Grenzen in Ost-Mittel-Europa

Grenzen in Ost-Mittel-Europa

Kurzzusammenfassung des Vortrags vom 10.12.2007

Prof. Dr. Milos Rezník

Der Referent bettete seine Thematik zunächst in einen größeren theoretischen Begriffsrahmen ein. Nationswerdung verstand er als Teil der Identitätsbildung und Modernisierung. Zunächst definierte er den Begriff der Eliten: Menschen, die gesellschaftlichen Einfluss haben sowie fähig sind, Entwicklungen zu gestalten und zu steuern. Dabei handelt es sich nicht nur um sichtbare Akteure, sondern auch um graue Eminenzen. Im „langen 19. Jahrhundert“ hat das Interpretationsmodell der Eliten auch von einem Elitenwandel auszugehen. Rezník warf die Frage auf, was Adel eigentlich sei und wozu es ihn überhaupt geben musste und sollte. Hoffähig galten Adelige in Österreich erst bei 32 adeligen Vorfahren. Neben dem Adel als ständischer Elite, gegen die sich schon im 18. Jahrhundert vermehrt Kritik äußerte, entwickelten sich auch Leistungseliten, die ihre Ansprüche im politischen und wirtschaftlichen Bereich geltend zu machen versuchten.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts erfolgte dann in weiten Teilen Europas die Ablöse bzw. die Auflösung und Abschaffung der ständischen Gesellschaft, wobei regional zu differenzieren ist: In Polen, Spanien und der Habsburger Monarchie hielt sich die Adelsherrschaft erstaunlich lange im ländlichen Bereich, im diplomatischen Corps, im Militär und der Verwaltung. Adelige waren dort an moderner Elitenbildung weithin beteiligt.

Rezník sprach dann von Sektorialisierungs- und Reputationseliten im Bereich der Hochkultur, darunter von aktiven Künstlern und Mäzenen. Der Referent wurde dann konkreter und ging auf sein Thema genauer ein: Die Adelsanteile an der Gesellschaft unterschieden sich in Böhmen, der Slowakei, Polen und Ungarn. Generell war der Prozess der Nationalisierung ein Vorgang der Massenmobilisierung. Der nationale Identitätsentwurf geriet in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einen Konflikt zum ständischen Modell. Die nationale Zugehörigkeit wurde wichtiger als die Stammeszugehörigkeit. In den mitteleuropäischen Regionen blieben die Eliten aber nicht nur konservativ, sie wandelten sich teilweise auch von einer sektorialen zu einer nationalen Elite.

Rezník unterschied zwei Modelle: In Böhmen gehörte der Adel nicht zur nationalen Elite. In Polen beteiligte sich der Adel an der nationalen Elitenbildung, ja er wurde zur Trägerschicht der nationalen Bewegung. Sodann ging der Vortragende auf Begünstigungsfaktoren und Hinderungsgründe der verschiedenen Entwicklungen ein.
Der böhmische Adel war Träger der böhmischen Landestradition, was eine Erschwernis für die Identifikation mit der tschechischen Nationalbewegung bedeutete. Der Adel akzeptierte mehrheitlich nicht die tschechische Sprache. Kommunizierte er ursprünglich in Französisch, so seit dem 17. Jahrhundert mehr und mehr in Deutsch. Sprache wirkte so gesehen als Barriere bzw. Differenz. Der multi- und transnationale Hintergrund des böhmischen Adels war ein weiteres Hindernis. Regional war er über sein engeres Kerngebiet auch in anderen österreichischen Erb- und Kronländern präsent, u. a. in der Steiermark, in Kärnten, aber auch in Liechtenstein. Die Autonomie, die Adelige als Grundherren genossen, führte zum Status einer Grundobrigkeit und damit Hand in Hand gehend auch zu einem Landespatriotismus. Die böhmische Oppositionsbewegung empfing Kaiser Leopold II. 1790 in böhmischer, also tschechischer Sprache. Der Kaiser antwortete auf Böhmisch. Tschechisch war zu dieser Zeit noch nicht ethnisch, sondern landesspezifisch motiviert. Das sollte sich im 19. Jahrhundert ändern. Im Vormärz erfolgte eine Umdeutung der böhmischen Landesgeschichte in eine tschechische Nationalgeschichte. Frantisek Palacki lehrte die Adelseliten über das böhmische Staatsrecht. Die slawischen Sprachen machten keinen Unterschied mehr zwischen Böhmisch und Tschechisch. Landes- und Nationalanliegen gingen zusammen: der konservative böhmische Adel wie die tschechisch Nationalen forderten dann teilweise auch eine Föderalisierung der Habsburger Monarchie.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Nationalidee von Massen getragen. Historiker, Künstler und Schriftsteller gehörten ihr als Eliten an. In diesem Kontext wurde es als Verrat angesehen, dem Adel anzugehören. Er galt als fremdbestimmt, er, der angeblich die tschechische Bevölkerung unterdrücken würde. So entstand eine ausgesprochen antiaristokratische Tendenz, die auch noch die spätere Geschichte der Tschechoslowakei und ihren Umgang mit Adeligkeit prägen sollte. Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde eine Gesellschaft ohne Adel vorstellbar, auf Adel verzichtet.

Ganz anders der polnische Vergleichsfall: Der dortige Adel nahm den Nationsbegriff an. Dieser war sowohl ständisch als auch staatlich motiviert. In Polen war Staat und Nation gleichbedeutend. Hier war es vor allem der Widerstand gegen die Teilungsmächte Russland, Österreich und Preußen nach der dritten polnischen Teilung 1795. Der Adel kämpfte in Polen um seine grundherrschaftliche Autonomie mit nationalen Argumenten. Hinzu kam die enge Verbindung mit dem Katholizismus. Auch die Sprachkonstellation wirkte eher integrativ. Doch während der polnischen Aufstände in den 1830er und 1860er Jahren gelang es nicht, breitere Bevölkerungsschichten für die nationale Sache zu gewinnen. Die Untertanen richteten sich gegen die nationalen Aufstandsversuche. Das nationale Anliegen war nicht ihre Sache. Sie suchten neue gesellschaftliche Aufstiegschancen. Das Gros der polnischen nationalen Intelligenz war und blieb adeliger bzw. kleinadeliger Provenienz. Im Unterschied zu Böhmen etablierte sich der Adel in Polen neu: Er verließ das ständische Konzept und konstituierte sich als nationale Elite. Der Adel gewann damit nach und nach neue Schichten für die nationale Idee und blieb selbst nationale Elite. So ist zusammenfassend festzuhalten, dass in Böhmen Nationale versuchten, Adelige für die nationale Ideologie zu gewinnen, was scheiterte, während in Polen Adelige versuchten, die nationale Weltanschauung für sich zu vereinnahmen und zu verbreiten, was gelang.
Rezník hat mit diesem Vergleich verdeutlicht, wie unterschiedlich die gesellschaftlichen Strukturen und ihr Wandel in Mittel- und Osteuropa des 19. Jahrhunderts waren und die historische Forschung diesen Teil Europas differenziert zu betrachten hat. Erst der Fall des Eisernen Vorhangs hat den Blick stärker für diese Inhomogenitäten und Unterschiede geschärft.

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