrag um Aufnahme in die NSDAP. Hierbei stellt sich die Frage, ob es sich um Karriereopportunismus oder um einen „echten“ Beitritt als Ausdruck nationalsozialistischer Gesinnung handelte. Nach 1945 stand er in enger Beziehung zur Österreichischen Volkspartei (ÖVP), die katholische konservative Partei als Nachfolgerin der christlichsozialen Partei der Ersten Republik. Der zweite Teil seiner Diplomatentätigkeit beim Vatikan begann dann im Jahr 1946 und endete 1951.

Kohlruss erhielt zwei konkrete Instruktionen:

Der erste Auftrag, den er vom Ballhausplatz erhalten hatte, lautete, neue Beziehungen zwischen Österreich und dem Vatikan herzustellen, besser gesagt, für die Wiederaufnahme der vollen Beziehungen wie vor dem „Anschluss“ 1938 zu sorgen. Für den Heiligen Stuhl wie für die neue österreichische Bundesregierung sollte die Kontinuität der Beziehungen im Hinblick auf die Vorkriegszeit wiederhergestellt werden. Diesbezüglich betrachteten übrigens der Vatikan wie die Alliierten Österreich – laut der Moskauer Deklaration vom 1. November 1943 – als ein Opfer des nationalsozialistischen Deutschlands und als das erste Land, welches einer Aggression Hitlers ausgesetzt gewesen und von deutschen Truppen besetzt worden sei. Diese „Opferthese“ eignete sich auch die erste Bundesregierung der Zweiten Republik Österreichs an (bis zuletzt wurde ihre – wenn auch möglicherweise eingeschränkte – Gültigkeit von keiner Bundesregierung bestritten). Aufgrund von Opfer- und Okkupationsthese, die für die Kontinuität der Staatlichkeit und des Völkerrechtssubjekts Österreichs standen, betrachtete der Heilige Stuhl das Konkordat, welches 1933 mit Österreich abgeschlossen worden war, auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin als rechtswirksam. Folglich wurden am 9. August 1946 offiziell diplomatische Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl aufgenommen und vom Alliierten Rat in Wien auch autorisiert. Vor diesem Hintergrund entschloss sich auch der Heilige Stuhl zur Entsendung eines Repräsentanten nach Wien, des Nuntius Maurilio Silvani, dem kurz darauf der Nuntius Giovanni Dellepiane folgte.

Eine zweite Aufgabe bestand für Kohlruss in der Klärung und Regelung der Konkordatsfrage. Dieses Konkordat war nach Unterzeichnung von Dollfuss im Jahre 1934 ratifiziert worden. Im Zuge der Geschehnisse von 1938 wurde das Konkordat durch das Reichskonkordat außer Kraft gesetzt, welches 1933 zwischen dem Heiligen Stuhl und Hitler geschlossen worden war. Die Logik verlangte zwingend, dass dieses Konkordat auch von der Zweiten Republik Österreichs aufgegriffen und bedacht werden musste. Die Große Koalition zwischen ÖVP und der Sozialistischen Partei Österreichs (SPÖ) war sich darüber nicht einig. Die ÖVP war bereit, das Konkordat aus der Dollfuss-Zeit wieder in Kraft zu setzen, während die SPÖ die Tatsache in den Vordergrund stellte, dass sie 1934 nicht an der Unterzeichnung beteiligt war und daher auch nicht mitwirken durfte. Die Sozialisten waren damals vom politischen Leben ausgeschlossen – sei es durch äußeres Exil, innere Emigration oder Inhaftierungen.

Für den Heiligen Stuhl schien es, als würde das Konkordat alle Tugenden beinhalten und wäre als Thema geeignet, um die vorhandenen Belastungen zu mildern und die seit den 1930er Jahren aufgetretenen Schwierigkeiten in Österreich zu überwinden. Für den Vatikan handelte es sich aufgrund der ungewissen Zukunft Österreichs in der Nachkriegszeit insbesondere darum, ein positives Zeichen zu setzen und Österreich so gut wie möglich im westlichen Lager zu verankern. Das Konkordat schien dem Vatikan hierfür ein geeignetes Instrument.

 

b) Josef Kripp: ein liberaler Diplomat

·         Biographische Anhaltspunkte

Kripp wurde 1896 in Innsbruck (Tirol) geboren. 1980 ist er in Meran (Südtirol) gestorben. Kripp hat am Ersten Weltkrieg teilgenommen und war in italienischer Kriegsgefangenschaft gewesen. Er hatte seine diplomatische Karriere 1921 in verschiedenen europäischen Hauptstädten absolviert. Während des Zweiten Weltkrieges war er Dolmetscher. Nach 1945 trat er in das Bundeskanzleramt Auswärtigen Angelegenheiten wieder ein und leistete Dienste in Südamerika. 1951 wurde er zum Gesandten beim Vatikan ernannt. 1952 wurde er Botschafter, als die Gesandtschaft Österreichs beim Vatikan in eine Botschaft umgewandelt worden ist. 1961 wurde er in den Ruhestand versetzt. Kripp war auch Mitglied der Vaterländischen Front sowie Angehöriger verschiedener nationalsozialistischer Vereine eher harmloserer Natur, wie z. B. des „NS-Rechtswahrerbundes“ und der „NS-Volkswohlfahrt“. So galt er trotz dieser Mitgliedschaften bei den Nationalsozialisten als „für Vertrauensposten, Verwendung in Personalsachen und bei Zentralbehörden nicht geeignet“. Nach 1945 stand er wie Kohlruss auch in enger Beziehung zur ÖVP.

Die Hauptpunkte des diplomatischen Dienstes von Kripp sind in der Zeit der einsetzenden Entspannung (semi-détente) und erneuter Spannungen zwischen Ost und West zu sehen. Beschäftigt war er vor allem mit der Konkordatsfrage, zu deren Lösung er beitragen konnte, auch wenn sie formell erst nach seiner Amtszeit erfolgte. Im Jahre 1957 sollte die Gültigkeit des Konkordats von 1933 von der Bundesregierung anerkannt werden. Nur einige Punkte mussten neu bearbeitet werden, besonders die Regelung der Ehe- und Schulfrage. Dass Konkordat wurde schließlich 1960 vom österreichischen Parlament, dem Nationalrat, ratifiziert.

Sowohl der österreichische Staatsvertrag, der am 15. Mai 1955 von Österreich und den Alliierten unterzeichnet worden war, als auch das am 26. Oktober 1955 vom Nationalrat beschlossene Bundesverfassungsgesetz über die immerwährende Neutralität Österreichs fielen in die Amtszeit Kripps in Rom. Der Heilige Stuhl wandte formell nichts gegen diese Rechtsdokumente ein, blieb allerdings über einige Monate durchaus skeptisch. Das neutrale bzw. ein neutralisiertes Österreich schien zunächst nicht unbedingt Vertrauens erweckend zu sein, konnte aber auch zu einem trojanischen Pferd für die Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten-Verbund umfunktioniert werden, indem die Neutralität genutzt würde, um auf schleichende Art und Weise in das Räderwerk des sowjetischen Staatensystems einzudringen. Die Monate vergingen, Österreichs Neutralität bewährte sich und die Zweifel und Ängste des Heiligen Stuhls ließen allmählich nach. Man wird dann auch sehen, dass es schließlich sogar der Papst selbst ist, der sich die österreichische Neutralität zunutze machen wird. In den 1960er- und 1970er-Jahren ist Wien ein Ausgangspunkt für die vatikanische Ostpolitik geworden. Kommen wir aber wieder auf Kripp zurück. Er sollte die Skepsis des Staatssekretariats überwinden. Im Bericht vom 4. Oktober 1955 spricht er noch von der reservierten Haltung der hohen vatikanischen Prälaten und zeigte sich überrascht, dass ein ausdrücklicher Glückwunsch des Heiligen Stuhls an Österreich zu seiner staatlichen Unabhängigkeit unterblieben ist. Bemerkenswert ist, dass Kripp von „der Befreiung Österreichs von der fremden Besetzung“ sprach und nicht vom Abzug der alliierten Truppen.

Der Ungarn-Aufstand 1956 stand in weiterer Folge im Brennpunkt des Geschehens und der Tätigkeit Kripps. Der Bericht vom 21. November 1956, der von Kripp verfasst worden war, trug den Betreff „Weitere Vatikanische Stimmen zu den Zeitereignissen, besonders über Ungarn“. Kripp berichtete von einer Konversation mit einem Mitarbeiter des Staatssekretariats. In diesem Bericht wurde einerseits große Sympathie des Vatikans für die aufständischen Ungarn gerade auch mit Blick auf die blutige Niederschlagung der Revolutionäre bestätigt. Es wurde dabei die allgemeine Empörung artikuliert gegenüber der Brutalität und Grausamkeit der sowjetischen Unterdrückung. Der „Mitredner“ Kripps beobachtete und ortete andererseits aber auch relativ rasch, dass es eine große Menge Irrtümer – „psychologische Fehler“ – von Seiten der Aufständischen gegeben habe. So handelte es sich nach dieser Lesart um einen „Mangel an Gefühl für die politische Realität“ und damit wurde auch eine relativ strenge Beurteilung des Verhaltens der Ungarn zum Ausdruck gebracht. Die österreichische Diplomatie sei klug genug gewesen, die sowjetische Besatzung gewaltfrei und glücklich zu beenden, denn alle Alliierten hatten Österreich 1955 verlassen. Die Ungarn seien unfähig gewesen, den sowjetischen Einmarsch zu verhindern. Laut Auffassung dieses „Mitredners“ sei das ungarische Verhalten naiv gewesen. Die offene Proklamation, in der die herrschende Rolle der Kommunistischen Partei und die Zugehörigkeit zum Warschauer Pakt in Frage gestellt worden seien, wäre ein Fehler gewesen, da sie eine Bedrohung für die gesamte sowjetische Welt darstellen musste. Es wäre ganz unverständlich, hätte die Sowjetunion nicht reagiert. So wären die sowjetischen Unterdrückungsmaßnahmen in vollem Ausmaß vorhersehbar gewesen. Dann kritisierten weitere Mitredner auch Kardinal Mindszenty sehr hart. Der Primas von Ungarn hatte oft und schon früh seine Gegnerschaft gegenüber der Politik der kommunistischen Regierung bekundet. 1948 war er verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe auf Lebenszeit verurteilt worden. Er hatte dadurch Torturen erleiden müssen. Kurz nach Beginn des Aufstands wurde er aus dem Gefängnis befreit und konnte an der Aufruhrbewegung teilnehmen. Während der Tage seiner Befreiung hätte er nach vatikanischer Einschätzung weder maßvolles Verhalten gezeigt noch die sowjetische Gefahr gesehen. Der Papst selbst war, laut der Mitredner Kripps, nicht mit der Position des Kardinals einverstanden, besonders nicht mit der Ansprache Mindszentys in Budapest vom 3. November 1956, in der er um Unterstützung der westlichen Staaten gebeten hatte. Die Lage in Ungarn wurde auch mit den Ereignissen in Polen verglichen. Der Bericht Kripps erwähnt Kardinal Wyszinski, den Primas von Polen. Dieser Kardinal war eine große Persönlichkeit des Widerstands gegen den Nazismus und gegen den Kommunismus in Polen gewesen. Der Bericht schätzte sein Verhalten als klug ein. Wyszenski hatte nicht an der nationalen Wallfahrt in Czestokowa teilgenommen, obwohl das vom polnischen Volk erwartet worden sei. Er wollte die Regierung nicht provozieren. In diesem Krisenzustand konnte die Provokation kein kluges Verhalten sein. Gewiss hatte Polen einige Monate früher auch eine ähnliche Krisensituation wie Ungarn erlebt. Beiden Krisen, jene Polen und in Ungarn, waren aber nur auf geringe Weise miteinander verknüpft. Ein Aufstand hatte in Posen im Juni 1956 stattgefunden, wurde aber ziemlich schnell niedergeschlagen, wenngleich die Lage in Polen mehrere Monate ungewiss geblieben war. Im Oktober 1956 war ein sowjetischer Angriff in Polen noch möglich. Wladyslaw Gomulka war während der Herrschaft Stalins verhaftet worden. Wie Imre Nagy hatte er auch einen nationalen Weg des Sozialismus vertreten. Sein Verhalten war aber vorsichtiger als das von Nagy. Mit Erfolg hatte er ein Abkommen mit der Kirche geschlossen und ein militärisches Eingreifen der russischen Armee verhindert.

c) Verbindende und unterschiedliche Aspekte zwischen Kohlruss und Kripp

Kripp stammte aus dem westlichen Mitteleuropa (Tirol) und Kohlruss aus dem südöstlichen Mitteleuropa (der Bukowina, nach veraltetem Deutsch das Buchenland). Kohlruss hat seine diplomatische Karriere an verschiedenen Orten in Osteuropa absolviert, während Kripp nicht immer in Europa geblieben und auch nach Südamerika versetzt worden ist. Beide waren katholisch und wurden am Ende der Habsburger Monarchie geboren. Anscheinend haben sie den Nationalsozialismus nicht aktiv bekämpft, allerdings wurde Kripp von den Nationalsozialisten nicht günstig eingeschätzt. Das Verhalten von Kohlruss während der NS- Zeit scheint eher fraglich. Beide hatten die letzte Stellung ihrer diplomatischen Karriere im Vatikan und wiesen schon einiges an beruflicher Erfahrung auf, als sie ihren Dienst beim Heiligen Stuhl antraten. Beide Diplomaten hatten enge Beziehungen zur ÖVP. Sie waren offene Menschen, hoch gebildet und verstanden die Realitäten der Nachkriegszeit. Zum Beispiel wandten sie ihre Aufmerksamkeit auch auf die soziale Frage und jene Länder, die bald der so genannten „dritten Welt“ zugerechnet wurden. Sie zeigten auch Interesse für die neuen Strömungen innerhalb des Katholizismus. Man kann davon ausgehen, dass Botschafter Kripp in enger Beziehung zum Substituten Montini stand. Er spricht auch von seiner Freundschaft mit ihm. Kripp war auch interessiert an der Entwicklung der französischen katholischen Kirche und zeigte eine gewisse Enttäuschung, als Pacelli das Experiment der Arbeiterpriester 1953 abbrechen ließ. Bundeskanzler im Berichtszeitraum waren Leopold Figl (1945-1953) und Julius Raab (1953-1959), die Bundesminister für die Auswärtigen Angelegenheiten Karl Gruber (1945-1953) und Leopold Figl (1953-1959).

III. Im Vatikan: Zwischen Verhärtung und Evolution

1. Pius XII.: Papst der antikommunistischen Front und der Dogmen

Eugenio Pacelli war von 1939 bis 1958 Papst. Der erste Teil seines Pontifikats war vom Zweiten Weltkrieg, der zweite Teil vom Kalten Krieg und seinen Anfängen geprägt. Seine päpstlichen Tätigkeiten waren durchaus verschieden.

1.      Ein spezifisches Interesse für Deutschland und die deutsche Welt

Pacelli wurde zunächst zum Nuntius in München/Bayern und später in Berlin ernannt. Sodann avancierte er zum Staatssekretär von Pius XI. und war mit Blick auf das Deutsche Reich und Österreich im Jahre 1933 der „Mann der Konkordate“. Er kann als ein großer Diplomat bezeichnet werden. Er hatte mehrere deutsche Mitarbeiter, darunter die Nonne Pascalina Lehnert und den Jesuiten Gustav Gundlach. In vatikanischen wie italienischen Kreisen wurde er „Papa tedesco“ genannt. Der erste Teil seines Pontifikats war von Friedensbemühungen gekennzeichnet, aber auch durch das Schweigen gegenüber der systematischen Massenverfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten im Europa ab 1941/42. Diese Frage wird bis zum jüngsten Tag diskutiert. Eine Kommission ist zur Prüfung dieser Frage im Rahmen eines Seligsprechungsprozesses von Pius XII. eingesetzt worden. Man muss allerdings auch festhalten, dass abgesehen von den Appellen zur Bewahrung des Friedens und der Verurteilung des Krieges und seiner Grausamkeiten sowie des Rassismus die Einfluss- und Verhinderungsmöglichkeiten der vatikanischen Diplomatie im Zeitalter der Diktaturen ziemlich begrenzt waren.

2.      Die pastorale Rolle Pacellis

Pacelli war davon überzeugt, dass die Kirche eine erzieherische Rolle für das Volk spielen müsse. Er verfolgte dabei die Konzeption einer aktiven und kämpferischen Kirche in der modernen Welt. In dieser Hinsicht stand er auch der katholischen Aktion nahe. Die großen katholischen Versammlungen bzw. Treffen, wie das „Heilige Jahr“ oder das „Jahr der Jungfrau Maria“ stellten die pastorale Konzeption von Papst Pius XII. dar. Von großer Bedeutung war sein Pontifikat für den innerkirchlichen Bereich, v. a. mit Blick auf die Reform der Liturgie und verschiedene dogmatische Enzykliken. Pius XII. glaubte an eine internationale Ordnung, die auf der christlichen Botschaft aufgebaut sein sollte. Er pries die Überstaatlichkeit der Kirche, die ein Vorbild für die internationale Ordnung sein sollte.

3.      Politik der Westorientierung

Der Zweite Weltkrieg und die Anfänge des Kalten Krieges verstärkten bei Pius XII. eine regelrechte Phobie gegenüber dem Bolschewismus, was den Heiligen Stuhl zu einer „atlantischen“ Ausrichtung und pro-amerikanischen Politik veranlasste, obwohl sich der Heilige Stuhl stets für „neutral“ und über die politischen, weltlichen und vergänglichen Dinge für erhaben erklärte. Aus einer geopolitischen Sicht in einer geteilten Welt war die katholische Kirche nun aber klar auf der Seite der westlichen Welt situiert. Der Papst wurde daher nicht selten von der kommunistischen Propaganda als „Kaplan des Westens“ dargestellt. Pius XII. war sich dessen bewusst und wollte trotz seines Engagements gegen den Kommunismus die grundsätzlichen Ziele der Kirche nicht mit denen der Westpolitik verwechselt sehen. Über diese Westorientierung hinaus gehend war Pacelli davon überzeugt, dass die westliche Zivilisation maßgebend sei. Laut Pius’ XII. Auffassung verkörperte die römische Kirche die christlich-westliche Zivilisation. Die Beziehungen mit den USA hatten schon mit dem Zweiten Weltkrieg eine Stärkung erfahren und intensivierten sich noch mit dem Kalten Krieg. Die Mission von Myron Taylor als persönliche Repräsentanz des US-amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt bei Papst Pius XII. wurde fortgesetzt und damit die Kontinuität der Beziehungen unterstrichen. Diese Mission hatte 1939 begonnen und endete erst 1952 im Kontext der Wahl Eisenhowers. Der Heilige Stuhl wünschte sich wiederholt die Errichtung einer unabhängigen US-amerikanischen Botschaft. In den 1940er und 1950er Jahren stand Roosevelt schließlich dann auch Truman eine mächtige protestantische Lobby gegenüber, die die Errichtung einer solchen Botschaft zu verhindern versuchte.

4.      Pius XII. und die europäische Idee

Bekanntermaßen war Pacelli 1945 ein Befürworter einer neuen internationalen Ordnung und damit auch der Schaffung einer neuen internationalen Organisation. Im Übrigen findet sich dieses Argument bereits 1917 in einer Notiz von Papst Benedikt XV. zu den kriegführenden Mächten. Im Jahre 1945 verfolgte Pius XII. mit Interesse die Anfänge der Organisierung der Vereinten Nationen. Er war von der Notwendigkeit vermittelnder Institutionen überzeugt und so fand auch die Bildung europäischer Institutionen wie die des Europarates sein Wohlwollen. In seiner Radiobotschaft zu Weihnachten 1953 forderte er die europäischen Nationen auf, zu einer kontinentalen Verbindung zwischen den Völkern Europas beizutragen. Er gab sein Wohlwollen hinsichtlich der „Schaffung Europas“ zu erkennen, dessen Begründer insbesondere aus der Christdemokratie hervorgingen (man denke an katholische Politiker wie Robert Schuman, Konrad Adenauer oder Alcide De Gasperi, denen man sogar die Absicht zur Bildung einer „Schwarzen Internationale“ nachsagte, was übertrieben und letztlich auch unzutreffend war – die hierfür in Frage kommende christdemokratische transnationale Parteienformation fand mit den so genannten „Nouvelles Equipes Internationales von 1947 bis 1965 nur einen schwachen Ausdruck). Dennoch wurde im Kontext des „Dreigestirns“ Adenauer-De Gasperi-Schuman auch von einem „vatikanischen Europa“ gesprochen. Pius XII. selbst gab darauf sehr Acht und legte großen Wert darauf, die Kirche nach außen nicht zu sehr im politischen und schon gar nicht im parteipolitischen Lichte erscheinen zu lassen. Nach außen versuchte er das Bild von der vermeintlichen Trennung zwischen der römisch-katholischen Kirche und der westlichen-westeuropäischen Kultur und Zivilisation aufrechtzuerhalten. Die Kirche musste und sollte für ihn universell bleiben. So schenkte er dem Erwachen und der Emanzipation der Länder der so genannten „Dritten Welt“ große Aufmerksamkeit. Europa blieb aber in seinem Fokus. So ließ er 1949 ein katholisches Sekretariat für europäische Angelegenheiten und Probleme errichten. Weiters befürwortete er die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) und der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG), Projekte von Schuman und De Gasperi. Als die zuletzt genannte EVP 1954 scheiterte, war er sehr betroffen, doch musste er sich letztlich auch eingestehen, dass es selbst unter Katholiken und katholischen Politikern Personen gab, die dem EVG-Projekt kritisch bis ablehnend gegenüberstanden.

Laut Kripp laufe nach einem Gespräch mit Mgr. Tardini das Scheitern der EVG Gefahr, auch negative Auswirkungen auf Österreich zu haben, weil es zu einer Schwächung des nicht-kommunistischen Europas führe. Tardini zeigte sich hinsichtlich der Zukunft Österreichs 1954 pessimistisch. Die westliche Welt werde ihre Macht in den Verhandlungen über den österreichischen Staatsvertrag nicht einbringen können. Im Übrigen verknüpfte Tardini die Frage der Konkordatsklärung mit der Zukunft Österreichs aufs engste, so als ob das Konkordat ein zusätzlicher Stützpfeiler, d. h. ein Unterpfand für die Rückkehr Österreichs in das westliche Lager wäre.

 

5.      Die antikommunistische Front

Während sich die Welt nach und nach auf den Kalten Krieg vorbereitete und einstellte, zeigte sich der Heilige Stuhl stark besorgt. Eine gewisse Verhärtung der Positionen lässt sich feststellen. Rasch wird „der Friede“ zum zentralen Thema der Weihnachtbotschaften, besonders in den Jahren 1946, 1948 und 1950 sowie in den Enzykliken „Optissima Pax“ 1947 und „Mirabile Illud et Summi Maeroris“ 1950, verbunden mit der Aufforderung an alle Katholiken, für den Frieden einzutreten und zu beten. Der Heilige Stuhl war über die innenpolitische Situation in Italien sehr beunruhigt und verfolgte die Wahlen und ihre Ergebnisse äußerst aufmerksam: die kommunistische Partei bedrohte seiner Auffassung nach das christlich-katholische Italien. Da zunächst die italienische Christdemokratie wie de Gaulle 1945/46 in Frankreich gemeinsam mit Linkskräften und kommunistischen Ministern eine Regierung bildete, verlor sie teilweise das Vertrauen des Vatikans. 1949 bringt das päpstliche Verwaltungsorgan das Heilige Offizium (heute die Kongregation für Glaubensfragen) einen Erlass gegen den Kommunismus in Umlauf. Dieser Erlass verbot die Mitgliedschaft eines jeden Katholiken in einer kommunistischen Partei und untersagte alle Bücher, Zeitschriften und Zeitungen, die den Kommunismus unterstützten, zu veröffentlichen. Jeder Katholik, der Mitglied einer solchen Partei war oder der kommunistischen Lehre wohlgesinnte Artikel verfasste, wurde von den Sakramenten und schließlich aus der Kirche ausgeschlossen (exkommuniziert). In die Jahre 1948/49 fallen die Anfänge der Affäre Mindszenty, gemeint ist die Verhaftung des ungarischen Primas und Kardinals, der Prozess gegen ihn und seine Verurteilung. Der Heilige Stuhl sollte sich mit ihm solidarisch zeigen – auch hinsichtlich der kompromisslosen Linie von Mindszenty, den Kohlruss als „impulsiv“ bewertet. Laut eines Berichts von Kohlruss waren einige ungarische Bischöfe einem Kompromiss mit der kommunistischen Regierung durchaus zugetan. Vor allem Erzbischof Czapik von Erlau meinte, man müsse Zeit schinden, da die aktuelle Situation nicht andauern würde. Kohlruss fühlte sich verpflichtet, die Verhaftung des Kardinals zu verurteilen, eine Haltung, die für das im Osten des Landes von der Roten Armee noch besetzte Österreich eine durchaus brenzlige Frage war. 1950 herrschte bereits Unverständnis am Heiligen Stuhl hinsichtlich des polnischen Primas, des Kardinals Wyszynski, der mit der kommunistischen Partei Polens ein Abkommen schloss. Es handelte sich dabei allerdings mehr um einen Kompromiss als um eine Kapitulation. Gemäß diesem Übereinkommen garantierte die kommunistische Regierung Polens den Fortbestand bestimmter religiöser Freiheiten sowie die Weiterexistenz der katholischen Universität in Lublin, der theologischen Fakultäten von Warschau und Krakau sowie des Religionsunterrichts in den Schulen. Aber 1953 wurde Kardinal Wyszynski inhaftiert und unter Hausarrest gestellt.

 

6.      Die Kirchen im Schweigen bestärken

Ab 1945 setzte sich die sowjetische Politik das Ziel, den gesellschaftlichen, sozialen und politischen Einfluss des Katholizismus in jenen Ländern, die sich unter ihrer Kontrolle befanden, einzudämmen und zu zerstören. Die Beziehungen zwischen Vatikan und Moskau waren von gegenseitigem Unverständnis und einer fortschreitenden kirchlichen Opposition geprägt. Die Nuntiaturen in den Ländern der kommunistischen Sphäre mussten zunehmend geschlossen werden. Ende der 1940er Jahre war die Lage des Katholizismus in den östlichen Ländern Europas dramatisch: Hohe geistliche Würdenträger wie Josef Mindszenty und Alojzije Stepinac wurden inhaftiert, Josef Beran, der Erzbischof von Prag, konnte sein Bischofsamt nicht mehr fortführen. Die beiden katholischen Kirchen vom östlichen Ritus in der Ukraine und Rumänien wurden zwangsweise Teil der orthodoxen Kirche. 1952 brach der jugoslawische Staatschef Marschall Josip Broz „Tito“ die diplomatischen Beziehungen mit dem Vatikan ab, nachdem die Ernennung des Erzbischofs von Zagreb Stepinac zum Kardinal stattgefunden hatte. In vatikanischen Kreisen konnte man vernehmen, dass die sowjetische Politik gegenüber dem Katholizismus die Bildung von nationalen bzw. von Rom getrennten Kirchen bewirke. Der Vatikan versuchte seinerseits die Infiltration pro-kommunistischer Elemente in die Kirchen zu vermeiden. Als Antwort auf diese feindlichen Versuche ernannte er hauptsächliche Bischöfe aus Zentraleuropa zu Kardinälen (1946 Mindszenty, 1953 Stepinac und Wyszynsky). Die Versuche, nationale Kirchen losgelöst von jeglichen Verbindungen mit Rom zu gründen, kollidierten alsbald mit der Lehre, die die Universalität der Kirche rühmte. Man wusste, dass in Polen und Ungarn eine Randbewegung des Pazifismus existierte, die aber nie breite Zustimmung der Bevölkerung fand. Festzuhalten gilt jedoch, dass der Wille des Staates, die Kirche zu kontrollieren und zu neutralisieren, keineswegs neu war. Bereits Kaiser Joseph II. zeichnete im Österreich des 18. Jahrhunderts verantwortlich für den aufgeklärten Staat und den säkularen Gedanken des „Josephinismus“. Die Kirchen waren Einschränkungen und Verfolgungen in ihrer Geschichte gewohnt. Hinsichtlich der kommunistischen Regierungen konnten die Kirchen die neuen Herausforderungen und Zumutungen als „roten Josephinismus“ empfinden. Pius XII. blieb nichts anderes übrig, als die Entwicklung der schwierigen Situation abzuwarten. Nichtsdestotrotz schickte er den östlichen Kirchen weiterhin aufmunternde Botschaften zu und prangerte die antikirchlichen Maßnahmen und religiösen Verfolgungen an. Am Ende des Pontifikats von Pacelli sah der Vatikan keine Alternativen mehr zu einer Haltung der Kompromisslosigkeit.

7.      Der Gegenschlag des Vatikans in Bezug auf die kommunistische Ideologie

Pius XII. sollte dem „Heiligen Jahr“ 1950 einen ganz besonderen Glanz in einem beeindruckenden Ausmaß geben. Es war nicht das erste Mal, dass man sich für ein Heiliges Jahr entschied, aber dieses Jahr fand zu einem Zeitpunkt statt, als der Papst ein enormes Ansehen genoss. Beobachter sprachen von einer „Papolatrie“. Diese große Aufmachung sollte auch einen Gegenschlag zu den Manifestationen der kommunistischen Propaganda darstellen. Die Enzyklika „Anni Sacri“ vom 12. März 1950 sprach explizit vom Kampf gegen die „atheistische Propaganda“ in der Welt. Dieses „Heilige Jahr“ gab Anlass zu umfangreichen Vorbereitungen und Aktivitäten, schon alleine um alle Pilger in Rom unterzubringen. Im August 1949 hatten sich bereits circa 25.000 Österreicher angemeldet, insgesamt wurden es drei Millionen Pilger, von denen die meisten, rund 200.000 Personen, aus Frankreich kamen. Pius XII. betonte schließlich den Schutz der sakrosankten Rechte der Kirche. Er verkündete weiters das Dogma der „Maria Himmelfahrt“. Pacelli selbst war seit seiner Kindheit dem marianischen Glauben und Erbarmen ergeben. Darüber hinaus wusste der Vatikan genau, dass in Zentraleuropa der Marienkult stark ausgeprägt war und sich das Bild der tröstenden Maria Mutter Gottes gut als Abwehrinstrument und Immunisierungsmittel gegen die Verfolgerungsstrategien der kommunistischen Regime eignete. Die polnische Wallfahrt von Czestochowa hatte z. B. nicht nur einen religiösen, sondern auch einen nationalen Charakter. Die Jungfrau von Czestochowa hatte den Widerstand der Belagerung durch die schwedischen Armeen im 14. Jahrhundert ermöglicht. Pius XII. wusste ferner, dass die Menschen in den „Volksdemokratien“ am Marienkult hingen und die Verkündung der Maria Himmelfahrt den Willen der kommunistischen Regierungen, die religiösen Praktiken abzuschwächen und zu limitieren, in die Schranken weisen könnte. Die Verkündung dieses Dogmas im Heiligen Jahr war von enormem Erfolg gekrönt. Manche Staaten wie Argentinien und Spanien praktizierten es feierlich. Man denke auch an die Bedeutung des Marienkults in Österreich angesichts der Wallfahrt nach Mariazell, einem bedeutsamen Ort der Marienverehrung in Zentraleuropa.

Die Enzyklika „Humani Generis“ vom 12. August 1950 berührte sodann das Verhältnis zwischen Philosophie und Theologie und bestätigte bestimmte Dogmen, z. B. jenes von der „Erbsünde“ und der Gegenwart Christi in der Eucharistie. Sie warnte vor der empirisch-positivistischen Wissenschaft, also dem Positivismus. Dennoch erkannte die Kirche an, dass neue wissenschaftliche Forschungsmethoden bezüglich historischer Texte zu deren Verdeutlichung beitragen könnten. Diese Enzyklika wurde von Angehörigen des Klerus jedoch kritisiert. Die erwähnte Enzyklika warnte auch vor der neuen Theologie, die großenteils aus Frankreich stammte, der historischen Methode zu wohlgesonnen war und mit der Aktualität und den fortschrittlich-pastoralen Erfahrungen korrespondierte. Die neue Theologie entwickelte sich in der französischen Kirche, die nach 1945 eine eigene intellektuelle Vitalität erfahren hatte. Durch diese neue Theologie fanden auch neue pastorale Erfahrungen, wie die Arbeiterpriester, Eingang in die katholische Kirche. Pius XII. machte sich – nachdem ihm klar wurde, dass diese neue Theologie die Grundfesten der römisch-katholischen Kirche in Frage stellte und bedrohte – große Sorgen, dass sich die Kirche in autonomer Weise der päpstlichen Kurie gegenüber entfremden würde. Nach Veröffentlichung dieser Enzyklika wurde vom Vatikan eine „Normalisierung“ eingeleitet: 1953 beendete Pius XII. das Experiment der Arbeiterpriester in Frankreich. Der Unterricht der progressiven Theologen Yves Congar und Henri De Lubac wurden verboten. Die beiden französischen Theologen wurden aber später durch Johannes XXIII. (1958-1963) rehabilitiert. Im zweiten Teil des Pontifikat Pacellis gab die römische Kurie alles andere als ein homogenes Bild ab.

 

2. Die Substituten: eine Dualität im Staatssekretariat

Nach dem Tod seines ersten Staatssekretärs des Kardinals Luigi Maglione im Jahre 1944 hatte Pius XII. keinen neuen Staatssekretär mehr ernannt. Pacelli wollte nur mit zwei Substituten regieren. In seiner einsamen Machtausübung versuchte Pacelli eine Synthese zwischen zwei unterschiedlichen Strömungen zu ermöglichen und damit auch Sensibilitäten zu berücksichtigen.

1.      Domenico Tardini oder die Tradition der Vatikanischen Diplomatie

Er stand in enger Beziehung zu Kardinal Pietro Gasperri, der die Lateran-Verträge von 1929 mit Mussolini unterzeichnet hatte. Gasperri war Staatssekretär von Pius XI. und eine große Persönlichkeit in der vatikanischen Diplomatie vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Gasperri war Verteidiger der Neutralität des Heiligen Stuhls in den internationalen Beziehungen. Noch während des Zweiten Weltkrieges stellte die Neutralität die Richtung der vatikanischen Diplomatie dar. Tardini stellte die Tradition und die Erfahrung der päpstlichen Diplomatie im Laufe des 20. Jahrhunderts dar. Er galt als weniger offen als Montini. Er stand immer hinter Pius XII. Nach dem Tod Pius XII. wurde er von 1958 bis 1961 Staatssekretär von Johannes XXIII. Diese Ernennung stellte eher ein Zugeständnis zur konservativen vatikanischen Strömung dar. Er nahm an der Vorbereitung des Zweiten Vatikanischen Konzils teil, starb aber vor der Öffnung dieses Konzils im Jahre 1961.

2.      Giovanni Battista Montini und der Entwicklungsprozess

Interessanter ist die Figur von Giovanni Battista Montini, die beweist, dass es zur Zeit Pacellis unterschiedliche Strömungen in der Kurie gab. 1963 wurde er Papst. Nach dem Tod von Johannes XXIII. ist er zum Papst Paul VI. (1963-1978) gewählt worden. Vor 1933 hatte er seinen Dienst in der römischen Kurie angetreten, zunächst unter Pius XI. und von 1939 bis 1954 unter Pius XII. Pacelli vertraute ihm voll und ganz. Montini hatte jedoch ein besonderes Interesse an neuen theologischen und liturgischen Strömungen, die von der „Enzyklika Humani generis“ im Jahre 1950 noch verurteilt worden waren. Weiterhin war er auch mit dem französischen Philosophen Jacques Maritain befreundet, dessen Ernennung zum französischen Botschafter beim Heiligen Stuhl von Charles de Gaulle im Jahre 1945 in der Kurie nicht sehr begrüßt worden war. Maritain vertrat eine fortschrittliche Strömung, den Neo-Thomismus, weshalb er von gewissen konservativen Theologen kritisiert wurde. Später, während seines Dienstes als Botschafter, sprach er sein Bedauern darüber aus, dass Pius XII. keine große und symbolische Geste in Bezug auf die Verurteilung der Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten seitens der Kirche während des Krieges gemacht hatte. Maritain kritisierte zudem die zunehmend westliche Orientierung des Vatikans. Außerdem sprach sich Montini für eine Auflockerung der Beziehungen mit der Sowjetunion aus, um die Lage der Kirchen in den „Volksdemokratien“ zu verbessern. Weiterhin glaubte er, dass der Antikommunismus des Papstes Pius XII., welcher nahezu eine Obsession darstellte, sowie die Westorientierung des Heiligen Stuhls keine Verbesserung der Lage bringen könnten. Es ist anzunehmen, dass er kein Befürworter der kompromisslosen Politik Pacellis war. Er vertrat die These, dass die vatikanische Diplomatie sich auf einen Entwicklungsprozess einstellen müsse. Es ist nicht ausgeschlossen, dass dies Meinungsverschiedenheiten auslöste und die seinerzeitige Entfernung vom päpstlichen Staatssekretariat von Rom und Montinis Ernennung zum Erzbischof von Mailand im Jahre 1954 ausgelöst hat. Zwar entwickelte sich die Ostpolitik unter Papst Paul VI. (dem Montini-Pontifikat) parallel zu den Tätigkeiten von Kardinal König in Österreich und Agostino Casaroli im vatikanischen Staatssekretariat. Der Höhepunkt dieser Ostpolitik war die Teilnahme des Heiligen Stuhls an der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit (KSZE) von Helsinki im Jahre 1975, die auch Ergebnisse in Bezug auf Religionsfreiheit und Menschenrechte bewirkte.

 

IV. Ausblick

Man kann die Aktivitäten der Päpste Pius XII. (1939-1958) und Johannes Paul II. (1978-2005) in Bezug auf den Totalitarismus vergleichen. Sie haben beide den kalten Krieg miterlebt, Pacelli den Anfang und Wojtyla das Ende. Sie haben beide die Krisen des Kalten Krieges und seine Entspannungsphasen gekannt: Pacelli die Berlin-Blockade durch Stalin 1948/49 und die Entstalinisierung 1956, Wojtyla die sowjetische Afghanistan-Intervention 1979 und die Polen-Krise 1981 sowie die Perestroika von Michail S. Gorbatschow in den 1980er Jahren. Beide Päpste waren jedoch sehr unterschiedlich: Der eine kam aus dem Westen (Italien), der andere aus dem Osten (Polen). Sie lebten in unterschiedlichen Welten und Zeiten. Der Sowjet-Kommunismus wurde durch verschiedene Krisen abgeschwächt und schließlich überwunden. In der Zeit Pacellis war er noch mächtig und einflussreich, in den Amtsjahren Wojtylas zeigte er immer mehr Schwächen. Die beiden Päpste haben eine Refundamentalisierung in der Kirche eingeleitet: Pius XII. mit den Dogmen, dem Dekret gegen den Kommunismus und dem Ende des Arbeiterpriester-Experiments; Johannes Paul II. hatte Abstand von der Befreiungstheologie genommen sowie von fortschrittlichen Persönlichkeiten auch wie z. B. Kardinal König. Er hat sehr konservative Bischöfe ernannt, z.B. in Österreich. Durch ihre Kompromisslosigkeit und ihre Zähigkeit haben die beiden Päpste Kirchengeschichte im 20. Jahrhundert geschrieben und einen Beitrag zur Überwindung des Kommunismus in Europa geleistet. Man kann in beiden Fällen von einer Kontinuität der päpstlichen Politik gegenüber der Sowjetunion und den „Volksdemokratien“ sprechen. Der Bruch in dieser Politik ist mit den Päpsten Johannes XXIII. und Paul VI. verbunden. Die Ostpolitik Pauls VI. und Casarolis erlaubte den Wandel und bereitete die großen Änderungen am Ende der 1980er Jahre vor. Die Schlussakte von Helsinki 1975 war bahnbrechend und ebnete neue Wege bezüglich der Menschenrechte und der Glaubensfreiheit. Der Heilige Stuhl spielte auch eine Rolle im Rahmen dieser Konferenz, besonders bezüglich des „dritten Korbs“ des KSZE-Dokuments.

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