Der European Navigator ENALU und die Geschichte Europas

Christian Lekl (CVCE)

 

Der European Navigator

http://www.ena.lu/

 

Im Rahmen einer detaillierten und inhaltsreichen computergestützten Internet-Darbietung präsentierte Christian Lekl vom „Centre Virtuel de la Connaissance sur l’Europe“ in Luxemburg das größte digitalisierte Archiv- und Dokumentationsprojekt zur Geschichte Europas und der europäischen Integration im world wide web.

Seit 1999 ist Lekl mit der Mitarbeit an diesem Großunternehmen beschäftigt. Historische Ereignisse wurden und werden im Rahmen dieses gigantischen Materialpools dargestellt. Dieses europäische Navigationssystem umfasst insgesamt rund 15.000 Dokumente. Darunter finden sich Archivstücke, Korrespondenzen, Vertragstexte, Plakate, Karikaturen, Film- und Tondokumente, Grafiken und Organigramme, aktuelle Karten, interaktive Schaubilder etc. sowie nachträglich aufgezeichnete Zeitzeugeninterviews, die derzeit über 1.600 Aufnahmen umfassen und teils zur Gänze, teils in Ausschnitten zur Nutzung vorliegen. Der in französischer Sprache angelegte Navigator bietet z. B. im Bereich der schriftlichen Dokumente auch Übersetzungen in englischer und deutscher Sprache.

An Hand des 9. Entwurfs des Textes der berühmten Erklärung von Robert Schuman zur Lancierung des „Schuman-Plans“ vom 9. Mai 1950 sowie mit Hilfe des Beispiels der nachträglich zusammengestellten Pressekonferenz im Uhrensaal des französischen Außenministeriums Quai d’Orsay zeigte Lekl erste Möglichkeiten der Nutzung von ENA auf.

Eingangstexte führen in die verschiedenen Teilbereiche dieser riesigen Datenbank ein. Ein Teil betrifft europäische Institutionen und Organisationen (EU, OSZE, Europarat etc.), wobei eine Erweiterung um die WEU und die EFTA und ihre Mitglieder vorgesehen ist.

Zur praktischen Nutzung gab Lekl eine Reihe von Beispielen: Mittels Thesaurus ist die Suche nach Stichworten möglich. Nutzer von ENA können sich auch Alben mit eigenen Dokumenten zusammenstellen, wobei es zwei Optionen gibt: Ein rotes Album dient für ein eigenes Album, ein grünes Album ist für alle Nutzer zugänglich.

An Hand weiterer Beispiele (Europadorf um Aachen 1957, zeitgenössischer Zeichentrickfilm zur Erklärung der Sinnhaftigkeit und Vorteile einer Zollunion, Unterzeichnung der Römischen Verträge 1957, die aufgrund eines italienischen Druckerstreiks in dünnen Aktendeckel ohne Vertragsinhalt von den Staats- und Regierungschefs und ihrer Außenminister unterfertigt werden konnten, dem handschriftlichen Notizzettel von John F. Kennedy anläßlich seines Besuchs in Berlin und seiner Rede vom 26. Juni 1963 mit den Sätzen „Ich bin ein Berliner“ und „Laßt sie nach Berlin kommen“) demonstrierte der Referent eindrucksvoll die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten des Navigators. Lekl zeigte auch am Beispiel von aktualisierten Karten die Geschichte der Erweiterungen von der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) über die Europäischen Gemeinschaften (EG) bis zur Europäischen Union (EU) auf, also von den EWG 6 (1957) bis zu den EU 27 (2007).

Die verschiedenen Sitzorte der europäischen Institutionen wurden ebenfalls mit Hilfe des Navigators verdeutlicht: Ausschuss der Regionen (AdR), Wirtschafts- und Sozialausschuss (WSA), Kommission (EK), Teile des Europäischen Parlaments (EP) und der Rat in Brüssel; Europäischer Gerichtshof (EuGH), Europäische Investitionsbank (EIB) und Europäischer Rechnungshof (EuRH) in Luxemburg; Teile des Europäischen Parlaments (EP), der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EuGM) und der Europarat in Straßburg sowie die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt/Main. Die EFTA (Genf), OSZE (Den Haag, Kopenhagen, Warschau und Wien) und die WEU (London, Paris) wurden ebenfalls erwähnt.

Bei den Karikaturen ergaben sich wiederholt ähnliche oder gleiche Muster. Für das Vereinigte Königreich standen in der Regel John Bull, für Frankreich Marianne und für Deutschland der Michel mit der Zipfelmütze.

Zuletzt demonstrierte Lekl am Beispiel Luxemburgs die Zugehörigkeit dieses Kleinstaats zu europäischen und internationalen Organisationen. Das Großherzogtum gehörte vor 1939 dem Völkerbund an. Im Londoner Exil wurde die BENELUX-Vereinbarung am 5. September 1944 fixiert. 1948 schloss sich Luxemburg mit Belgien und den Niederlanden im Rahmen der „Westunion“ (Brüsseler Pakt) zusammen, die vor einer befürchteten deutschen Aggression schützen sollte. Das änderte sich erst mit der 1954/55 von der Westunion erweiterten Westeuropäischen Union (WEU), der dann auch die Bundesrepublik und Italien angehören sollten. Das luxemburgische Außenministerium verfügte vor dem Zweiten Weltkrieg lediglich über acht Mitarbeiter! Mit den Zugehörigkeiten zur BENELUX-Union, Westunion, OEEC, NATO, dem Europarat und der EGKS waren dies schon allein sechs Organisationen, die es zu beschicken galt. Am Beispiel der Sitzfragen demonstrierte Lekl, wie relevant, ja zentral Fragen der europäischen Integrationspolitik für das Großherzogtum waren. Der Streit um den Sitz der zukünftigen Institutionen, der u.a. in den Memoiren von Jean Monnet nachzulesen ist, wurde mit dem Vorschlag des luxemburgischen Politikers Joseph Bech beigelegt, in dem er meinte: „Beginnen wir vorläufig in Luxemburg“, was auf Zustimmung stieß und zu einer jahrzehntelangen Präsenz der EGKS und damit des EuGH sowie später auch des EuRH und der EIB führte. Mit dem Fusionsvertrag (in Kraft 1967) kam die Hohe Behörde nach Brüssel und verschmolz mit der Kommission. Das Provisorium mit EuGH, EuRH und EIB sollte sich in Luxemburg zum Definitivum entwickeln. Im EU-Vertrag von Amsterdam 1997 (in Kraft 1999) wurdenBrüssel,Straßburg und Luxemburg als Sitz der EU festgeschrieben und damit definitiv verankert.

In der anschließenden Diskussion wurde eine Reihe von Fragen aufgeworfen, z. B. zum Hintergrund der Initiative des ENA (die vom Großherzogtum Luxemburg ausgegangen ist und von ihm getragen wird). Fragen der historischen, inhaltlichen und räumlichen Erweiterung des Navigators, seiner Nutzungsmöglichkeiten, der Verbreitung und Wahrnehmung sowie der Umsetzung in der Forschung, Lehre und im Unterricht wurden ebenfalls gestellt. Deutlich und hervorgehoben wurde zuletzt, dass es sich um ein singuläres Vorhaben mit Alleinstellungsmerkmal handelt, dass mit großem Aufwand, Engagement und Einsatz betrieben wird. Die sich damit ergebenden einmaligen Nutzungsmöglichkeiten für die wissenschaftliche Forschung sind zweifelsfrei gegeben. Fragen der Pädagogik und Didaktik, d. h. der Umsetzungsmöglichkeiten im Hochschul- und Schulunterricht, machten jedoch auch deutlich, dass ENA hier noch Defizite aufweist und entsprechender Handlungsbedarf besteht.

 

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